„Weg, aber nicht abwesend“

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Alicante – cg. Eines Tages wird sie zurückkehren, ganz bestimmt. In ihrer Stimme lässt sich deutlich die Liebe für Land und Leute vernehmen. Doch schon lange trennt ein Weltmeer ihr jetziges Zuhause Alicante von ihrem Heimatland. Es wird noch eine Weile dauern, bis sie dort altbekannten Boden betritt, denn dafür muss sich erst einiges ändern: Diamantina Centeno Garrido kommt aus Venezuela.
Man muss in den vergangenen Wochen ziemlich abgeschottet gelebt haben, um nichts mitbekommen zu haben von den politischen Entwicklungen in dem südamerikanischen Land. Lange war das Einzige, was sich in Venezuela der medialen Wahrnehmung in Europa zufolge bewegt hat, die Inflationsrate. Dann aber, am 23. Januar diesen Jahres, die Eilmeldung: Nach sechs Jahren Präsidentschaft von Nicolás Maduro hat Parlamentspräsident Juan Guaidó die Initiative ergriffen und sich im Rahmen einer Demonstration gegen den Staatschef offiziell zum Übergangspräsidenten erklärt. Seitdem taucht Venezuela fast täglich in den Nachrichten auf, weltweit. Berichtet wird neben politischen Themen auch von der Situation der Bevölkerung. Endlich, könnte man sagen, denn deren Probleme sind keinesfalls so neu. Unvorstellbare 91 Prozent der Venezolaner leben nach Angaben der spanischen Tageszeitung „El País“ in Armut, 21 Millionen sogar in absoluter Armut. Es fehlt an all dem, was in Europa selbstverständlich scheint. Im Netz kursieren seit Wochen Bilder von fast komplett leeren Ladenregalen.

Bis zum letzten Tropfen
Rick Lárez Requena lebt seit 14 Jahren in Alicante, hat aber regelmäßig Kontakt zu seiner Familie im venezolanischen Staat Monagas. „Das monatliche Gehalt beträgt umgerechnet etwa sieben Euro“, berichtet er. „Da muss man sich gut überlegen, was man sich davon kauft.“ Die wenigen vom Staat subventionierten Lebensmittel sind oft bereits vergriffen.
Außerdem gibt es in vielen Fällen keine gesicherte Wasserzufuhr für Haushalte, von Strom und Internet ganz zu schweigen. Sobald Wasser aus den Leitungen fließt, wird es in bereitstehenden Eimern bis zum letzten Tropfen aufgefangen. Das zeigten zuletzt etwa Berichte des Heute Journals im ZDF.
Wo es an Wasser fehlt, sind Krankheiten meist nicht weit. Doch auch an Medikamenten und ärztlicher Betreuung fehlt es den Menschen, und das schon seit Jahren. So kommt es, dass sich in der Gegend längst erfolgreich bekämpfte Virusinfektionen wieder ausbreiten können. Diamantina Centeno, die seit etwa 15 Jahren in Alicante lebt und arbeitet, sendet regelmäßig Medikamente nach Venezuela. „Es gibt immer wieder Probleme, weil die Regierung die Sendungen nicht über die Grenze lassen will, aber am Ende kommen sie immer an“, erzählt sie.
Wann immer Staatschef Nicolás Maduro in Interviews darauf angesprochen wird, erklärt er solche Informationen für reine Propaganda seiner Gegner. Zu solchen Interviews kommt es aber eher selten, kritisches Hinterfragen der Regierung trauen sich ansässige Journalisten anscheinend kaum noch zu. Denn Meinungs- und Pressefreiheit sind längst keine Selbstverständlichkeit mehr in Venezuela.

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