Häuserschlucht auf der Gran Via in Madrid in den 20er Jahren.
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Ein Hauch New York: Die Gran Vía in Madrid 1921, ungefähr so, wie sie Alfred Kerr bei seiner Spanien-Reise 1923 gesehen haben wird.

Reisen durch Spanien

O Spanien! Wie Deutschlands Kulturpapst Alfred Kerr 1923 Spanien sah

  • vonMarco Schicker
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Von der Grippe in die Diktatur? 1923 reiste Deutschlands Kulturpapst Alfred Kerr in einen spanischen Frühling. Traumhaft, aber trügerisch. Sein Reisebericht ist ein stilistisches Meisterwerk, fern jeder Belehrung und höchst amüsant. Das „Land voller Hoffnung“ stand kurz vor einer Diktatur: Armut, ein verlogener König und zaudernde Demokraten machten sie möglich.

  • Alfred Kerr reiste 1923 nach Spanien, in ein Land das sich aus dem Weltkrieg herausgehalten hatte und von der "Grippe" schwer gezeichnet war.
  • Spanischer Wein, die Alhambra, politische Plaudereien im modern werdenden Madrid und natürlich der Prado waren seine Stationen.
  • Kerr in Spanien: Seine pointierten Beobachtungen zu Katalonien, Stierkampf, Politik und Monarchie sind bis heute aktuell und brisant.

Madrid - „Im Frühling des Jahres 1923 fuhr ich nach Spanien. Zum vierten Mal. So entstanden diese Blätter. Daran hängt Seelenluft oder Sinnlichkeit eines kaum halb entdeckten Fabel-Landes - und mein Herz.�� So beginnt die Reisebeschreibung „O Spanien!“ von Alfred Kerr. Sein pointierter Bericht ist erstaunlich, ausgesprochen unterhaltsam, manchmal ein bisschen erschreckend aktuell. Was er uns nicht verriet: Seine Frau reiste mit ihm und sie war schwanger, mit Judith.

Mit Kerr kam nicht einfach ein weiterer neugieriger deutscher Bildungsbürger nach Spanien, um anschließend in den Salons von der maurischen Exotik des Landes zu schwärmen oder um mild spöttelnd in kolonialer Ingenieurs- und Hausmeisterpose den Kopf über unterentwickelte Zustände zu schütteln. Kerr war 1905 zum ersten Mal in Spanien, danach noch dreimal. Er sprach ganz gut spanisch.

Faszination Spanien: Maler, Stiere, Dome, Mauren – und der Wein

Geboren 1867 in Breslau, wurde Alfred Kerr eine Legende des deutschsprachigen Feuilletons. Der Kulturpapst. So genannt, bewundert und gefürchtet. Seine Textschöpfungen machten die Theater- und Kunstkritik zum eigenen Genre. Die pointierte Zuspitzung im Telegrammstil waren sein Stilett und Markenzeichen. Unerreicht bis heute. Was leicht scheint, das Feuilleton ist bekanntlich tot. Mal wieder. Oder es ist beliebig, was genauso tödlich ist.

Deutschlands Literaturpapst Alfred Kerr um 1920. Vier mal reiste er nach Spanien, dabei enstand „O Spanien!“, ein höchst originelles und bis heute brisantes Reisetagebuch.

Dem Theater geht es ähnlich. Kerr war Unterstützer Brechts, Hauptmanns, Ibsens – damals Avantgarde. Mit Karl Kraus, dem anderen Sprachkünstler, Schmäher und unermüdlichen Alleszerhacker aus Wien, lag er mehrfach über Kreuz. Das gehörte damals zum guten Ton. Watschen-Austausch im Kaffeehaus inklusive.

„Wegen des Franzoseneinbruchs ins deutsche Westland fährt man über Genf nach Spanien.“ Dieser lapidare Satz skizziert Kerrs Welt. Der Erste Weltkrieg und die „Spanische“ Grippe lagen praktisch nur einen Wimpernschlag zurück, Europa am Boden. Das Rheinland besetzt, die Inflation galoppierte Richtung Weltwirtschaftskrise. Die Demokratien zerrieben sich zwischen dem Schreckgespenst von Stalins Revolution aus der Sowjetunion und dem erstarkenden Faschismus.

Straßenszenen aus dem Madrid der 1920er Jahre:

Kerr reiste nach Spanien, das sich aus dem Weltkrieg herausgehalten hatte. Mehr aus Mattheit, denn aus Pazifismus und beschäftigt mit seinen eigenen Übeltaten in Nordafrika. Für Kerr war Spanien damals ein Land seiner Hoffnung. Vielleicht nur eine Projektion, gar Illusion. Die Erste Republik in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts hatte Eindruck hinterlassen in Mitteleuropa, Spanien auch bei Intellektuellen auf die europäische Landkarte geholt. Zwar war das Land arm, krank, aber 1923 vielleicht nicht so am Boden wie der Rest Europas.

"Spanien ist mit nichts verwandt, nicht ein Teil, sondern ein Geheimnis Europas"

Taugte Spanien als Modell? Kerr reiste wegen „Maler, Stiere, Dome, Mauren – und der Wein, der Wein, der Wein“ nach Spanien. Doch einer wie er würde es nicht bei einer Ansichtskarte belassen. So schiebt er gleich nach: „Ich empfand mit den Stieren: weil man sie quält. Mit den Mauren: weil sie fremd und hochstehend sind. Mit den Cataloniern: weil sie Zukunft bedeuten. Mit allen Spaniern sonst: weil ihr Geheg von Wundern starrt. Ich schuf ein wahres, nicht ein gelecktes Bild.“ Kerrs Reisebeschreibung ist dialektisch. Alles leuchtet ein, hängt miteinander zusammen, hat zwei Seiten.

Das ganze Buch hat dabei nur 135 Seiten. Es ist ein Konzentrat, das im Kopf des Lesers explodiert, zu Landschaften und Aha-Effekten. Kerr kocht seine Eindrücke ein, auf seine Essenz. Und gibt ihr dann einen überraschenden Dreh. „Katalonien ist das andere Ende der spanischen Wurst.“ Und auf der anderen Seite steht der „goldleuchtendste Katholizismus“. Und dann gibt es noch ein „Plus von arabischer Unsterblichkeit“. Spanien sei „mit nichts verwandt. Selbstgenügend. Einsam. Abgedämmt“. „Nicht ein Teil, sondern ein Geheimnis Europas“. So viel vorweg.

Siesta in Sevilla: Spanische Madonnen und Männer in Sklavenstellung

Die erste Station ist Sevilla. Die Siesta. „Die Menschen gehn in die Häuser – ein bißl zu schlafen. Nur ein bißl.“ Er steigt die Giralda hinauf: „Innen: Gotik, Maurik, Lichtungen, Apfelsinenbäume, Goldgitter... und eine Flüster-Ewigkeit.“ Natürlich die Frauen: „Spanische Madonnen“ mit „dunkel-oliviger Innigkeit – mit schwarzstumpfen Buschbrauen“, wie „längst verschollene Mohrenkinder“. „Männer auch, na gut, der Haarkamm einen Viertelmeter hoch... Es ist der Süden.“

Er beschreibt die Osterprozessionen in Sevilla – „unter den Lichtgoldbühnen gucken Träger vor: schwarzbraune Kerle, schweißberonnen mit Säcken auf dem Kopf... Aus der Unterwelt lugen sie, in Sklavenstellung, kniend und bäuchlings“. Am Ende stellt er fest: „Ganz Andalusien ist ein atmendes Museum.“ Er schreibt über Stier- und Hahnenkämpfe, als sei alles ein absurdes Drehbuch Charlie Chaplins, nur blutiger: „langsam totgemartertes Weidevieh“ hier und „Entladungen voll Seligkeit“ bei den Menschen.

Beobachtungen in Andalusien: Stierkampf und Neugeburt

„Die corrida besteht aus sechs Gängen. Achtzehn tote Pferde, sechs tote Stiere. Das Stierfleisch essen die Armen. Leidenschaftliche Verachtung äußern mir hochstehende Spanier. Die Behörde schirmt, der König ehrt solche Belustigung. 200 Stierzirkusbauten sind im Land. – Neugeburt hin, Neugeburt her – der Stierkampf bleibt.“

Cover der Erstausgabe von „O Spanien!“ von Alfred Kerr, 1923.

Weiter geht es nach Córdoba, dann Granada. Die Alhambra. „Schwebend Ummauertes“, „Feenlichter“, Kerr kriegt sich gar nicht mehr ein vor Verzückung: „Es war dem Boabdil entsetzlich schwer, Granada zu verlassen.“

Er „besichtigt“ die „Höhlenzigeuner“ im Albaicín und am Sacromonte von Granada. Heute „kämpfen spanische Sarazenenenkel in Marokko gegen ihre Blutsbrüder“. 1920 wurde die spanische Fremdenlegion gegründet, die versuchte die letzten kolonialen Ambitionen in Marokko zu verteidigen. Ob der Islam wiederkommt? Kerr lässt das offen, aber „Keiner wird so angenehm wohnen wie einstens Boabdil“, der letzte Emir von Granada. Der Islam war, verklärt zwar im alles verklärenden 19. Jahrhundert, auch zu Kerrs Zeiten noch als ein Kulturträger angesehen. Andalusien dient dem Kulturpapst dabei als Asservatenkammer für die Beweisführung. Eine kriegerische Kultur, wie das Christentum auch. Aber kein universeller Feind. Kerr gibt über den Kolonialismus Hinweise darauf, was den Wandel von Fremdheit zu Hass bewirkte. Auf beiden Seiten.

"Spanien ist heut´im Aufstieg - Weinprobe ein Pflichttermin

Kerr in der Sierra Morena: „Niederträchtig wär‘ es, über den Wein dieses Landes kein Wort zu äußern. Ich trank mich durch ganz Spanien. Aus Pflichtgefühl. Nun: Rechenschaft!“. An Rioja-Weinen, die mit Rheinwein gekreuzt werden, Chablis-Verschnitten tut er sich gütlich. „Demnach: nicht die Rebe macht den Geschmack, sondern der Boden (zu schweigen von der Sonne)... Ein sehr nachdenklicher Vorgang; den Rassenforschern ans Herz gelegt.“

Kerr besingt den Sherry, die „weißen Diamanten“ von den Rias Baixas. Fazit: „Ein Gewöhnlichster, ein Roter, vino corriente, Landwein – und das Paradies geht auf.“ Daran hat sich seit damals nichts geändert, trotz Industrialisierung. Das ist tröstlich. Und das Essen: „Was hier wächst, weidet, schwimmt, flattert, ist freilich wunderbar auch ohne Kochkunst“.

Die Reise geht weiter, mit der Eisenbahn, dem „tren de lujo“. „Spanien ist heut‘ im Aufstieg. Voller Hoffnung“. Die Beschreibungen der Zugpassagiere und ihrer Gewohnheiten lassen laut auflachen. Schwer fällt Kerr der Abschied von „Andaluz!“. Doch er will dem Leser zeigen, „was sich auf dieser kaum veränderlichen Halbinsel heute doch verändert hat.“ Nächster Halt: Madrid.

Er schreibt von der „Hoffnung auf Neugeburt“. „Hat Spanien im Kriege Geld verdient? – Massenhaft. Nur ist ein Aber dabei: den Vorteil hatten Einzelne mehr als das Land. Ist von dem Gelde noch was da? – Massenhaft. Nur ist ein Aber dabei: es wurden deutsche Mark dafür gekauft.“ Es war wertlos geworden.

Nicht die Rebe macht den Geschmack, sondern der Boden (zu schweigen von der Sonne)... Ein sehr nachdenklicher Vorgang; den Rassenforschern ans Herz gelegt.

Alfred Kerr in: „O Spanien!“

Den „Arbeitsschritt (außerhalb Cataloniens)“ beschreibt Kerr als „gemächlich“. Esel und Maultier statt Maschinen. Dafür: „Voll Verstand. Bei uns arbeitet der Mensch wie ein Tier, in Andalusien das Tier wie ein Mensch.“

Madrid: Plaudereien mit dem Kammerherrn des Königs -

Madrid... Die Straße, wo mein Hotel steht, war 1905 noch nicht da. Das ganze Viertel voll sechsstöckiger Marmorbauten.“ Er spricht von der Gran Vía. Antonio Maura ist ein alter Bekannter Kerrs. Ein Rekordhalter, Maura war zwischen 1903 und 1922 fünfmal Ministerpräsident Spaniens, immer mit und unter dem gleichen König Alfonso XIII. Maura ist ein Konservativer. Kerr plaudert Stunden mit ihm. „Bei alledem verwirft er den Gedanken an eine Diktatur.“ Alfonso XIII. nicht. In Madrid gesellen sich Sozialisten, Wissenschaftler zu den Plauderstunden um Kerr. Auch ein Richter am Haager Schiedsgericht, Rafael Altamira y Crevea, Amerikakenner und Humanist. Er stammt aus Alicante. „Er blickt auf sein Land heute voll Hoffnung. Er erklärt mir den Aufschwung Spaniens: durch den Verlust der Kolonien. Die Spanier arbeiten jetzt mit Macht, selbst in Andalusien, wo alles dem Menschen in den Mund wächst!“

Kerrs Verbindungen reichen bis ins Königshaus. Der Kabinettschef von Alfonso, Don Emilio de Torres, lässt ihn sogar in die Gemächer des Monarchen schauen. „Der König ist auf Reisen.“ Alfonso zeigte Albert Einstein in diesen Tagen Spanien. Zwei absurde Wochen, würde das Genie später kommentieren. „Sein Herr sei liberal – und sehr gütig, Spanien werde verleumdet, während es heute demokratischer sei als Amerika“, meint Kammerherr Emilio. Der Rektor der Universität Salamanca sagt ihm dagegen: „Das Spanien der Habsburger und der Bourbonen liegt auf dem Totenbett“ und „Die Monarchie bildet Spaniens Hindernis, europäisch zu werden.“ Würde das ein Rektor sich heute zu sagen trauen?

Kerr im Prado in Madrid: Begnadigt Murillo!

Kerr amüsiert sich über die bruchstückhaften Kenntnisse der Spanier über Deutschland – und umgekehrt. Viele Deutsche kämen nach Spanien, „sprechen aber meistens Englisch, sie wollen für Engländer gehalten werden“.

Kerr widmet, natürlich, dem Theater großen Raum. Es ist ja sein Spezialgebiet. Man müsste diese Passagen in einem eigenen Beitrag erläutern. Besser noch, Sie lesen das Buch!

Alfred Kerr, 1907 in einem Gemälde von Lovis Corinth verewigt.

Und dann, der Prado. Überschrieben ist das Kapitel aber mit: El Greco. Der „schwermütige Dunkelton der spanischen Gattung packte mich meiner Lebtag mehr als Italiens Farblerei und Formlerei“.

Was folgt, ist eine meisterhafte Schilderung der Werke El Grecos im Prado, eine Verteidigung des damals geschmähten Murillo („Begnadigt ihn!“). Und er spricht von den „packenden Luftgerinseln, dem gefrierenden Blut, den Alb-Engeln“ Goyas. Am Ende: „Velazquez ist ein Genie der sicheren, fast reglos-meisterlichen Hand. Greco ist aber: das Schwirrphantasma, locker flimmernd, voll chaotischen Geleuchts. Greco wirkt sozusagen dantischer als der Erdmensch Velazquez...“. Unentschieden, urteilt der „Papst“.

Weiter geht es zum Escorial, der „grandiosen Zurechtweisung der Natur. Ein bewußtes Übergipfeln. Ein totenköpfig eiskaltes: Siehste! – Ein Seelenzuchthaus. Dabei hat die Gruftvilla 89 Springbrunnen und zwölfhundert Türen; – für Gespenster.“ Im Sauseschritt durchfährt Kerr Ávila, Burgos, Toledo. Noch einmal nach Andalusien, nach Cádiz, die „luftigste Stadt Spaniens“.

Katalonien - das andere Ende der spanischen Wurst

Und dann Barcelona. Wieder einmal mitten in nationalistischer Aufwallung. „Ein Andalusier wispert mir: Cataloniens Autonomie sei der Traum höchstens von vier Menschen. Kaum ernst zu nehmen. – Nicht jeder denkt so. Beispielshalber Spaniens Regierung nicht.“ Kerr sieht die katalanische Sprache als Mundart des Altprovenzialischen. Das sollte er heute lieber nicht so sagen. Aber er sieht auch: „Catalonien will mehr als eine Mundart. In der Staatsform: Unabhängigkeit. In der Wirtschaft: Sozialismus. Der Catalane schafft die Substanz, der Castilier lebt von der Substanz, der Andalusier lebt ohne Substanz – von der Sonne.“

Kerr stellt sich und uns die Frage: „Ist Catalonien ein Teil von Spanien – oder ein Gegensatz zu Spanien?“ Die Antwort: „Catalonien ist das andere Ende der spanischen Wurst“. Mit dem kurzen, aber in Kerr-Manier vielschichtigen Satz, der bis heute seine Berechtigung haben könnte, wenn man ihn nur wörtlich nähme, schließt Kerr sein Buch: „Wer Barcelona erlebt, weiß heute: daß Spanien eine Zukunft hat“.

Putsch des Primo de Rivera: Diktatur nach Kerrs Abreise

Wenige Monate nachdem die Kerrs aus Spanien abgereist sind, wird in Berlin das Töchterchen Judith geboren. Im gleichen Monat, im Juni 1923, verwandelt ein Putsch des Generals Miguel Primo de Rivera das Land in eine Militärdiktatur. Eine republikanische Allianz aus Katalanen, Basken und Galiciern lieferte dem in Katalonien stationierten General den Vorwand. Spanien lief Gefahr zu zerfallen. Der Wunsch nach sozialer Gerechtigkeit war die Ursache der Rebellion. Die Machtelite sah ihre Privilegien und Profite in Gefahr, der Bolschewismus aus der Sowjetunion kam bedrohlich näher. So klammerte man sich an die Militaristen. Es ist die historische Bestimmung der Rechten, dem Volk mit Nationalismus ein höheres ziel vorzugaukeln, damit alles bleiben kann, wie es ist. Des putschenden Generals Sohn wird bald die Falange gründen, Spaniens Faschisten.

Ein opportunistischer, verlogener König - übrigens der Großvater von Juan Carlos I, der wohl Krone und Charakter seines Opas erbte- und zaudernde Demokraten – die kennt Kerr ja aus der Weimarer Republik zur Genüge – waren schnell überwunden. Von der Grippe ging es über eine kurze Hoffnung in die Diktatur. „Obacht!“ – würde Kerr uns heute vielleicht zurufen.

Kerr vermerkt in einem Nachsatz der Erstauflage seines Buches zum Primo de Rivera-Putsch nichts weiter als einen „denkwürdigen Umstand“. Er – Kerr! – scheint sprachlos. Das Land, das er Europa als Hoffnung empfahl, existiert nicht mehr. Die Parlamente werden aufgelöst, die Presse zensiert, Parteien verboten. Alle anderen Sprachen außer dem Spanischen werden untersagt. Es ist das Vorspiel, das zu einer kurzen, chaotischen Zweiten Republik, zu erneutem Putsch, Bürgerkrieg und zu Franco führen wird.

Vom Papst zum Volksfeind: Kerr wird Opfer des deutschen Faschismus - Tochter Judith und das rosa Kaninchen

Und es war eine Blaupause für Deutschland. 1933 muss Kerr, der nun nicht mehr „Kulturpapst“ sein durfte, sondern als Jude zum Sündenbock und Feind der Nation erklärt wird, mit seiner Familie fliehen. Seine Bücher verbrennen auf den Scheiterhaufen der Barbarei. Mit ihnen Deutschland als Kulturnation. Über die Tschechoslowakei, die Schweiz und Frankreich gelingt den Kerrs die Flucht nach England.

Alfred Kerr stirbt 1948 auf einer Lesereise durch Deutschland in Hamburg. Er witzelt noch auf der Bühne: „Man stirbt einen Tod und weiß nicht welchen, vielleicht ein schmuckes Schlaganfällchen.“ Diesen erlitt er tatsächlich auf der Bühne und nahm sich in der Folge mit Schlaftabletten das Leben.

Seine Tochter, Judith Kerr, beschrieb die Zeit von Flucht und Exil später in ihren Büchern. Eines davon wurde recht berühmt: „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“. Im Mai 2019 starb sie 96-jährig in London, als letzte der Reisegesellschaft Kerr, die 1923 einen schönen, aber trügerischen Frühling in Spanien verlebte.

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