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Spanien bei Olympia in Tokio: Comic-Chaoten Mortadelo y Filemón dürfen nicht fehlen

Spanischer Humor

Spanien bei Olympia in Tokio: Comic-Duo richtet Chaos an - Wie immer, seit 1958

  • Stefan Wieczorek
    VonStefan Wieczorek
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Die Olympischen Spiele 2021 werden ein einziges Desaster: Zumindest, wenn es nach Mortadelo y Filemón geht, dem Kult-Duo aus Spanien. Seit Jahrzehnten sind Francisco Ibañez‘ Comics Teil der spanischen Geschichte. Schon 2010 prophezeite er die Corona-Krise. In Deutschland gibt es eine Neuauflage.

Barcelona - Keine Sorge, nicht das Coronavirus wird - wie allseits befürchtet - die am 23. Juli beginnenden Olympischen Spiele 2021 ins Desaster stürzen. Sondern zwei Individuen aus Spanien. Eigentlich dafür nach Tokio geschickt, um einen gemeinen Verbrecher an Angriffen mit einem tückischen Gas zu hindern, richtet das Agenten-Duo mit völlig missratenen Aktionen ein Olympia-Chaos an und muss Japan - als mutmaßliche Terroristen gesucht - fluchtartig verlassen. Was erschreckend klingt, ist nichts Neues für Mortadelo y Filemón, die Comic-Helden von Francisco Ibañez. Auch „Olympia 2020“ darf nicht auf sie verzichten.

Clever & Smart / Mortadelo y FilemónComicbuch-Reihe
Erste Ausgabe:20. Januar 1958
Autor:Francisco Ibáñez

Spanien bei Olympia in Tokio - Comic-Chaos mit Mortadelo y Filemón darf nicht fehlen

Die Abenteuer von Mortadelo y Filemón, sie sind wie Zeitdokumente. Wenn Historiker etwa irgendwann bestimmen wollen, wann Spanien in die Finanzkrise geriet, werden sie auf eine zuverlässige Comic-Quelle zurückgreifen können: Den Band 130 von Mortadelo y Filemón. Als das Abenteuer zur Krise, „Por Isis, llegó la crisis“ 2008 herauskam, war Spanien zwar längst im Sog der geplatzten Baublase – aber Präsident José Luis Zapatero noch eifrig dabei, jede Art von Krise zu verneinen. Eine tragikomische Episode im Heft von Mortadelo y Filemón - aber auch in der spanischen Realität.

Und von solchen Zeitdokumenten hat Francisco Ibáñez, Zeichner der Serie um das trottelige Agenten-Duo, das man in Deutschland als „Clever & Smart“ kennt, mittlerweile zu Genüge produziert. Ob große Katastrophen (den 11. September von New York prophezeite Ibáñez’ Comic bereits 1992) oder Sportturniere wie dieses Jahr Olympia „2020“ in Tokio – so gut wie kein Gesprächsthema lässt die irre Welt Mortadelos y Filemóns aus.

2010 sagte Ibáñez sogar eine Art Coronavirus-Krise voraus. Im Heft „La gripe U“ erfasst eine ungemein starke Grippe die ganze Welt. Erstaunlich, die vielen Einzelheiten, die sich zehn Jahre später auf nicht mehr so flapsig-unterhaltsame Weise in der Realität bewahrheiten sollten. Mortadelo y Filemón treffen bei ihrer Suche nach der Rettung auf „Chinesen, die wie Fliegen umfielen“, erleben einen schieren Kollaps der Krankenhäuser, die Pflicht zum Maskentragen und stellen sich den abenteuerlichsten Verschwörungstheorien.

Comic aus Spanien zu Olympia in Tokio - Wie Ibáñez auf Mortadelo y Filemón kam

Dass es die zwei Comic-Helden aus Spanien, die 2021 zu Olympia nach Tokio reisen, überhaupt gibt, hat mit einer persönlichen Krise zu tun, die ihr damals 22-jähriger Schöpfer aus Barcelona erlebte. Als Bankangestellter brachte Francisco Ibáñez nämlich so gar nichts zustande – ganz ähnlich, wie Mortadelo und Filemón bei ihren Chaos-Ermittlungen. Nach einem Jahr war Ibáñez arbeitslos – und widmete sich dem, was er am liebsten tat: zeichnen. Dass kein Rubens aus ihm wurde, lag an der Zensur der Diktatur, erklärte er mal. Daher habe er sich lieber dem Humor gewidmet, in den man so vieles lustig verpacken kann.

In der Zeitschrift „El Pulgarcito“ betraten Mortadelo y Filemón 1958 erstmals die Bühne: Eine schwarzweiße Parodie auf Sherlock Holmes und Dr. Watson – inklusive Melone, Schirm und Pfeife. Vor allem Filemón, den Mortadelo damals schon „jefe“ (Chef) rief, erkennt man heute kaum. Doch vorhanden waren die Grundzutaten der Serie: Eine Ermittlung, die in peinlichen Verwechslungen ausartet, weshalb das Chaos-Duo ans andere Ende der Welt flüchten muss – im damaligen Fall eine Eisscholle, auf der Mortadelo als Pinguin verkleidet endet.

Comic aus Spanien: Mit teils sinnlosesten Übersetzungen feierten „Clever & Smart“ auf Deutsch Erfolge.

Seine grenzenlose Kreativität bei den Kostümen kam Mortadelo, dem gutherzig-glatzköpfigen Naivling mit der Brille auf der langen Nase und dem stets im Hemdkragen vergrabenen Mund, bei der ersten großen Wandlung der Serie besonders zugute. 1969 erschien „El Sulfato atómico“ (Deutsch: „Keine Angst, wir retten die Welt“), das erste lange Mortadelo-y-Filemón-Abenteuer. Viel Neues boten die 44 Seiten. Erstens stilistisch: Ibáñez näherte sich der belgischen Comic-Schule von „Tim und Struppi“. Zweitens inhaltlich: Völlig überraschend wurden die Chaos-Stifter befördert.

Spanien bei Olympia in Tokio - Comic-Duo im Einsatz, Handlung nur im Ansatz

Aus den Privatdetektiven wurden Agenten der Geheimorganisation TIA, für die sie nicht mehr ihr Viertel in Spanien, sondern die Welt retten plätten durften. Wie auch noch im Jahr 2021, in dem sie nach Tokio zu den Olympischen Spielen reisen. Übrigens: Was wie CIA klingt, bedeutet im Spanischen „Tante“. Doch beließen die deutschen Übersetzer des Chaos-Duos in „Clever & Smart“ den Namen TIA, sodass hier die schrullige Nebenbedeutung wegfiel. Ein Fall von vielen, in denen (mal subtile, meist aber mit Brechstange dargebotene) Informationen aus dem Spanischen deutschsprachigen Lesern entgingen.

Ohne Spanien-Code wurden Mortadelo y Filemón auf Deutsch zu purem Klamauk, was den Erfolg aber nicht verhinderte – im Gegenteil, in den 80ern verkaufte sich manches deutsche Heft hunderttausendfach. Irgendetwas kam gut an in den Geschichten, die nie zur Ruhe kommen, da ständig jemand schimpft, um sich schlägt oder jemand anderen mit Kanonenkugeln beschießt. Vielleicht war es die politische Unkorrektheit Spaniens, also des Landes, in dem man auch in guter Gesellschaft per Redewendung auf alles mögliche „scheißen“ kann, oder sich in einem Moment beschimpfen und im nächsten in den Armen liegen kann.

Oder einfach Ibáñez’ Stil, dessen bis heute, als 85-Jähriger, anhaltende Produktivität sein erstaunliches Markenzeichen blieb. Wohl um die Masse an Ideen zu stemmen, blieb ein dermaßen ausgefeilter Band wie „El Sulfato atómico“, wo jeder Strich sorgfältig gezogen war und Beulen auf Köpfen länger anhielten als nur ein Comic-Bildchen lang, die Seltenheit.

Comic-Klassiker als Film: Francisco Ibáñez (links) mit Darstellern.

Die meisten Episoden von Mortadelo y Filemón - auch der neue Band zu Olympia in Tokio 2021 gehört dazu - erinnern nur im Ansatz an Handlung und gehen dann in einem Tohuwabohu aus Unfällen, Verfolgungen, Explosionen, Filemóns Cholera-Anfällen, Mortadelos Chamäeleon-Einlagen und Damen mit prallem Busen auf. Auf ein ähnliches Rezept setzte Regisseur Javier Fesser 2003 in der Realverfilmung. In Spanien ein Kinoschlager, war sie im deutschsprachigen Raum ein totaler Flop.

Chaos-Comic aus Spanien: Deutsche Neuauflage zu 60. Jahr nach Entstehung

Bereits 1981 war Ibáñez’ Humor den Deutschen zu weit gegangen, ausgerechnet im Band „En Alemania“, den der Zeichner der germanischen Leserschaft widmete. Auf Mortadelo und Filemóns Mission in Deutschland war ein Witz zur Berliner Mauer offenbar so ungelungen, dass er der wohlgemerkt westdeutschen Zensur zum Opfer fiel und nicht im Heft vorkam – auch das musste man erst einmal schaffen! 2012 erschien das vorerst letzte Heft in Deutschland, ganz heimlich, still und leise.

Ganz untypisch für „Clever & Smart“ also. Doch es war nicht ihr Ende. Im Jahr 2018, also 60 Jahre nach Entstehung der Helden, nahm sich der Carlsen-Verlag der Reihe an und produzierte die besten Storys in einer Neuauflage. Laut Steffen Haubner von Carlsen wollen die Hefte den Spagat schaffen, näher an die Originaltexte zu rücken, und doch das Beste der alten Übersetzungen, so sinnlos und doch irgendwie genial, zu bewahren.

Sicher wirken die Abenteuer von Mortadelo y Filemón heute nicht mehr so frisch wie die alten aus den 70er oder 80er Jahren. Vorwerfen kann man Francisco Ibañez zudem seine so manches Mal in Rassismus und Sexismus verfallenden Witze. So werden im Comic zu den Olympischen Spielen in Tokio auf einem Bild Sportler aus dem Kongo tatsächlich als Gorillas dargestellt. Und der einzige weibliche Olympia-Sportler im ganzen Heft ist eine spanische Schwimmerin, die Teller putzt.

Einen Spagat hat Ibáñez zudem bisher nicht gewagt: den stets aktuellen Katalonien-Konflikt in der Serie zu verarbeiten. Darauf in „El País“ angesprochen, meinte er, das sei den Spaniern doch zu persönlich. Vielleicht besser so. Denn was passiert, wenn Mortadelo y Filemón die Welt – oder eben die Einheit Spaniens – retten sollen, weiß man dank hunderter Comic-Beispiele nur zu gut.

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