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Immer weniger Bademeister: „Rund 1000 Bäder sind von Einschränkungen betroffen“

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Immer weniger Kinder können Schwimmen. Weil immer mehr Freibäder geschlossen bleiben, können sie es auch nicht lernen. Die Situation ist „alarmierend“.

Nach wochenlangem Regen kann sie nun endlich wirklich starten: Die Schwimmbad-Saison 2024. Viele Freibäder haben bereits geöffnet. Nur: Der Badespaß stößt vielerorts auf immer größer werdende Hürden. Mehrere hundert Stellen fehlen. Das geht aus Zahlen der Bundesagentur für Arbeit (BA) hervor, die IPPEN.MEDIA exklusiv vorliegen. Es ist wohl nur die Spitze des Schwimmbadeises: Verbände gehen gar von bis zu 3000 fehlenden Stellen aus.

2023 waren bei der BA im Durchschnitt 79 Bademeisterstellen im Monat gemeldet. Das ist der höchste Wert seit acht Jahren (siehe Grafik). In der Realität dürfte der Bademeistermangel deutlich höher sein. Nicht alle offenen Stellen werden der BA gemeldet. Zudem umfassen die Monats-Daten nur Bademeister, die unmittelbar unter den Rettungsschutz fallen. Gewisse Schwimmaufsichten würden nicht berücksichtigt. Der Bundesverband Deutscher Schwimmmeister (BDS) geht daher von 2500 bis 3000 fehlenden Aufsichtskräften aus.

Immer weniger Bademeister: „Rund 1000 Bäder sind von Einschränkungen betroffen“

Dazu fehlten in den Bädern Kassen-, Gastronomie- oder Reinigungskräfte, wie Christian Kuhn, Sprecher der Bäderallianz Deutschland erklärt. „Wir gehen davon aus, dass derzeit etwa 1000 Bäder von Einschränkungen betroffen sind“, sagt Kuhn zu IPPEN.MEDIA. Diese Einschränkungen gingen von verringerten Öffnungszeiten bis zu Vollschließungen. Die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) ist ebenfalls in der Bäderallianz vertreten und bestätigt die Zahlen auf Anfrage von IPPEN.MEDIA. „In Hamburg beispielsweise sind Bäder am Abend für die Öffentlichkeit geschlossen und stehen nur Vereinen zur Verfügung, weil keine Fachkräfte da sind, den Rest der Halle zum öffentlichen Betrieb zu öffnen“, erklärt ein Sprecher.

Die Bäderland Hamburg GmbH widerspricht dieser Aussage: „Abends geschlossene Bäder haben keine Öffnungszeit, weil Vereine und auch DLRG die Becken komplett belegen und unsere anderen Gäste gar keine Wasserfläche nutzen könnten. Das betrifft Uhrzeiten ab 20 Uhr. Vorher findet das im Mischbetrieb statt. Es ist also kein Personalthema, sondern eine Priorisierung des organisierten Sports.“

Gegenüber IPPEN.MEDIA heißt es weiter: „Auch in Hamburg hat die Personallage Auswirkungen auf die allgemeinen Öffnungszeiten von Bädern“, wie ein Sprecher erklärt. Schwimmunterrichte und Vereinssport blieben davon allerdings unberührt. Einzelne Bäder seien lediglich „an wenig besuchten Wochentagen für die Tageskundschaft geschlossen.“

„Nachbarstandorte vertreten sich dabei, sodass dennoch jederzeit Schwimmen und Planschen möglich ist. Mit dieser Methode wird einerseits die Versorgung der Bevölkerung sichergestellt und gleichzeitig auf die derzeit noch angespannte Personallage reagiert. Der städtische Betreiber hat aber bereits solche Ruhetage wieder zurückgenommen und stellt für die Zeit nach der laufenden Sommersaison bereits jetzt weitere Öffnungstage für die Hallenbäder in Aussicht.“

Die Bäderland Hamburg GmbH, die viele Bäder in der Hansestadt verwaltet, weist auf Ihrer Website auf eingeschränkte Öffnungszeiten hin.
„Aufgrund der derzeitigen Personalengpässe geschlossen“. Die Bäderland Hamburg GmbH, die viele Bäder in der Hansestadt verwaltet, weist auf Ihrer Website auf eingeschränkte Öffnungszeiten hin. © Screenshot IPPEN.MEDIA (aufgenommen am 13. Juni)

Immer weniger Kinder können schwimmen

Philipp Hartewig, sportpolitischer Sprecher der FDP, findet die Zahlen zu fehlenden Bademeistern „alarmierend“. Die Folgen davon seien vielschichtig - „von der eingeschränkten Verfügbarkeit der Schwimmausbildung für Kinder und Jugendliche bis hin zur fehlenden Überwachung der Schwimmer während des Schwimmbetriebs“, wie Hartewig unserer Redaktion sagt. „Gerade der Blick auf die fehlende Ausbildung der Kinder und Jugendlichen ist besorgniserregend.“

Dabei besteht hier ohnehin dringender Handlungsbedarf. Laut einer repräsentativen Forsa-Erhebung zur Schwimmfähigkeit in der Bevölkerung stieg der Nichtschwimmer-Anteil unter den Grundschulkindern im Vergleich zu 2017 von zehn auf 20 Prozent. Ob ein Kind schwimmen kann, entscheidet sich zudem oft am Geldbeutel der Eltern. Bei Kindern aus einkommensschwachen Haushalten lag die Quote bei fast 50 Prozent.

„Monatelang geschlossene Bäder während der Corona-Pandemie haben zweifelsfrei Spuren hinterlassen“, bilanziert die DLRG. „Doch schon zuvor waren die Jungen und Mädchen am Ende ihrer Grundschulzeit mehrheitlich nicht sicher im Schwimmen.“ Das müsse sich ändern. „Dafür braucht es aber mehr Wasserflächen und qualifizierte Lehrkräfte sowie mehr politisches Engagement, um für beides die Voraussetzungen zu schaffen“, sagt DLRG Präsidentin Ute Vogt.

Fehlende politische Unterstützung für Schwimmbäder? „Das macht einen fassungslos“

Auch Christian Kuhn von der Bäderallianz fordert mehr politischen Willen. Eigentlich ist sich die Bundesregierung dem Thema bewusst. Im Koalitionsvertrag ist von einem „Entwicklungsplan Sport“ und einer Offensive für Investitionen in Sportstätten die Rede. Wir „berücksichtigen insbesondere Schwimmbäder stärker“, heißt es weiter.

Nun stellt die Bundesregierung wohl auch aufgrund der Haushaltssparmaßnahmen das Förderpaket ein. „Im Bundeshaushalt 2024 sind keine Mittel für eine neue Förderrunde veranschlagt“, heißt es von einer Sprecherin des Bauministeriums. „Daher wird in diesem Jahr kein neuer Projektaufruf veröffentlicht werden.“ Kuhn kann darüber nur den Kopf schütteln. „Das macht einen Fachmann schon sprachlos, wenn man den öffentlichen Mehrwert sieht, den unsere Bäder schaffen.“

Kuhn wird daher durchaus kreativ, wenn es um den Weg aus der Krise geht. Helfen könne etwa die Digitalisierung. So werde vielerorts Personal ersetzt, wenn etwa Automaten die Verpflegung oder Roboter die Reinigung übernehmen. Zudem gebe es Pilotprojekte, in denen Künstliche Intelligenz bei der Überwachung des Wassers unterstütze. „Das unterstützt Personal, kann es aber natürlich nicht ersetzen, denn eine Kamera springt nicht ins Wasser.“ 

Diese neuen Ansätze seien hilfreich, könnten das Problem im Kern aber nicht lösen. Es brauche vor allem mehr Personal: „Den Job im Schwimmbad kann man nicht aus dem Homeoffice machen.“ Kühn kritisiert „fehlende Wertschätzung für einen überaus abwechslungsreichen und sinnstiftenden Arbeitsplatz, wo andere Freizeit verbringen.“ (as)

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