Zwei Männer sitzen am Tisch, auf dem Biergläser stehen, und beugen sich über ein Comic-Blatt.
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Paco Rocas spanische Comics werden von André Höchemer (r.) auf Deutsch übersetzt.

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Deutscher aus Valencia übersetzt spanische Erfolgs-Comics

  • Stefan Wieczorek
    VonStefan Wieczorek
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Der Übersetzer André Höchemer macht Comics und Graphic Novels aus Spanien in deutscher Sprache bekannt. Darunter Werke von Paco Roca, eines angesagten Zeichners mit großem Herz für ältere Menschen.

Valencia - Wie in einem Bilderbuch mag sich Paco Roca in diesen Zeiten vorkommen. Erst 2020 bekam der Valencianer den Eisner-Preis, also quasi den Oscar der Comics und Graphic Novels. Und nun verlieh ihm seine valencianische Heimat zum regionalen Feiertag, 9. Oktober, die höchste Auszeichnung der Region Valencia. Dass die Erfolgs-Comics des Spaniers auch auf Deutsch gelesen werden können, ist André Höchemer zu verdanken. Der in Valencia lebende Übersetzer hat bisher sechs Werke von Paco Roca aus der spanischen Sprache Castellano ins Deutsche übersetzt.

Paco Roca Comicautor
Geboren1969 (Alter 52 Jahre)
HeimatValencia

Deutscher aus Valencia übersetzt spanische Erfolgs-Comics

Das in Spanien gefeierte Buch „Arrugas“ („Kopf in den Wolken“) brachte den deutschen Übersetzer André Höchemer auf Paco Roca. Die auch sehenswert verfilmte Geschichte greift die Themen Senilität und Leben im Altersheim exzellent auf. Paco Rocas großes Herz für Belange älterer Menschen ist eines der Markenzeichen des spanischen Erfolgs-Autors aus Valencia. Als die Coronavirus-Krise tobte, erhielt der Spanier den Auftrag, eine Wand der Madrider U-Bahn mit einer riesigen Widmung für Senioren zu schmücken. Längst ist der Comic-Autor in Spanien ein Mann der Stunde.

Es ist eine besondere, den Zeitgeist treffende, aber auch herausfordernde Sensibilität, die den Graphic-Novel-Autor auszeichnet. Das Faible für die Welt der Senioren - so vergessen im Jugendwahn des 21. Jahrhunderts - haben wir genannt. Aber Erwähnung verdient auch Rocas Talent, politische historische Erinnerung (an den Bürgerkrieg oder die Franco-Diktatur) auf persönliche Ebene herabzuholen. Oder, den Wert kleiner Dinge wiederzuentdecken. Dinge wie ein kleines, besonderes Foto. Um ein solches geht es im neuen Werk, das in der deutschen Übersetzung von André Höchemer den Titel „Rückkehr nach Eden“ trägt.

Deutscher Übersetzer: Spanien Außenseiter - Benidorm statt Gotham

Vielleicht liegt es am langen Wohnen im Südosten von Spanien, dass der Deutsche André Höchemer aus Valencia einen besonders guten Zugang zu den Werken von Paco Roca fand. Auch der gebürtige Hesse ist mittlerweile ein echter Valencianer. „Neulich habe ich den Zenit überschritten und lebe länger hier als in Deutschland“, sagt der Übersetzer, Blogger und Buchautor. Höchemer bot mehreren Verlagen Übersetzungen des Autors der spanischen Erfolgs-Comics an. Reprodukt schlug zu und bietet bisher sechs Bücher von Paco Roca in deutscher Übersetzung an.

Die Reaktionen auf Paco Rocas Werke seien im deutschsprachigen Raum durchaus positiv, sagt Übersetzer André Höchemer. Allerdings stelle sich noch kein Hype wie in Spanien ein. „In der deutschen Comic-Landschaft dominieren immer noch Werke aus dem französisch-belgischen Raum. Und dann natürlich auch die Mangas aus Japan und die US-amerikanischen Superhelden.“ Auch das Comic-Festival in Brüssel im Oktober 2021 zeigte nicht so viel Interesse an spanischen als vielmehr an südkoreanischen Werken, sowie, zum Jubiläum von Lucky Luke, natürlich am altbekannten Klassiker (siehe Video).

Vielleicht gelingt es Paco Roca, den Trend zugunsten der Comic-Kultur aus Spanien zu ändern. Einen Superhelden-Comic hat der Valencianer soeben verfasst, wenn auch nachdenklicher Art: Im Sonderband „Batman: El Mundo“ für den US-Verlag DC ließ der Spanier die Actionfigur nach Benidorm reisen. In Spaniens Tourismushochburg, fern von Gotham City, hängt der Fledermaus-Mann im Geiste jedoch völlig in der Luft. Statt Kriminellen das Handwerk zu legen, muss Batman sich mit sich selbst beschäftigen. Auch wenn Corona nicht direkt vorkommt, sei der Comic durch die Pandemie doch sehr inspiriert, verriet der spanische Zeichner.

Ur-Spanischer Wortwitz: Kaum 1:1 ins Deutsche zu übertragen

Mittlerweile kennen der Spanier und sein Übersetzer Höchemer sich persönlich, reisen gar gemeinsam zu Comic-Events, wodurch der Deutsche - eigentlich ein Spezialist für vereidigte Übersetzungen - viele neue Bekanntschaften in der bunten Branche der Graphic Novels machte. Für mehrere Verlage übersetzt der „Alemol“, wie Höchemer sich in seinem Blog nennt, spanische Erfolgs-Comics, darunter für den Avant Verlag Werke von Antonio Altarriba, die auf eher düstere Art Spaniens Volksseele porträtieren. „Die Kunst zu Fliegen“ sei bei Altarriba ein guter Einstieg, rät André Höchemer.

Erfolgs-Comic aus Spanien: Der Mafalda-Zeichner Joaquín Lavado, Quino, starb 2020.

Für Carlsen dagegen ist der Übersetzer in fröhlicheren Gefilden tätig: Bei „Mafalda“ des kürzlich verstorbenen Quino oder den neuen Folgen von „Clever & Smart“ alias „Mortadelo y Filemón“. Eine leichte Kost sind diese Arbeiten aus Übersetzer-Sicht aber nicht. Denn etwa die durchgeknallten Agenten-Stories von Mortadelo y Filemón leben vom urspanischen Wortwitz, den man kaum 1:1 in die deutsche Sprache übersetzen kann. „Oft muss ich mir ganz neue Witze überlegen. Was nicht einfach ist, denn, wenn ein Stier auf dem Bild ist, dann muss auch im Witz einer vorkommen“, so Höchemer. „Und der Leser muss natürlich noch lachen.“

Der valencianische Deutsche selbst sei nicht immer begeistert von der oft Grenzen des guten Geschmacks überschreitenden Art von „Mortadelo y Filemón“-Autor Francisco Ibáñez. „Aber meine Mittel sind begrenzt. Die Zeichnungen kann ich ja nicht ändern.“ Ferner muss sich der Übersetzer mit einer knallharten Fanschar auseinandersetzen: Die neuen Ausgaben von „Clever & Smart“ wollte Höchemer näher ans Original rücken. „Die alten Übersetzungen wurden manchmal ohne jegliche Spanisch-Kenntnisse getätigt. Es wurde halt irgendwas verfasst, was irgendwie zu den Bildern passte.“

Abtauchen birgt Risiken: Comic-Schatzsuche als spanische TV-Serie

So kam es, dass sich im Deutschen für Mortadelo und Filemón die Namen Fred und Jeff einbürgerten. Letzterer eindeutig wegen einer eigenwilligen Übersetzung des Wortes „Jefe“, Chef. „Aber erst das Wort erklärt, dass es eine Hierarchie zwischen den beiden gibt“, so Höchemer, der in seinen Ausgaben einen Kompromiss wagte: Mal heißt es „Jeff“, mal „Chef“. Doch prompt kamen Proteste: „Ein Leser suchte mich sogar auf Facebook, und schrieb, ich hätte etwas falsch verstanden. Da klärte ich ihn auf, dass es andersherum ist“. Auch ein Übersetzer von Sprachbildern geht also Risiken ein, wenn er in gewisse Tiefen vordringen will.

Apropos abtauchen: Von einem Schatz im Meer erzählt die von André Höchemer übersetzte Graphic Novel „Der Schatz der Black Swan“ von Paco Roca. Ein amerikanisches Unternehmen birgt im Atlantik Gold- und Silbermünzen im Wert von 500 Millionen Dollar. Der Sensationsfund führt jedoch zu einem erbitterten Konflikt mit Spanien. Denn der Schatz in den Tiefen stammt wohl von einem Wrack mit spanischer Flagge. Eine wahre Geschichte, die 2007 Schlagzeilen machte, verpackte hier Roca in einer gemeinsamen Arbeit mit Guillermo Corral als spannendes Comic-Abenteuer.

Haus in Valencia: In Paco Rocas Comics mischt sich Realität mit Fiktion.

Neuerdings begeistert das valencianische Comic-Abenteuer über die Black Swan Spanien als TV-Serie „La Fortuna“ auf dem Digitalsender „Movistar+“. Es ist, anders als bei der Kino-Version von „Arrugas“ allerdings kein Trickfilm, sondern diesmal eine reale Verfilmung mit Schauspielern. Doch Paco Roca bekundete bereits, wie sehr er sein ursprüngliches Werk in der angesagten spanischen Serie wiederfinde. Auch ein Beleg dafür, wie nah am Leben gelagert - trotz ihrer beeindruckenden Tiefe - seine Bildergeschichten sind.

Blog „Alemol“ und Infos zu Übersetzer André Höchemer: www.alemol.com

Webseite von Graphic-Novel-Autor Paco Roca: www.pacoroca.com

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