Cambridge dank Mama

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Kimberley Hood wollte eigentlich nicht Lehrerin werden – und ist heute „happy“ eine zu sein. Fotos: Ángel García (3), Stefan Wieczorek (1)

Alicante – sw. Was einen „milk coffee“ vom herben „café con leche“ unterscheidet, weiß Kimberley Hood längst. Für die 36-jährige Engländerin aus Alicante ist Spanien zur Heimat geworden. Das zeigt nicht zuletzt ihr Akzent, wenn sie Spanisch spricht, in dem das Britische maximal ein Aroma ist. Nicht üblich ist das bei Briten an der Costa Blanca, die oft allein an der Aussprache im Spanischen verzweifeln. But who cares?
Denn in der Regel kommen sie in ihrer Muttersprache weit genug. Englisch scheint Europa vollends erobert zu haben, ob als EU-Sprache oder an Schulen. Doch Anderes sagt der Brexit: Am 29. März schrumpfen die englischen Muttersprachler in der EU gehörig – auf nur noch ein Prozent. Spielt das wohl eine Rolle in Spanien?
Gerade hier ließ die Krise die universelle Sprache der Briten als Rettungsweste gegen den sozialen Abstieg erscheinen. Der Englischboom nahm so durchaus Züge eines Wahns an. 2013 war für das spanische Verhältnis zu Englisch ein besonderes Jahr, auch wegen des berühmten „café con leche“.
Gerade das junge Spanien hatte in der Zeit des Abstiegs realisiert, dass es ohne Orientierung ins Ausland nicht gehen würde. In die Suche nach dem letzten Rest Würde platzte Ana Botella, Bürgermeisterin von Madrid, als sie sich mit ihrer Stadt in Argentinien für Olympia 2020 bewarb.
Ganz Spanien verbarg vor dem Fernseher das Gesicht in der Hand – „Facepalm“, wie man heute sagt. Hochpeinlich war dem Land die auf English dargebotene Rede. Botellas Auftritt war nicht nur erfolglos, sondern rührte gehörig spanische Fremdsprachenkomplexe auf.
Zum einen verkörperte Botella, Jahrgang 1953, Generationen von Spaniern, die Englisch nie wirklich gelernt hatten. Die Rede war beileibe nicht schlecht, denn von ihrem Sprachtrainer verfasst, und auch verständlich und grammatisch korrekt. Rhetorisch richtig war es auch, „Café con leche on the Plaza Mayor“ zu sagen statt „Milk coffee on the Main Square“. Doch die Theatralik der Madrider Bürgermeisterin zeigte: Es war ein auswendig gelernter Text, in einer Sprache, in der sich Botella unwohl fühlte.
Die riesige Häme der Spanier zeigte aber auch, wie wenig viele inhaltlich vom Text im klaren Englisch verstanden hatten. Irgendwie ging da ein Ruck durchs TV-Publikum. So wie eine Botella – oder ein Rajoy („It’s very difficult todo esto“) – dastehen wollte niemand mehr.

„Natives“ aus Osteuropa
Auf die neue englische Welle setzte auch Kimberley Hood, die 2013 die Sprachschule „Language10“ in Alicante eröffnete. Solche privaten „Academias de idiomas“ gab es in der Stadt schon zuhauf. Vor allem für Englisch, ab 2011 aber, als Angela Merkel spanische Fachkräfte einlud, vermehrt auch für Deutsch.
Doch Hood setzte voll auf Englisch und hatte als Muttersprachlerin den Bonus „native speaker“. Der zog beim Publikum ja besonders. Das zeigten allein die Werbeplakate der vielen Academias in der City.
Ehrlich waren nicht alle. In Alicante pries eine Akademie Lehrer aus Osteuropa als „natives“ an, weil sie nordisch aussahen, fließend sprachen – und die Kunden es nicht merkten. Sad but true. Gerade Eltern ließen sich täuschen. Zu verzweifelt waren sie, ihre Kinder vom eigenen Makel des Nicht-Englisch-Könnens zu verschonen.
Und zu clever spielten die Werbungen mit genau diesen Komplexen. „Willst du das Beste für dein Kind?“, fragt heute das riesige Plakat eines englischen Kinderclubs.
Auf große Werbung verzichtet Hood. Schüler kommen allein wegen der Lage ihrer Akademie in einem jungen Viertel mit mehreren Schulen. Dass sie mal unterrichten würde, hätte die studierte Historikerin und Kriminologin einst nicht gedacht. „Auf Gran Canaria erhielt ich das Angebot, Spanier zu unterrichten, und es gefiel mir“, sagt sie.
Damit, nur durch die Muttersprache qualifiziert zu sein, gab sie sich nicht ab. In Großbritannien besuchte sie einen Kurs für Englisch als Fremdsprache (TEFL). „Heute kann man die Kurse in jedem Eck der Welt machen, in Singapur, wo auch immer. Eine Art Holiday, und man ist qualifizierter Lehrer.“
Hoods nächster Schritt folgte in Nordspanien. „In Logroño arbeitete ich für eine größere Akademie, die mit Sprachzertifikaten arbeitete. So lernte ich das Cambridge-System kennen“, erzählt die Engländerin. Es war wieder ein Türöffner, denn innerhalb des Goldrausches auf die englische Sprache ist Cambridge eine besondere Perle.

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