Eine Sängerin weint vor Freude und lässt sich von mehreren Menschen umarmen.
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Spanien hat entschieden, wer das Land beim Eurovision Song Contest 2022 vertritt. Doch um Siegerin Chanel gibt es einigen Wirbel.

Eurovision Song Contest

Spanien wählt Kandidatin für den ESC 2022: Aber der Vorentscheid wird zum Eklat

  • Judith Finsterbusch
    VonJudith Finsterbusch
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Spanien hat seine Kandidatin für den Eurovision Song Contest 2022 gewählt. Doch ging beim Voting während des Vorentscheids „Benidorm Fest“ alles mit rechten Dingen zu? An der Siegerin und ihrem Lied häuft sich Kritik, die das Zeug hat, zu einem Eklat anzuwachsen.

Update, 3. Februar: Nach der heftigen Kritik am ESC-Vorentscheid in Spanien hat nun die staatliche Rundfunkanstalt RTVE als Veranstalter Stellung zu den Vorwürfen genommen und Daten rund um das Voting veröffentlicht. Wie berichtet, setzte sich die Punktezahl beim Finale des Benidorm Fest aus den Stimmen einer Fachjury, dem Publikumsvoting per Telefon und SMS und einer demoskopischen Abstimmung zusammen. Laut RTVE machten die Stimmen der Jury 50 Prozent der Gesamtpunkte aus, die beiden anderen Votings jeweils 25 Prozent. Die demoskopische Abstimmung fand unter 350 Personen statt, beim Telefon-Voting stimmten während des Finales rund 192.000 Zuschauer für ihren Favoriten, der Spanien beim Eurovision Song Contest vertreten soll, ab.

Für viele besteht der Eklat darin, dass die Stimmen der Zuschauer so wenig berücksichtigt wurden: Von den 192.000 Zuschauern stimmten knapp 71 Prozent für das galicische Frauen-Trio Tanxugueiras ab, damit klarer Favorit für das Ticket zum Eurovision Song Contest 2022. Auf den zweiten Platz wählten die Zuschauer Rigoberta Bandini mit nur noch 18 Prozent der Stimmen. Sängerin Chanel, die schließlich zur Siegerin des Vorentscheids gekürt wurde, bekam nicht einmal 4 Prozent der Publikumsstimmen. Bei der demoskopischen Abstimmung war das Ergebnis wesentlich ausgeglichener, alle drei Kandidaten bekamen zwischen 13 und 14 Prozent der Stimmen. Am Hebel saß letztendlich die Fachjury aus fünf Personen, die laut RTVE „unabhängig und professionell“ seien. Bei all dem Wirbel um Chanel, ihr Lied, das sich inhaltlich vor allem um aufreizende Bewegungen des Hinterteils dreht, das Voting und die Jury steht eins schon jetzt fest: 2023 wird es eine Neuauflage des Benidorm Fest geben.

Eklat um ESC-Vorentscheid in Spanien: Auch Gewerkschaft fordert Erklärung

Update, 31. Januar, 16:45 Uhr: Jetzt hat sich auch die spanische Gewerkschaft Comisiones Obreras (CC.OO) zu dem Eklat rund um den ESC-Vorentscheid in Benidorm zu Wort gemeldet. In einer schriftlichen Stellungnahme spricht CC.OO von „mutmaßlichen Unregelmäßigkeiten“, die „so beachtlich sind, dass die Wahl für das Lied, das Spanien beim Eurovision Song Contest repräsentieren soll, annulliert werden sollte“. Die Gewerkschaft fordert den staatlichen Fernsehsender RTVE als Veranstalter des Vorentscheids auf, umgehend zu erklären, wer die Fachjury wie ausgewählt hat. „Ebenso umgehend sollte RTVE sämtliche Daten zum Voting offen legen“, heißt es in der Mitteilung weiter.

Erstmeldung, 31. Januar, 13 Uhr: Benidorm - Spaniens Kandidatin für den Eurovision Song Contest 2022 steht fest: Am Samstag wurde beim Vorentscheid „Benidorm Fest“ Sängerin Chanel zur Siegerin und damit zur offiziellen spanischen Vertreterin beim ESC in Turin gewählt. Ihr Lied „SloMo“ singt Chanel zum Teil auf Spanisch und zum Teil auf Englisch, sie mischt in dem Ohrwurm Latin- mit urbanem Sound und zeigt auf der Bühne eine sexy Tanzshow im transparenten Overall. Spanien will sich dieses Jahr bei dem Gesangswettbewerb modern zeigen. Doch der Vorentscheid wird zum Eklat: Es gibt Zweifel daran, ob beim Voting alles mit rechten Dingen zuging - und das ist nur einer von vielen Kritikpunkten am Benidorm Fest.

Spanien beim Eurovision Song Contest 2022: Erfolg im TV, Eklat um Voting

Eins vorweg: Das Benidorm Fest als Vorentscheid zu Spaniens Teilnahme am Eurovision Song Contest 2022 war ein voller Erfolg. Das Finale verfolgten am Samstag knapp drei Millionen Zuschauer live im staatlichen Fernsehen TVE, das macht eine Einschaltquote von stattlichen 21 Prozent – keine der vorangegangenen Ausgaben schaffte einen so hohen Zuschaueranteil. Und keine vorangegangene Version brachte so viele Kommentare im Internet hervor. Spanien scheint in ESC-Laune zu kommen, Benidorm reibt sich die Hände angesichts der Werbung für die Stadt an der Costa Blanca, und nach den Pleiten bei den letzten ESC-Shows aus spanischer Sicht scheint das Land wieder in Eurovision-Laune zu sein. „Benidorm Fest ist gekommen, um zu bleiben“, titelten denn auch spanische Medien nach dem großen Finale. Doch es gab und gibt auch einigen Wirbel und Kritik um die Wahl der Sängerin Chanel als Siegerin des Vorentscheids, die mittlerweile zu einem handfesten Eklat angewachsen sind.

So setzte sich die Entscheidung beim Benidorm Fest aus dem Publikums-Voting, einer demoskopischen Abstimmung und dem Urteil der Fachjury zusammen. Als Favoriten gingen Rigoberta Bandini mit ihrer Hommage an alle Mütter und einer riesigen weiblichen Brust aus Plastik auf der Bühne sowie das galicische Folklore-Frauen-Trio Tanxugueiras mit ihren Tamburinen und dem Lied „Terra“ in ihrer Heimatsprache Gallego ins Finale. Als Siegerin ging jedoch Sängerin Chanel und ihre Dance-Pop-Nummer aus dem Finale hervor - für viele ein Eklat. Journalistin Paloma del Río war im Anschluss nicht die einzige, die Bedenken am Voting beim Vorentscheid des Eurovision Song Contest in Spanien äußerte. Auf Twitter rechnete Del Río vor: „Demoskopische Jury: 350 Personen. Publikums-Jury: Anzahl der Anrufe unbekannt. Fachjury: fünf Personen. Diese fünf Personen setzen sich darüber hinweg, was die anderen beiden Jurys entschieden haben.“

Stimmverteilung beim ESC-Voting: Fachjury wählt Spaniens Eurovision-Sängerin

Und tatsächlich: Spaniens Eurovision-Sängerin Chanel bekam zwar insgesamt mit 96 die meisten Stimmen, davon aber 51 Punkte von der Jury, und nur 25 aus der demoskopischen Abstimmung und 20 per Publikums-Voting. Die zweitplatzierte ESC-Kandidatin Rigoberta Bandini kam auf insgesamt 91 Punkte, davon 46 von den Profis, 20 aus der demoskopischen Jury und 25 per Telefon-Abstimmung. Die Galicierinnen Tanxugueiras sind mit 90 Punkten Drittplatzierte, ihre Stimmen teilen sich in jeweils 30 Punkte der drei beteiligten Jurys auf. Das spanische Volk war damit klar für die Tanxugueiras, die in der Gesamtwertung beim Benidorm Fest aber nur auf den dritten Platz kamen.

Und der Eklat um den spanischen ESC-Vorentscheid geht noch weiter. Gleich nach dem fulminanten Finale des Benidorm Fest wurden Gerüchte laut, dass Spaniens Kandidatin für den Eurovision Song Contest Beziehungen zur Jury pflegt, konkret zur Choreografin Miryam Benedited. Über Chanel ergoss sich ein Shitstorm in den Sozialen Medien, die Sängerin mit kubanischen Wurzeln schloss schließlich ihren Twitter-Account. Nach ihrem Sieg nahm sie bei der Pressekonferenz Stellung zu den vermeintlichen Verbindungen zur Jury. Sie sei seit ihrem 16. Lebensjahr im Show Business tätig und habe in diesem Zusammenhang auch mal mit Benedited zusammen gearbeitet – ebenso wie andere Kandidaten des Benidorm Fest übrigens auch. Seit vier Jahren gebe es allerdings keinen Kontakt mehr zwischen den beiden Frauen.  

Sexistisch oder feministisch? Spaniens Eurovision-Song in der Kritik

Der zweite Kritikpunkt an der Wahl der Sängerin Chanel zur spanischen ESC-Vertreterin richtet sich gegen ihr Lied „SloMo“ selbst. Im Netz häufen sich Kritiken über die „Sexualisierung der Frau“ in dem Song und in der aufreizenden Performance, die Chanel dazu auf der Bühne präsentiert. Die Sängerin sieht das anders: „Mein Lied ist ein Aufruf zum Empowerment von Frauen“, meint Spaniens Kandidatin beim Eurovision Song Contest. Und weiter: „Es ist egal, ob eine Frau eine Jogginghose oder einen Tanga trägt. Wenn du dich stark fühlst, fühlst du dich mächtig – Feminismus ist, wenn du dich ermächtigt fühlt. Man sollte uns nicht dafür beurteilen, wie wir uns kleiden. Ich bekenne mich als Feministin“, so die junge Sängerin.

Siegerin Chanel und ihre Tänzer: Ist der Auftritt der Sängerin zu sexy für Spaniens Teilnahme am Eurovision Song Contest?

Und noch ein dritter Punkt regt das Internet auf: Der englische Teil in dem Lied, mit dem Spanien den Eurovision Song Contest 2022 gewinnen will. 187 englische Wörter singt Chanel auf Englisch, haben eifrige Kritiker im Netz gezählt, und gleich darauf das Regelwerk für das Benidorm Fest hervorgekramt: 187 Wörter machen bei 424 Wörtern insgesamt im Liedtext einen englischen Anteil von 44,1 Prozent. Erlaubt sind laut spanischem ESC-Vorentscheid-Regelwerk aber nur 35 Prozent des Songs in einer nicht-spanischen Sprache. Und damit nicht genug, es gibt noch ein weiteres Haar in der Suppe, das die ESC-Fangemeinde zu dem Schluss gelangen lässt, das Lied sei „illegal“: In einer Liedzeile erwähnt Chanel die Automarke Bugatti. Im Regelwerk des Vorentscheids heißt es jedoch, dass die Teilnehmer keine Produkte oder Dienstleistungen bewerben dürfen.

Vom Internet ins Parlament: Parteien fordern Erklärungen zum Voting für den ESC

Nach so viel Kritik am spanischen ESC-Vorentscheid hat sich mittlerweile auch der staatliche Fernsehsender RTVE als Veranstalter des Benidorm Fest in einer Stellungnahme geäußert: „Wir sind uns bewusst, dass der Vorentscheid zur spanischen Kandidatur beim Eurovision Song Contest eine gewisse Kontroverse ausgelöst hat, halten das aber auch für positiv. Wir sind aber zum Dialog bereit, um künftige Ausgaben des Benidorm Fest noch zu verbessern“, heißt es darin. In der Stellungnahme weisen die Verantwortlichen aber auch darauf hin, dass es bei jedem Wettbewerb immer viele Personen gibt, die ihre „Erwartungen nicht erfüllt“ sehen. „Die Beschwerden des Publikums sind aber zu uns durchgedrungen“, so das Kommuniqué.

Und damit nicht genug, der Vorentscheid zum Eurovision Song Contest könnte sich vom Internet-Eklat jetzt sogar zur politischen Debatte entwickeln. Die galicischen Parteien Galicia en Común und BNG wollen, dass die RTVE-Direktion im Parlament Stellung zum Vorentscheid nimmt und Fragen vor allem zum Voting beantwortet. Eine externe Prüfung solle nachweisen, ob das Regelwerk beim Benidorm Fest eingehalten wurde. Galicia en Común fordert unter anderem Erklärungen zum Punktesystem bei der Stimmvergabe und will, dass die Daten, die zum Endergebnis führten, veröffentlicht werden. „Der staatliche Rundfunk muss garantieren können, dass es sich um einen vollkommen transparenten Wettbewerb handelt“, meinte der Abgeordnete Antón Gómez Reino von der regionalen Linksformation Galicia en Común. BNG fordert seinerseits, dass der RTVE-Präsident im Parlament aussagt, um die Zusammensetzung der Jury und das System hinter dem Voting erklärt.

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