Wunderwaffe wird stumpf

0
244
Multiresistente Enterobakterien – in einer Petrischale nachgewiesen. Viele Krankenhauspatienten bringen bereits von zu Hause MRE mit. Foto: Axel Hamprecht/IMMIH/dpa

Alicante – ann. Als der Bakteriologe Alexander Fleming 1928 praktisch durch Zufall entdeckte, dass eine Gruppe von Pinselschimmelpilzen sich über eine seiner Staphylokokken-Kulturen hermachte, die er gerade im Labor züchtete, hatte der Schotte den Grundstein für die Entwicklung des Penicillins und weiterer Antibiotika gelegt. Millionen von Menschenleben sollten in den folgenden Jahrzehnten durch diese Wunderwaffe gegen bakterielle Infektionen gerettet werden. Nicht umsonst gingen die Nobelpreise für Medizin der Jahre 1939, 1945 und 1952 an Wissenschaftler, die sich durch die Entwicklung antibakterieller Mittel verdient gemacht hatten.
Fast 100 Jahre später ist die Wunderwaffe stumpf geworden. Immer mehr Krankheitserreger zeigen sich gegen die Behandlung mit Antibiotika resistent. Wie ernst die Lage bereits ist, zeigt ein Blick auf eine Studie, die die Europäische Union im Jahr 2015 erstellt hat. So wird geschätzt, dass schon jetzt rund 25.000 Todesfälle jährlich in der EU auf multiresistente Erreger (MRE) zurückzuführen sind, weltweit sollen es mindestens 700.000 sein. Die Wissenschaft geht außerdem davon aus, dass MRE-Infektionen im Jahr 2050 mehr Todesfälle verursachen werden als Krebserkrankungen.
Gefährdet sind vor allem ältere Menschen, solche mit einem geschwächten Immunsystem und Säuglinge. Infektionsherde sind vornehmlich Gesundheitseinrichtungen, daher die Bezeichnung Krankenhauskeime. Allerdings: Viele Patienten bringen einer Studie des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung zufolge bereits von zu Hause multiresistente Keime mit in die Kliniken. Mindestens 9,5 Prozent seien bei ihrer Ankunft mit Bakterien besiedelt, gegen die gängige Antibiotika nichts machen können, erläutert der Forscher Axel Hamprecht von der Uniklinik Köln.
Abgesehen von den Folgen für die Patienten stellen die bereits als „Superbazillen“ bezeichneten Keime für das öffentliche Gesundheitswesen auch ein finanzielles Problem dar: Allein in der EU belaufen sich die durch MRE verursachten Kosten auf schätzungsweise 1,5 Billionen Euro jährlich.
Resistente Keime gab es in der Natur schon immer. „Es ist ein Problem, das die Menschheit durch die Entdeckung des Antibiotikums über einige Jahre hinweg vermeiden konnte, doch jetzt kehrt dieses Problem zurück, weil es Bakterien gibt, die praktisch gegen alle Antibiotika, die es gibt, resistent sind“, sagt auch Dr. Carles Úbeda, Bakteriologe am Forschungsinstitut Fisabio in Valencia. Das Paradoxon liegt darin, dass gerade die Waffe den Feind stärker machte – weil sie falsch eingesetzt wurde. So sieht auch Úbeda den „häufigen und vielleicht auch inadäquaten Einsatz von Antibiotika“ als Ursache der Zunahme der MRE. Nichtsdestotrotz gebe es natürlich Infektionen, bei denen der Einsatz von Antibiotika unverzichtbar sei, meint der Bakteriologe. „Da haben wir keine andere Wahl.“
Das Problem der MRE existiert überall – jedoch in unterschiedlichem Maße (siehe Grafiken unten). In Spanien hat die Einführung der Rezeptpflicht für Antibiotika im Jahr 2009 deren unkontrollierte und hemmungslose Herausgabe in Apotheken zwar deutlich gebremst. Doch laut einer EU-Studie vom September 2018 ist es noch immer eines der Länder, in denen der Einsatz der Mittel zunimmt. Demnach stieg die Einnahme von Antibiotika in Spanien um neun Prozent, während sie in der Mehrheit der EU-Länder zurückging.

Mehr in der Printausgabe

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.