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Solange du lebst: Deutsche Kinostars in Francos Spanien - die Geschichte eines vergessenen Films

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Von: Marco Schicker

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 Offizielles Plakat von „Solange du lebst“, 1955
Kriegsheimkehrer-Kitsch für das deutsche Publikum: Offizielles Plakat von „Solange du lebst“, 1955. Gedreht großteils im Hinterland von Málaga. © Deutsches Filminstitut

Eine mit Stars besetzte deutsche Kinoproduktion stellte 1955 Antequera unweit der Costa del Sol auf den Kopf - und wusch so ganz nebenbei Francos Regime rein. Verboten wurde der kitschige Kriegsheimkehrer-Streifen in Spanien trotzdem, in Deutschland ist er zurecht vergessen. Doch in Antequera lebt er in Anekdoten weiter.

Antequera - Wir schreiben das Jahr 1955. Ganz Spanien ächzt unter der Franco-Diktatur. Ganz Spanien? In einer Kleinstadt in den Bergen Málagas, Antequera geheißen, wehen mitten auf der Plaza de San Sebastián im historischen Zentrum die Flaggen der Republik und der Sowjetunion, patroullieren republikanische Soldaten und halten spanische Kommunisten offen Volksversammlungen ab. Die sonst gefürchtete Guardia Civil steht dabei und regelt den Verkehr. Einen ganzen Frühling lang geht das so. Dann ist der „Spuk“ so schnell vorüber, wie er gekommen war. Was ist da passiert?

Als die Deutschen kamen: Jeden Tag warmes Essen und 70 Peseten

Miguel Ángel Varo, Lokaljournalist des Blättchens „El Sol de Antequera“, Málagas älteste noch existente Zeitung, glaubt lange an eine „urban legend“, als er von Zeit zu Zeit das Archiv des örtlichen, nun schon 90 Jahre alten Kinos „El Torcál“ durchforstet und alte Zeitzeugen befragt. Eigentlich will er eine Aufstellung all der Filme machen, die sich die malerische Kulisse des nahen Torcál-Karstgebirges als Drehort erwählten. Doch die Alten sprechen immer wieder von „den Deutschen“, die damals, 1955 in ihr Örtchen kamen, ein regelrechter Tross, der hunderte Menschen unter Vertrag nahm, sämtliche Autos und Lkws der Transportfirmen und alle Hotel- und Privatzimmer anmietete, derer sie habhaft werden konnten. Einige der früheren Statisten zeigten ihm die Drehorte in der ganzen Stadt und nur wenige erinnerten sich an den Titel, „irgendwas mit ‚Mientras vives‘“, hieß es immer.

Wiedersehen auf Agfa-Rollen: Lokaljournalist entdeckt Film für Antequera wieder

Blick von der Alcazaba-Festung auf Antequera
Filmreife Kulisse gestern wie heute: Blick von der Alcazaba-Festung auf Antequera im Hinterland von Málaga. 1955 tobte hier ein deutsches Filmteam herum. © Marco Schicker

Unser Lokaljournalist brauchte eine Weile, um das Rätsel zu lösen, denn weder fand er in Spanien eine Filmkopie, noch einen offiziellen Hinweis in den Archiven des Rathauses für eine „Superproduktion“ eines deutschen Filmstudios. Kein Wunder, denn Francos Leute ließen, sobald die Deutschen wieder verschwunden waren, den Film verbieten. Dabei war er ideologisch gar nicht links oder auch nur francokritisch. Im Gegenteil, die Republikaner firmierten darin eher als Besatzer im eigenen Land. Doch allein der Umstand, dass Republikaner und Kommunisten mit menschlichen Zügen dargestellt wurden, genügte der Zensur. Varo stieß dann in der eigenen Zeitung auf eine Spur, die von einer deutschen „Superproduktion“ sprach, die in einer Woche über 500.000 Peseten in der Stadt gelassen haben soll, und über seinen Youtube-Kanal zu historischen Geheimnissen Antequeras erreichte ihn die Mail des Sohnes eines Antequeraner Auswanderers in Deutschland. Der Nebel lüftete sich.

Padre pimienta, der Pfeffer-Pfarrer: Ein Leben so spannend wie ein Film

„Solange Du lebst“ heißt der Film, dessen Außenaufnahmen zu 90 Prozent in und um Antequera gedreht wurden – und nicht nur, wie es selbst im deutschen Wikipedia heißt „bei Sevilla, Granada und in der Sierra Nevada“, sondern das meiste 40 Kilometer nördlich von Málaga. Für die Einwohner hat er schon deshalb einen besonderen Wert, weil sie darin nicht nur ihre Stadt mit all ihren historischen Schmuckstücken, Plätzen, den Stadttoren, Kirchen, der Alcazaba, den Dolmen von Antequera, damals noch unbebauten Ecken oder heute abgerissenen Häusern sehen, sondern viele Verwandte und Freunde wiedererkennen, in einer Agfa-Qualität, die zwar schwarz-weiß ist, aber damals das Feinste darstellte, was Markt und Technik zu bieten hatten.

Zu sehen ist zum Beispiel der „Padre Pimienta“, erzählt Varo, der „Pfeffer-Pfarrer“, der seinen Spitznamen bekam, weil das deutsche Filmteam den Inhaber eines Gewürzstandes in der Markthalle für die Rolle des Dorfpfarrers auserkor, „wegen seiner gutmütigen Augen und den weißen Haaren“, wie sich ein alter Mann erinnern will.

Filmproduktion mit Marianne Koch und Karin Dor in Spanien: Ganze Franco-Kompanie gemietet

Das reale Leben des Filmpfarrers Segundo Calzada Cano war ebenfalls filmreif: Er war Guardia Civil in der manchegischen Heimat, verweigerte aber, beim faschistischen Putsch mitzuwirken. Unehrenhaft entlassen, entkam er mit Not dem Arbeitslager und begann in Antequera ein neues Leben, die Politik hinter sich lassend. Als Film-Pfarrer wurde er dann doch noch erschossen, am „Arco de los Gigantes“, dem großen Tor an Antequeras Burg. Die Frage, wie so ein Film überhaupt in dieser Zeit in Franco-Spanien gedreht werden konnte, beantwortete dem neugierigen Lokalreporter ein 90-jähriger Anwohner, der damals seinen Dienst in einer Kaserne in Granada schob.

Da rückten die Deutschen von der Eva Film GmbH aus München nämlich zuerst ein, um eine ganze Kompanie der spanischen Armee anzuheuern, die die Eroberung der Stadt von den Republikanern und die Bombardierung durch „die Roten“ in den Ausläufern der Sierra Nevada nachstellen sollte. „Zehn Millionen Peseten des Jahres 1955 legten sie auf den Tisch, dafür bekamen sie natürlich einen Freifahrtsschein“, erklärt der Zeitzeuge und schiebt die Redensart nach: „Don Dinero – poderoso caballero“, Herr Geld ist ein mächtiger Mann. Nach Kaufkraft entsprach die Summe mindestens einer halben Million Euro, möglich also, dass die narrative Inflation hier ein paar Peseten drauflegte.

Szene mit Marianne Koch in Solange du lebst
Der Film über einen abgeschossenen Piloten der faschistischen Legion Condor diente 1955 noch als Rührstück für das deutsche Kinopublikum. © Dt. Filminstitut

Und so kam es, dass auf der Plaza San Sebastián in Antequera in einer Szene hunderte Menschen aufliefen und die Stadt auf den Kopf stellten, denn, so schreibt Varo, „in den Bars und auf den Straßen begannen die Menschen nun wieder über verbotene Erinnerungen zu reden“. Sie lobten die Organisation der Deutschen, ihr Geld und die „übervollen Buffetts in den Drehpausen, mit Schinken allererster Wahl, jeden Tag gab es warmes Essen und dazu 70 Peseten täglich, das war viel Geld“ in einem tiefarmen Land, erinnert sich einer der Darsteller, der wochenlang in Soldatenkluft unterwegs war. Mal in republikanischer, mal in franquistischer.

Doch worum geht es in dem Film überhaupt? Eigentlich um nicht viel. Es ist eine mit folkloristischem Tant und triefenden Spanien-Klischees reich ausgestattete Schmonzette über den Abschuss eines Flugzeuges der faschistischen, deutschen Legion Condor durch die Republikaner. Der Pilot überlebt schwerverletzt, eine hübsche Spanierin findet ihn und die heimliche Pflege im Versteck in den Bergen wirbelt nun Loyalitäten durcheinander und eine Menge Staub auf, Herzen brechen, Menschen sterben, bis der „Held“ heimkehrt. Und wenn er nicht gestorben ist...

Kampfauftrag Tränendrüse: 1955 wollten die Deutschen keine Kriegsschuld im Kino sehen

Übelster 50er Jahre Leinwandkitsch, handwerklich stimmungsvoll gemacht und mit Spanien-Klischees ausgeschmückt. Schon mit dem ersten Satz der Auftaktszene stellen die Macher klar, dass sie unpolitisch sein wollen, wenn erläutert wird, dass im Bürgerkrieg „Bruder gegen Bruder“ kämpfte und es keinen moralischen Unterschied zu geben schien zwischen Denen und Jenen. Im Trailer ist von „reiner Menschlichkeit ohne jede Tendenz“ die Rede. Das passte ins verdrängende Nachkriegsdeutschland, auch der „Condor“-Pilot war ja “nur“ ein Soldat, der Befehle ausführte. Was die „Condors“ in Spanien sonst so trieben, das blendet der Film natürlich aus. 1955 war das Jahr, in dem die letzten großen Kontingente deutscher Kriegsgefangener aus Sibirien zurückkehrten. Deren bangende Angehörige wollten von Guernica, Schuld und Schuldigen nichts hören und schon gar nicht im Kino sehen.

Plaza Coso viejo in Antequera
Plaza Coso viejo in Antequera: Ein Platz wie ein Filmset. Das fand auch die deutsche Filmcrew 1955. © Marco Schicker

1955 war auch das Jahr, in dem Franco-Spanien in die UNO aufgenommen wurde, als Folge des Pakts von Madrid, mit dem die USA 1953 die Diktatur praktisch legalisierten, denn immerhin war Franco ja Antikommunist. In dieses politische Biotop der Reinwaschung des spanischen Faschismus passte der seichte, historisch verzerrte Film perfekt, in dem Francos Truppen am Ende als Befreier gefeiert werden. Hauptsache Frieden, sei es auch der Frieden der Friedhöfe.

Teresa, die sich natürlich unsterblich in den deutschen Bruchpiloten verliebt hatte, kehrte unter Tränen zu ihrem Franco-Offizier zurück und als Pilot Michael gefragt wird, wo es nun hingehen soll, heißt die Antwort: „Kurs Heimat. Nach Hause!“ und die deutsche Bomberstaffel startet in den spanischen Himmel gen Deutschland. Das rührte in der Heimat der Filmcrew zu Tränen. Und darauf kam es ihr an.

Deutsches Bond-Girl in Málaga, Kameramann von Riefenstahl, Winnetou-Regisseur

Große Namen der damaligen Kinowelt waren in „Solange du lebst“ am Start. Marianne Koch in der Hauptrolle der Teresa, Superstar der 50er und 60er Jahre mit sechs Dutzend Auftritten in Spaghetti-Western, Operetten-Filmen, Kriegsepen. Sodann sehen wir die blutjunge Karin Dor als Pepita, das „ewig süße Mädel“ Kinodeutschlands, die gerade 17 Jahre alt geworden war. Ein Jahr zuvor, mit 16 Jahren, hatte das spätere Bond-Girl („Man stirbt nur zweimal“, 1967), das auch in Hitchcocks „Topaz“ (1969) mitspielte, den damals bereits 47-jährigen Regisseur des Films geheiratet. Und der dürfte vielen älteren Deutschen auch ein Begriff sein: Harald Reinl.

Ein Massenproduzent für den Massengeschmack, der in den Bergen von Málaga 1955 erst seinen achten Film drehte und sich dort sowohl in Pulverdampfszenen wie in wirkungsvoller Flachheit übte. Er wurde später berühmt für die Dr. Mabuse- und Jerry Cotton-Filme, für „Grün ist die Heide“-Heimatfilmproduktionen, vor allem aber für die Karl-May-Verfilmungen „Winnetou“, „Schatz im Silbersee“ und so weiter. Er tat gut daran, nur noch im rein fiktiven Fach tätig zu sein und schaffte es sogar, den trivialen Karl May noch mehr zu trivialisieren. Legende wurden die Winnetou-Filme dennoch, die man gut auch im Torcál-Gebirge statt in Jugoslawien hätte drehen können.

Szene aus Film Solange du lebst.
Am Ende von „Solange du lebst“ kehrt Teresa (Marianne Koch) heulend in die Armee ihres Franco-Offiziers zurück. Im Hintergrund: Die Dächer Antequeras. © Dt. Filminstitut

Außerdem an Bord in Antequera waren der bayerische Heimatfilm-Knattermime Willy Rösner als Bürgermeister Torquito, dem man seine Wurzeln als Theaterschauspieler immer noch anmerkte. Und in der Hauptrolle des Piloten, der Österreicher Adrian Hoven. Er wurde im Zweiten Weltkrieg als Fallschirmjäger im Afrika-Feldzug selbst schwer verletzt und spielte in dem rassistischen Komödien-Machwerk von 1943 „Quax in Afrika“ als Statist an der Seite von „Bruchpilot“ Heinz Rühmann.

Solange du lebst: Lieber nicht synchronisieren

Auch der spanische Schauspieler Luis Arroyo, der üble Franco-Propaganda-Filme gedreht hatte, tritt in dem Film in tragender Rolle auf. Er starb kurz nach den Dreharbeiten mit nur 40 Jahren. Der Kameramann von „Solange du lebst“ war ein gewisser Walter Riml, einer der 19 Kameraleute, die unter Leni Riefenstahl das NS-Propagandamachwerk „Triumph des Willens“ drehten. Reinl, Hoven und Riml, Österreicher an der Spitze einer deutschen Großproduktion zum Thema Krieg. Was kann da schon schiefgehen?

Ende 2021 lud Journalist Varo das Werk, das in Deutschland zu Recht kein Mensch mehr kennt, auf seinen Youtube-Kanal hoch und so sahen es die Bewohner der Stadt 66 Jahre nach dem letzten „Cut“ zum ersten Mal. Für sie blieb er eine Art Stummfilm, denn bis heute gibt es von dem Streifen keine spanische Version, nicht einmal Untertitel. Und das ist eigentlich auch besser so, auch wenn sich der Lokaljournalist eine Synchronisation und eine würdige Spanien-Erstaufführung im Kino „Torcál“ für Antequera wünscht. Diese Enttäuschung sollte er seinen Lesern in Antequera besser ersparen und es bei den schönen Bildern und Erinnerungen der Beteiligten belassen.

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