Geschichte der Zarzuela

Denn das Leben ist schön: Die Zarzuela vertont seit 400 Jahren der Spanier Liebe und Leiden

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Aufführung im Teatro de la Zarzuela in Madrid.
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Musik und Tanz im Wechsel, dazu erhabene, gesprochene Parabeln aus dem Schatz antiker Sagen und ein bisschen Feuerzauber ließ sich die Hofgesellschaft an den Brombeersträuchern bei Madrid vor 400 Jahren vorspielen. Die Zarzuela war geboren. Sie blieb „Made in Spain“, flexibel im Inhalt, sorglos in der Form.

Madrid - Kennen Sie über das Land hinaus bekannte spanische Opern oder Opernkomponisten? Bestimmt nicht, denn es gibt sie praktisch nicht. Warum ließ ein Volk, das ständig singt, für alles ein Liedchen, eine Copla, eine Sevillana und sowieso einen intensiven Hang zum Dramatischen hat, es zu, dass ihre großen Gestalten von Ausländern zu musikalischem Ruhm geführt wurden?

Don Juan verführt seine 1.003 Spanierinnen als Don Giovanni des „Teutschen“ Mozart. Der vertonte auch Figaros Hochzeit in Sevilla, von Da Ponte zugetextet. Der dortige Barbier singt nach Rossinis Pfeife, Carmen verführt nach Bizets Vorgaben auf Französisch und Ritter Cid wird von Massenet verklärt, nicht von einem Valencianer. Don Carlos, immerhin der, wenn auch verstoßene Sohn des großen Königs Felipe II., ist ein Stück von Schiller, das Verdi zum klingenden Monument erhob. Donizettis Liebestrank wird in Sevilla ausgeschenkt, Fidelio von Beethoven in der Festung San Jorge in Triana gefoltert und Wagners unheimlicher Parsifal spielt an einem noch unheimlicheren Ort in Spanien.

Weltherrschaft statt Welttournee

Dass Spanien auf dem internationalen Opernparkett zwar als Inspiration und Bühnenbild brillierte, es eigene Werke aber kaum über die Landesgrenzen schafften, lag zum Teil daran, dass man Wichtigeres zu tun hatte. Was war schon die Opernwelt gegen die ganze Welt? Als italienische, französische und deutsche Operntruppen durch Europa tingelten, machte die spanische Armee eine große Tournee rund um die Welt, von Amerika bis zu den Philippinen. Zu Hause wachte ein verbohrter, fanatischer König, eben jener Felipe II., über sein Land, zwang es für den katholischen Gott in die Knie und isolierte es dabei auch kulturell länger als günstig.

Das Volk, selbst der Hof, verlangten alsbald nach Vergnügen und Ablenkung. Das Weltreich wankte Anfang des 17. Jahrhunderts bedenklich, die Armada war versenkt, England und Frankreich pfiffen zum letzten Angriff auf die noch spanischen Niederlande. Der Goldstrom versiegte, der Gewürzhandel stockte, Protestanten und Aufklärung nervten. Spaniens Stern, noch eine Generation zuvor hoch und hell am Firmament, begann zu sinken.

Das erkannte um 1650 Felipe IV. zwar, konnte aber nicht viel dagegen tun. Wie auch, dem „Rey planeta“ schwammen international die Felle davon, Geld und Ressourcen waren schon lange aufgebraucht. Die Korruption im Land war so hartnäckig wie die Inquisition sinnlos. Er wollte zumindest Religion und Moral im Lande hochhalten, verbot Fremdgehen und Prostitution, dabei waren acht seiner 23 eigenen Kinder außerehelich. Als wäre das nicht schon Operette genug, entstand unter seiner Herrschaft ein eigenes Bühnengenre.

Die Zarzuela benennt heute in Spanien einen Tanz, ein Dorf in der Provinz Segóvia, einen bunten Eintopf und ein königliches Lustschloss, heute noch Hauptsitz der Familie Borbón. Und alles hängt mit allem zusammen, nämlich mit der Zarza, dem Brombeerstrauch. Viele davon standen an den Hängen der Hügel unweit des Jagdschlosses Felipe des IV. Neben diesem Palacio de la Zarzuela ließ er sich einen Pavillon errichten, um sich nach getaner Jagd und Staatsgeschäften zu vergnügen.

Von züchtig bis zotig

Musik und Tanz im Wechsel, dazu erhabene, gesprochene Parabeln aus dem Schatz antiker Sagen und ein bisschen Feuerzauber ließ sich die Hofgesellschaft an den Brombeersträuchern vorspielen. Züchtig und stilvoll. Die Zarzuela war geboren. Angeblich war das Werk „El jardín de Falerina“, 1648, die erste ihrer Art. Sie stammt von Calderón, neben diesem schrieben Quevedo und Lope de Vega, also die besten ihrer Zeit, vorrangig für das neue Genre. Andere Quellen sprechen von 1657 als dem Geburtsjahr und dem „Laurel de Apolo“, ebenfalls von Calderón, Musik von Juan de Hidalgo, als erstem Werk des Genres.

Am anderen Ende der gesellschaftlichen Leiter ließ man sich nicht lange bitten. Das Volk verwandelte bereits seit Ende des 16. Jahrhunderts Dorfplätze in Theater, in dem man sie mit Bretterbuden zubaute, die als Bühne dienten, Balkons der Häuser als Logen nutzte und auf dem Platz Bänke aufstellte. Geboren waren die Corrales de Comédia. Diese ahmten die herrschaftlichen Veranstaltungen nach, die Sujets waren aber nicht so erhaben. Vielmehr boten die Truppen zotige Klamotten, die sich mit pastoralen Liebesspielchen abwechselten, gerne auch deftige Parodien jener Meisterwerke, die sich die Aristokratie vortragen ließ. Die Musik war mehr Untermalung oder Tschingdarassabum, mehrere Einakter, getrennt durch Tanzeinlagen und Gauklerstücke sorgten für Abwechslung.

Cervantes staunt im „Stundentheater“

Ein Dichter in den mittleren Jahren, ein gewisser Cervantes, sah diesem Treiben in Madrid eine Weile zu. Der noch junge, bald große Lope de Vega hatte die Theaterindustrie schon fest im Griff und wachte eifersüchtig über sein Monopol. Beide verband respektvolle Abneigung. Cervantes dichterischen Stil tat Vega als veraltet und zu steif ab, der Gescholtene wiederum verachtete das banale „Stundentheater“. Lope de Vega ließ nur wenig von Miguel aufführen, fast alles davon ist verschollen. Diesem Misserfolg verdankt die Menschheit letztlich den ersten, den wichtigsten, den Roman aller Romane, Don Quijote.

Theater war schon damals ein Geschäft. Zwar brachten Aufführungen am Hofe Prestige, aber wenig Geld, schon bald siedelte das Theater, unter Leitung eines vom König ernannten Hoftheaterdirektors nach Madrid über. Der Palacio del Buen Retiro im gleichnamigen Park sowie der Salón de comedias im Alcázar Real de Madrid wurden erste feste Spielstätten. Im 19. Jahrhundert kamen das Apolo hinzu, schließlich das bis heute spielende Teatro de la Zarzuela und bald schwangen alle Theater im Lande im gleichen Takt. Zur Hochzeit im 18. Jahrhundert gab es Häuser mit über 2.000 Plätzen.

Von den frühen Zarzuelas ist kaum Musik überliefert, Rekonstruktionen eines Werkes von José den Nebra von 1743, in dem sich Rezitative, also gesprochene Stellen mit recht statischem Chorgesang und lieblichen Arien abwechseln, belegen, dass es sich um hispanisierte Surrogate der französischen und italienischen Operntradition handelte. Es tauchen Kastagnetten, Zupfinstrumente und Volkstänze auf. Ende des 18. Jahrhunderts versuchten sich auch Ausländer, darunter der Italiener Boccherini an Zarzuelas. Seine La Clementina entstand mit dem Text von Ramón de la Cruz, dem führenden Librettisten seiner Epoche, den im Ausland wieder mal kein Mensch kennt, während Metastasio und Da Ponte feste Größen sind. Zarzuelas etablierten sich in lokalen Abwandlungen in Lateinamerika und auf den Philippinen.

Ausschnitte aus den bekanntesten Zarzuelas

Immer mit der Mode

Schon zur Gründerzeit war die Zarzuela also ein theatralisches Mischwesen, ein Mix, der sich an der Opera buffa, später dem deutschen Singspiel orientierte. Doch sie blieb Made in Spain, flexibel im Inhalt und sorglos in der Form, immer den Moden nach. Was vielleicht ihr langes Überleben erklärt. Denn im 19. Jahrhundert begann eigentlich erst die Blüte der Zarzuela-Kunst. Da fanden das Theater der Oberschicht und die Gassenhauer-Spektakel des Pöbels in den neuen Musentempeln eines sich emanzipierenden Bürgertums zusammen und verschmolzen zu dem, was man heute als Zarzuela gemeinhin überliefert.

Klingende Weltstadt Madrid

Madrid blieb ihr Zentrum, Paris, Wien und Budapest ein Fundus: Die Typologie der Rollen, das dem Volke aufs Maul schauen und dessen Humor adaptieren, die Wünsche und Sehnsüchte in künstlerische Form gießen, sie mit folkloristischem Firlefanz behängen, aber auch den Mächtigen gewitzt eins mitgeben, waren Merkmale der Operette wie der Zarzuela.

Die spanische Version hat es geschafft, sich musikalisch treuer zu bleiben und nicht nur folkloristisch zu zitieren. Sie entwickelte eine eigene musikalische Kunstsprache, denn nun, in der Hochromantik, war auch die spanische Kompositionsweise in ganz Europa en vogue. De Falla, Granados, Albéniz und später Joaquín Rodrigo spornten Zarzuela-Komponisten zu Höchstleistungen an.

Final feliz statt Blut und Tod

Zumindest in ihren besten Werken kamen sie künstlerisch dem italienischen Verismo (Puccini, Leoncavallo) sehr nahe. Ja einige Werke blieben dann sogar ohne jedes Happy End und enden in Blut und Tod. Die Masse aber blieb Operette, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Das Publikum wollte kein Blut und Tod, sondern ein Final feliz. Bitte sehr. Abwechslungsreiche, leicht verdauliche und einheimische Kost. Jetzt wissen Sie auch, warum der Fisch-und Meeresfrüchtetopf Zarzuela heißt.

Madrid ist mittlerweile doch noch Weltstadt geworden – und geblieben – das angehende 20. Jahrhundert wird zur Feier des Lebens, deren Leichtigkeit schnell ins Frivole kippt und, so wie der Walzer in den Operetten Wiens, werden Habaneras, Jotas und Sevillanas in der Zarzuela zum Tanz auf dem Vulkan. Allen voran Barbieri mit bestimmt fünfzig abendfüllenden Zarzuelas, aber auch Bretón (La verbena de la paloma), Chapí (La Revoltosa), Chueca und Caballero sind die Komponisten der Stunde, Spaniens ungefragte Antworten auf Lehár, Millöcker, Strauss, Kálmán, Offenbach und Stolz. In den 20er und 30er Jahren gesellen sich die noch heute häufig gespielte Doña Francisquita von Vives aber auch die Luisa Fernanda von Torroba als erwähnenswerte Werke hinzu, der Flamenco hält Einzug in die Zarzuela, auch der Jazz aus New York und Moden aus Paris und Berlin.

Mit dem Spanischen Bürgerkrieg stirbt alle Leichtigkeit, der Tanz auf dem Vulkan wird zum Strudel in den Abgrund. Der Rest wäre Schweigen, wenn die Spanier dies könnten. Der Rückzug ins Private, das Kino, Broadway-Musicals ließen Versuche der Wiederbelebung unter Franco zu peinlichem Kitsch verkommen. Die Zarzuela wirkte im Licht der neuen Zeit verstaubt. Die konservative Volkspartei versuchte sie noch vor wenigen Jahren mit staatlichen Subventionen zu fördern und wie den Stierkampf zu politisieren. Dabei hat die Zarzuela künstliche Beatmung gar nicht nötig. Freuden, Leiden und Sehnsüchte des unterhaltungsbedürftigen Volkes blieben dieselben, die Zarzuela hat so auch heute Platz, wenn auch nurmehr als kulturelles Erbe. Es ziehen Zarzuela-Truppen über die Lande und das gleichnamige Teatro in Madrid kann sich nicht über mangelnde Auslastung beklagen.

Am Ende des berühmten Werkes „Doña Francisquita“ von 1923 wird viel von dem besungen, was die Zarzuela und teilweise das ganze Land ausmacht: Liebe, Glockenklang, Party, Tanz, Alkohol, – das Leben feiern: El aire sueña palabras de amor / y las campanas vuelven a cantar / en esta noche de fiesta / con el fandango queremos brindar / porque la vida es hermosa. – Denn das Leben ist schön.

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