„Europa braucht mehr Spanien“

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Botschafter Wolfgang Dold, Jahrgang 1958, war für das Außenamt in Nepal, Israel, Südafrika und Griechenland im Einsatz. Foto: José A. Puente
Valencia – sk. Der deutsche Botschafter in Madrid, Wolfgang Dold, hat bei seiner Antrittsreise in Valencia das Start-up-Center Lanzadera mit einer Delegation der Deutschen Handelskammer für Spanien besucht. Auch mit dem valencianischen Ministerpräsidenten Ximo Puig traf Botschafter Dold zusammen, der seit September des vergangenen Jahres im Amt ist. Die deutsch-spanischen Beziehungen beschreibt er als sehr eng: „Die Freundschaft zwischen Helmut Kohl und Felipe González zur Zeit des demokratischen Überganges über politische Parteigrenzen hinweg war ein prägender Moment in der Geschichte beider Länder“, sagt Dold. Die CBN hat den Diplomaten in Valencia getroffen, die Fragen wurden per E-Mail beantwortet.
CBN: Sie waren bis 2014 Botschafter in Griechenland, jetzt Spanien. Beide Länder waren von der Krise hart gebeutelt. Stellen Sie Unterschiede in der Bewältigung fest, in den Auswirkungen auf die Menschen, auf das gesellschaftliche Klima?
Wolfgang Dold: Die Wirtschafts- und Finanzkrise war in beiden Ländern – und nicht nur dort, denn die Krise betraf uns alle! – eine tiefe Zäsur. Gerade auch für viele junge Menschen waren die Krisenjahre eine existenzbedrohende, traumatische Erfahrung, von der sich die Länder allmählich erholen. Jedes Land hat dabei seine eigenen besonderen Rahmenbedingungen gehabt, auch die eigentlichen Krisenursachen unterscheiden sich. Insofern kann man die Länder nicht in einen Topf werfen.
Woran mussten Sie sich in Spanien erst gewöhnen? Was gefällt, missfällt oder wundert Sie an der hiesigen Lebensweise? Werden Sie mit Klischees über „die Deutschen“ konfrontiert, wenn ja mit welchen?
Über meine Versetzung nach Spanien habe ich mich sehr gefreut. Es ist ein Privileg, hier arbeiten zu dürfen. Die Beziehungen sind exzellent und das Lebensumfeld ist mehr als angenehm. Spanien ist ein modernes Land, tief verwurzelt in seiner großen Geschichte und seiner Kultur. Das hat mich beeindruckt. Die herzliche und freundliche Art, mit der mir und meiner Frau hier überall begegnet wird, ist bemerkenswert und hat den Einstieg sehr erleichtert.
Als Diplomat haben Sie schon oft im Ausland leben und arbeiten müssen. Welche Tipps würden Sie Deutschen geben, um die Integration zu erleichtern?
Einem Deutschen wird die Integration in Spanien nicht allzu schwer gemacht: Unsere Kulturen sind sich ähnlich und haben dieselben Wurzeln. Aus meiner Sicht ist die Sprache immer der Schlüssel zur Integration. Und so würde ich jedem, der nach Spanien kommt, um hier länger zu leben, sehr ans Herz legen, die Sprache intensiv zu lernen. So wird einem ermöglicht, am kulturellen Leben teilzunehmen, sich mit Spaniern auszutauschen und das Gastland wirklich kennenzulernen. Wie ich selber aber feststelle: Spanisch zu lernen ist auch ein Bildungserlebnis, das weite Horizonte eröffnet!
Welche Rolle spielen deutschsprachige Medien im Ausland bezüglich der Integration?
Für die Integration der deutschen Landsleute hier spielen die deutschsprachigen Medien eine ganz entscheidende Rolle. Auch wer der spanischen Sprache noch nicht soweit mächtig ist, dass er eine Tageszeitung lesen oder ein Radioprogramm verstehen könnte, kann sich über die deutschsprachigen Zeitungen und Radiosender über alle aktuellen Vorgänge in seiner neuen Wahlheimat informieren und auf dem Laufenden halten.
So wächst das Verständnis für die Tagesaktualität vor Ort. Das gilt selbstverständlich für Residenten wie auch für interessierte Touristen, die so in kurzer Zeit einen Einblick in die aktuellen Themen bekommen können.
Deutsche Residenten, die hier ihre Steuern zahlen, dürfen nicht an Landtags- und Parlamentswahlen teilnehmen. Weshalb wählen wir den Bundestag, obwohl wir seit 30 Jahren in Spanien leben? Wird das geändert?
Das Wahlrecht hängt nicht an der Steuerpflicht, sondern in erster Linie an der Zugehörigkeit zu einem bestimmten Staat. Daher wählen grundsätzlich Spanier das spanische Parlament und Deutsche den Deutschen Bundestag. Auf kommunaler Ebene gibt es inzwischen in der EU die Ausnahme, dass angemeldete Gemeindemitglieder, die eine andere EU-Staatsangehörigkeit besitzen, auch wählen dürfen – das ist schon ziemlich fortschrittlich! Ebenso haben Wähler bei der Wahl zum Europäischen Parlament grundsätzlich die Wahl, ob sie für den Wohnsitzwahlkreis, zum Beispiel in Spanien, oder für den letzten Wohnsitzwahlkreis in Deutschland abstimmen wollen. Sie müssen sich allerdings entscheiden. Informationen zur Europawahl finden Sie auf der Bürgerservice-Seite unserer konsularischen Vertretungen im Internet.
Was halten Sie davon, dass EU-Ausländer in Regionen wie Valencia oder Katalonien die Regionalsprache lernen müssen, um im Öffentlichen Dienst zu arbeiten, etwa Lehrer zu sein?
Nun, auch in Deutschland kennen wir Gegenden, in denen es auf Länderebene weitere Amtssprachen gibt, zum Beispiel in Teilen Schleswig-Holsteins oder Brandenburgs. Während meiner Zeit etwa an der Botschaft in Pretoria habe ich auch andere Regelungen kennengelernt – Südafrika hat elf offizielle Amtssprachen, und das stellt an die Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes dort noch einmal besondere Anforderungen. Aber auch in anderen EU-Ländern gibt es regional teils mehrere Amtssprachen, denken Sie an Belgiens Hauptstadt Brüssel: Dort sind Französisch und Niederländisch Amtssprachen. In Spanien sieht die Verfassung ja vor, dass auch Regionalsprachen in den betreffenden Autonomen Gemeinschaften den Status von Amtssprachen erhalten können, und dies führt zu teils recht unterschiedlichen Anforderungen an die Angehörigen im öffentlichen Dienst. Im Übrigen: Mehrsprachigkeit bedeutet grundsätzlich kulturellen Reichtum. Dennoch haben sich in Deutschland einige Universitäten dafür entschieden, rein englischsprachige Studiengänge anzubieten, um international attraktiv zu bleiben.

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