Der spanische Regisseur Luis García Berlanga neben einer Filmkamera.
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Spanische Filme: Regisseur Luis García Berlanga aus Valencia wäre am 21. Juni 100 Jahre alt geworden.

Meister der Ironie

Valencia feiert Berlanga: Regisseur genialer spanischer Filme wäre 100 Jahre alt geworden

  • Anne Götzinger
    VonAnne Götzinger
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Am 12. Juni beging Spanien den 100. Geburtstag des unnachahmlichen Filmemachers Luis García Berlanga. Ein faszinierender Künstler voller Widersprüche, der exzellente Streifen wie „Willkommen, Mr. Marshall“ (1953) hinterließ.

Valencia - Bissig, ironisch, genial, satirisch und zugleich verständnisvoll – mit diesen Adjektiven wird Luis García Berlanga (1921-2010) oft beschrieben. Der Filmemacher hat wie kein anderer ein großes Fresko der spanischen Gesellschaft des 20. Jahrhunderts auf Celluloid gebannt. Der in Valencia geborene Künstler besaß eine so eigentümliche Art, geniale Filme zu machen, dass das spanische Wörterbuch heute ein eigenes Adjektiv dafür bereithält: berlanguiano/a. Berlangas Humor schaffte es, alle Miseren von Spanien aufzudecken – und dabei, wie im Film „Los jueves, milagro“, die Zensur der Franco-Diktatur zu foppen. Am 12. Juni wäre der Cineast 100 Jahre alt geworden.

Luis García BerlangaFilmregisseur
Geboren: 12. Juni 1921, Valencia
Verstorben:13. November 2010, Madrid
Ehepartnerin: María Jesús Manrique de Aragón (verh. 1954–2010)

Valencia: Geniale spanische Filme - Filmemacher Berlanga wäre 100 Jahre alt geworden

Luis García Berlanga Martí wurde am 12. Juni 1921 in Valencia im Schoß einer bürgerlichen Familie aus Großgrundbesitzern und Händlern geboren. „Schon am dritten Tag nach meiner Geburt habe ich auf die spanische Gesellschaft geschissen“, soll der geniale Filmemacher aus Spanien einmal gesagt haben. Er war der jüngste Sohn von José García-Berlanga y Pardo, einem Parlamentarier der bürgerlich-linken Unión Republicana, und Amparo Martí Alegre, einer konservativen Katholikin und Besitzerin einer Konditorei.

Berlanga besuchte zunächst die Jesuiten-Schule San José in Valencia, doch wegen Lungenproblemen wurden er und sein Bruder Fernando auf das Kur-Internat „Beau Soleil“ in den Schweizer Alpen geschickt, wo der spätere Regisseur zwei Jahre verbrachte. In einer Biographie gestand der Macher genialer spanischer Filme, dass er sich als Kind dazu berufen fühlte, Gott zu sein: überall zu sein und alles zu sehen. Stattdessen sollte er sich später zu einem „einfachen und neugierigen Individuum“ entwickeln.

Der Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs überraschte den damals 15-Jährigen Luis García Berlanga in Utiel im Sommersitz der Familie. Der junge Mann erlebte diese Jahre als eine Art „lange Ferien“ und nutzte sie, um zu lesen, zu lernen und die Basis für sein späteres kulturelles Wissen zu schaffen.

Valencia: Regisseur genialer spanischer Filme - Berlanga, Künstler voller Widersprüche

Der Filmemacher selbst erklärte 1984 im Programm „Autorretrato“ (Selbstporträt) des staatlichen spanischen Fernsehens, dass sein wesentlichster Charakterzug der Widerspruch sei: „Ich bin ein Mann, der die angenehmen Seiten des mediterranen Lebens liebt, ich mag den Ulk, aber ich wurde an einem Tag geboren, der eine nationale Tragödie war, im Desaster von Annual im Afrika-Krieg, bei dem tausende spanische Soldaten starben.“

Er liebe es zu essen, könne sich aber noch nicht einmal einen Café con leche aufwärmen. Er verabscheue den Krieg, habe aber an zweien teilgenommen, zählt er weitere Widersprüche auf. So kämpfte Berlanga im Zweiten Weltkrieg sogar auf der Seite des „Feindes“. Um das Leben seines von den Nationalisten verurteilten Vaters zu retten – und die Aufmerksamkeit einer unerwiderten Liebe zu bekommen – meldete er sich als Freiwilliger in Francos División Azul und kämpfte an der Seite der Nazis an der Ostfront. Seine Erlebnisse an der Wolchow sollten bei ihm eine Distanzierung von jeglichen politischen Ideologien auslösen, die sein Denken von da an beeinflussen sollte.

Zurück in Valencia schrieb Berlanga sich in der Fakultät für Philosophie und Literatur ein – mit dem einzigen Ziel, in deren Fußballteam zu spielen – und verfasste sein erstes Drehbuch zu „Cajón de perro“, der jedoch nie verfilmt wird. Ende der 40er Jahre immatrikulierte sich Berlanga im Institut für cinematographische Studien und Erfahrungen (IIEC). Sein Erstlingswerk als Regisseur – in Zusammenarbeit mit seinem Studienkollegen Juan Antonio Bardem – ist 1951 „Esa pareja feliz“.

Valencia: Macher genialer spanischer Filme wäre 100 Jahre alt geworden - Berlangas „Bienvenido, Mr. Marshall“

Valencia: Berlanga wäre 100 Jahre alt geworden - Meister der Ironie

Den Durchbruch feierte er aber 1953 mit seiner bissigen Satire „Bienvenido, Mr. Marshall“, in der er scharfsinnig die spanische Gesellschaft, ihre Hoffnungen und Enttäuschungen beleuchtet: Das kleine Dorf Villar del Río bereitet sich auf die Ankunft einer amerikanischen Delegation vor, vom Marshall-Plan erhoffen sich die Einwohner Glück und Wohlstand. Am Ende fährt die Delegation an dem verschlafenen Örtchen vorbei, die USA verweigert dem faschistischen Spanien letztendlich die Gelder – nur der Deckmantel der Komödie schützt den Streifen vor dem Reißwolf der Zensur.

Unverzichtbare Berlanga-Filme:

  • „Esa pareja feliz“ (1951)
  • „El verdugo“ (1953)
  • „Bienvenido, Mr. Marshall“ (1953)
  • „Calabuch“ (1956)
  • „Los jueves, milagro“ (1957)
  • „Plácido“ (1961)
  • „¡Vivan los novios!“ (1969)
  • „La escopeta nacional“ (1978)
  • „La vaquilla“ (1985)
  • „Todos a la cárcel“ (1993)

1954 heiratete er seine Freundin María Jesús Manrique de Aragón, mit der er vier Söhne haben sollte. In der Folge drehte Berlanga 15 weitere Spielfilme und mehrere Kurzfilme. Zahlreiche nationale und internationale Filmpreise, darunter ein Goya für „Todos a la cárcel“ und zwei Auszeichnungen beim Filmfestival in Cannes für „Bienvenido, Mr. Marshall“, kennzeichnen die Karriere eines der bedeutendsten Cineasten Spaniens, der viele andere Filmemacher prägte. 2002 erhielt Berlanga den Prinz-von-Asturien-Preis für sein Lebenswerk. Er starb 2010 mit 89 Jahren in Madrid.

Seinen letzten Streich vollführte der Filmemacher übrigens noch nach seinem Tod: 2008, bereits mit delikater Gesundheit, deponierte er im Instituto Cervantes einen Umschlag, der nach eigenen Angaben ein Geheimnis enthielt. Er bat, den Umschlag nicht bis zum 12. Juni 2021 zu öffnen, an seinem 100. Geburtstag. Vergangenen Samstag wurde Berlangas Geheimnis schließlich gelüftet: Der Umschlag enthielt ein unveröffentlichtes Drehbuch zum Film „¡Viva Rusia!“, der sich an seine erfolgreiche Trilogie „Nacional“ anschließen sollte, aber nie verfilmt wurde. Die letzte Pointe des genialen Luis García Berlanga.

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