Gemälde von Marcos Hiráldez Acosta
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Die Siesta als ganz amtliches spanisches Kulturgut: „La Siesta“, Gemälde von Marcos Hiráldez Acosta. 1864.

Mediterrane Mittagspause

Siesta in Spanien: Ein ganzes Land im Schlummermodus

  • Marco Schicker
    VonMarco Schicker
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Die Siesta der Spanier ist ein beinahe sakraler Ritus. Mediterraner Lebensstil, Relikt „fauler“ Südländer oder legitimer Widerstand gegen die Windmühlen des Alltags und den Wahn der Daueroptimierung?

Alicante - 14 Uhr. Spanien macht dicht. Rollläden rasseln herab, Bankangestellte, Beamte rauschen aus Tiefgaragen nach Hause, kleine Geschäfte leeren, Lokalterrassen füllen sich. Dann, so zwischen 15.30 und 17.30 Uhr, herrscht fast Totenstille in vielen Straßen, die gnadenlose Sonne findet kaum noch Opfer, ein paar Engländer am Strand vielleicht. In den Häusern verklingt das letzte Tellerklappern aus der Küche, Hitze mischt sich trög mit Fritteusenduft, der mit dem Odem schweren Landweins einen müden Tango transpiriert. Lustlos wiegen sich Gardinen, gedämpft aber ununterbrochen quasselt der Kommentator der Vuelta, der Spanienrundfahrt im Fernsehen, während bunte Radfahrer mit sandtrockener Landschaft zu psychedelischen Mustern verschmelzen.

Spaniens Siesta: Von den Römern erfunden, von den Spaniern perfektioniert

Radrennen haben in Spanien die höchsten Einschaltquoten, aber die niedrigsten Zuschauerzahlen, sind das perfekte Narkotikum. Drahtesel zählen statt Schafe. Die Schwiegermutter liegt schräg über ihrer Lieblingscouch, der Alte hat sich in sein Zimmer verzogen, Kinder und primos verteilen sich über Sessel und Sofas, Bierbäuche und andere Körperteile kämpfen sich in einer Weise frei, die Wachsein zur Strafe macht. Ein Spitzendeckchen hat sich von der Sitzlandschaft in die Tiefe gestürzt, die Katze – unumstrittene Kapazität auf dem Gebiet der Nickerchen – liegt rücklings daneben. Spaniens Suppenkoma hat zugeschlagen, medizinisch auch als Paella-Paralyse bekannt. Es ist Siesta-Zeit in Spanien. Ein Land geht in den Schlummermodus.

Auch wenn die Spanier sie nicht erfunden haben, ist die Siesta doch quasi eingetragenes Warenzeichen der iberischen Lebensart. Irgendwo zwischen angedichtet, aufgezwungen und bereitwillig angenommen, haben die Spanier das Ritual darum perfektioniert, identifizieren sich mit ihrer Siesta, die sich nicht zufällig auf Fiesta reimt, sondern aus dialektischen Gründen. Immer weniger Spanier fänden Zeit und Gelegenheit sie zu zelebrieren, werden wir gleich erfahren. Doch worauf sind die Spanier eigentlich stolz? Dem Nichtstun noch einen weiteren Namen gegeben zu haben?

Siesta auf Katalanisch: „Migdiada“ von Ramon Martí i Alsina, 1884.

Ich war auf Kreta, wo die Siesta, die dort ελαφρός ύπνος heißt, schon mal 24 Stunden dauert und das seit den Minoern. Das Wort Siesta hingegen kommt freilich von den Römern. „La Sexta“ beschreibt die sechste Stunde, gemessen vom Sonnenaufgang, so zählten die alten Römer die Zeit. Je nach Jahreszeit meinten sie also irgendwas zwischen 12 und 15 Uhr. Na klar, dann, wenn es am heißesten war, auch in der römischen Provinz Hispania und wenn nach dem mittäglichen Gelage das Blut in die Körpermitte strömt, um die Verdauung in Gang zu setzen. Das Gehirn stellt dann auf Sparbetrieb um wie ein fast leerer Akku. Schlaf sammelt Kraft und Nerven, das ist alles Physiologie und so zollen die Spanier mit ihrer von außen oft belächelten Schlummerstunde eigentlich nur der Natur Tribut und Respekt, in dem sie sich und den Dingen ihren Lauf lassen.

Siesta, Schuld und Sühne: Katholische Sinnenfeuden gegen kalvinistische Askese

Wie tief die Siesta den Spaniern in den Leib gewachsen ist, belegt Cervantes, der seinen Ritter von der müden Gestalt und noch häufiger den Wanst Sancho Panza regelmäßig „nur eine kleine“ Siesta schlafen schickt. Volksweisheiten und Sprichwörter ranken sich um die Siesta: „Cuando un fraile se molesta, o no comió bien o no durmió la siesta“. Wenn ein Pfaffe schlecht drauf ist, dann hat er entweder nicht gut gegessen oder keine Siesta gehabt. Oder: „No hay Mesías capaz de competir con la hora de la siesta“. Kein Messias ist in der Lage gegen eine Siesta anzukommen.

„Sagrada“, geheiligt ist die Siesta in Spanien geradezu, ein Sakrament, das es nur wegen des katechistischen Redaktionsschlusses nicht auf die offizielle Liste schaffte. Sie ist der katholische Gegenentwurf zum arbeits- und strebsamen Protestantismus Nordeuropas, der seine Schafe zu Tode schuften und beten und sie das noch als gottesfürchtige Wohltat preisen lässt. Da loben wir uns doch die weltberühmte Bigotterie des spanischen Katholizismus, die sich letztlich den Sinnenfreuden hingibt, wenn die auch mit Schuld und Sühne abgegolten werden müssen. Aber später. Das jüngste Gericht kann schließlich warten, nicht aber das Mittagsgericht und die Siesta!

Armut, Arbeitsmigration und Landflucht brachten die Siesta in Spaniens Städte

Werden wir einmal sachlich. Das Institut Ciese zur Erforschung spanischer Kultur an der Universidad de Cantabria datiert die Verfestigung der Siesta-Gewohnheiten in Spanien in die Franco-Zeit, der Alte war wirklich an allem Schuld. Damals sei es aufgrund der prekären Lage der Mehrheit normal geworden, dass die Menschen zwei Jobs brauchten, um halbwegs über die Runden zu kommen. Oder einen Job und den Hof zu Hause. Um zwischen beiden Schichten Kraft zu tanken, mussten die Geplagten beim Mittagessen kräftig zulangen und sich möglichst ausruhen, zu Hause oder im Bus zur nächsten Arbeitsstelle.

Durch die in der Franco-Zeit auf die Spitze getriebene Inlands-Migration, die Landflucht also, kam die Siesta, früher ein Privileg der Bauern im Schatten eines Baumes, in die Städte. Daran hat sich heute, da Spanien seine Arbeitnehmer gänzlich zu Kellnern umgeschult zu haben scheint, nicht viel geändert. Um ja nicht noch eine Servicekraft (Lohnnebenkosten!) mehr einstellen zu müssen, schicken Sklaventreiber-Wirte ihre Untertanen nach der Mittagsschicht nach Hause und lassen sie dann zum Abendmahl wieder antreten. Die kommen dann locker auf 12 Stunden Arbeit am Tag, entsprechend motiviert in der zweiten Schicht und werden dafür vom Chef mit einem Halbtags-Vertrag belohnt. Natürlich, denn 12 Stunden sind die Hälfte von 24. Traurige Realität.

In Morpheus‘ Teufelskreis: Debatten und Daten für und wider die Siesta in Spanien

Nochmal zurück zu Franco. Unter ihm wurde auch das Mittagsmenü eingeführt, das berühmte Menú del Día. Zunächst, um Touristen einen gewissen berechenbaren Standard zu bieten, dann aber auch in Form von steuerbegünstigten Lohnzusatzleistungen, die vor allem für Firmen interessant waren, die keine eigene Küche oder Kantine betreiben wollten oder konnten. Mit den Gutscheinen als teilweisem Lohnersatz ausgestattet, war der Angestellte nun gehalten so viel wie möglich mittags in sich hineinzuschaufeln, um von seinem schmalen Sold nicht noch mehr für Lebensmittelkäufe zu verlieren. Entsprechend platt war der Arbeitnehmer dann, also ab zur Siesta.

Dieser Rhythmus hat sich irgendwann unabhängig von Temperaturen und Sinnhaftigkeiten so verfestigt, dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer vor allem in klimatisierten Bürojobs gemeinschaftlich frustriert in Morpheus‘ Teufelskreis festhängen. Die Chefs sehen, wie am Nachmittag die Produktivität dahingeht, die Angestellten schieben schlechte Laune, kommen spät nach Hause, verlieren „quality time“ mit Kindern und Partnern, das Abendessen zieht sich bis tief in die Nacht und morgens sind alle müde und zerschlagen.

Die BBC in London hat eine soziologische Studie rund um die spanische Siesta in Auftrag zu geben. Die Briten betrachten mit einer gewissen kolonialen Missbilligung, eng verwandt mit dem deutschen Gartenzwerg- und Hausmeisterwesen, die iberische Schlampigkeit in Sachen Time Management und Arbeitsdisziplin. Dabei fand die BBC in der Studie „Biorhythmus und Verhalten“ heraus, dass 60 Prozent der Spanier angeben, „praktisch nie eine Siesta zu halten“, während nur 18 Prozent der Befragten angeben konnten, sich „ab und an“ eine zu genehmigen.

Siesta in Spanien: Effizienz ist nicht alles - oder doch?

Die Spanier arbeiten pro Jahr im Schnitt 1.691 Stunden, sagt die OECD, die Briten 1.674, die Deutschen nur 1.371 Stunden. Und wer hat die höchste Produktivität? „Na siehste“, würde jetzt der deutsche Hausmeister sagen. Sollte man die Siesta - auch im Interesse der Arbeitnehmer selbst - also amtlich abschaffen, zumindest in den Branchen, in denen das geboten scheint? Was machen wir aber mit der Hitze auf dem Bau? Ja, die Post-Siesta-Mauern sind immer ein bisschen schiefer, der Putz wird nach 17 Uhr oft etwas expressionistischer als im ersten Entwurf, aber bei locker 40 Grad in der Sonne - und jährlich werden es mehr - kann man doch wirklich keinen arbeiten lassen. Auch die kleinen Geschäfte, die auf Laufkundschaft angewiesen sind, sollten nicht öffnen müssen, wenn vor Hitze kein Kunde mehr laufen mag. Aber in den klimatisierten Büros der Ämter und Finanzinstitute gibt es für die Siesta kaum noch haltbare Gründe.

In Japan werden 20-30-minütige Nickerchen am Arbeitsplatz sogar angeordnet, angeblich die optimale Ruhezeit. Da geht es aber nicht um das Wohl des Menschen, sondern nur um seine optimale Auslastung, wie bei Hochleistungsmilchvieh. Da können Spanier mit ihren fürstlichen drei Stunden (mindestens) nur milde lächeln. In einigen spanischen Dörfern hängen bürgermeisterliche Dekrete aus, die das Ballspielen und „Lärm jeder Art“ zwischen 14 und 17 Uhr unter Strafe verbieten. Nun gut, danach wäre in Deutschland immer Siesta, überall.

Mehr Gelassenheit: Spaniens Siesta als Beitrag zur Entschleunigung

Es gibt bei der Siesta aber Aspekte, die im Wahn von Optimierung, Effizienz und Wachstum übersehen werden. Ohne postmoderne Begrifflichkeiten wie Entschleunigung, Mindfullness und anderen Hipster-Schabernack zu bemühen, kann man in Spaniens seltsam sturer Anhänglichkeit an die Siesta auch einen Akt des - besonders passiven - Widerstands gegen die Mühlen (Quijote!) des Lebens sehen. Die Siesta ist eine Zeit, die der Mensch mitten am Tag ganz für sich hat, in dem nichts wichtig ist, außer er selbst. Vielleicht ist die Siesta unnütz oder überflüssig, vielleicht sollte sie aber kultiviert werden, um 14 oder 15 Uhr beginnen ohne die Pflicht zur Rückkehr an den Arbeitsplatz. El tiempo pasa, weiß der Spanier ganz genau.

Vincent Van Gogh, „La Méridienne“, 1891. Foto:

Die moderne Arbeitsforschung weist schon lange daraufhin, dass kürzere Tagesarbeitszeiten und eine 3-4-Tage Woche in den Industrienationen nicht nur machbar seien, sondern sogar wünschenswert hinsichtlich Effizienz und „Work-Life-Balance“ sind. Zu häufig, und in Spanien eben noch ein bisschen häufiger als in Deutschland, werden die Menschen für ihre schiere Anwesenheit bezahlt. Vertane Lebenszeit.

Dass man diese besser nutzen kann, das wissen die Spanier wie wenig andere Völker. Während der Siesta schöpfen sie auch die Kraft dafür. Dass die Menschen in Spanien, auch ältere Leute, nicht selten lebenslustiger, kommunikativer erscheinen, öfter lachen, toleranter sind und länger leben als die meisten anderen vor allem aus dem Norden, muss nicht nur an Klima und Wein liegen, vielleicht auch an der Extra-Kraft, die sie aus der Siesta ziehen. Mehr Gelassenheit heißt die Botschaft, „Ojalá!“ das passende Wort dazu. Aber das ist schon wieder ein anderes Thema.

Wenn Sie, werter Leser, diesen endlos langen Text über das gepflegte Nichtstun ohne großes Murren gelesen, womöglich noch mit einem Glas Wein bei der Hand genossen haben, dann sind auch Sie schon auf einem ganz guten, ganz spanischen Weg, das beste aus der Lebenszeit zu machen, bevor wir alle die letzte, die endgültige, die ganz große Siesta schlafen müssen.

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