Blick auf die gotische Kathedrale von Burgos
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Spanien hat viele meisterhafte Kathedralen, aber die in Burgos hat eine besondere Baugeschichte.

Kathedrale von Burgos und der Jakobsweg

Spanien und Jakobsweg 2021: Kathedrale von Burgos ist 800 Jahre alt

  • Stephan Kippes
    VonStephan Kippes
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Die Kathedrale von Burgos zählt zu den Juwelen am Jakobsweg. 2021 feiert das gotische Meisterwerk in Spanien schlechthin sein 800-jähriges Bestehen.  

Burgos – Seit fast 800 Jahren prägt die Kathedrale von Burgos das Bild der Stadt, in der einst die Könige von Kastilien herrschten. Am 20. Juli 1221 legte Ferdinand III. den Grundstein zur ersten großen gothischen Kirche in Spanien, deren Bau er bei Bischof Maurizio in Auftrag gab, nach seiner Hochzeit mit Beatrix von Schwaben, einer Enkelin von Friedrich Barbarossa und aus dem Geschlecht der Hohenstaufen. So nahm der Bau einer faszinierenden Kirche seinen Anfang, die 1984 und als bisher einzige in Spanien zum Unesco-Weltkulturerbe erklärt wurde.

Während des Hochmittelalters boomte es in weiten Teilen Europas, die Städte wuchsen – Burgos rasant wegen des Wollhandels mit England und Flandern. Handwerk und Bürgertum gewannen auf Kosten des niederen Landadels an Einfluss, und diese Aufbruchsstimmung schlug sich auf Königshäuser und den Klerus nieder, die ihre Macht, ihren Reichtum, aber auch ihren Glauben in Kathedralen zur Schau stellten, die das Himmelreich auf Erden darstellen sollten.

Kathedrale von Burgos: Jakobsweg ermöglichte Bau einer gotischen Kathedrale in Spanien

In Frankreich wuchsen ab Mitte des 12. Jahrhunderts doppeltürmige Kathedralen im Kreuzrippenbau mit Spitzbögen und prächtigen Fenstern gen Himmel – Notre-Dame, Chartres, Reims, Amiens oder Bourges. Daran schloss Burgos an, schließlich streckte bereits Ferdinands Sohn, Alfons der Weise, letztendlich glücklos, seine Hand nach dem Heiligen Römischen Reich aus. In Burgos gingen die Sprösslinge europäischer Adelsgeschlechter aus und ein. Man baute also eine Kirche für Könige.

Bischof Maurizio holte sich aus verschiedenen Regionen Frankreichs Baumeister. Sowohl Notre-Dame, aber mehr noch die Kathedrale von Bourges sollen das Meisterwerk in seiner Anfangszeit inspiriert haben. Wobei die architektonischen Ideen und Einflüsse über den Jakobsweg hin und her wanderten, der zu der Zeit nicht nur Pilgerweg, sondern auch bedeutende Handelsroute war.

Einer der wichtigen Baumeister in der Anfangszeit, der Maestro Enrique, wirkte nicht nur an der Kathedrale in Burgos, sondern nahm sich Ende des 13. Jahrhunderts Reims zum Vorbild und machte sich an den Bau der Kathedrale von León. Beide Bischofskirchen zählen zu den kulturellen Kronjuwelen entlang des Camino Francés.

Übrigens erreichen Pilger den Dom in Burgos über das südliche Stadttor, den Arco de Santa María, und treten nicht etwa an der Hauptfassade, sondern durch das Portal Sarmental ein, das als das älteste gilt und vermutlich 1235 fertiggestellt wurde. Die „bessere Gesellschaft“ betrat durch das nördliche Krönungsportal, um 1240 fertiggestellt, die Kirche und schritt dabei unter einer Darstellung des Jüngsten Gerichts gewissermaßen ins Paradies.

Nach nur neun Jahren stand die Apsis, bereits 1260 wurde der Kernbau samt Hochaltar geweiht. Dennoch, 200 Jahre lang passierte wohl aufgrund knapper Kassen fast nichts in Burgos. Erst 1567 konnte der Kirchenbau vollendet werden, der bekannte Vierungsturm, der 1539 einstürzte und wiederaufgebaut wurde, setzte Langhaus, Querhaus, zwei Seitenschiffen, Chorumgang und seinen heute insgesamt 19 Kapellen nach seiner Wiedererrichtung die Krone auf. Darunter übrigens fand der spanische Reconquista-Nationalheld El Cid mit seiner Gattin Doña Jimena unter einer recht schlichten Grabplatte seine letzte Ruhestätte. Auch eine seiner beiden sagenhaften Schatztruhen aus dem Epos „El Cantar de Mio Cid“ kann man in der Kirche bewundern.

Wie bei vielen großen Kirchen der damaligen Zeit kann man bei der in Burgos nicht von einer rein gothischen Kathedrale sprechen. Die Raumaufteilung etwa gilt als romanisch geprägt, der Historiker Robert Branner meint gar, der anonym gebliebene erste Baumeister von Burgos habe französische Bauideen schlecht verdaut und bemängelt das viel zu reich verzierte Triforium, das eine ungehinderte Ausbreitung des Lichts – eines der gotischen Merkmale schlechthin – verhinderte. Auch der mächtige Chor im Zentrum der Kirche erschlägt das angestrebte Raumgefühl der Endlosigkeit.

Spanies große gotische Kathedrale am Jakobsweg: Baumeister aus ganz Europa am Werk

Die reichhaltig verzierten Ornamente und ihre regelmäßige, verschachtelte, musterhafte Anordnung lassen darauf schließen, dass arabische Baumeister mit am Werk waren. Die charakteristischen, durchbrochenen Spitzentürme über der Westfassade, die als ein Beispiel deutscher Spätgotik angeführt werden, konzipierte der deutsche Baumeister Johannes von Köln im 15. Jahrhundert. Unter dem Spitzbogen im Zentrum der wunderschönen Fensterrose der Westfassade prangt ein Davidstern, den Juden aus Burgos finanzierten. Darüber wachen acht Figuren der kastilischen Herrscher und die bekannte Inschrift, die für Maria wie für den Dom gilt: „Pulchra es et decora – also „Schön bist du und reichlich geschmückt“. Die Statuen von Ferdinand III. und Beatrix im Innern der Kirche erinnern an Naumburger Stifterfiguren und das Kaiserpaar Ottos dem Großen und Adelheids im Meißner Dom. In Burgos wirkten Handwerker, Steinmetze, Baumeister und Künstler aus ganz Europa, die die verschiedensten Handwerkstraditionen in einem trotzdem unverwechselbar spanischen Bau verewigten. Das macht den Dom so einzigartig.

Der Bau wartet mit beeindruckenden Maßen auf, die Kirche misst in ihrer Länge 106 Meter, das Querschiff kommt auf eine Breite von 59 Meter und die Kuppel darüber auf eine Höhe von 56 Meter, den höchsten Punkt erreicht dieser der Muttergottes gewidmete Tempel bei 84 Metern. Die etwa fünf Millionen Steinblöcke für den Kirchenbau schaffte man mit Ochsenkarren aus dem 23 Kilometer entfernten Steinbruch Cantera Ontoria heran. Trotz der kolossalen Ausmaße schuf man ein sehr metaphysisches Bauwerk, mit einer Vielzahl von Statuen, symbolischen Darstellungen, heilsgeschichtlicher Inszenierung. So wird etwa das Kirchenschiff oben von Engeln verteidigt, ganz so, als ob das Innere der Kirche das Allerheiligste wäre.

Der Jakobsweg lockt 2021 viele Pilger nach Santiago de Compostela.

Der Innenraum wirkt unheimlich detailverliebt, verschlungen, pompös und filigran zugleich – man kommt aus dem Schauen nicht mehr heraus, verliert leider ob dem Dekor, 19 Kapellen, 38 Altären, Bildern, Altarretabeln und Gräbern leicht die Orientierung und kann den Kernbau des 13. Jahrhunderts kaum wahrnehmen. Dagegen wirkt die Kathedrale von León schlanker und aufgeräumter.

Fast schon eine eigene Kirche in der Kathedrale stellt die Grabkapelle der Kronfeldherren von Simon von Köln dar, mit dem Gemälde der Maria Magdalena, das wohl von einem Schüler Leonardo Da Vincis, Giampietrino, stammt und dem Triptychon der heiligen Maria mit dem Gotteskind unter dem Kuppeldach, mit dem bekannten Sterngewölbe, bei dem gotische wie maurische Einflüsse ineinander übergehen.

Kathedrale von Burgos: Papamoscas und El Cid als bekannteste Figuren

Die bekannteste Figur ist der Papamoscas, eine Büste mit bösem Grinsen über einer Uhr, die als Wahrzeichen der Kathedrale gilt. Jede Viertelstunde macht der Fliegenschnapper seinen Mund auf und zu und betätigt mit seiner Hand eine Glocke. Eine weitere, etwas sinistre Darstellung ist der Christus von Burgos in der Sakramentskapelle, da seine Gliedmaßen beweglich sind und Haare, Fingernägel und tierische Haut in den Gekreuzigten eingearbeitet wurden. Als das erste und eines der schönsten Renaissance-Werke in Spanien zählt die vergoldete Treppe im nördlichen Querschiff.

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