Erstaunlicher Film

Toter Sänger aus Spanien: Krebs-Interview wird zu Kino-Hit für Corona-Zeiten

  • vonStefan Wieczorek
    schließen

Kurz vor dem Krebs-Tod gab Sänger Pau Donés ein Interview, das in Spanien als Film ein Kino-Hit ist. Schon in der Corona-Krise verblüffte er das Land mit lebensfroher Musik seiner Band Jarabe de Palo.

Valle de Arán - Ein außergewöhnlicher Film mischt derzeit die Kino-Charts von Spanien auf. Keine Komödie, kein Actionfilm, sondern ein Interview mit Pau Donés, dem Sänger von Jarabe de Palo. Das Besondere: Donés war beim Film-Gespräch „Eso que tu me das“ - „Das, was du mir gibst“ - mit Journalist Jordi Évole schwer an Krebs erkrankt und starb nur wenige Tage später - am 9. Juni. Am Sonntag, 11. Oktober würde Pau Donés 54 Jahre alt werden. Der nunmehr tote Sänger hatte noch in der Coronavirus-Krise Spanien mit einem fröhlichen Album Leben eingehaucht.

Pau DonésSänger der Musikgruppe Jarabe de Palo
Geboren: 11. Oktober 1966, Barcelona
Gestorben: 9. Juni 2020, Bagergue
Kinder: Sara Donés

Toter Sänger rührte Spanien in Coronavirus-Krise - Interview wird Kino-Hit

Engel haben keine Flügel, Schleifen, goldene Locken. Engel kleiden sich in Weiß“, trällert der ergraute bärtige Mann vom Balkon, blass und spindeldürr, als haute ihn gleich ein Windhauch um. Der Corona-Risikopatient hat über dem mit „Real Love“ beschrifteten weißen T-Shirt eine Schutzmaske um den Hals hängen. Das Youtube-Video der Szene wurde in Spanien im Alarmzustand im März hunderttausendfach geteilt. Heute rührt der Mann – Pau Donés – das Land nicht mehr als Lebender, sondern als toter Sänger, der sich im Kino-Hit per Interview zum letzten Mal zu Wort meldet.

Das Interview, das zum Kino-Hit in Spanien wurde, führte Journalist Jordi Évole mit Donés Ende Mai im Pyrenäen-Tal Valle de Arán. Die Film-Doku liegt hinter „Greenland“ und „Pinocho“ auf Platz drei in den spanischen Kino-Charts. Ein sehr unüblicher Blockbuster, mit einem realen, allseits bekannten Hauptdarsteller in der Endphase einer tödlichen Krankheit. Dass aus dem lebensfrohen Künstler letztendlich ein toter Sänger wurde, dafür sorgte „El bicho“ – „das Viech“ –, wie Donés den Krebs nannte, mit dem er seit der ersten Diagnose im Herbst 2015 an die Öffentlichkeit ging.

Sänger aus Spanien in Kino-Hit - Interview über Krebs, Tod und Leben

Im Buch „50 Palos... y sigo soñando“ („50 Schläge... und ich träume weiter“, 2016)– eine kunterbunte Autobiographie von Pau Donés zu seinem 50. Geburtstag – war der Krebs bereits eine Konstante neben all den Dingen, die mit dem Sänger sonst einher gingen: Musik, Reisen, Action, Liebe und ... der puren Lust aufs Leben. Ja, selbst mit dem dünnen Stimmchen eines Sterbenden im Kino-Hit bringt der Sänger im Interview an der Schwelle zum Tod das Kunststück fertig, das Leben zu feiern.

„Geheimnisvollerweise heute vermisse ich nichts, warte auf niemanden, ist alles ruhig, nichts fehlt mir“

Sänger Pau Donés, Lied „Misteriosamente hoy“ (2020), kurz vor seinem Krebs-Tod

„Der Krebs macht Angst, aber ich will über das Leben sprechen. Das ist es, was mich interessiert“, flüstert im Kino-Hit das Skelett mit der Magensonde vor der Bergkulisse der Pyrenäen dem Journalisten zu. „Ich habe fünf Jahre mit dem Krebs gelebt, zwei Alben rausgebracht, einen neuen Neffen bekommen. Ich sage dem Leben danke“, fährt der der schwer an Krebs erkrankte Pau Donés fort. Der inzwischen tote Sänger bewegte, ja schockierte mit solchen Botschaften ganz Spanien bereits im Frühjahr, als er kurz vor seinem Tod mit Jarabe de Palo das Album Tragas o escupes“ veröffentlichte.

Kino-Hit über Sänger trägt Titel von Sommerhit in Spanien im Corona-Jahr

Der Sänger aus Spanien hatte gerade erfahren, dass die Krebs-Therapie nicht mehr funktionierte und diese abgebrochen. Dennoch komponierte er ein Album voller Mutmacher. Solcher wie das eingangs zitierte Lied, das Pau Donés seinen Pflegern im Krankenhaus, aber auch dem Gesundheits-Personal in der Coronavirus-Krise, widmete: „Los ángeles visten de blanco“ - „Die Engel kleiden sich in Weiß.“ Ein absoluter Sommerhit 2020 wurde dann in der spanischsprachigen Welt die Single „Eso que tu me das“ von Jarabe de Palo, die auch dem Kino-Hit den Titel gab.

„Was du mir gibst, ist viel mehr, als ich erwarte. Alles was du mir gibst, ist was ich jetzt brauche. Was du mir gibst, habe ich – glaube ich – nicht verdient. Also, für das, was du mir gibst, werde ich dir immer dankbar sein“, lautet der Text der Single von Jarabe de Palo, die im Corona-Sommer in Spanien auf und ab lief.

„Im Musikclip zu „Eso que tu me das“ war der schwer an Krebs erkrankte Sänger aus Spanien bereits zu müde, um zu tanzen, und überließ dies seiner jugendlichen Tochter Sara, der das letzte Album von Pau Donés in besonderer Weise gewidmet ist. Mit erstaunlich fröhlichen Sounds – selbst für Jarabe-de-Palo-Verhältnisse – ist „Tragas o escupes“ gespickt, das übersetzt „Schluck’ oder spuck’s aus“ bedeutet. Bloß keine halben Sachen machen – typisch Pau Donés.

Pau Donés: Durchbruch mit Sex-Appeal und „La flaca“, Abschied mit Krebs und dünner Stimme

Der Song „Vuelvo – „Ich kehre zurück“ – eröffnet das Album des Mannes, der wusste, dass er bald sterben würde. „Ich kehre zurück, um der zu sein, der ich immer sein wollte“, bekennt die Stimme, die heller und heiserer klingt als auf den acht Studioalben seit 1996. Damals schafften Jarabe de Palo mit „La Flaca“ den Durchbruch (siehe unten). „Die Dünne“ handelte von einer schlanken Kubanerin, mit der Pau Donés eine Liebelei hatte. Ironisch, wie dünn der einstige Frauenschwarm 24 Jahre später seine letzten Songs sang. Wenig übrig blieb vom Sex-Appeal der alten Tage, immer weniger von der unverkennbaren Jarabe-Stimme.

Doch für den schwerkranken Pau Donés war der Verlust dieses körperlichen Kapitals kein Grund zur Trauer. „Geheimnisvollerweise heute vermisse ich nichts, warte auf niemanden, ist alles ruhig, nichts fehlt mir“, erklärte der Sänger kurz vor dem Tod im Song „Misteriosamente hoy“ (2020). Aber welches Geheimnis steckt hinter der Popularität von Donés, die ihn posthum sogar zum Protagonisten in einem Kino-Hit machte? Erstaunlich, wie viele Menschen verschiedenen Alters und Ansichten aus Spanien Bilder und Zitate von Pau Donés zuletzt im Internet teilten. Unvergessen bleibt der inzwischen tote Sänger.

Pau Donés hinterlässt Spanien mit Kino-Hit wertvolles Testament - Interview mit einem Engel

Allein die Musik von Jarabe de Palo ist wohl nicht das Geheimnis von Pau Donés´ Beliebtheit - trotz Klassikern wie „La Flaca“, „Depende“, „Bonito“ oder „Grita“. Auch als Mensch war der Musiker eher „ganz gewöhnlich“, wie er selbst sagte, inklusive Rechtschreibschwäche, unzähligen gescheiterten Beziehungen oder Allüren, zu denen Donés, ob im Buch oder Film, ehrlich stand. „Pau Donés versuchte mit seiner Art eine Tiefe zu überdecken, die er hatte“, versuchte Jordi Évole, ein guter Freund des Sängers, sich an einer Erklärung des Phänomens Pau Donés.

Dank des Journalisten, der Donés im Kino-Hit Eso que tu me das“ in den Bergen besuchte, hinterlässt der tote Sänger aus Spanien ein höchst wertvolles Testament: Ein Interview mit einem, der als Engel sicher keine Flügel, Schleifen oder goldene Locken trägt.

Rubriklistenbild: © Producciones del Barrio

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare