Akademiker der RAE mit Wörterbüchern der spanischen Sprache.
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Die Herren Akademiker der RAE bitten zum Plausch. Das neue amtliche Wörterbuch der spanischen Sprache.

Spanische Sprache

Bitcóin, Cachopo, Poliamor: Viele neue Wörter im spanischen Wörterbuch

  • Marco Schicker
    VonMarco Schicker
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Die spanische Sprache war schon immer ein Patchwork der Kulturen. Die Königliche Akademie RAE wacht über den Wortschatz. Ein kleiner Ausflug in die Geschichte der spanischen Sprache und welche Wörter 2022 offiziell dazukommen.

Madrid - Immer zum Jahresende aktualisiert die altehrwürdige Königlich-Spanische Akademie, die Real Academia Española (RAE), Hüterin der spanischen Sprache, ihr amtliches Wörterbuch. In diesem Jahr wurden darin 3.836 Änderungen vorgenommen. Eine Mammutaufgabe, wenn man bedenkt, dass die Damen und Herren Akademiker dabei nicht nur die neuen sprachlichen Gepflogenheiten der Spanier einarbeiten, sondern sich mit den 23 Korrespondenz-Akademien in aller Welt absprechen müssen.

Langer Weg für jedes Wort: Wie das spanische Wörterbuch entsteht

Denn bekanntlich ist die spanische Sprache auch in den meisten Ländern von Lateinamerika von Mexiko bis Argentinien sowie in Äquatorial-Guinea, also mitten in Afrika, Amtssprache. Doch auch die sprachlichen Veränderungen der Hispanics in den USA werden akademisch beaufsichtigt und sogar in Israel gibt es seit kurzem eine RAE-Vertretung, die sich um das Ladino kümmert, das "Juden-Spanisch", als Erbe der Sephardim, der vertriebenen jüdischen Spanier.

Dieses hispano-babylonische Gemenge sorgt für angeregte Debatten, bei den distinguierten Sprachhütern des RAE genauso, wie beim Volk, dem man aufs Maul geschaut hat. Denn ein und dasselbe Wort kann in Spanien mitunter ein flirtendes Kompliment, in Kolumbien aber gleichzeitig eine üble Beleidigung sein, in Mexiko etwas zu Essen und in Peru vielleicht eine Schmetterlingsart, in Puerto Rico ist es vielleicht gänzlich unbekannt.

König Alfonso X. von Kastilien, genannt der Weise, brachte im 13. Jahrhundert erstmals etwas Ordnung in die spanische Sprache.

Die möglichst allgemeine Verbreitung oder zumindest die notorische Verwendung in einem Land oder Kulturbereich ist nur eine der Voraussetzungen, damit ein Wort offiziell Teil des Spanischen wird. Eine kurze verbale Laune des Zeitgeistes genügt nicht, ein Wort, das aus einer anderen Sprache einwandert oder aus Vorhandenem neu gebastelt wird, muss schon eine Weile kursieren, sich schriftlich etablieren, durch Publikationen belegt sein und sich spanisch oder lateinamerikanisch einkleiden, also deklinieren lassen, um die Ehre zu erfahren, Teil des RAE-Diccionario zu werden. "Wir lassen die Wörter eine Weile an unserer Pforte warten, manchmal verschwinden sie bald wieder. Wird ein Wort in einer Kommission vorgeschlagen, gibt es fast immer einen Kollegen, der noch mit der Aufnahme warten will", erklärt einer der Sprachgelehrten.

Spanische Sprache ist relativ jung: Wiege in Toledo

Spanisch ist eine vergleichsweise junge Sprache und das "Babylonische" wohnte ihm von Anfang an inne. Geboren wurde es vor allem aus dem Latein der Römer, das von den Bewohnern Hispaniens zu einem Vulgär-Latein vermauschelt wurde, vermengt mit uralten Wörtern oder deren Überbleibseln aus dem Iberischen, Phönizischen, Griechischen, natürlich dem Arabischen, das immerhin sieben Jahrhunderte auf der Iberischen Halbinsel dominierte.

In geordnete Bahnen als eigene Sprache, die mit der heutigen vergleichbar ist, geriet das "Castellano" erst ab ungefähr dem 13. Jahrhundert. Vor allem unter König Alfonso X., genannt dem Weisen, gab es ernst zu nehmende Bestrebungen einer Standardisierung. Geprägt wurden diese in den berühmten Übersetzerschulen von Toledo, wo jüdische, arabisch-maurische und christliche Gelehrte das Wissen der damaligen Zeit in verschiedenen Sprachen verfügbar machten. Latein, Arabisch, Hebräisch, Griechisch, die etablierten Weltsprachen, gaben den Ton an und die Gelehrten taten sich schwer damit, das wilde Kastilisch zu zähmen, es galt als roh, Bauernsprache.

Der Buchstabe Ñ auf der Tastatur einer Schreibmaschine. Der alphabetische Ausreißer setzte sich auch gegen EU- und US-Regulierungswahn durch.

Doch die christlichen Herrscher, allmählich im Vorteil gegenüber den Mauren, erkannten die identitätsstiftende und gleichzeitig einigende wie abgrenzende Wirkung einer "Nationalsprache" der Christen bei der Eroberung der Halbinsel. Die christlichen Klöster waren da wenig hilfreich, bestanden sie doch auf dem Latein als Verkehrssprache. Erst mit Ende der "Reconquista" gelang es ausgerechnet dem "Ausländer", dem habsburgischen Burgunder aus Gent, König Carlos I. (Kaiser Karl V.), als Reichseiniger Spanien unter einem Schwert, einer Fahne, einem Kreuz und eben auch einer Sprache zu vereinigen. Ihm ist es auch zu verdanken, dass nicht ganz Spanien heute Katalanisch spricht. Die Pointe: Als Karl nach Spanien kam, sprach er nicht mal Spanisch.

Spanische Sprache: Patchwork von Latein, Arabern bis zu den Gitanos

Das Spanische am Ende eine Fusion aus den Schriftschulen Kastiliens und dem bunten Mischmasch der Andalusier, behielt seinen Patchwork-Charakter bei, das Gerüst blieb lateinisch, 88.000 Wörter umfasst das Spanische heute, 150.000, zählt man alle Wörter mit, die seit ungefähr Cervantes als Spanisch definiert wurden. Von den heute im RAE verzeichneten Wörtern haben fast 10.000 ihren Ursprung im Arabischen, das man auch noch unter Carlos I. in vielen Gassen und auf Märkten sprach. Der arabische Einfluss ist auch das wesentliche Unterscheidungsmerkmal des Spanischen gegenüber den anderen romanischen Sprachen. Neben dem Ñ natürlich, dem Aushängeschild per se des Spanischen, das eine ganz eigene Geschichte hat.

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Durch die Jahrhunderte kamen mit fremden Truppen und dem Zeitgeist französische Begriffe mit hinein, aber auch Wörter aus der eroberten neuen Welt - von der cacahuete (Erdnuss) bis zur chocolate - bereicherten das Spanische. Deutsche Söldner brachten den Schnauzbart mit, der bis heute im Spanischen bigote heißt und sich vom "Bei Gott"-Ausruf deutscher Legionäre in spanischen Diensten ableitet. Natürlich strömte auch das Englische in die spanische Sprache, nicht erst mit Elvis und dem Computer, schon die Sherry- und Rosinen-Händler des 18. Jahrhunderts brachten Redensarten mit, die in Andalusien heute noch - fast zur Unkenntlichkeit dialektisiert - zur Umgangssprache gehören.

Zum Thema: El tiempo pasa: Kleiner Sprachkurs - Um im Spanischen über die Runden zu kommen, genügt genau ein Wort.

Und auch die spanischen Gitanos, erst seit rund 500 Jahren im Land, brachten mit ihrem Romani (der spanische Romani-Dialekt heißt Caló) Wörter ins Spanische ein, die heute allen geläufig sind. Vom currar, curro als Begriff für eine Arbeit, die man eher als Ackerei, Schufterei begreift, über das chungo, etwas ist irgendwie schräg, sieht nicht koscher aus bis hin zum chaval, einem saloppen Wort für einen Jungen, Burschen, das vom caló-Wort chavo stammt, chaval ist eigentlich die Mehrzahl. Obwohl die Gitanos eigentlich zu den jüngeren Einwanderern zählen, bringen sie mit ihrer Sprache neben persischen, griechischen und pakistanisch-indischen vor allem Einflüsse aus dem uralten Sanskrit mit und schließen so den Kreis der indoeuropäischen Sprachen. Diesem entzieht sich bekanntlich eine spanische Regionalsprache hartnäckig, das Baskische, das eine eigene Welt blieb.

Neue Wörter im RAE-Wörterbuch 2021 der spanischen Sprache: Zeitgeist und Technologie

Doch zurück zum neuen spanischen Wörterbuch: Die akademische Behäbigkeit des RAE bringt es mit sich, dass viele der jetzt neu aufgenommenen Wörter schon lange im Alltag der Spanier wie der Latinos geläufig sind und die neue Zeit spiegeln. Darunter Anglizismen wie bitcóin, criptomoneda (Kryptowährung), gentrificación, transgénero, pansexualidad, geolocalizar. Es sei vor allem die Digitalisierung und Technisierung der Gesellschaft, aber auch die Veränderung der Moralvorstellungen, die immer mehr Begriffe immer schneller ins Spanische integriert. So schnell, dass den Spaniern nicht mal mehr Zeit für eine "Hispanisierung" bleibt, wie noch beim Computer, den man damals zum "ordenador" machte.

Neue Normalität und Blasen: Coronavirus-Pandemie hinterlässt Spuren in spanischer Sprache

Die Coronavirus-Pandemie hatte schon im Vorjahr neue Wörter ins RAE-Wörterbuch einfließen lassen, in diesem kam die burbuja social, die soziale Blase hinzu, in der das Ansteckungsrisiko verringert werden soll. Auch die nueva normalidad, die "neue Normalität", nach der alle noch immer suchen, steht schon mal mit der zeitgemäßen Definition im Wörterbuch, ebenso die triaje (Triage). War der Begriff bisher einfach für die Zuordnung der Patienten im Krankenhaus verwendet worden, steht er seit der Corona-Pandemie auch für die fatale Aussortierung nach Überlebenschancen in den überlasteten Intensivstationen, ein Vorgang, den Spanien hoffentlich nie wieder erleben muss.

Essen und Lieben: Worüber die Spanier am liebsten sprechen

Doch neben dem Zeitgeist, fanden auch alte Alltagswörter Eingang, die das RAE bisher links liegen ließ. Vor allem in dem Bereich, über den die Spanier wohl am meisten sprechen, das Essen. So wurde der cachopo zwar bisher schon als trockener, ausgehöhlter Baumstumpf geführt, doch nun ist er auch als das offiziell eingetragen, worunter ihn die meisten kennen, als das asturianische Cordon Bleu. Quinoa schaffte es als "Superfood" vom Quechua ins RAE-Wörterbuch ebenso wie das infantile chuche für Süßigkeit. Gibt es davon viele auf einmal, kann das Kind mitunter ojiplático bleiben, mit Augen wie Tellern. Künftig tut es das auch ganz amtlich.

Paparajotes, süß frittierte Zitronenblätter aus Murcia. Seit Jahrhunderten dort daheim, erst 2021 ins spanische Wörterbuch aufgenommen.

Empanado ist ab sofort nicht mehr nur alles, was paniert ist, sondern sind auch jene Menschen, die etwas zerstreut neben der Spur stehen. Auch top manta, also auf einer Decke liegend, wird als Begriff für den illegalen ambulanten Verkauf amtlich. Ebenso ist nun der rebujito legalisiert, seit langem Standardgetränk der Fiestas in Andalusien, ein Manzanilla-Sherry aufgespritzt mit Zitronenlimonade. Auch der enoturismo, also der Weintourismus, ist jetzt ein offizielles spanisches Wort. Die dazugehörige Siesta ist es natürlich schon lange.

Und: Eine uralte Süßigkeit aus Murcia, der paparajote, steht endlich auch im Wörterbuch, das ist das panierte und frittierte und mit Zucker und Zimt bestreute Blatt eines Zitronenbaums, ein Rezept der Mauren als Beigabe zum Kaffee und gerade deshalb eigentlich "urspanisch", einer Sprache, die aus vielen sprachlichen Liebeleien entstand. Deshalb ist auch "poliamor", die Viellliebe, seit neuestem ein offizielles Wort, obwohl es schon die alten Griechen praktizierten.

Zum Thema: Liebe, Lust und Leiden in Spanien - Ein kleiner Sprach(ver)führer

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