Not macht erfinderisch

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Ein Köhler wiegt seine Ware ab, um 1910. Fotos: Landesarchiv Valencia, Wikiloc, CBN-Archiv

Valencia – mar. Erinnern Sie sich noch an den Milchmann oder die Bierkutscher, den schwarzgesichtigen Kohlenmann mit der Kiepe auf dem Rücken, vor dem die Kinder wegliefen? Ohne despektierlich sein zu wollen, einige unserer Leser haben vielleicht noch echte Nachtwächter im Dienst erlebt?
Über die Dörfer Valencias oder Andalusiens fahren noch immer Messerschleifer und Kesselflicker und fluchen auch wie früher. Einmal in der Woche klingelt der Eiermann durch manche Gasse oder steht der Churro-Macher an der Ecke. Er kreuzt sich dabei heute mit App-geleiteten Pizza-Boten und Cabify-Taxis, die Kundschaft in Airbnb-Apartments bringen. Berufe sterben aus, andere entstehen, viele wandeln sich auch nur.
Auf Handwerkermärkten oder in Dorfmuseen und natürlich in der Erinnerung der Alten begegnen uns Berufe von gestern häufig in nostalgischer Verklärung. In alternativen Lebensentwürfen erleben sie gar eine Renaissance, finden neue Nischen und Etiketten als „artesanal“ oder retro. Staatlich geförderte Programme oder private Freundeskreise schaffen geschützte Räume, wollen Traditionen bewahren, sei es das Korbflechten, das Töpfern oder das Besenbinden.
Doch die Realität hat wenig Romantisches, wenn im Alicantiner Hochland Frauen heute noch in improvisierten Werkstätten in Heimarbeit für die Schuhindustrie schuften müssen wie vor 150 Jahren, – für Hungerlöhne ohne Sozialversicherung und für gewissenlose Geschäftemacher jenseits jeglicher staatlicher Aufsicht. Auch das ist ein traditioneller Beruf – und eine traditionelle Schande.
Was wir heute mitunter verklären, die „gute alte Zeit“, war für die meisten Protagonisten ein täglicher Überlebenskampf, ihre Berufswahl keine echte Wahl, sondern Folge ihrer Besitzlosigkeit. Kinderarbeit, gesundheitsschädigende Arbeitsbedingungen, Hungerlöhne und Demütigungen waren die Norm, Krankheit und eine geringe Lebenserwartung sowie die Vererbung des Elends auf die nächste Generation die Folgen. Beim Blick auf die professionelle Evolution fällt auf, dass es immer die „untersten“ Schichten waren, die sich anzupassen, durchzukämpfen hatten. Denn die Berufe der Oberschicht, ob Gutsbesitzer, Fabrikant, Bankier, Militär oder Steuereintreiber sind über tausende Jahre in ihrem Profil praktisch konstant geblieben.
Die Not war groß, und Not machte und macht bekanntlich erfinderisch – und so gab es neben den dem Wandel durch technischen Fortschritt unterworfenen Berufen in Industrie und Landwirtschaft eine ganze Reihe mobiler Dienstleistungen und Berufe, die uns heute zum Teil sehr kurios erscheinen, die aber wichtige Zwecke erfüllten. Sie nutzten Marktlücken durch Erfindungsreichtum und Cleverness. Einige typische Berufe, historische Ich-AGs an der spanischen Levante der Regionen Valencia, Murcia bis nach Andalusien werden auch deutschen Lesern bekannt vorkommen, andere sind eher regionale Spezialitäten:

Die Bio-Müllabfuhr
Die Wasserspülung in der Toilette, Abflüsse und unterirdische Kanalsysteme, gar eine geregelte Müllabfuhr sind noch gar nicht so lange überall Standard. Der Dreck floss die Straßen entlang oder landete direkt im Fluss. Die valencianischen Fematers (spanisch Basureros, also Müllmänner) hatten im 19. Jahrhundert ihre Hochzeit, arbeiteten auf eigene Rechnung und häufig im Auftrag von Landwirten. Diese brauchten Dünger, Monsanto und die chemischen Keulen gab es noch nicht, und da auch Plastik noch keine Rolle spielte, war der Großteil des Abfalls organisch: Pflanzen- und Stoffreste, Essensabfälle, tote Tiere, Fäkalien.
Die Fematers sammelten den Abfall kostenlos ein und brachten ihn auf die Felder, es entstand so eine Art Mülltrennung und ein Biokreislauf, den die moderne Gesellschaft gerade erst wieder lernt. Ganz nebenbei wurden so Plagen und Krankheiten zumindest eingeschränkt. Der Müllmann lebte indes in stetem Gestank und meist nicht lang, allen nur erdenklichen Keimen und Krankheiten und auch der jahreszeitlich schwankenden Nachfrage ausgesetzt.

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