Ein dunkelhaariger Mann malt mit Pinsel im Mund eine dunkelhäutige Frau mit rotem Kopftuch.
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Unter Spaniens Mund- und Fußmalern ist der aus Rumänien stammende Florín Ánghel besonders gefragt.

Leben mit Behinderungen

Spaniens Mund- und Fußmaler: Für Kunst voll ausgestattet

  • Stefan Wieczorek
    VonStefan Wieczorek
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Nicht nur bei den Paralympics zeigen Menschen mit Behinderungen, was sie draufhaben. Auch in Spanien sorgt der 1957 gegründete Verein der Pintores con la Boca y el Pie für Aufsehen - mit Bildern, die ohne Hände gemalt wurden. Zum internationalen Tag dieser Kunstform am 5. September ein Blick hinter die Kulissen des außergewöhnlichen Kollektivs.

Madrid - Mucksmäuschenstill werden die Kinder, als Virginia Calderón zum Pinsel greift. Mit Bedacht nimmt sie damit Farben auf, mischt sie auf dem vor ihr liegenden Brett und trägt sie auf die kleine Leinwand auf. Konturen eines Baums kommen zutage. Als das Bild fertig ist, legt die Malerin den Pinsel aus dem Fuß. Ihre Hände hat sie nicht benutzt. Die Schüler kennen nun die Kunst der Pintores con la Boca y con el Pie, der Mund- und Fußmaler aus Spanien. Ihre Vereinigung feiert jeweils am 5. September den internationalen Tag dieser Kunstform von Menschen mit Behinderungen.

SpanienLand
Hauptstadt: Madrid
Bevölkerung: 46,94 Millionen (2019)

Spaniens Mund- und Fußmaler: Seit 1957 für Kunst voll ausgestattet

In Liechtenstein gründete der Deutsche Erich Stegmann im März 1957 den Verein mit zunächst 17 Künstlern. Stegmanns Kinderlähmung hatte ihm mit zwei Jahren die Hände außer Gefecht gesetzt. Dennoch malte er – mit dem Mund – und vertrieb seine Bilder. Seine Organisation, bewusst im neutralen und strategisch gelegenen Königreich verortet, sollte Menschen mit Behinderungen wie ihm vor allem eines ermöglichen: finanzielle Unabhängigkeit. So galt auch bei der Gründung des Ablegers in Spanien (APBP) im Dezember 1957 die Prämisse: Verzicht auf Almosen.

„Almosen sind an sich nichts Schlechtes“, sagt Ricardo Charlofé, Direktor für Spanien. „Doch obwohl viele unserer Künstler im Rollstuhl sitzen, oder bettlägerig sind, wollen sie allein von ihrer Tätigkeit leben.“ Dafür verkaufen die heute weltweit 900 Mitglieder in 78 Ländern Kalender, Karten oder Puzzles mit ihrer Kunst. Die Produktion und Vertrieb regelt jeweils ein Finanz- und Marketingteam, dem in Spanien seit fast 25 Jahren Charlofé vorsteht. „Die Mitglieder sind schließlich Menschen der Kunst, denen die Welt der Zahlen Schwierigkeiten bereitet.“

Gremium aus sieben Künstlern führt Mund- und Fußmaler an

Körperlich eingeschränkt sei der Marketingchef selbst nicht – „und auch künstlerisch nicht begabt“ – sondern „normaler Angestellter, der morgen die Stelle verlieren kann.“ In der Hierarchie der internationalen Vereinigung ganz oben steht ein Gremium aus sieben Malern aus verschiedenen Teilen der Welt, darunter der deutsche Mundmaler Thomas Kahlau. Zwei Neue, die Südkoreanerin Soon-Yi Oh und der Neuseeländer Grant Sharman, traten im Jubiläumsjahr 2017 ein - 60 Jahre nach der Gründung des Vereins der Mund- und Fußmaler.

„Wenn du eine Schwäche hast, bildest du automatisch woanders eine Stärke aus“

Lorenzo Higueras, junger Mundmaler aus Spanien

Gewählt wird der Vorstand von den weltweit 120 festen Mitgliedern. „Das sind die, die seit Jahren für den Verein Kunst schaffen und von ihm ein Gehalt auf Lebenszeit erhalten“, erklärt Ricardo Charlofé, der Direktor der Mund- und Fußmaler in Spanien. Aus dem Gremium geschieden ist 2017 aus Altersgründen ein Spanier: Manuel Parreño war 19-jährig Gründungsmitglied. Als einer von derzeit drei Spaniern bleibt der heute 82-jährige der Vereinigung von Menschen mit Behinderungen bis zum Lebensende erhalten. Weitere 29 haben den Status eines becario, Stipendiaten.

Viele Menschen, eine Gemeinsamkeit: Malen ohne Hände

„Die Stipendiaten erhalten für drei Jahre ein Stipendium, mit dem sie sich verpflichten, rund zehn Bilder pro Jahr dem Verein zur Verfügung zu stellen“, erläutert Ricardo Charlofé, Direktor des Vereins der Mund- und Fußmaler in Spanien. Ein Teil des Geldes – „ein großzügiger Betrag“ – müsse auch in die Kunst-Ausbildung investiert werden. Entzogen werden könne es bei fehlendem Engagement. „Das ist ausgesprochen selten“, sagt der APBP-Direktor. In der Regel werde, nachdem der Künstler Fortschritte gemacht hat, nach Begutachtung durch eine Jury, das folgende Stipendium aufgestockt. „Deswegen erhalten die Maler auch ganz verschiedene Beträge“.

In der Hierarchie der Mund- und Fußmaler steht oben ein Gremium aus Malern aus verschiedenen Teilen der Welt

Völlig unterschiedlich seien auch ihre körperlichen Profile. „Gemein haben sie nur, dass sie die Hände nicht benutzen können.“ - Die Malerin María Dolores Vázquez aus Valencia etwa war wegen einer Zerebralparese kaum der gesprochenen Sprache mächtig. Dafür war sie umso fitter mit den Füßen, schrieb damit und malte - oder formte sogar Skulpturen. Anders diejenigen Mund- und Fußbaler, die Unfälle zu einer Zäsur in ihrem Leben zwangen. „Einige verunglückten beim Wassersport, mehrere auch beim Rugby“, sagt Charlofé.

Beim Jagen erlitt der Rumäne Florín Anghel einen Unfall, der ihn 2003 zum Pflegefall machte. Er lernte erst im Therapiezentrum in Leganés bei Madrid mit dem Mund zu malen. Heute gehören seine Porträts zu den emblematischsten der spanischen Fuß- und Mundmaler. „Seine Bilder sind von solchen, die per Hand gemalt wurden, nicht zu unterscheiden“, lobt Charlofé. „Möglich ist dies nur wegen seiner ganz großen Hingabe. Aber auch, da er finanziell abgesichert ist.“ 2021 überreichte Anghel einem prominenten Modell ein Portrait: Dem Basketballer Pau Gasol, der für Spanien bei Olympia in Tokio am Ball war.

Mit Mund oder Hand gemalt? „Man soll die Bilder unabhängig bewerten“

Etwas Urlaub vom Malen und Lernen macht gerade Lorenzo Higueras. 21 Jahre alt ist der Student, doch bei den Pintores con la Boca y con el Pie schon ein alter Hase. Mit vier Jahren trat der Mundmaler aus Cuenca dem Verein bei. Die Attribute, die ihn dafür qualifizierten, hatte er wie aus heiterem Himmel erhalten. „Meine Arthrogryposis multiplex congenita ist eine sehr seltene Krankheit, die auch keiner in meiner Familie hat“, erzählt der lebensfroh wirkende junge Mann aus Spanien. „Doch auch mit der Kunst hat kein Angehöriger groß etwas zu tun.“

„Es gibt keine Grenzen in den Dingen. Man muss nicht in Trauer versinken“, glaubt der junge Mundmaler Lorenzo Higueras.

Das Malen mit dem Mund habe Lorenzo Higueras von klein auf, ganz natürlich, ausprobiert. Etwas Ähnliches schildert die eingangs erwähnte Virginia Calderón: Als Baby habe sie versucht, nach Gegenständen mit dem Fuß zu greifen. „Es ist ja so, dass du, wenn du eine Schwäche hast, automatisch etwas anderes stärker ausbildest“, meint Higueras. Voller strahlender Farben sind seine Bilder, ähnlich derer von Leonid Afremov.

Dieser sei auch sein Vorbild, sagt der junge Künstler aus Spanien, neben Diego Velázquez. „Lernen kann man aber von jedem, gerade auch von Jüngeren“, sagt der Junior unter den spanischen Mund- und Fußmalern selbstbewusst, und fährt fort: „Ich bin halt ein fröhlicher Mensch, und so sind auch meine Bilder.“ Intensiv arbeite Lorenzo Higueras daran, besser zu werden. „Man soll die Bilder unabhängig davon bewerten, ob ich sie mit dem Mund, der Hand oder womit auch immer gemalt habe.“

Doppelter Boden der Künstler: „Sie malen, wie sie die Welt erleben.“

Gern stelle Lorenzo Higueras Landschaften dar, die „hängenden Häuser“ seiner Stadt Cuenca, aber auch Abstrakteres. Obgleich das Malen ihn selbst „unglaublich“ entspanne, habe der Künstler aus Spanien auch den Betrachter im Blick. „Ein Künstler hinterlässt immer einen doppelten Boden, für etwas, das er mitteilen will.“ Bei ihm sei es „die Schönheit der Dinge“ und die „Kunst, die Welt anzuschauen“. Genau dies mache ein Maler: „Er schaut und schaut und schaut.“

Dann sagt der an den Armen gelähmte Junge noch: „Es gibt keine Grenzen in den Dingen. Man muss nicht in Trauer versinken.“

Spaniens Mund- und Fußmaler: Ein von María Dolores Vázquez gemaltes Bild.

Heiter und farbenfroh sind auch die meisten Bilder, die die Mund- und Fußmaler aus Spanien auf ihre Verkaufsprodukte bringt. Durch das Raster fielen hier eher Bilder mit einem hohen Grad an Abstraktion. „Allseits beliebter sind halt die realistischeren Darstellungen“, sagt Direktor Ricardo Charlofé. Ob ein Gesicht, ein Hinterhof, oder ein Korb voller Birnen – meist erscheint dem Betrachter eine Welt scheinbar ohne Unvollkommenheit. Ein Widerspruch? Charlofé verneint. „Die Künstler malen, wie sie die Welt erleben.“

Durch die Tätigkeit erlebten die Mund- und Fußmaler ihre Behinderung auch nicht als etwas Plagendes, Düsteres. Im Gegenteil, treten die gelähmten Körperstellen auch auf den Selbstporträts der Maler in den Hintergrund, werden von anderen Gegenständen verdeckt oder entschwinden im Schatten. Andere Bilder dagegen lassen offen, ob dem abgebildeten Motiv an der einen oder anderen Stelle etwas fehlt. Und selbst wenn – um ein Kunstwerk zu sein, wäre es sowieso mit allem Nötigen ausgestattet.

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