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Keltische Geheimbotschaft: Celtas Cortos auf Spanien-Tour 2023

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Von: Stefan Wieczorek

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Männer stehen Instrumente spielend in einer Winter-Landschaft.
„Und ich habe Angst, dass du mich unbekleidet im Wind allein lässt“, singt Cifu in „Días de colores“. © Celtas Cortos

Mit Flöten und Violinen stemmt sich die Kult-Band aus Valladolid seit bald 40 Jahren gegen die Verzweiflung. 2023 auch live von Andalusien bis Valencia.

Valladolid - „¡...han cambiadooo, han cambiadoooo!“, erklingt die Stimme des Mannes. „Sie haben sich verändert, verändert!“ Ein verzweifelter Schrei, für sich genommen. Doch sorgt er nicht für schlechte Laune, wenn er jeden Frühling aufs Neue aus den spanischen Musik-Lautsprechern schallt. Ganz im Gegenteil, ist es ein Evergreen, den so gut wie jeder mindestens mitträllern kann. Auf Konzerten von Celtas Cortos – von der Kult-Band aus Spanien ist die Rede – sorgt der Song für absolute Stimmungsexplosionen. Sein Titel: „20 de abril“, 20. April. Sein Erfolgsrezept: Eine keltische Geheimbotschaft.

Spanische Musik: Kult-Band Celtas Cortos auf Spanien-Tour 2023

Einen auf den 20. April 1990 adressierten Brief besingt im Song „20 de abril“ die Gruppe, die vom Stil her aus dem irischen Cork oder zumindest dem nord-spanischen Asturien stammen könnte, aber das kastillische Valladolid zur Heimat hat. Mitte der 80er schon tat sich die heutige Kult-Band zusammen, die 2023 auf Tour quer durch Spanien wieder Frohmut verbreitet. Und das trotz gar nicht allzu fröhlicher Texte. Diese außergewöhnliche Fähigkeit ist seit jeher das Attribut der „Kurzen Kelten“, die sich ursprünglich spaßeshalber nach einer Zigarettenmarke benannten.

„Verändert, verändert“ hat sich die Kult-Band, die 2023 durch Spanien tourt, auf ihrem „Pfad der Zeit“ („Senda del tiempo“, dazu gleich mehr) durchaus immer wieder. Ihrem irisch-keltischen Faible aber blieb sie vom Anfang bis heute treu. Nach ersten instrumentalen Tracks traute Jesús „Cifu“ Cifuentes sich dann doch ans Mikro und wurde zur unverkennbaren Stimme der Folkrock-Gruppe.. Allerdings nicht zur einzigen: Denn Celtas Cortos wäre kein so originelles Element der spanischen Musik ohne die Stimmen der Whistle-Flöten, Violinen und Gaita-Dudelsäcken, hervorgezaubert durch Goyo Yeves, Alberto García und Co.

„20th April“ mit Akzent: Instrumentales Gegenteil

Die Melodien wirken mit den schwungvollen Rhythmen und fetzigen Gitarren wirklich so, als musizierten hier nordeuropäische Folkrocker. Doch eine Anzeige wegen Kultureller Aneignung muss Celtas Cortos nicht fürchten. Zu passioniert und gekonnt fabrizieren sie ihre keltische Kunst, was ihnen sogar ein britisches Kult-Cover einbrachte: Oysterband sang „20th April“ auf Englisch, beließ dabei aber das so prägnante „han cambiadoo“ akzentreich auf Spanisch. Ja, gerade für ausländische Hörer ist Celtas Cortos eine attraktive Wahl. Erstens, weil die Texte trotz poetischer Noten bodenständig und leichtverständlich bleiben.

Zweitens sind Celtas Cortos auch für nicht-spanische Musik-Hörer so reizend wegen dem starken instrumentellen Anteil, der sehr oft fast wie das Gegenteil des Gesungenen klingt. Eine Gutelaunenummer ist etwa „20 de abril“ nämlich keineswegs, sondern – vom Text her – ein von Traurigkeit durchsetzter Brief, der den Verlust alter, unbeschwerter Tage beklagt. Kann man mit solchen Zeilen Erfolg haben? Eigentlich nicht, vermuteten die Musiker zunächst. Fast hätte die Band das Stück sogar vom Album „Cuéntame un cuento“ (1991) gestrichen. Einfach, weil es für nichts allzu Besonderes gehalten wurde.

Nicht erst unter Covid verloren: „In aller Ruhe im Sessel“

Dann aber wäre Spanien ein Stück Kulturgeschichte abhanden gekommen. Welch hohen Stellenwert „20 de abril“ für das ganze Land hat, zeigte sich in der großen Corona-Not im April 2020, als der Song in einer Neuauflage mit zahlreichen Musikern von Millionen Spaniern im Lockdown geklickt wurde. Eine ganz neue Bedeutung nahm dabei der gesungene Brief vom 20. April 1990 an, der „Nächte in der Berghütte“ beschwor und das „gemeinsame Lachen“ herbeisehnte. All das, was unter Covid halt verloren ging, doch in einem tieferen, existentiellen Sinn vielleicht schon lange zuvor.

Als der Song 1991 entstand, hatte Spanien Jahre des Aufbruchs hinter sich, hin zur Freiheit und Demokratie, aber eben auch zu kapitalistischem Individualismus, Entwurzelung, neuer Einsamkeit. Eine Welle der Hoffnungslosigkeit erfasste die junge Generation der Celtas Cortos. Dass die bunte neue Welt keineswegs so schön war, beklagten die Folkrocker in vielen damaligen Songs. „Tranquilo majete“ (1993) etwa, eine kraftvolle Abtanznummer, ruft sarkastisch dazu auf, „in aller Ruhe im Sessel“ sitzenzubleiben, während draußen Kriege toben, Menschen in Afrika „wie Ratten“ sterben und daheim die Arbeitslosigkeit wächst und wächst.

„Manchmal kommt der Moment, in dem du plötzlich alt wirst, ohne Falten auf der Stirn, aber mit der Lust zu sterben“

Celtas Cortos, „La senda del tiempo“ (1990)

Geträllerte Rebellion: Kein leeres Versprechen

Ebenfalls Anfang der 90er legten die Celtas Cortos eine der großartigsten Rockballaden Spaniens vor. „La senda del tiempo“ („Der Pfad der Zeit“, 1990) beschreibt auf fast erschütternd-anschauliche Weise das Gemüt eines Menschen in der Depression. „Manchmal kommt der Moment, in dem du plötzlich alt wirst, ohne Falten auf der Stirn, aber mit der Lust zu sterben“, singt Cifu brüchig. Doch auch hier geschieht wieder das Erstaunliche: Sobald die ersten Töne der Geigen und Flöten erklingen, ist es, als habe die Band noch eine weitere, geheime Botschaft für den Hörer parat.

Als gebe es, inmitten der tiefen Krise, in der „die Sterne ihren Glanz verloren“ haben, tatsächlich noch etwas, das Sinn macht und Hoffnung gibt, um trotz aller Last weiterzugehen. Vor allem live, wenn das Publikum die Melodie mitträllert, ist die Kraft der geradezu rebellisch hoffnungsvollen Klänge unbeschreiblich. Und nein, diese keltische Botschaft muss kein leeres Versprechen sein: Siehe anno 2022, als tatsächlich, exakt zwei Jahre nach der Neuauflage des verzweifelten, aber durch frohe Flötenklänge begleiteten Schreies, in Spanien das Dekret erfolgte, die Corona-Masken am 20. April endlich abzulegen.

Weitere Kult-Musiker auf Spanien-Tour 2023: Bob Dylan, Joaquín Sabina.

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