Geraubte Heimat

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Vertreibung der Juden aus Sevilla. Gemälde aus dem 19. Jahrhundert von Joaquín Turina y Areal im kleinen jüdischen Museum im Barrio Santa Cruz. Fotos: M. Schicker

Sevilla – mar. „Ich will Ihnen nur sagen, dass das kein Museum, sondern ein Interpretationszentrum ist, mit viel Text und wenig Ausstellungstücken“, warnt mich die junge Frau, die am Eingang Touristennepp verkauft. Als mein Interesse offensichtlicher wird, verweist sie mich fast verschwörerisch auf den Perlenvorhang, hinter dem sich das kleine jüdische Museum verbirgt, das kein Museum sein soll. Wir sind in Sevilla, im malerischen Viertel Santa Cruz, in dem einst, neben Toledo und Córdoba, die größte jüdische Gemeinde Spaniens lebte. Deren Spuren haben sich nicht einfach verwischt, sie wurden systematisch getilgt.

Hinterzimmer der Geschichte
Seit wenigen Jahren erst rekonstruiert man sie, doch was man findet, genügt gerade noch für solche Hinterzimmer der Geschichte, wie in der Calle Ximénez de Enciso 22. Auf Schautafeln wird das Schicksal der Gemeinde erläutert, das mit wechselhaft sträflich verharmlosend beschrieben wäre. Die heutigen Barrios Santa Cruz und San Bartolomé bildeten bis 1492 die Judería Sevillas, ein endlos scheinendes Netz kleiner Gässchen, das zwar zentral in der Stadt lag, aber formal immer außerhalb ihrer Mauern. Die jüdischen Sevillaner waren Ärzte, Händler, Gelehrte, Handwerker, Wechsler, die meisten jedoch Lohnarbeiter, Bettler, Viehhändler, Tagelöhner.
Zwar lädt uns das Tourismusamt ein, das Judenviertel und „seine drei wichtigsten Synagogen“ zu besuchen, doch tatsächlich braucht es forensischen Spürsinn, um Jüdisches im jüdischen Viertel zu identifizieren. Es gibt keine Synagoge. Die letzte wurde Anfang des 16. Jahrhunderts geschleift und in die katholische Kirche Santa María la Blanca konvertiert. Der Seiteneingang behielt eine Säule und einen Rundbogen (s. Foto Seite 32), der früher der Zugang zum mosaischen Gebetshaus war – drinnen Marienverehrung in einer Orgie aus Gold. Eine Gasse weiter findet sich an einer Wand eine Kachel mit einer Menora, dem siebenarmigen Kultleuchter. Doch ringsherum im Barrio Santa Cruz nur touristisches Mittelalter, Don Juan und Flamenco.
In der Gasse Susona prangt an einer Hauswand das verblasste Abbild eines Totenschädels. Man muss ihn übersehen, wurde man vorher im Museum nicht auf jene „Susona“ aufmerksam. Um diese Susana Ben Susón rankt sich eine zentrale Legende der Gemeinde. Sie spielt um 1480. Viele Juden überlebten nach den mörderischen Pogromen von 1391 als Konvertite in der Stadt und etablierten sich gerade halbwegs wieder, wurden aber von der Inquisition, die seit 1480 in Sevilla ihren Hauptsitz hatte, unter Dauerverdacht als Intriganten und Aufrührer, Brunnenvergifter und Kinderfresser gestellt.

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