Gemälde „La última cena“ des spanischen Malers Juan de Juanes.
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Ist der Heilige Gral in Spanien? Juan de Juanes malte Mitte des 16. Jahrhunderts das letzte Abendmahl - mit dem in Valencia gehüteten Kelch.

Mythos der Unsterblichkeit

Spanien und der Heilige Gral: Ist der in Valencias Kathedrale gehütete Kelch der echte?

  • vonAnne Götzinger
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Der Mythos des Heiligen Grals führt auch nach Spanien. Der Heilige Lorenzo soll den Kelch des letzten Abendmahls hierher gebracht haben, wo ihn sogar Heinrich Himmler suchte. Ist die in Valencias Kathedrale gehütete Reliquie womöglich der echte Heilige Gral?

  • Die Geschichte des Heiligen Grals führt auch nach Spanien. Der Kelch des letzten Abendmahls soll sich in Valencia an der Costa Blanca befinden.
  • Der in Valencias Kathedrale verehrte Santo Cáliz passt zeitlich in die biblische Geschichte.
  • Mittelalterliche Dichter nährten die Gralslegende mit ihren Epen, die Nazis suchten ihn in den Pyrenäen.

Valencia - Ewige Jugend, unendliche Lebenskraft, Unsterblichkeit. Ein unablässiger Menschheitstraum. Einer, der zumindest bis zum heutigen Tag nicht wahr geworden ist. Doch wo die Wirklichkeit enttäuscht, schafft sich der Mensch seine Mythen. Einer der legendärsten ist der Mythos vom Heiligen Gral, der seinem Besitzer ebendiese Unsterblichkeit verleiht.

Jener Kelch, den Jesus beim letzten Abendmahl mit seinen Jüngern für die erste Wandlung in der Geschichte des Christentums verwendet haben soll, soll diese überirdischen Kräfte besitzen. Der Mythos des Kelchs des letzten Abendmahls zieht sich durch die Jahrhunderte, streift Länder und Namen, reale und fantastische. Der heilige Lorenz, Parzival, Chrétien de Troyes, König Artus und seine Ritter, von Eschenbach, Wagner und selbst Heinrich Himmler – lang die Liste derer, die den Kelch gehütet, geheiligt, bedichtet oder gejagt haben sollen. Sogar Filmheld Indiana Jones und sein Vater Dr. Henry Jones, in dessen Rolle der kürzlich verstorbene Schauspieler Sean Connery schlüpfte, liefern sich in „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“ ein erbittertes Rennen mit den Nationalsozialisten um den Kelch.

Heiliger Gral: Wie kam der Kelch nach Spanien?

Doch wo fängt seine Geschichte an, wie entstanden die Legenden, die sich um ihn ranken, und wieso soll er 21 Jahrhunderte nach dem letzten Abendmahl ausgerechnet in Spanien, konkret in Valencias Kathedrale zu finden sein? Wer kann sicher sein, dass es sich beim dort verehrten Santo Cáliz oder auch Santo Grial wirklich um den Kelch handelt? „Ich selbst glaube natürlich daran, dass die Reliquie, die in Valencia gehütet wird, der Kelch des letzten Abendmahls ist“, sagt Lorenzo Guardino. „Aber auch nach Meinung von Archäologen und Historikern ist dies zumindest theoretisch möglich.“ Guardino, Mitglied in der valencianischen Hermandad Santo Cáliz de la Cena, der Bruderschaft des Heiligen Kelchs des Abendmahls, kann seinen Stolz darüber kaum verbergen. So datieren Experten die Entstehungszeit des oberen Bechers aus Achat auf das 3. bis 1. Jahrhundert vor Christus. Diese Achatschale wurde vermutlich im 12. Jahrhundert auf einem Fuß aus Onyx und einem Mittelstück mit vergoldeten Henkeln befestigt.

In Spanien wird ein in Valencia gehüteter Kelch als Heiliger Gral verehrt.

Dass der Kelch überhaupt nach Spanien gelangte, ist dem heiligen Lorenz zu verdanken, erklärt Guardino die Rolle seines Namenspatrons in der Geschichte des Grals. Der Spanier Lorenzo war Mitte des 3. Jahrhunderts nach Christus einer der Diakone unter Papst Sixtus II. in Rom, wohin der Kelch der Überlieferung nach vom heiligen Petrus gebracht worden war. „Zwei Jahrhunderte lang war die Reliquie dann der Kelch der Päpste“, ergänzt außerdem ein Blick in die Schriften des deutschen Historikers Michael Hesemann. Er ist Experte für parawissenschaftliche, zeit- und kirchengeschichtliche Themen und hat sich intensiv mit der Legende um den Heiligen Gral befasst.

Heiliger Gral in Spanien: Heiliger Lorenzo versteckt Kelch in den Pyrenäen

Er berichtet, dass angesichts der Verfolgung der Christen und ihrer Heiligtümer durch den römischen Kaiser Valerius der treue Lorenzo die Reliquie, die auch von materiellem Wert war, in Sicherheit bringen ließ. Der denkbar sicherste Ort war für ihn vermutlich – seine Heimat Huesca in Aragón im Norden Spaniens. Der später heilig gesprochene Lorenzo starb den Märtyrertod, der Kelch schien vorerst gerettet.

„Gesichert ist jedenfalls, dass der Achatkelch seit dem 12. Jahrhundert im Kloster von San Juan de la Peña nördlich von Huesca als Reliquie verehrt wurde“, so Hesemann. Nach den Recherchen des Historikers war er dorthin gebracht worden, nachdem er zwischendurch – auch zum Schutz während der Herrschaft der Mauren – unter anderem in einer Höhle der Pyrenäen, aber auch in der Kathedrale von Jaca versteckt worden war. Doch auf Wunsch von Rom trat der Achatkelch 1399 von San Juan de la Peña aus zunächst den Weg nach Zaragoza an, dann nach Barcelona und schließlich nach Valencia, wo er nun seit 1437 im Besitz der Kathedrale ist. Der Weg des Heiligen Grals von den Pyrenäen bis nach Valencia kann heute in der touristischen Ruta del Santo Grial nachverfolgt werden. Er soll auch die Verbindung des valencianischen Königs Jaime I. zu den Tempelrittern bezeugen.

Jagd nach dem Heiligen Gral: Mönch traf Himmler bei dessen Suche nach dem Kelch in Spanien

Zweimal noch sollte die Reliquie die Stadt Valencia für längere Zeit verlassen. Das erste Mal beim Einfall der Truppen Napoleons 1808 – um nicht in die Hände der Franzosen zu fallen –, als er nach Alicante und sogar auf die Balearen nach Ibiza und Palma de Mallorca gebracht wurde. Und noch einmal bei Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs im Jahre 1936, als er in der Umgebung Valencias versteckt wurde, bevor er wieder seinen Schrein in der Kathedrale beziehen konnte.

Valencia, dieser letzte Aufenthaltsort war Heinrich Himmler nicht bekannt. Er suchte den in seinen Augen Unsterblichkeit verheißenden Gral in der Gegend, wo er sich etwa 500 Jahre zuvor befunden hatte – in den Pyrenäen. Die Anekdote über die Suche des Reichsführers-SS nach dem Heiligen Gral, die der Spanier Andreu Ripol mehr als 60 Jahre später erzählen sollte, ereignete sich am 23. Oktober 1940. Während Hitler in Hendaya an der französischen Grenze Franco davon zu überzeugen versuchte, in seinen Krieg gegen den Rest der Welt einzutreten – es sollte ihm nicht gelingen, Franco war zu umsichtig –, suchte sein Reichsführer-SS Himmler gegen Mittag die entlegene Abtei Montserrat auf.

Nazis auf der Suche nach dem Heiligen Gral in Valencia

Ripol, seinerzeit junger Mönch und der einzige Deutschsprechende im Kloster Montserrat, wurde von den Oberen vorgeschickt, den Deutschen zu empfangen. Höchst interessiert habe Himmler damals nach der Reliquie des Santo Grial gefragt, erinnerte sich Ripol im Jahr 2002 gegenüber einer spanischen Autorin, die ein ganzes Buch über die Suche der Nazis nach dem Gral geschrieben hat, an jenen Tag im Oktober 1940. Doch wieso hatte die besessene Suche nach dem angeblich überirdische Kräfte verleihenden Kelch Himmler ausgerechnet in die Abtei Montserrat geführt?

Das letzte Puzzleteil liefern die Legenden des Mittelalters und ihre Weiterverarbeitung in der deutschen Literatur und Musik. Himmler hörte Wagner, Wagner verarbeitete die Gralsgeschichte Wolfram von Eschenbachs. Eschenbach verlegt den Kelch des letzten Abendmahls in seinem Epos „Parzival“ in die Gralsburg des Königs Titurel in einem Gebirge. Der Name der Burg: Monsalvat. Himmlers Schlussfolgerung, dass es sich dabei um die Abtei Montserrat in den Pyrenäen handeln müsse, erwies sich als falsch, er musste, ebenso wie sein Führer, mit leeren Händen zurück ins Reich reisen.

Heiliger Gral in Valencia: Die wahre Geschichte

Vielleicht hätte ihn ein Blick in die literarische Tradition über die Legende des Grals vor solch sinnlosen Eskapaden bewahrt. Denn von Eschenbach selbst stützte sich bei seinem „Parzival“, den er Anfang des 13. Jahrhunderts verfasste, vermutlich ebenfalls auf andere Vorlagen. Als Initiator der literarischen Verarbeitung der Gralsgeschichte gilt der französische Dichter Chrétien de Troyes. Er war es auch, der Ende des 12. Jahrhunderts den Kelch des letzten Abendmahls als erster in literarischer Form in Zusammenhang mit der Figur des Perceval (Parzival) und der Artus-Sage brachte, sein Werk blieb durch einen mysteriösen Tod allerdings unvollendet. Sowohl von Eschenbach als auch der französische Dichter Robert de Boron griffen das Motiv aus Chrétiens unvollendetem Roman später ihrerseits wieder auf.

Für den Historiker und Gralskenner Michael Hesemann ist de Troyes auch das Verbindungsglied zwischen den Legenden um den Heiligen Gral und dem in Valencia verehrten Santo Cáliz. „Alles spricht dafür, dass die Verehrung und Geschichte des Santo Cáliz die Vorlage für die Sage vom Heiligen Gral ist, die um 1180 den Franzosen Chrétien de Troyes zu seinem Perceval inspirierte.

Heiliger Gral in Spanien: Keine fanatische Anbetung in Valencia

Angesichts dieser bewegten Geschichte des Kelchs und der Gralshüter sowie der Jäger, die in ihrer Gier, die Reliquie zu besitzen, sich selbst einen Platz in der Geschichte eroberten – zumindest so wurden sie unsterblich –, ist sein heutiger Platz in der Kathedrale von Valencia überraschend unspektakulär. Fast übersieht man den Eingang zur Capilla del Santo Cáliz, so unscheinbar ist die Steintafel, die den Weg zu dem Heiligtum weist. Die Aula Capitular Antigua, die den Kelch heute beherbergt, ist eine einfache, aber hübsche gotische Seitenkapelle der Kathedrale. Der valencianische Bischof Vidal de Blanes ließ sie von 1356 bis 1369 für Studierzwecke errichten.

In Spanien werden Repliken des Heiligen Grals verkauft. Papst Benedikt XVI. feierte bei seinem Valencia-Besuch 2006 mit dem Kelch die Eucharistie.

Doch weder liegen ergriffene Gläubige auf den Stufen vor dem mehreckigen Schrein, noch versuchen Fanatiker mit dem Wunsch nach ewigem Leben, den Gral in ihren Besitz zu bringen. Touristen mit Kopfhörern und interessiertem Blick sind es, die die Kapelle betreten. Und die meisten von ihnen wissen wahrscheinlich nicht einmal, dass sie gerade vor einer der wichtigsten Reliquien des Christentums stehen, bis es ihnen die Stimme im Ohr zuflüstert. Doch zweimal wurde dem Santo Cáliz doch besondere Aufmerksamkeit zuteil. Bei seinem Besuch in Valencia 2006 feierte Papst Benedikt XVI. die Eucharistiefeier mit dem Kelch des letzten Abendmahls , genau wie 1982 sein Vorgänger Johannes Paul II. und

Im Souvenir-Shop der Kathedrale in Valencia gibt es den Heiligen Gral als Nachbildung für rund 20 Euro. Die Ordensschwester versichert, dass dieser Santo Cáliz der Verkaufsschlager im ganzen Laden sei. Die Legende um den Gral ist eben unsterblich.

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