Hessen ist Pharma-Hochburg – DAX-Konzern klagt aber über Nachteil: „Das behindert Innovationen“
Hessen ist Pharma-König Deutschlands. Das zeigen Daten des Instituts für Wirtschaft, die unserer Redaktion exklusiv vorliegen. Die Goldgräberstimmung trübt ein staatliches „Aber“.
Das war sogar Olaf Scholz einen Besuch wert: Im April kam der Bundeskanzler nach Hessen, genauer gesagt nach Darmstadt. Dort legte er den Grundstein für ein neues Forschungszentrum des Dax-Konzerns Merck. Das Pharma-Unternehmen steht sinnbildlich für den Pharma-Standort Hessen. Denn Hessen ist mit Abstand das erfolgreichste Bundesland in der Branche. Das zeigt eine noch unveröffentlichte Studie des Institut der deutschen Wirtschaft (IW), die IPPEN.MEDIA exklusiv vorliegt.
Hessen ist Pharma-König in Deutschland
Das IW hat sich angeschaut, wo erfolgreiche Pharmaunternehmen in Deutschland ihren Sitz haben. Im Kern ging es um Patentanmeldungen im Pharma-Bereich, also etwa um neue Arzneimittel. Von 2017 bis 2021 gab es 4341 Patentanmeldungen in Deutschland. 1093 davon kamen aus Hessen. Das entspricht einem Anteil von 25 Prozent. Jede vierte Patentanmeldung in Deutschland kommt damit aus Hessen.
Vor allem die Städte Frankfurt und Darmstadt überragen. Hier gibt es bundesweit die meisten Patentanmeldungen. „Hessen beweist sich als herausragender deutscher Pharmastandort“, heißt es in der Studie. Dahinter folgen die Bundesländer Nordrhein-Westfalen (748 Patentanmeldungen), das vor allem für den Pharma-Riesen Bayer bekannt ist, Baden-Württemberg (732), Bayern (626) und Rheinland-Pfalz (513), wo insbesondere die nahe an Hessen gelegene Region Mainz punktet. Der Standort könnte laut IW-Prognose in Zukunft wichtiger werden. „Auch, weil die hier angesiedelte Pharmaindustrie eine bedeutende Rolle in der Impfstoffentwicklung eingenommen hat.“ Rund um Mainz sind Biontech und Boehringer Ingelheim angesiedelt.

Hessischer Dax-Konzern Merck: „Bürokratische Hürden und Überregulierung schränken ein“
In Hessen sticht vor allem der Darmstädter Dax-Konzern Merck hervor. „Hessen verfügt über exzellente Hochschulen und Forschungseinrichtungen sowie hoch qualifizierte Arbeitskräfte“, erklärt ein Unternehmenssprecher auf Anfrage. Er lobt die Universitäten „mit vielen Studierenden in MINT-Fächern“, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. „Außerdem gibt es verschiedene öffentliche und private Forschungseinrichtungen sowie eine aktive Gründerszene in der Stadt.“
Merck sieht insgesamt ein „attraktives Umfeld für Investitionen“, übt aber auch Kritik: „Dieses Potenzial wird durch bürokratische Hürden und Überregulierung eingeschränkt. Das behindert Innovationen und kostet Punkte im Wettbewerb mit anderen Regionen.“ Die Kritik an zu viel Bürokratie in Deutschland zieht sich durch sämtliche Branchen, von der Landwirtschaft bis zum einfachen Behördengang. Und laut Merck eben auch in die Pharmaindustrie. „Wir arbeiten hier in einem hochgradig regulierten Umfeld, in dem Vorschriften nicht immer übereinstimmen und sich teilweise sogar widersprechen.“
Um als Standort wieder attraktiver zu werden, „müssen Deutschland und Hessen das komplexe System aus zu vielen Regeln und Vorschriften vereinfachen“, heißt es.

Bericht: Sanofi plant Milliarden-Investition in Frankfurt
Die Region Hessen profitiert auch von anderen Unternehmen. So sitzen in Bad Vilbel Stada, in Bad Homburg Fresenius, in Melsungen B. Braun und in Frankfurt der französische Pharmakonzern Sanofi. Laut dem Handelsblatt will Sanofi bis zu 1,5 Milliarden Euro in seine Insulinherstellung in Frankfurt investieren. Sanofi wollte den Bericht auf Anfrage von IPPEN.MEDIA nicht bestätigen. Das Unternehmen prüfe „ständig Investitionsmöglichkeiten“, hieß es lediglich.
Die Investitionen Sanofis scheinen aber durchaus konkret. So ist die hessische Landesregierung um Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) und Wirtschaftsminister Kaweh Mansoori (SPD) seit Monaten mit Sanofi über eine mögliche Ansiedlung im Gespräch, wie ein Regierungssprecher erklärte. „Eine finanzielle Beteiligung des Landes ist grundsätzlich denkbar, um Arbeitsplätze zu sichern und zu schaffen, Investitionen zu hebeln und Anreize für Innovationen zu setzen.“
2022 gab es in Hessen 33 Pharma-Betriebe, davon 16 mit mindestens 250 Beschäftigten. Laut Zahlen des hessischen Wirtschaftsministeriums zählt die Pharmaindustrie hier fast 25.000 Beschäftigte, das sind rund 20 Prozent aller Pharma-Beschäftigten Deutschlands. Hessen erwirtschaftet so einen Umsatz von 15,5 Milliarden Euro, wie Wirtschaftsminister Mansoori unserer Redaktion erklärt. Hessische Pharmaunternehmen stünden für über 26 Prozent des Umsatzes bundesweit. „Das sichert Wohlstand in unserer Region.“ (as)

