Auf einem Gemälde in Sevilla sind Menschen mit Kopftüchern am Fluss.
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Spanische Botschaft in Istanbul ehrt Sepharden: Bild der vertriebenen Juden

Am Tag der Muttersprache

Spanien-Botschaft in Istanbul verblüfft mit Tweet - In Sprache der Sepharden

  • Stefan Wieczorek
    vonStefan Wieczorek
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Einen seltsamen Text twitterte am 21. Februar die spanische Botschaft in Istanbul und ehrte damit die Sprache der Juden, die 1492 aus Spanien vertrieben wurden, am Tag der Muttersprache.

Istanbul – „Keridos amigos i amigas (...) Devesh de saver ke muestra ambasada es la suya i estamos a sus dispozision para lo ke tienen de menester.“ Verblüffende Sätze twitterte da am Sonntag die spanische Botschaft in Istanbul. Fast als wäre es die Jugend-Ausgabe des Castellano aus den sozialen Netzwerken, die die Sprache ohne Rücksicht auf Verluste verstümmelt. Aber gehört sich das für eine Auslandsvertretung von Spanien? Auf keinen Fall, meinten sogleich empörte Internet-Leser. „Seid ihr betrunken? Eine andere Erklärung finde ich nicht“, twitterte „Guerrero del Antifaz“, ein mit Spanien-Flaggen wedelnder User.

IstanbulStadt in der Türkei
Fläche: 5.343 km²
Bevölkerung: 15,46 Millionen (31. Dez. 2020)

Spanische Botschaft in Istanbul verblüfft mit Tweet - In Sprache der Sepharden

Nach dem verblüffenden Tweet der spanischen Botschaft in Istanbul fasste sich ein anderer Internet-User virtuell an den Kopf: „Redet ihr so mit uns etwa, wenn wir in die Botschaft in der Türkei kommen?“ Und tatsächlich könnte dies geschehen. Denn andere Nutzer erkannten, was die spanische Botschaft am Abend des 21. Februar aufklären sollte: Zum internationalen Tag der Muttersprache war die getwitterte Botschaft ein Gruß auf Ladino gewesen, der Sprache der Sepharden, der bis zu ihrer Vertreibung 1492 in Spanien heimischen Juden.

Die seit dem Mittelalter existierende Sprache, mit dem die spanische Botschaft in Istanbul die Twitter-Welt verblüffte, gehört wie Castellano zu den romanischen Sprachen, bildete sich jedoch unter eigenen Einflüssen aus: Hebräisch und Aramäisch etwa, und im Verlauf der Geschichte auch Arabisch, Griechisch oder Türkisch - je nachdem, wo die 1492 vertriebenen Juden eine neue Heimat fanden. Das als „Jiddisch“ von Spanien geltende Ladino ist mittlerweile stark vom Aussterben bedroht. Allerdings wird die Sepharden-Sprache und -Kultur auch von Hochschulen und Kulturzentren in verschiedenen europäischen Ländern gefördert.

Spanische Botschaft twittert in Sprache der Sepharden - Ursprünge eines Paralleluniversums

Dass die Sprache der Sepharden nicht nur in der Türkei weiterlebt, zeigten zudem mehrere Kommentare zum verblüffenden Tweet der spanischen Botschaft. „Bei einem Besuch in Istanbul vor zwei Jahren hatte ich die Chance, mit einem Herren zu sprechen, der Ladino sprach. Es war einer der emotionalsten Momente einer wunderbaren Reise“, schilderte etwa die Userin „Luz Marple“. Auch „Morsa Marina“ erzählte von einer „unerwarteten Freude, als wir eine Werkstatt in Istanbul betraten und sie uns auf Ladino antworteten, als sie sahen, dass wir aus Spanien kamen.“

Sevilla: Santa Cruz, einst das jüdische, heute das touristische Viertel der Stadt.

Twitter-User Sergio Jímenez Baena lobte die „wunderschöne Widmung an die Gemeinschaft der Sepharden, die nach so vielen Jahren die Liebe zu dem Land aufrechterhält, aus der sie zu Unrecht vertrieben wurde.“ Ein verblüffter Fernando de Córdoba dagegen bezeichnete die von der spanischen Botschaft in Istanbul benutzte Sprache als „Castellano aus einem Paralleluniversum“. Ein Universum, dessen Ursprünge man beim Besuch von Städten wie Sevilla jedoch immer noch mit Händen greifen kann.

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