Ein mit Tuch und Krone gekleideter Junge blickt in einer Kirche nach oben.
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Szene aus dem Weltkulturerbe „Misteri“: Wann öffnet sich der Himmel über der Costa Blanca wieder?

Spaniens Schätze

Himmlisches Weltkulturerbe aus Spanien: „Misteri d‘Elx“ - Jubiläum ohne Show

  • Stefan Wieczorek
    VonStefan Wieczorek
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Ein Spektakel der Costa Blanca ist im August normalerweise das „Misteri d‘Elx“. 2021 feiert das Schauspiel von Elche das 20. Jahr als Unesco-Weltkulturerbe. Bisher verhindert die Corona-Lage jedoch eine Aufführung. Die Hoffnungen ruhen auf Oktober.

Elche – Ein riesiger goldener Granatapfel gleitet vom Himmel herab. Unten stehen Männer in historischen Trachten und singen, von einem goldenen Regen begossen, in wundersamen Harmonien andächtige Texte in einem antiken Dialekt. Ein Fantasy-Film? Nein, das „Misteri d‘Elx“, das himmlische Schauspiel aus Elche an der Costa Blanca. 2001 zeichnete es die Unesco als eines der ersten 32 immateriellen Weltkulturerbe überhaupt aus. Immer zu Maria Himmelfahrt am 15. August vor großem Publikum aufgeführt, verhindert ausgerechnet im Jubiläum, 20 Jahre nach der Unesco-Erklärung, das Coronavirus die mittelalterliche Show.

Himmlisches Weltkulturerbe der Costa Blanca: „Misteri d‘Elx“ 2021 ohne Show

„Es ist das einzige Schaustück dieser Art, das es noch auf der Welt gibt“, erklärt Salvador Cotes vom Ausschuss des „Misteri d‘Elx“. Noch im Mittelalter seien künstlerische Darstellungen der Aufnahme Mariens in den Himmel weit verbreitet gewesen. Liturgische Dokumente bezeugen die religiöse Show in Spanien im 12. Jahrhundert. Die Ausgabe der Wundergeschichte an der Costa Blanca ist mit einem Brief von 1573 erstmals urkundlich gesichert, ist aber wohl bedeutend älter. „Das Misteri wurde in Elche schon in den beiden Kirchen, die an der Stelle der heutigen Basilika standen, aufgeführt“, sagt Cotes über das himmlische Weltkulturerbe.

Zwar hält sich auch im 21. Jahrhundert in Spanien die Verehrung der Jungfrau Maria. Aber nirgendwo wird sie allerseits so anerkannt wie beim „Misteri d‘Elx“. Ob konservativ oder eher links - an der Costa Blanca und in der Region Valencia herrscht Konsens, dass das himmlische Weltkulturerbe bewahrt und gefördert werden muss. Sehen eher fromme Menschen darin den Ausdruck ihres christlichen Glaubens, preisen etwa die regionalen Linken die Jahrhunderte alten Texte: Ein Valenciano in mittelalterlicher Reinform, das auf tiefe Verwurzelung bereits zu Reconquista-Zeite schließen lässt.

Weltkulturerbe „Misteri“ mit strenger Auswahl: Maria unter Männern

Unter muslimischer Herrschaft in Spanien lebende Christen sprachen – und priesen die Jungfrau Maria – in der Sprache, mit der die Sänger des „Misteri d‘Elx“ ihre himmlischen Lieder anstimmen. Die Sprache ist aber nicht das einzige archaische Element des Weltkulurerbes von Elche. Ein weiteres ist die strenge Auswahl der Schauspieler: Nur Jungen und Männer stellen die sakrale Show dar. Selbst die „drei Marien“ des Stücks werden von männlichen Darstellern gespielt. So war es im Mittelalter, so müsse es bleiben, betont der Ausschuss des „Misteri d‘Elx“ und erntet dafür überraschend wenig feministische Kritik.

Zu den Aufgaben des Ausschusses des „Misteri d‘Elx“ gehöre es, das theatralische Kunstwerk zu fördern und es dabei unverfälscht zu übermitteln, erklärt Salvador Cotes. „Die Änderung jeder kleinen Note läuft über uns“, sagt der Experte für das himmlische Weltkulturerbe. Den runden Jahrestag der Unesco-Auszeichnung und den dunklen Schatten der Corona-Krise nahmen die Verwaltungen zum Anlass, um sich zur Förderung des Misteri zu verpflichten. Im Jahr 2022 stehen dem Weltkulturerbe 412.000 Euro zur Verfügung. So viel wie noch nie - dank Zuschüssen von der Stadt, der Provinz Alicante und der Region Valencia.

Himmlisches Weltkulturerbe der Costa Blanca: Das „Misteri d´Elx“ lässt Gold regnen.

Elemente des „Misteri d‘Elx“: Theater, Musik, Linguistik und Anthropologie

Ja, auch das himmlische Weltkulturerbe der Costa Blanca ist auf Irdisches angewiesen: Vor allem auf Geld. Denn die Bewahrung des „Misteri d‘Elx“ kostet. Nicht nur müssen die Aufführungen gründlich vorbereitet werden. Auch muss das „Misteri“-Museum in Elche aufrechterhalten und modernisiert werden, Weiterbildungen bezahlt und das Werk in den Medien beworben werben, um Touristen in die Basilika Santa María anzulocken. Vor allem müssen aber die Wurzeln in der Stadt gepflegt werden, mahnte im Jubiläumsjahr Bürgermeister Carloz González (PSOE). Die Jugend für das „Misteri d‘Elx“ zu begeistern, das sei „der Schlüssel“ des Fortbestands.

Aber auch auf die immer multikultureller werdende Stadt müsste das Weltkulturerbe Rücksicht nehmen, „ohne seine Natur und seine Traditionen zu verlieren“, so der Bürgermeister. Indes verfolgen fünf staatliche Universitäten der Region Valencia ein Abkommen mit Veranstaltungen, Studien und Forschungsprojekten zum „Misteri d‘Elx“. Beleuchtet wird es unter verschiedensten Gesichtspunkten, ob Theater, Musik, Linguistik, Anthropologie oder Sozialkunde. In Zukunft soll die Förderung auch mit akademischen Austauschprogrammen verknüpft werden, wovon sich der Ausschuss Fördermittel der EU verspricht.

Das „Misteri d‘Elx“ - ein wahrhaft himmlisches Gesamtpaket. Im August des Jubiläums 2021 fiel die Show wegen der Corona-Lage noch aus. Aber vielleicht öffnet sich im Oktober der Himmel der Basilika wieder. Denn in ungeraden Jahren sind in den Tagen vor dem Allerheiligen-Fest besondere „Misteri“-Aufführungen in der Stadt an der Costa Blanca üblich. Vielleicht klappt es ja doch noch mit dem Aufstieg der Jungfrau Maria, dem schwebenden Granatapfel und dem goldenen Regen unter der Kuppel. Wer Elche dann besucht, lernt zudem noch das andere große Weltkulturerbe der Costa Blanca, die Palmen, kennen.

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