1. Costa Nachrichten
  2. Panorama

Medizinisches Cannabis billiger als Schwarzmarkt-Gras: „Das gibt es nur in Deutschland“

Kommentare

Das Cannabis-Gesetz erleichtert es, ein Rezept für medizinisches Gras zu bekommen. Die Produkte sind besser und billiger als auf dem Schwarzmarkt – doch die CSU sieht „Missbrauch vorprogrammiert“.

Gras auf Rezept. Seit der Cannabis-Teillegalisierung ist das in Deutschland deutlich leichter möglich. Wenig überraschend ist die Zahl der ausgestellten Rezepte seit Monaten spürbar gestiegen. Ein neuer Report zeigt aber auch eine andere Erkenntnis: Medizinisches Cannabis ist billiger als Schwarzmarkt-Gras. Das geht aus einer Erhebung des Cannabis-Unternehmens Bloomwell hervor, die IPPEN.MEDIA exklusiv vorliegt.

„Medizinisches Cannabis ist teilweise um die Hälfte billiger als auf dem Schwarzmarkt“

Die Cannabis-Firma hat dazu zehntausende Rezepte von Januar 2023 bis Juni 2024 ausgewertet. Im Kurs stehen vor allem billige Sorten. Die Hälfte der Kunden setzt auf Gras, dessen Preis je Gramm bei unter neun Euro liegt, das ist billiger als bei Dealern. Denn laut Niklas Kouparanis, Chef der Bloomwell-Group kostet Cannabis auf dem Schwarzmarkt zehn bis 15 Euro pro Gramm. Im Gegenteil dazu fangen laut dem Unternehmer bei ihrem Angebot „die Preise für gewöhnlich schon bei rund fünf Euro an“. So ist „medizinisches Cannabis teilweise um die Hälfte billiger als auf dem Schwarzmarkt.“

Der Grund: Cannabis ist sehr günstig und in großer Menge herstellbar. „Dadurch ist medizinisches Cannabis aus der Apotheke in Deutschland jetzt schon erschwinglicher als auf dem Schwarzmarkt“, sagt Kouparanis. „Das gibt es in keinem anderen Land in der Welt – nur in Deutschland.“ Das Gras aus der Apotheke wird meist importiert. Größtenteils aus Ländern mit großen Anbauflächen und viel Sonne, etwa aus Afrika oder Südamerika. Wichtige Zulieferer sind auch Nordmazedonien, Portugal und Kanada.

Cannabis-Unternehmer Niklas Kouparanis
Cannabis-Unternehmer Niklas Kouparanis. © Bloomwell Group/fkn

Leicht ausgestellte Cannabis-Rezepte: CSU sieht „Missbrauch vorprogrammiert“

So billig wie aktuell war medizinisches Cannabis nicht immer. Im April und Mai waren die Preise gestiegen, lagen bei den günstigen Sorten teils über zehn Euro. Schuld hierfür war die enorme Nachfrage, mit der einige Apotheken nicht hinterherkamen. Der Bund deutscher Cannabis-Patienten kritisierte gegenüber unserer Redaktion die „Menge an Pseudo-Patienten“. So würden sich auch Freizeitkonsumenten ohne medizinische Probleme ein Rezept ausstellen lassen.

Kouparanis betont: „Wenn man Patient wird, muss man die Wahrheit sagen.“ Dass es einen insgesamt leichteren Zugang zu medizinischem Gras gibt, findet er gut. „Ich verstehe die Diskussion nicht. Ich verstehe nicht, was daran negativ sein soll.“ Und weiter: „Wir können für jeden dankbar sein, der es schafft, vom illegalen Markt in das legale medizinische Cannabis-System zu wechseln.“

Die CSU hingegen sieht diese Entwicklung kritisch. Rezepte würden zu leicht ausgestellt, es sei „Missbrauch vorprogrammiert“, sagte der CSU-Gesundheitspolitiker Stephan Pilsinger unserer Redaktion. „‚Schmerzen‘ hat ja jeder mal“, meinte der Münchner Bundestagsabgeordnete und spielte auf wegen vermeintlicher Lappalien wie Schlafstörungen verschriebene Rezepte an. „Ein weiterer Irrsinn, den dieses Gesetz mit sich bringt.“

Der Konsum von medizinischem Gras sei sicherer, argumentiert hingegen Kouparanis. „Allein schon von der Qualität, die einem Medikament entspricht und nicht mit Streckstoffen gemischt ist wie das Schwarzmarkt-Cannabis.“ Das mag stimmen, Unternehmer Kouparanis verdient freilich auch daran, je mehr Cannabis-Patienten es gibt.

Links: Ein Mitarbeiter des Cannabis-Unternehmens Cantourage hält in der Produktion des Unternehmens getrimmte Cannabis-Blüten in den Händen. Rechts: Das fertige Medizinalcannabis landet in für Apotheken bestimmte Vertriebsgläser.
Links: Ein Mitarbeiter des Cannabis-Unternehmens Cantourage hält in der Produktion des Unternehmens getrimmte Cannabis-Blüten in den Händen. Rechts: Das fertige Medizinalcannabis landet in für Apotheken bestimmte Vertriebsgläser. © Daniel Karmann/dpa//Andreas Schmid/IPPEN.MEDIA (Montage)

Cannabis auf Rezept gibt es in Deutschland seit März 2017, damals vor allem für schwerwiegende Erkrankungen. Durch das Cannabis-Gesetz der Ampel gilt Cannabis jetzt nicht mehr als Betäubungsmittel. Die Verschreibung ist leichter geworden. Der Bund deutscher Cannabis-Patienten befürchtete noch im April deshalb Engpässe: „Dadurch werden echte Cannabis-Patienten ihre Sorten, auf die sie präzise eingestellt sind, in ein paar Wochen wahrscheinlich nicht mehr kriegen.“

Dieses Szenario ist bei Bloomwell ausgeblieben. „Es gibt keine Engpässe“, sagt Kouparanis. Sein Unternehmen verzeichnete nach eigenen Angaben ein Plus von 400 Prozent bei den ausgestellten Rezepten„Wir haben natürlich steigende Patientenzahlen. Aber auch immer noch genug medizinisches Cannabis für alle.“

Medizinisches Cannabis: Rezepte haben THC-Gehalt von 20 Prozent

Die angebotenen Sorten unterscheiden sich etwa im Gehalt des Hanfwirkstoffs THC, sind also unterschiedlich stark. Zudem gibt es verschiedene Wirkweisen. Manche Sorten entspannen eher, andere berauschen. Der durchschnittliche THC-Gehalt des medizinischen Cannabis liegt bei Bloomwell bei etwa 20 Prozent. Wie viel das im Vergleich zum Schwarzmarkt ist, kann Kouparanis nicht sagen. „Das ist ja genau das Problem. Niemand weiß, wie viel THC das Schwarzmarkt-Gras hat.“ Flächendeckende Messungen dazu gibt es nicht. In einzelnen Erhebungen wurden aber schon deutlich höhere THC-Werte als 20 Prozent gemessen.

Fest steht: Je höher der THC-Gehalt, desto wahrscheinlicher sind negative Folgen. Laut einer im Fachmagazin The Lancet erschienenen britischen Studie nimmt die Zahl der Suchtkranken bei höherem THC-Gehalt zu. Zudem seien Krankheiten wie Schizophrenie wahrscheinlicher. (as)

Auch interessant

Kommentare

Teilen