Mark Twain auf der Brücke der Quaker City.
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Mark Twain auf der Brücke der Quaker City. Karikatur in einer Ausgabe von „The Innocents Abroad“ von 1892.

Mark Twain in Spanien

Twain in Spain: Wie es dem US-Schriftsteller auf seiner Spanien-Reise die Sprache verschlug

  • Marco Schicker
    VonMarco Schicker
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Mark Twain reiste 1867 mit einer Gruppe „argloser“ Amerikaner durch Europa ins Heilige Land, durchbrach in Málaga die Quarantäne und verbrachte „höchst erfreuliche Tage“ in Andalusien. Ausgerechnet ihm, dem gewitzten Vielschreiber, gingen in Spanien die Worte aus.

Málaga - Cervantes schuf Anfang des 17. Jahrhunderts mit seinem "Don Quijote" nicht nur die "Mutter aller Romane", sondern auch eine so geniale wie vernichtende Satire gegen die damalige Plage der Ritterromane und deren kitschig verklärenden Heroismus. Etwa 250 Jahre später gelang dem US-Amerikaner Mark Twain ein ähnlicher Coup gegen die damals aktuell werdenden Plage der Reisebeschreibungen. Sein satirisches Reisetagebuch "The Innocents Abroad", "Die Arglosen im Ausland", wurde in gewisser Weise auch ein universelles Werk, eine Psycho-Studie von Menschen und Zeiten. Allein, Twain gelang es damit nicht, den Massen verzerrender, schlechter und sinnloser Reiseführer ihr verdientes Ende zu bereiten. Das Internet verwandelte die Plage mittlerweile in eine Pandemie, ohne Aussicht auf ein Vakzin oder auch nur Linderung.

Twains Pläne für Spanien: Mallorca voller Früchte, feinste Stadt Valencia

Es war 1867, die USA begannen gerade, sich von ihrem Bürgerkrieg zu erholen, da war "travelling to Europe" ganz groß in Mode. Obwohl, wie Mark Twain auch bemerkte, diesem Trend eine gewisse Dekadenz innewohnte, wenn man bedenkt, dass Millionen unglücklicher Seelen gerade in die USA auswanderten, um dem elendigen Alltag in Europa zu entfliehen. Und der Cholera, die wieder einmal grassierte. Doch der Albtraum Krieg wollte überwunden werden und so kam es, dass Twain mit einer kunterbunten, wohlsituierten und sehr amerikanischen Reisegesellschaft auf dem Dampfschiff "USS Quaker City", die schon im Bürgerkrieg im Einsatz war, im Frühling 1867 über den Atlantik aufbrach, mit ungünstigem Wind und Strömung, während ihnen tausende Schiffe mit Ziel Amerika entgegenschwammen, die ebenfalls neben Hunger und Seuchen der unendlichen Kriege Europas entflohen.

Mark Twain auf einer Fotografie zwischen 1867 und 1870, also etwa zur Zeit seiner großen Europa-Reise.

Twain, damals 32 Jahre jung, nutzt die "Reise nach Europa und ins Heilige Land", die fast ein halbes Jahr dauern würde, um auf über 600 Seiten wirklich jedes Detail einer solchen Unternehmung zu analysieren, zu zerpflücken und dem Leser zu einer Unterhaltungslektüre zusammenzubasteln, als sei er selbst mitgefahren und Teil der Reisegesellschaft. Und so werden das Sigthseeing und die erlebten oder eingebildeten Abenteuer der Reisenden zum Aufhänger für ironische Sticheleien, psychologische Studien, spielt Twain mit Klischees über "Wilde", kuriose europäische Sitten, die Bigotterie und das Business mit Glauben und Religion im Heiligen Land, immer durch die sehr amerikanische Brille. Mal schwadroniert er mit der Selbstgefälligkeit des Halbwissenden, mal mit der "typischen" Arroganz des Gringos, um sich einen Satz weiter in der Schönheit einer Landschaft, in der liebevollen Geste eines Menschen oder ein historisches Detail schwärmend zu verlieren. Das Fazit seines genialen und unendlich amüsanten Buches könnte simpel lauten: Reisen bildet, solange man kein Ami ist. Doch der hat immerhin seinen Spaß dabei.

Der großartige Erzähler und Humorist - auch über seine "Hits" Huckelberry Fin und Tom Sawyer hinaus -, sollte uns von dieser Reise doch auch einige Schwänke aus Spanien überliefern, schließlich musste sein Schiff zweimal daran vorbei und es schwärmt schon die Werbeannonce des Reiseveranstalters, dass man auf der Hinfahrt Gibraltar und auf dem Rückweg von Ägypten die "wundervollen Häfen von Palma in Majorca" ansteuern werde, mit "ihren charmanten Szenerien und ihrem Überfluss an Früchten", man werde mit Valencia "die feinste Stadt Spaniens" anlaufen (was man dann doch nicht tat), dann gehe es weiter "entlang der Küste nach Alicante, Carthagena, (Cabo de) Palos und Málaga".

Mark Twain hatte nach Gibraltar "vorläufig genug von Spanien" und wollte nach Marokko

Zudem bot die Quaker City den Passagieren an, auf der Hinreise ab Cádiz oder Málaga über Land durch Spanien zu fahren, bis nach Paris und dann in Marseille wieder zuzusteigen. Twain entschied sich dagegen, nach seinem Besuch von Gibraltar hatte er "vorläufig genug von Spanien" und Gibraltar war auch "spanisch genug" für ihn, schrieb er, "Gibraltar und San Roque ist alles, was wir von Spanien sehen wollten." Ihn zog es hinüber nach Tanger in Marokko, "die zweitälteste Stadt der Welt", wie er glaubte, zu wissen. Denn dort hofft er, "all die Afrikaner, Mohren (Mauren), Araber und Beduinen der Wüste zu sehen, eine Erfahrung, für die ich alles andere dieser Reise eintauschen würde." Er wurde nicht enttäuscht, denn "das war der höllischste Haufen von sich höllisch gebärdenden Barbaren, die ich je in meinem Leben gesehen habe." Aus Twains Feder ein Kompliment, da seine wildesten Erwartungen erfüllt wurden.

 Spanien war die einzige Nation, die die Mohren fürchten.

Markt Twain

Er hinterließ von seinem ersten Landgang auf der Iberischen Halbinsel lediglich ein paar Anekdoten über den Affenfelsen und die Affenhitze und die dortigen Festungen, ein paar Sticheleien gegen die Briten, die Qual, die Reiseleiter bereiten, wenn sie alle die gleiche unwahrscheinliche Legende repetieren und einen Slapstick über den Kauf von Glacéhandschuhen in einem spanischen Geschäft. Von Tanger hingegen war Twain über die Maßen fasziniert, weil es so authentisch war, er fühlte sich 500 Jahre in der Geschichte zurückversetzt, beschreibt das jüdische Viertel und deren spartanische Hauseinrichtungen, denn "in das Haus eines Mauren wird nie je ein Christenhund wie ich einen Fuß setzen" dürfen.

Twain in Hochform: Spanier erschrecken Marokkaner und essen deren Katzen

Rund ein halbes Jahr war die USS Quaker City das Zuhause von Mark Twain auf seiner Reise durch Europa und das Heilige Land.

Während ein Teil der Reisegesellschaft dann über spanisches Land nach Frankreich reiste und sich dabei mit dem Fez aus Fez, den lustigen Hüten der Marokkaner zum Affen machte, ließ sich Twain auf der Quaker City gemütlich gen Mallorca und Menorca schaukeln, "durch das intensive Blau und das hinreißend schöne Mittelmeer". An Land ging er aber erst wieder in Marseille. In diesem Ambiente verarbeitete er auf dem Sonnendeck seine Eindrücke, die angesichts der aktuellen Spannungen der Nachbarn Spanien und Marokko besonders erhellend erscheinen. Denn damals war "Spanien die einzige Nation, die die Mohren fürchten. Denn Spanien schickt immer gleich seine schwersten Kriegsschiffe, um die Moslems mit ihren lautesten Kanonen zu erschrecken." Dagegen würden "Amerika und die anderen Nationen nur ab und an kleine Kähne vorbeischicken", aber "die Mohren, wie alle Wilden, lernen nur bei dem, was sie sehen und fühlen, nicht bei dem, was sie hören oder lesen".

Er schreibt von dem korrupten "Kaiser von Marokko", der seine Untertanen wie den letzten Dreck behandelt und wie Spanien vor ein paar Jahren die Stadt Tetuán, "Marokkos weiße Taube", überfallen habe, um einen neuen Streit über Ceuta in seinem Interesse zu entscheiden. Spanien ließ sich für das Verlassen von Tetuán Lösegeld zahlen, "ging aber erst, als seine Soldaten alle Katzen im Ort aufgegessen hatten, was ihnen die Marokkaner sehr übel nahmen, für die Katzen eine Art heiligen Status" genießen würden. Dass Twain nicht glaubte, spanische Soldaten würden Fressgelage mit Katzen veranstalten (wir wollen das weniger ausschließen als er) und er Marokkaner und Moslems nicht pauschal als "Wilde" betrachtete, muss heute vielleicht wieder erklärt werden, denn: Ironie versteht der Leser nie und der Twain-Neuling muss schon ein paar Seiten des Meisters gelesen haben, um dem verspielten, aber manchmal auch brachial und sehr lakonisch umgesetzten Umgang mit Vorurteilen und der Ignoranz der Amerikaner folgen zu können.

Keine Zeit für Alicante, Quarantäne vor Málaga: Twain hatte sich leergeschrieben

Twains "arglose" Gesellschaft machte sich nun auf, um im Hochsommer in Palästina bis Jerusalem, Damaskus und Konstantinopel auf den Spuren der Bibel zu wandeln. Die dortigen Erlebnisse lieferten dem kreativen Schandmaul unendliche Vorlagen für witzige Reflexionen. Davor und danach waren Frankreich, Italien, Griechenland mit den vielen antiken Stätten und auch noch Ägypten und die Krim weitere Stationen und als man dann bereits auf dem Rückweg wieder vor Málaga ankerte, litt die ganze Gesellschaft unter Reizüberflutung, Heimweh und Erschöpfung. Twain hatte sich offenbar leer geschrieben, mit tausenden Seiten Tagebüchern, Skizzen und Briefen. Er mochte, er konnte nicht mehr.

Ansicht des Hafens von Málaga am Ende des 19. Jahrhunderts, etwa so, wie ihn Mark Twain gesehen haben könnte.

Von Alexandria aus schrieb er: "Wir befanden uns nun wieder auf See, auf einer sehr langen Reise, mehrere Wochen, die entlang der gesamten Levante, der gesamten Breite des Mittelmeeres und des ganzen Atlantiks" führen würde, rund "40 Tage bis nach Hause". Und er nahm sich vor, "nicht weiter umherzuschweifen als vom Bug zum Heck des Schiffes". Sein Schiffstagebuch, das er zuvor noch ausschweifend führte, wurde nun zum Telegramm, am 17. Oktober 1867 "ankerten wir vor der schönen Domstadt Málaga". Alles von Valencia über Alicante bis Cartagena, was im Reiseplan gestanden, hatte man einfach ausgelassen. "Fuhren im Boot des Kapitäns in Málaga an Land - wiederum nicht an Land, denn sie wollten uns nicht landen lassen. Quarantäne. Schickte meine Zeitungskorrespondenz ab, die sie mit Zangen ergriffen, in Seewasser tauchten, voll Löcher knipsten und dann mit schändlichen Dämpfen ausräucherten, bis sie wie ein Spanier roch. Erkundigten uns nach der Möglichkeit, die Blockade zu durchbrechen und die Alhambra in Granada zu besuchen. Zu gewagt - sie könnten einen hängen. Und so weiter und so fort mehrere Tage lang."

Doch so, wie viele sich besonders schlau vorkommende Reisende während der Coronavirus-Pandemie 2020, trickste auch Mark Twain 1867 die Quarantänen wegen der Cholera-Epidemien in den Mittelmeerhäfen aus, die damals übrigens eher die Regel als die Ausnahme waren. Mit einem Beiboot ließ er sich von Málaga ins britisch kontrollierte Gibraltar bringen, sein Schiff musste nämlich über eine Woche auf eine Kohlelieferung für die Rückfahrt in die USA warten. "Es wäre sehr langweilig gewesen, hierzubleiben, und daher durchbrachen vier von uns die Quarantäneblockade und verbrachten sieben höchst erfreuliche Tage in Sevilla, Córdoba, Cádiz und bei Wanderungen durch das liebenswürdige Andalusien, den Garten des alten Spaniens. Die Ereignisse dieser heiteren Woche waren zu mannigfaltig und zahlreich für ein kurzes Kapitel, und ich habe keinen Platz mehr für ein langes. Daher werde ich sie alle auslassen".

Eine Woche in Andalusien: Mark Twain schmuggelt sich nach Sevilla, behält Erlebnisse für sich

600 Seiten durch Europa und das Heilige Land, seitenweise Abhandlungen über die tausenden "originalen" Nägel vom Kreuze Jesus, über die "Halunken", die ihn durch die Sehenswürdigkeiten führen und das ist dann alles, was uns Twain über Andalusien, die Alhambra, Sevilla, ja ganz Spanien hinterlassen hat? Der wortgewaltige, der gewitzte Dauerplauderer wurde im Angesicht Sevillas sprachlos? Nun, wie geschildert, er war erschöpft, leergeschrieben. Doch echte Autoren schreiben, wenn nicht aus Geldnot, dann einzig aus pathologischem Drang, nicht aber aus Überzeugung oder "Lust". So liegt der Verdacht nahe, dass Twain sich diese Woche in Andalusien einfach selbst schenkte, die Eindrücke für sich behielt wie einen intimen Schatz, den er mit niemandem teilen mochte. Nach damaligen Kriterien hat eine Reise, erst Recht die eines Schriftstellers, ohne einen Tagebuch-Eintrag oder einen Brief gar nicht stattgefunden, so wie heute kein Ausflug, kein Essen ohne ein Foto auf Instagram oder Facebook mehr möglich scheint.

Diesem Zwang entzog sich Twain und der Nachwelt bleibt nur das Bedauern über eine klaffende Lücke im Spanien-Bild der US-Literatur zwischen den romantischen "Legenden der Alhambra" des Washington Irving 1832 und der testosterongesteuerten Wortgewalt des nicht nach, sondern über Spanien gekommenen Ernest Hemingway ("Siesta" 1926, "Wem die Stunde schlägt", 1940, Berichterstattung aus dem Spanischen Bürgerkrieg). Doch mit Mark Twain hat einer der besten Spanien sozusagen übersprungen.

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"Wunder der Alhambra": Twain von Andalusien überwältigt

Dass gerade Andalusien tiefen Eindruck bei Twain hinterlassen hat, erfahren wir dennoch - aber leider auch nur sehr, sehr knapp - aus seinem privaten Nachlass, den Briefen an seine Familie, in denen er Ende Oktober 1867, direkt vor der Rückfahrt nach Amerika, seine Abenteuer schildert, mit denen er die Cholera-Quarantäne umging. Offenbar hatte ein Schmuggler ihn und seine drei Kumpanen von Gibraltar über Cádiz den Guadalquivir-Fluss hinaufgebracht. Twain, in seinen Briefen wieder Samuel Langhorne Clemens, nicht der Schriftsteller, schreibt nach Hause: Letztlich "landeten wir in Sevilla an, wo der schwere Teil unseres Ausflugs endete. Danach nahmen wir alles leicht, schlenderten von einer Stadt zur anderen und erregten einige Aufmerksamkeit, denn ich tippe darauf, dass nicht so viele Ausländer durch Spaniens Südprovinzen reisen. (...) Das Land ist noch genauso wie damals, als Don Quixote und Sancho Panza hier gelebt haben könnten. Und ich sehe hier und jetzt, welch ruhmreiche Ära Spanien unter maurischer Herrschaft erlebt haben muss."

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Auch der folgende Satz erscheint nicht im Buch, nur privat im Brief: "Wenn einer sich forttragen und betören, sich einlässt auf die Wunder der Alhambra, auf die übernatürliche Schönheit des Alcázar, ist er geneigt, vor Ehrfurcht überzulaufen für die glänzenden Geister, die all das schufen." Absatz. "Ich kann jetzt nicht mehr schreiben. Ich sende nur diese Zeilen, um Euch wissen zu lassen, dass es mir gut geht." Ende der Reise. Twain kehrte nie wieder nach Spanien zurück. 1869 erschien sein Reisetagebuch "The Innocents Abroad", von dem allein im ersten Jahr über 70.000 Exemplare verkauft wurden. Das Buch blieb seine Gelddruckmaschine bis zum Lebensende so wie er auch seine Eindrücke von sieben Tagen Andalusien bis ans Lebensende für sich behielt.

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