Drei Gänge Spanien

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Zielte das Tagesmenü ursprünglich auf Touristen, konvertierten die Spanier es auch zu ihrer Betriebskantine. Fotos: Ángel García, Archiv

mar. Weder der bezahlte Urlaub noch die öffentliche Bildung, nicht die Stauseen und auch nicht die allgemeine Krankenversorgung sind Erfindungen Francos, auch wenn sich diese Legenden in Teilen des kollektiven Bewusstseins hartnäckig halten. Das Menú del Día aber, so wie es uns heute noch an jeder Ecke begegnet, ist tatsächlich eine Erfindung des Franquismo. Genauer gesagt des Ministeriums für Tourismus und seiner „Direktive über touristische Aktivitäten“ von 1964. Von bürokratischen Normen weitgehend befreit überstand es die Zeiten und scheint unverwüstlich.
Seit Anfang der 60er Jahre war Spanien sehr bemüht, den aufkommenden Massentourismus, der im westlichen, demokratischen Europa eine Folge des Nachkriegsaufschwungs war, in Deutschland Wirtschaftswunder genannt, möglichst gewinnbringend auszunutzen und zu fördern. Vom großen Kuchen wollte der Caudillo das größte Stück. Francos Spanien konnte Devisen dringend brauchen, denn war man auch nicht gänzlich isoliert und hatten viele ausländische Unternehmen keine Berührungsängste mit der Diktatur, hing das Land in der industriellen Entwicklung doch deutlich hinter dem Rest des westlichen Europa zurück.
Die schwache Peseta war ein Standortvorteil, Meer und Sonne sowieso und so versuchte sich Francos Tourismusminister Manuel Fraga Iribarne an einer Kampagne, unter dem damals eher unheimlich klingenden Motto „Spain is different“, Spanien ist anders. Sozusagen das ¡Arriba España! für den ausländischen Gast.
Von 1959 bis 1965 vervierfachte sich die Zahl ausländischer Besucher fast, von 2,9 auf über elf Millionen, auch gab es erste Residenten-Ansiedlungen. Damit einher ging ein Bauboom, an dem auch die Nomenklatura durch Handaufhalten und „stille“ Beteiligungen erheblich mitverdiente.
Um den Zustrom der Touristen zu erhalten und Konkurrenten am Mittelmeer wie Italien oder die griechischen Inseln auszustechen, setzte man vor allem auf Billigtourismus und kommt bis heute kaum von diesem Denken los, dass Masse Klasse sei. Heute ist Spanien mit mehr als 50 Millionen ausländischen Gästen pro Jahr das am zweithäufigsten besuchte Land der Welt, am Mittelmeer bezahlt man das mit einer urbanistisch und ökologisch praktisch zerstörten Küstenlinie und Millionen von prekären Arbeitsverhältnissen. Die Ursünde für diese Fehlentwicklung lag in der Franco-Zeit. Bis heute ist sie kaum korrigiert, denn kein Politiker traut sich an die heilige Kuh.
Minister Fraga führte 1964 zunächst das „Menú turístico“ ein, verpflichtete jedes Speiselokal, zur Mittagszeit eine Vorspeise oder Suppe, sodann einen „Teller mit Fisch, Fleisch oder Eiern mit Garnierung“, wie es im Gesetz hieß sowie ein Dessert oder Früchte, etwas Süßes oder Käse anzubieten. Dazu war Brot zu reichen und ein Viertel Liter „Landeswein“ einzuschenken, auch Bier, Sangría oder ein anderes Getränk waren erlaubt.
Weiterhin wurde vorgeschrieben, dass „dieses Menü gut sichtbar“ sein müsse, „mit maximaler Bevorzugung und Schnelligkeit zu servieren“ sei und „die spanische Küche“ repräsentieren solle. „Paella, Madrider Eintopf, spanische Tortilla, gut frittierter Fisch und andere Gerichte, die Spanien im Ausland bereits großen Ruhm bereiten“, wurden den Gastwirten vom Minister anempfohlen.

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