Ein Zaun mit Plakaten vor dem Palais der alten Tabakfabrik in Alicante.
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Blick auf das etwas versteckte Palais der alten Tabakfabrik in Alicante. Davor Werbung für die Veranstaltungen im benachbarten Kulturzentrum Las Cigarreras, das nicht nur mit seinem Namen an die tausenden Arbeiterinnen erinnert.

Stadtgeschichte Alicante

Carmen in Alicante: Die alte Tabakfabrik und ihre Rauchzeichen der Stadtgeschichte

  • vonMarco Schicker
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Nur einen Banderilla-Wurf hinter der Stierkampfarena von Alicante befindet sich die alte Tabakfabrik. La Fábrica oder Tabacalera nennen sie die Alicantiner. Hier wurden 200 Jahre lang Zigarren und Zigaretten, aber manchmal auch das große Rad der Geschichte gedreht. Heute verschafft sich die Kultur neue Freiräume.

  • Die alte Tabakfabrik in Alicante in einem großen Barock-Palais wird von den meisten Touristen übersehen.
  • Die Tabacalera prägte 200 Jahre Alicante, war Wiege von Gewerkschaften und die "Cigarreras" Alicantes erste Feministinnen.
  • Verkauf und Verfall der Tabakfabrik von Alicante: Neue Nutzung gesucht, seit zehn Jahren bildet das Kulturzentrum "Las Cigarreras" einen Anker der Identität.

Alicante – Um 1745 entstand das Hauptgebäude der späteren Tabakfabrik von Alicante im Profanbarock auf Betreiben des damaligen Bischofs von Orihuela und Alicante, Juan Elías Gómez de Terán. Zunächst als Bischofsresidenz geplant, aber dann verschmäht, entstand im heutigen Viertel San Antón das erste Armenkrankenhaus Alicantes, Asilo y Casa de Misericordia, mit Spital, Kinder- und Altenheim, Kirche und Knast.

Mit EU-Geldern restaurierte Fassade der alten Tabakfabrik von Alicante, ein Palais aus dem 18. Jahrhundert, das zunächst als Armenkrankenhaus diente.

1798 war es mit der Mildtätigkeit schon vorbei, da verkaufte die Kirche den größten Teil der Anlage an den Staat. Die Renta del Tabaco, das königlich-staatliche Tabakmonopol Spaniens, wollte nach Sevilla und Cádiz eine dritte große Fabrik in Spanien eröffnen, dessen Profite Kriege und Extravaganzen der Herrscher zu finanzieren hatten. 1801 wurde im alten Armenspital die Fábrica de Tabaco de Alicante in Betrieb genommen. Zunächst wurden rund 2.500 Mitarbeiter beschäftigt.

Alte Tabakfabrik von Alicante: Bis zu 5.500 Frauen arbeiteten hier

Um 1844 arbeiteten etwa 3.500 Frauen und Mädchen in der Fábrica, die Cigarreras. Damals hatte Alicante gerade 27.000 Einwohner, so wurde die Tabacalera zum wichtigsten Arbeitgeber der ganzen Gegend. In jenem Jahr, 1844, vernichtete ein Großbrand, ausgelöst von einer Dampfmaschine große Teile der Anlage. Es gab zwei Tote. Der Betreiber nutzte die Gunst der Stunde für Umbauten und Erweiterungen. Ende des 19. Jahrhunderts arbeiteten 5.500 Menschen hier.

Reportage über die Restaurierung der alten Tabakfabrik von Alicante, Blicke ins Innere:

Und die sozialen Spannungen nahmen entsprechend zu. 14-Stunden-Schichten waren die Norm, die Tabakfabriken hatten ihre eigenen Arrestzellen, der Vorarbeiter war Gott und willkürlicher Richter. Durch die zunehmende Mechanisierung gingen Anfang des 20. Jahrhunderts viele Arbeitsplätze verloren, Maschinenstürmer versuchten 1908 den Lauf der Dinge aufzuhalten. Bis 1920 halbierte sich der Personalstand in Alicante auf 2.400. Doch allmählich wurden sich die Cigarreras ihrer Macht bewusst. Streikten sie, zusammen mit den Männern im Hafen, stand ganz Alicante still.

Die Cigarreras von Alicante, die Arbeiterinnen in der alten Tabakfabrik um 1940.

In den 1930er Jahren entstanden Gewerkschaften. Die Cigarreras nannte ihre programmatisch „La Feminista“. 1934 bezogen sie ein selbst finanziertes Gebäude mit Schule, Versammlungsräumen und einer Bibliothek in Alicante. Francos Leute verboten 1939 die Gewerkschaft, beschlagnahmten das Gebäude und setzten ihre Richter hinein.

Opfer der Globalisierung: Cigarreras kämpften für Rechte der Arbeiter

Wandgemälde gegenüber der Tabakfabrik von Alicante. Die Viertel San Antón und Carlolinas wurden durch sie geprägt und suchen heute nach einer neuen Perspektive.

Die Tabakfabrik produzierte weiter, 1999 wurde sie an die französische Altadis verkauft, 2002, nach 200 Jahren, wurde die Produktion eingestellt und in ein Industriegebiet verlagert, 2009 war endgültig Schluss. Was blieb, waren zunächst Verfall und Nostalgie. Alte erinnern sich noch an die „Farias de Alicante“, die führende Zigarren-Marke und bis heute hat der Berufsbegriff der „Cigarrera“ in Spanien einen besonderen Klang. Er steht für Kampf und Opfer, aber auch Frauenpower und -list. Schließlich hat eine Cigarrera, eine gewisse Carmen aus Sevilla, in der Oper Weltkarriere gemacht.

Eines der Portale der Tabacalera, des Hauptpalais der alten Tabakfabrik in Alicante. Der größte Teil der Anlage wartet noch auf Restaurierung.

Ob „La Fábrica“ eine Zukunft hat? Die Anbauten aus dem 19. Jahrhundert bilden bereits seit zehn Jahren das alternativ-urbane Kulturzentrum Las Cigarreras, das Kulturprogramme zwischen Nostalgie, Unterhaltung und Avantgarde anbietet, viel auch für Kinder und manches gegen den Strich. Las Cigarreras will Identitäts-Anker für ein Viertel Alicantes sein, das am Rande des touristischen Zentrums irgendwo auf halber Strecke zwischen den 1970er Jahren und Gentrifizierung liegen geblieben scheint.

Vom Armenspital über die Tabakfabrik zum Kulturzentrum: Neue Nutzung gesucht

Kulturzentrum Las Cigarreras: Alternative und lokal verankerte Kulturprojekte in den Anbauten aus dem 19. Jahrhundert der alten Tabakfabrik in Alicante.

Das Hauptgebäude wartet noch auf eine neue Nutzung. Ein Schild weist auf Restaurierungsarbeiten im Rahmen des EU-Programmes Edusi/Feder hin. Mit den bisher genehmigten 700.000 Euro wird man nicht allzu weit kommen. Immerhin rettet man die Substanz, die Außenfassade ist wieder ansehnlich und man baut auf die alten Dimensionen zurück. Ein architektonisches Geschichtspuzzle.

Wo ein Wille ist, ist auch das Geld. Anregungen aus anderen Städten für eine ambitionierte Nutzung gibt es: Die Tabacalera von San Sebastián im Baskenland hat man zum anerkannten Zentrum für Zeitgenössische Kunst umgestaltet. Und die prächtige alte Tabakfabrik in Sevilla beherbergt heute die Universität der Stadt. In den alten Arrestzellen, wo Carmen den Wachen reihenweise die Köpfe verdrehte, brüten heute die Professoren über den Arbeiten ihrer Studenten.

Weitere interessante Stadtgeschichte(n) aus Alicante: Die ambivalente Geschichte der Plaza Luceros und seines Brunnens. Museum der Schönen Künste von Alicante: Spiegelbild des Bürgertums.

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