Schauspieler bei einem deutschen Gartenfest in Spanien.
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Wird bei den Sommerfesten harmlos deutsches Volkstum gefeiert oder steckt mehr dahinter?

„El Sustituto“ basiert auf wahren Begebenheiten

Altnazis aus Dénia im Kino: Thriller aus Spanien über dunkles Kapitel der Geschichte

  • Stephan Kippes
    VonStephan Kippes
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Der Film „Der Stellvertreter“ erzählt von einem Mordfall und den Ermittlungen in einer deutschen Kolonie in Dénia, die ihre tiefbraune Vergangenheit feiert.  

Dénia – „Vor zwölf Jahren war ich in einem Restaurant am Strand und sah diese typischen Fotos von Prominenten und neben Leuten wie Arévalo saß eine Gruppe von Nazis, die eine Paella aßen. Ich fragte nach und sie sagten mir, das war eine Gruppe Nazis aus Dénia, die in den 60er Jahren zum Essen kam“, sagt Regisseur Óscar Aibar. Langsam nahm die Idee für den Film „El Sustituto“ („Der Stellvertreter“) Gestalt an, der beim Filmfestival in Málaga viel Beachtung fand und am 29. Oktober in Spanien in die Kinos kommt.

Ein Madrider Kommissar lässt sich in eine kleine Stadt am Meer versetzen und versucht den Mord an seinem Vorgänger aufzuklären. Der Regisseur der Kultserie „Cuéntame“ führt den Zuschauer mit einem Krimi in diese Welt der Altnazis an der Costa Blanca ein. Die Geschichte transportiert den Zuschauer ins Jahr 1982, gedreht wurde im Herbst vergangenen Jahres in der Region Valencia, in Dénia und im Viertel Las Rotas. Szenen entführen den Zuschauer auch auf den Montgó und in die Innenstadt.

Dénia und die deutschen Altnazis: Thema bereits von Autoren in Spanien aufgegriffen

Es ist nicht das erste Mal, dass das Thema der Nazis aufgriffen wird, denen Franco den Sonnenschirm aufspannte. Die Schriftstellerin Clara Sánchez ließ sich in „Was dein Name verbirgt“ und der Fortsetzung „Cuando llega la luz“ von einem alten Nazi in Las Rotas inspirieren, der dort zurückgezogen ein scheinbar normales Leben führte. Der nette Nachbar von nebenan also, wie Anton Galler wohl einer war – Jahre nachdem er als SS-Offizier und Bataillonskommandant in San’Anna di Stazzema angeblich 400 Zivilisten erschießen und ihre Leichen verbrennen ließ.

Ricardo Gómez (l.) ermittelt in „El sustituto“ als Polizeikommissar in einem Mordfall in der Altnazi-Szene an der Costa Blanca.

Die im Kinofilm „El sustituto“ beschriebenen Szenen erinnern an die Schilderungen über den Tourismuskomplex Bremer in Las Rotas, die der verstorbene Stadtchronist Vicent Balanguer in seinem Buch „Dénia, personatges populars“ aufgegriffen hat. Diese beruhen auf Erinnerungen von Musikanten der Stadtkapelle, die zum Geburtstag ihres Mäzenen Gerhard Bremer aufspielten. Was davon wahr ist und was ins Reich der Mythen und Stadtlegenden gehört, lässt sich heute nur schwer feststellen – Zeitzeugen berichten sehr unterschiedlich darüber. Der Film „El Sustituto“ greift kräftig in die Mottenkiste von rauschenden und opulenten Nazi-Festen, bei denen Offiziere Maskenball spielen und in der Vergangenheit schwelgen. Historische Fotos aus der Anlage gibt es wohl, nur erinnern die Aufnahmen an unspektakuläre Gartenfeste.

Aufschluss über das Wirken der Nazis in Spanien und ihre Spionagetätigkeit gibt das Buch „La Lista negra“ vom Terrorspezialisten José María Irujo. Demnach war die Costa Blanca für gesuchte und flüchtige Nazis eine Anlaufstation, ebenso wie die Costa del Sol. Vielleicht weil in Dénia bereits der Industrielle und SS-Offizier Johannes Bernhardt von Francos Gnaden lebte, weiter im Süden der Konsul und Ex-Gestapo-Mann Juan Hoffmann.

Mussolini-Befreier Otto Skorzeny kam nach Dénia kam - Mittelmeerküste als Knotenpunkt

Beide waren Knotenpunkte im Netzwerk Spinne des Mussolini-Befreiers Otto Skorzeny, über das Kriegsverbrecher nach Südamerika oder Nordafrika geschleust wurden. Dieses Thema flüchtiger Nazis und ehemaliger KZ-Offiziere in Spanien greift eine neue Netflix-Serie namens „Jaguar“ auf, die zu den Top-Titeln des Streaming-Dienstes zählt. Richtig in die Öffentlichkeit kam das alles in den frühen 1980er Jahren, als die Zeitschriften „Der Spiegel“ und „Interviú“ Reportagen über das sonnige Rückzugsgebiet der SS veröffentlichte. Allzu schwer dürfte es in der Nachkriegszeit nicht gewesen sein, unter tausenden Deutschen unbehelligt zu leben. Anton Galler schaffte das bis zu seinem Tod 1995.

Der Kommissar stellt unangenehme Fragen über die Vergangenheit der Deutschen.

Wohl wahr ist, dass ehemalige SS-Offiziere den internationalen Tourismus angeschoben haben. Ab 1956 machte Gerd Bremer mit der Bungalow-Anlage Dénia zu einem beliebten Urlaubsziel unter deutschen Touristen. Zu den ersten Gästen zählten ehemalige Kameraden der Wehrmacht. Über die Jahre hinweg kam Bremer für seine Verdienste um Dénia zu hohem Ansehen. 1989 würdigte ein Nachruf in der Lokalzeitung „Canfali“ ihn als „Pionier des Tourismus“.

Ohne Arme und ohne Beine: Zeitzeugen aus Dénias erinnern sich an ersten Altnazis in Spanien

Die beiden inzwischen verstorbenen Wirtsleute der Strandlokale Pegolí und Mena, erinnerten sich gut an die ersten Deutschen, nicht wegen der SS-Uniformen, sondern aufgrund ihrer Kriegsverletzungen. Auffällig vielen deutschen Touristen fehlte ein Arm oder ein Bein. Wegen des Schmisses im Gesicht wussten beide Wirtsleute sofort, dass Otto Skorzeny sich öfters in Las Rotas aufhielt. Später kam das Restaurante Finita hinzu, mit dem großen Hakenkreuz über dem Brunnenschacht. Dort trafen Ewiggestrige auf Gleichgesinnte.

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