Common octopus (Octopus vulgaris). Eastern Atlantic. Galicia. Spain. Europe. (Marevision)
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Ob der Oktopus träumt, wenn er schläft, soll erforscht werden.

Tierwelt

Wissenschaftler vermuten, dass Oktopusse ihre Farbe ändern, wenn sie träumen

Wenn Oktopusse schlafen, verändern sie ihre Farbe – wie sie es sonst zur Tarnung machen. Ob das an ihren Träumen liegt, wollen Wissenschaftler nun herausfinden.

Natal/Frankfurt – Menschen und andere Säugetiere durchlaufen zwei verschiedene Phasen, wenn sie schlafen: eine ruhige und eine aktive Phase. Bei Oktopussen ist das ähnlich, wie brasilianische Wissenschaftler nun berichten. In ihrer aktiven Schlafphase wechseln die Kraken plötzlich die Hautfarbe, ziehen ihre Saugnäpfe zusammen oder bewegen ihre Augen. Diese Phase soll dem REM-Schlaf des Menschen ähneln – der Phase also, in der der Mensch am meisten träumt.

Die Forscher vermuten, dass auch Oktopusse traumähnliche Erlebnisse haben. Diese seien aller Wahrscheinlichkeit nach jedoch eher kurz und ohne wirkliche Geschichte, wie Sylvia Medeiros von der University do Rio Grande do Norte im brasilianischen Natal, die in einer Mitteilung über ihre Forschungen aufklärt.

Dass Oktopusse schlafen, ist bekannt - auch, dass sie dabei von Zeit zu Zeit ihre Hautfarbe ändern. Tintenfischen stehen 30 bis 40 Muster zur Verfügung, um sich an ihre Umgebung anzupassen. Diese können sie auch dann nutzen, wenn sie schlafen.

Die Wissenschaftler hatten für ihre Forschung vier Oktopusse der Art Octopus insularis über mehrere Tage und Nächte hinweg gefilmt. Dabei kamen mehr als 180 Stunden Videomaterial zustande. Bei der Auswertung fiel den Forschern auf, dass die Tiere während der ruhigen Schlafphase blass waren, die Pupillen zu einem Schlitz verengten und über einen längeren Zeitraum in einer einzigen Position verharrten. Außerdem atmeten die Tiere sehr ruhig und regelmäßig. Die ruhigen Schlafphasen dauerten im Schnitt etwas mehr als sechs Minuten.

Schlafphasen bei Oktopussen wechseln sich ab - Aktive Phase mit REM-Schlaf vergleichbar

Auf die ruhige Phase folgte eine aktive, in der die Oktopusse ihre Augen und Arme bewegten, die Saugnäpfe zusammenzogen und ihre Farbe änderten. In der nur etwa 40 Sekunden andauernden Phase wechselten die Kopffüßer ihre Hautfarbe blitzschnell, zum Beispiel von einem hellen Orange in ein dunkles Rot. Auch die Beschaffenheit ihrer Haut änderten sie zum Teil. Tests mit visuellen und Vibrationsreizen zeigten, dass die aktive Schlafphase auch diejenige ist, in der die Tiere am tiefsten schlafen - sie reagierten währenddessen nur wenig oder gar nicht auf Reize von außen. Die Forscher fanden außerdem heraus, dass die Länge der vorangehenden ruhigen Phase bestimmt, ob darauf eine aktive Phase folgt oder nicht. Je kürzer der „Quiet sleep“, desto unwahrscheinlicher sei das Auftreten einer „Active sleep“-Episode, wie im Fachmagazin iScience berichtet wird.

Bei Säugetieren wie dem Menschen, bei Vögeln oder einigen Reptilien wechseln sich während des Schlafes REM- und Non-REM-Schlafphasen ab. Das Akronym steht für Rapid Eye Movement und heißt so, weil sich während dieser Schlafphase die Augen unter den Lidern stark bewegen: die Schlafenden träumen. In der Non-REM-Phase dagegen gibt es kaum Traumerfahrungen.

„Der Wechsel der Schlafzustände, der bei Octopus insularis beobachtet wird, scheint unserem ziemlich ähnlich zu sein, obwohl sich die Abstammungslinien vor etwa 500 Millionen Jahren trennten und somit eine enorme evolutionäre Distanz zwischen Kopffüßern und Wirbeltieren liegt“, erläutert Medeiros. Wenn dieses Schlafmuster tatsächlich bei Wirbeltieren und Wirbellosen unabhängig voneinander entstanden sei, stelle sich die Frage, welche evolutionären Kräfte dafür verantwortlich seien. Möglicherweise bilde sich die Eigenschaft heraus, wenn ein zentralisiertes Nervensystem eine gewisse Komplexität erreicht habe.  

Wissenschaftler wollen Hirnströme der Oktopusse messen

Es stellt sich nun die Frage, ob die Oktopusse tatsächlich während der aktiven Schlafphase träumen. Diese Frage lasse sich zunächst nicht beantworten. Die aktive Schlafphase des Oktopusses dauere nur sehr kurz an, normalerweise zwischen einigen Sekunden und einer Minute. „Wenn Oktopusse tatsächlich träumen, ist es unwahrscheinlich, dass sie wie wir komplexe symbolische Handlungen erleben“, sagt Medeiros. Diese Träume würden dann eher Kurzvideos ähneln.

Studienleiter Sidarta Ribeiro stellt sich noch weitere Fragen: Hilft das Träumen Oktopussen beim Lernen und bei der Anpassung an die Umwelt? Haben Oktopusse Albträume? Spiegeln sich ihre Träume auf den dynamisch wechselnden Hautmustern wider? Um all diesen Fragen auf den Grund zu gehen, möchten der Forscher und sein Team zukünftig unter anderem die Hirnaktivität der Oktopusse untersuchen, während diese schlafen.

Sam Reiter und seine Kollegen vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main haben ebenfalls Farbveränderungen an schlafenden Tintenfischen untersucht und ihre Studie im Oktober 2018 in der Fachzeitschrift „nature“ veröffentlicht. Ob die Wissenschaftler die Tiere beim Träumen beobachtet haben, wissen sie noch nicht. Sie wollen daher größere Tintenfischgruppen über längere Zeiträume beobachten. Die Untersuchungen sollen Aufschluss darüber geben, welche Prozesse bei der Wahrnehmung im Gehirn der Tiere ablaufen. So wollen sie herausfinden, wie sich die Wahrnehmung von Mensch zu Tintenfisch unterscheidet. (dpa/laf)

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