Drei Farben Rot Gelb Lila und zwei Bunstifte in Spanien.
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Spaniens dritte Farbe: Rätsel der Flagge der Zweiten Republik

90 Jahre Zweite Republik

Spaniens dritte Farbe: Rätsel der Flagge der Zweiten Republik

  • Stefan Wieczorek
    vonStefan Wieczorek
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1931 erschien auf Spaniens Flagge die Farbe Lila, um in der Diktatur wieder zu verschwinden. Wie Spanien auf den geheimnisvollen Morado-Ton kam, und warum er noch heute keinen Spanier kalt lässt. Eine Spurensuche zum 14. April, 90 Jahre nach dem Ausruf der Zweiten Republik.

Madrid - Am 14. April 1931 schlug Spanien, um alte Gespenster hinter sich zu lassen, ein neues Kapitel auf. Das Land rief die Zweite Republik aus und hisste eine neue Flagge mit drei Farben. Zu Rot und Gold gesellte sich ein Lila, das Morado. Wie Spanien darauf kam, bleibt ein Rätsel. Doch die dritte Farbe passte gut zum Traum von mehr Gerechtigkeit und Vielfalt. Ein Traum, der jäh endete. 1936 kam der Bürgerkrieg, 1939 die Diktatur. Das Lila wurde aus der Flagge gerissen, nicht aber aus den Herzen der Spanier. Bis heute blitzt es auf, im Feminismus oder in der Semana Santa. Auf der Nationalflagge findet man die Farbe nur noch ganz verborgen.

Zweite Spanische RepublikStaat
Hauptstadt: Valencia
Gegründet: 1931
Regierungsform: Semipräsidentielles Regierungssystem

Spaniens dritte Farbe: Rätsel der Flagge der Zweiten Republik

Morado – also lila, wörtlich maulbeerfarben. In der spanischen Sprache läuft in dieser Farbe der Körperteil an, an dem man einen Schlag abbekommt. Kein blauer, sondern ein lilafarbener Fleck also. Schon kleine Spanier lernen das Morado somit als Farbe kennen, an der irgendwie der Schmerz haftet. Spanien geht sie aber auch aus historischer Sicht schmerzhaft unter die Haut. Als dritte Farbe der Zweiten Republik, die vor 90 Jahren mit großen Zielen begann, aber im blutigen Bruderkrieg enden sollte.

Spaniens dritte Farbe: Flagge der Zweiten Republik, marodes Wandbild in Orihuela

Am 14. April 1931 hisste Spanien seine neue Flagge. Dass als dritte Farbe der Maulbeerton darauf war, ist ein Umstand voller Rätsel. Eine fast mystische Aura umgibt das Morado. Künstler schwören auf die Wirkung der Farbe wie aus einer eigenen Welt zwischen Rot und Blau. Das Lila belebe die Kreativität, öffne die Augen für Visionen, die Sphäre von Seele und Geist, heißt es. Im Roman „Die Farbe Lila“ ist es eine besonders gottgefällige Farbe. Aber sie berge auch die Gefahr, depressiv zu machen, oder dass man durch sie abgehoben wirke, warnen Psychologen oder Stylisten. In poetischen Varianten findet man sie im Wandbilder-Viertel von Orihuela.

Aber wie kam Spanien auf das Lila? Seit 1785 wehte die Flagge in den uns bekannten Farben Rot-Gold-Rot. Damit hatte König Carlos III. auf Einheit gesetzt: Indem er die Farben Kastiliens und Aragóns vereinte, und dabei sogar auf die eigene Königsfarbe Weiß verzichtete. Doch warm wurde das Volk damit lange nicht, schon gar nicht der Teil mit republikanischer Gesinnung. Angeregt durch die Franzosen wünschte sich Spaniens Linke lieber drei Farben für ihr Land. Als Spaniens Diktator Primo de Rivera fiel, wurde der Traum greifbar. Als die Republikaner die folgende Wahl gewannen, wurde er real.

„Die Flagge trifft noch besser die Harmonie eines großen Spaniens.“

Verfassung von 1931, die die dreifarbige „Tricolor“ zu Spaniens Flagge erklärte.

Spaniens dritte Farbe: Rätsel der Zweiten Republik - „Versuch einer Versöhnung“

Am 14. April 1931 rief Spanien seine Zweite Republik aus: Ohne Diktator, ohne König, dafür mit der dritten Farbe. Warum gerade Morado? Meist heißt es, dass ein Banner der Comuneros, der Aufständischen in Kastilien 1520, als Vorbild diente. Aber deren Farbe war erwiesenermaßen kein Lila, sondern Purpurrot. Ein peinlicher Fehler? So deuten es heute konservative Republik-Skeptiker. Ein Rätsel ist die Farbe für José Manuel Erbez, den Vorsitzenden von Spaniens Gesellschaft für Flaggenkunde. In Spaniens Geschichte sei das Lila vor 1931 nur einmal vorgekommen, und das ausgerechnet in einem Königswappen, im Löwen von León. Klein, aber erhaben trägt er übrigens noch heute auf der Spanien-Flagge – im Wappen – das Morado zur Schau.

Sicher sei bei der 31er-Flagge eines, erklärt Flaggen-Experte José Manuel Erbez: Die drei Farben der Zweiten Republik seien ein „Versuch der Versöhnung“ gewesen. Denn: In der Flagge blieb das traditionelle Rot und Gold bestehen. Aber eine neue dritte Farbe kam hinzu, sozusagen stellvertretend für all die Spanier, die sich bisher nicht repräsentiert fühlten. „Die Flagge trifft noch besser die Harmonie eines großen Spaniens“, stellte die Verfassung 1931 fest, die die „Tricolor“ zur Staatsflagge erklärte.

Aber wie real war diese „Harmonie?“ Überwog in der Zweiten Republik (1931 bis zum Bürgerkrieg 1936) der soziale Wandel, der Spanien Gleichheit und Gerechtigkeit bescherte? Oder doch der Schmerz ob der wachsenden Gewalt aller möglichen Feindeslager? An der Frage – wie auch an der Maulbeerfarbe – scheiden sich die spanischen Geister bis heute. Für die einen ist die Zweite Republik das Paradies, aus dem Spanien vertrieben wurde. Die anderen halten das Spanien der drei Farben für reines Teufelswerk.

Spaniens dritte Farbe: Rätsel der Zweiten Republik - Dornenkrone und lila Mantel

Diktator Franco riss die dritte Farbe von der Flagge, und mit dem Morado lauter Ideale, die Spanien in der Republik mühsam erkämpft hatte: Ob Rechte der Meinungsfreiheit, der Frau oder der freien Bildung. Doch im Krieg färbte sich das spanische Lila auch durch Grausamkeiten, die viele Spanier im Namen der Republik begangen, blutrot. Aus einer Farbe der Ideale und der Integration wurde für viele Familien die Farbe von Mördern.

Nach dem Bürgerkrieg ließ die faschistische Diktatur Spaniens Lila nur noch bei Weihrauchgeruch wehen – als traditionelle Farbe der Liturgie der nun wieder mächtigen Katholischen Kirche in Spanien. In Erwartung der großen Feiern, im Advent und in der Fastenzeit, kleideten sich die Kirchen seit Jahrhunderten bereits in Morado. Und tun es bis heute.

Spaniens dritte Farbe: Rätsel der Zweiten Republik - Lila Karwoche.

Wie in der Kunst, gilt hier die Farbe als Bild für Übergang und Verwandlung. Gerade in der Semana Santa steht sie aber auch für den Schmerz auf diesem geistigen Weg. Der Hintergrund ist biblisch: Bei seiner Verurteilung zum Kreuzestod trägt der verprügelte Jesus neben der Dornenkrone einen Mantel. Seine Farbe: Morado – oder Purpurrot, auch die Kirche ist sich beim genauen Ton nicht sicher. Doch ob nun eher rötlich oder bläulich: Tief verwurzelt ist in Spaniens Volksseele diese spirituelle Facette der dritten Farbe. Hat sie vielleicht auch die Flagge von 1931 beeinflusst? Das könnte durchaus sein, verrät uns Flaggen-Experte José Manuel Erbez.

Spaniens dritte Farbe: Rätsel der Zweiten Republik - Blaue Flecken, rotes Blut

Denn auch die Zweite Republik strebte eine Art Erlösung an: Nicht von der Herrschaft des Todes vielleicht, wie Christus. Aber doch vor Diktatur und Tyrannei. In eine ähnliche Richtung zielt Spaniens heutige lila Front: Die alternative Podemos etwa ließ 2014 mit dem Morado als Parteifarbe bewusst die Republik aufleben. Mit der dritten Farbe der verdrängten Flagge würden sich all die übergangenen, verprügelten Spanier wieder repräsentiert fühlen – ob die von den Banken Reingelegten, von der korrupten Politik Verdrossenen, Menschen ohne Besitz, Menschen ohne Geschlecht...

Doch auch ein starkes weibliches Wesen hat in Spanien das Morado – dank der „8M“-Bewegung, die nicht nur am 8. März, dem Welttag der Frau, im ganzen Land zur lilafarbenen Revolution aufruft: Allem voran gegen männliche Gewalt und Dominanz. Das ganze psychologische Reichtum der Maulbeerfarbe nutzen die Kulturkämpferinnen. Ob Morado als beklemmendes Bild für blaue Flecken der Opfer von häuslicher Gewalt, oder als Farbe der Vision von einer neuen, gerechteren Welt.

Spaniens dritte Farbe: Mit Lila Visionen in eine gerechtere Welt.

Wie in der Zweiten Republik gibt es in Spanien aber auch heute noch mächtige Gegner, die keinen lilafarbenen Wandel wollen, – ja, ihn geradezu fürchten wie die Pest. Dabei bemerken sie nicht, in welchem Grade er das Land schon längst verwandelt hat. Welche Möglichkeiten Spanierinnen, Spaniern und Spanier* heute im Vergleich zu 1931 offenstehen.

Verdrängt, aus der Flagge gerissen, mit blauen Flecken und Blut bedeckt wurde das Lila. Aber es überlebte und schuf Formen, wie ein Farbtropfen unter Wasser. Und tut es weiter, auf dem mystischen Teil des Farbspektrums, zwischen alten und neuen Zeiten.

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