Francos langer Schatten

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Legale Ehrenrituale für den „Führer“. In Deutschland undenkbar, in Spanien heftig diskutiert. Grab Francos im Tal der Gefallenen Fotos: Ángel García, CBN-Archiv, dpa

Spanien – mar. Soll man Tote ruhen lassen? Diese Frage wird im politischen Spanien seit Juni 2018 wieder vermehrt und emotional debattiert. Die im Mai durch ein Misstrauensvotum an die Macht gelangte Minderheitsregierung des Sozialisten Pedro Sánchez will die physischen Reste des Diktators Franco aus dem Mausoleum im Tal der Gefallenen exhumieren und das Areal nur den Opfern des Bürgerkriegs widmen, zu denen Franco fraglos nicht gehört.
Schon vor der eigentlichen Graböffnung hat Sánchez mit seiner Ankündigung, das Gesetz zur Historischen Erinnerung anzupassen, um eine Umbettung zu ermöglichen, die Büchse der Pandora geöffnet und alte Wunden aufgerissen, die naturgemäß schmerzen. Eigentlich hatte man sich seit dem Amnestiegesetz 1977 und erst recht seit dem erfolgreichen Verfassungsreferendum 1978 darauf geeinigt, den Deckel auf der Franco-Zeit und auch auf dessen Grab zu lassen.
Dies war eine der Konzessionen, die das Land für einen möglichst reibungslosen Übergang in die Demokratie einging, die aber neben der eher symbolischen Heldenverehrung Francos in den Bergen von Guadarrama viele, weit schwerwiegendere Versäumnisse zeitigte: Täter wurden nicht verfolgt, Mörder und Folterer nicht verurteilt, Opfer nicht entschädigt, Willkürurteile nicht revidiert, Tote nicht beerdigt, Diktatur-Gewinnler nicht enteignet.
Während man über Francos letzte Ruhestätte debattiert, sind viele seiner Opfer für ihre Angehörigen noch immer nicht lokalisiert, irgendwo verscharrt. „Seit dem Jahr 2000 wurden rund 700 Massengräber mit mehr als 8.000 Opfern geöffnet. Die Zahl der Verschwundenen schätzt man auf 114.000“, so Fernando Martínez. Er ist Generaldirektor für Historische Erinnerung im spanischen Justizministerium. Seine Stelle existiert erst seit diesem Sommer. Er soll jene privaten Initiativen bei der Suche und Aushebung von Massengräbern unterstützen, die seit den 90er Jahren im ganzen Land aktiv sind. Im Jahre 2000 wurde die Vereinigung zur Wiedererlangung der Historischen Erinnerung (ARMH) gegründet, und seit 2007 gibt es das Gesetz zur Historischen Erinnerung, das auch den lebenden Opfern, jenen die noch in den 70er Jahren gefoltert und aus politischen Gründen inhaftiert wurden, Rechte der Wiedergutmachung zuerkennt. Die Bewegung ist vergleichsweise jung und wie die Zahlen zeigen, dringend nötig.

Andere Probleme „dringender“
Die Spaltung der spanischen Gesellschaft, die nach außen so gelassen und tolerant wirkt, lässt sich beim Thema Franco medial erahnen, wenn führende Zeitungen wie „ABC“ angesichts der geplanten Exhumierung vor „Revanchismus“ warnen oder „El Mundo“ jedes Jahr Todesanzeigen für Franco und dessen Gesinnungsgenossen im Auftrag der Nationalen Stiftung Francisco Franco publizieren.

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