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Tsunami in Sevilla: Neue Fakten und alte Legenden aus dem römischen Spanien

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Von: Marco Schicker

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Bodenmosaik in Itálica
Immer was los im alten Hispanien: Bodenmosaik in Itálica, Spaniens Little Italy bei Sevilla. © Diego Delso/WikiCommons

Eine internationale Forschergruppe kommt auf den Spuren der alten Römer in Hispalis zu erstaunlichen Ergebnissen. Hat ein Seebeben mit anschließendem Tsunami im 3. Jahrhundert Sevilla zerstört? Und kann sich so eine Katastrophe wiederholen?

Sevilla – Sollte die Antwort auf die Frage nach dem Tsunami in Sevilla „Ja“ lauten, wäre das nicht nur eine bemerkenswerte historische Entdeckung, sondern auch für unsere Zukunft ein klein wenig beunruhigend. Denn stimmen die Schlussfolgerungen der Historiker und Archäologen, hätte das Seebeben eine Flutwelle ausgelöst, die sich über 40 Kilometer den Guadalquivir ins Landesinnere gefressen und Hispalis, wie Sevilla unter den Römern hieß, bis zu einer Höhe von 6,70 Meter überspült hat.

Der Sache auf die Spur kamen die Forscher über zwei Inschriften auf den Ruinen alter Gebäude in Écija, dem römischen Astigi, 50 Kilometer nordöstlich von Hispalis. Darauf deklarierte das kaiserliche Schatzamt, dass die Provinz Bética in den Jahren 245 und 253 von sämtlichen Steuern befreit war. Die Inschriften fand man in den 1970er Jahren, aber damals noch keine Erklärung für das Steuergeschenk.

Enorme Flutwelle schaffte es vom Meer bis Sevilla

In einem aktuellen Artikel der Wissenschaftszeitschrift Natural Science in Archaeology gehen Forscher von einen Tsunami aus, der von der Bucht von Cádiz aus etliche Küstenorte und auch Hispalis verheert habe, wobei mehrere öffentliche und private Gebäude zum Einsturz kamen. Als Beleg führen sie - unter anderem - Reste einer römischen Villa mit Keramikwerkstatt am Patio de Banderas an (heute auf dem Gelände der Real Alcázeres von Sevilla, also des Schlosses).

Cäsar-Statue in Sevilla.
Sevillas Säulenheilige: Herkules und Julius Cäsar an der Alameda. © Pirado/WikiCommons

Das Gebäude in Sevilla weise eine „allgemeine Zerstörung auf“, wobei die Steine und andere Materialien im gleichen Winkel in nordwestliche Richtung gedrückt wurden, wie es zuvor an anderen Orten näher an der Küste gemessen wurde. Anhand etlicher weiterer Tests und Untersuchungen kommt die Forschergruppe zu dem Schluss, dass ein „enormes Beben mit Flutwelle“ die Ursache der Zerstörung war, irgendwann zwischen 197 und 225, also möglicherweise unter Kaiser Septimius Severus, Caracalla oder Geta.

Tsunami an Spaniens Küsten: Kann sich die Katastrophe wiederholen?

Dass das Meer damals soweit ins Innere vorstoßen konnte, hängt laut den Forschern aus Granada, Sevilla, Huelva, Thüringen und Aix-Marseille damit zusammen, dass die Mündung des Guadalquivir damals eine Lagune umschloss, die Lacus Ligustinus, von der drei Flussläufe ausgingen, von denen einer direkt nach Sevilla führte und auf dem normalerweise Wein, Öl und Mineralien transportiert wurden. Zum Beben und der Flutwelle könnten außerdem tagelange Regenfälle hinzu gekommen sein. Die Geomorphologie sei heute eine andere, eine Wiederholung „unwahrscheinlich“.

Mosaik aus Itálica.
2.000 Jahre alter Willkommensgruß: Mosaik aus Itálica, heute im Palacio de Lebrija in Sevilla. © Marco Schicker

Doch was heißt das? Denken wir an das Erdbeben von Lissabon 1755, das (auch mit einem Tsunami verbunden) nicht nur die Hauptstadt Portugals zerstörte, sondern auch die Küsten Spaniens entlangtobte und bis im Inland Marokkos Paläste zum Einsturz brachte, mindestens 100.000 Menschen tötete, ist die Gefahr näher als gedacht. Zumal Spaniens Küsten heute um ein Vielfaches dichter besiedelt sind. 1829 zerstörte ein enormes Erdbeben fast die gesamte Vega Baja im Süden von Alicante, auch da: hunderte Tote, tausende zerstörte Häuser. Heute leben dort sechsmal mehr Menschen als damals. Und der Vulkanausbruch auf der Kanarischen Insel La Palma belegte erst kürzlich, dass alles jederzeit geschehen kann.

Brutus war sein Name: Julis Cäsar, Sevillas Tsunami in Menschengestalt

An dieser Stelle sei noch an eine andere „Naturgewalt“ zur Römerzeit erinnert, die schicksalhaft für Hispalis wurde und vielleicht Lust auf einen Besuch der Römerstätten in und um Sevilla macht: Julius Cäsar, der menschliche Tsunami, der spätere „Diktator auf Lebenszeit“ soll Hispalis und somit Sevilla gegründet haben, so hält sich die Legende hartnäckig. Das ist historisch zwar widerlegt, kümmert aber die Stadtführer nicht.

Venus von Itálica
Die berühmte Venus von Itálica. © A. M. Felicísimo/WikiCommons

Im Gegenteil, Cäsar hat die Stadt mit Hilfe eigentlich schon pensionierter, aber treuer Legionäre aus dem nahen Itálica, der ersten Urbanisation ausländischer Residenten in Spanien, plündern, ihre Bewohner metzeln lassen, als er zwischen 68 und 65 vor Christus hier herumtobte, um fliehenden Truppen der sterbenden Republik den Garaus zu machen. Aus einer Liebelei oder einer Vergewaltigung, die Forschung ist da uneins, mit der „Sevillanerin“ Syoma Julia gingen zwei Söhne hervor. Papa Cäsar tötete den einen, um die Götter milde zu stimmen, Julia floh entsetzt vor dem Monster-Vater mit dem anderen in die Vorstadt. Der wuchs versteckt und behütet auf, machte sich aber als stattlicher Jüngling mit einem Salatmesser bewaffnet nach Rom auf. Brutus war sein Name.

Auf den Spuren von Hispalis werden Führungen durch Sevilla angeboten. Im nahen Itálica, einer der größten erhaltenen Römerstädte überhaupt, gibt es im August Nachtführungen, antikes Theater und Konzerte: www.italicasevilla.org

Zum Thema: Spaniens Little Italy - Ein Rundgang durch Itálica bei Sevilla und was Cäsar in Spanien anstellte.

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