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Arkaden im Palacio de Leones, dem Löwenpalast. Nicht nur der Höhepunkt jeder Führung durch die Alhambra von Granada, sondern auch der prachtvolle künstlerische Schlussakord von Al-Ándalus.

Reisetipp Alhambra Granada

In Schönheit sterben: In den Nasriden-Palästen der Alhambra von Granada

  • vonMarco Schicker
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Die Nasriden-Paläste sind Höhepunkt und Abschluss jeder Führung durch die Alhambra von Granada. Der versteinerte, lyrische Schlussakkord von Al-Ándalus und ein lehrreiches Kapitel der Geschichte Spaniens.

  • Die Paläste der Nasriden gehören zur Alhambra in Granada, wie die Gärten des Generalife,, die Medina, die Alczaba und der Palast Karl V.
  • In mehreren Höfen der Nasriden-Paläste entfalten sich architektonische Wunder. Der Löwenbrunnen ist das berühmte Wahrzeichen, ihn umgeben viele Legenden.
  • In Granada lebten und arbeiteten Künstler und Gelehrte aus der muslimischen und christlichen, aber auch jüdischen Welt.

Granada - Zunächst geht die Führung durch die Alhambra von Granada durch die Gärten des Generalife, die Sommerresidenz der maurischen Herrscher. Man durchstreift 1.000 Jahre Geschichte in der Medina, dem Burgdorf, sieht Ruinen, die roten Mauern der Alcazaba der Festung und gelangt schließlich zum Palast Carlos V., einem atypischen Renaissancebau, den er sich genau so errichten ließ, um einen guten Blick auf die Paläste der Nasriden zu haben. Erbaut wurden diese von der Nasriden-Dynastie, die vom Anfang des 13. Jahrhunderts bis 1492 die Sultane von Granada stellten. Es waren die letzten islamischen Herrscher auf der spanischen Halbinsel.

Die Mauern der Alcazaba, der Festung. Es ist der älteste Teil der Alhambra von Granada, der rote Stein gab ihr den Namen.

Nach innen leben: Nasriden-Paläste in Grandada verbergen ihre Schönheiten

Sieben Paläste gab es in der Alhambra, einer ist die Sommerresidenz Generalife mit dem zauberhaften Garten, einer ist spurlos verschwunden, einer wurde von Napoleons Truppen, diesen Fortschrittsbringern, dem Erdboden gleichgemacht. Den Erdboden kann man heute noch besichtigen. In einem weiteren, der mitten in der Medina, also dem Burgdorf steht, richteten sich nach der Reconquista die Franziskaner ein und gestalteten ihn nach ihrem Gottesbild um. Heute befindet sich darin ein Parador, eines jener staatlichen Hotels, die über das ganze Land exklusive Unterkünfte in Burgen, Schlössern und Klöstern anbieten.

Die wahre Pracht liegt im Inneren. Blick auf einen der Nasriden-Paläste in der Alhambra von Granada.

Dem Besucher zugänglich sind die drei Nasriden-Paläste, die fast ein bisschen versteckt am Rande des Felsplateaus errichtet und über die Zeit zu einem Komplex verbunden wurden. El Mexuar ist der älteste aus dem 13. Jahrhundert, es folgen der Palacio de Comares oder auch Palast von Yusuf I. sowie der Palacio de los Leones oder Palast von Mohammed V., der Mitte des 14. Jahrhunderts seine Gestalt erhielt.

Man betritt die Anlage nach eingehender Sicherheitskontrolle und könnte erst etwas enttäuscht sein. Das europäische Auge, von der Gotik auf Höhe getrimmt, von der Renaissance auf Schönheit geschult und vom Barock verkleistert, sucht natürlich zunächst nach prächtigen Fassaden. Wir sehen einen kleinen Hof mit, ein paar Orangenbäumen und einer Tür, den in Versailles nicht einmal die Dienstboten benutzt hätten. Doch es ist charakteristisch für die islamische Bau- wie Denkweise, die Vorsicht und Philosophie jener Zeit, sozusagen nach innen zu leben.

Arabische Kalligrafie und orientalische Ornamentik in den Nasriden-Palästen der Alhambra von Granada.

Der Zauber aus 1.001 Nacht schwingt noch mit

Was folgt ist die stetige Steigerung einer uns zunächst exotisch anmutenden Ästhetik, deren Arkaden, Mosaiken, unendlich reichen Kachelarbeiten, Kalligrafien, Schatten-, Licht-, Farb- und Musterspiele sich Schritt um Schritt zu einer fast transzendentalen Welt formen, die erst bewunderndes Staunen provoziert, das sich mitunter beim Besucher in eine tiefe Befriedung auflöst. Der Zauber aus 1001er Nacht wirkt noch immer. Doch da schwingt noch mehr mit.

Viele haben versucht, in Worte zu fassen, was bestenfalls Musik ausdrücken kann. Ja, die Ornamentik hier musiziert, bildet Duos und aus jedem Winkel andere Ensembles, mal mit Brunnen, mal mit Bögen oder Bäumen.

Deckengemälde im Palacio de Leones, dem letzten der Nasriden-Paläste der Alhambra von Granada. Einige der im Islam eigentlich verbotenen figürlichen Abbildungen entstanden nach der Einnahme Granadas durch die Katholischen Könige. Einige aber auch schon zuvor.

Über Empfangssäle mit kunstvollen Holzdecken und noch recht burschikoser Ornamentik gelangt der Besucher immer wieder um enge Ecken in neue Höfe und Säle, die der Gerichtsbarkeit dienten, der Repräsentation, aber auch dem Hofleben, der Meditation und – gar nicht zu vergessen – dem Vergnügen.

Bilder und Fest: Freiheiten für Auserwählte

Im Palast Comares berauscht der raumfüllende Wasserbecken-Spiegel, daneben Säle, deren Decken und Wände mit Kalligrafie-Reliefs "bedruckt" sind, mit Stuck wie Stalaktiten oder Muscheln, mit tiefblauen Lapislazuli-Intarsien, sogar Glasarbeiten. Dann der Palast und Hof der Löwen, das Werk Mohammed V. Eine schwebende Symmetrie aus Säulen und Bögen, die so perfekt gelang, dass sie mit Imperfektionen gesprenkelt werden musste, damit das Auge Halt findet und Überraschung erlebt, ein Trick, den übrigens die italienische Renaissance übernahm.

Im Hof der Löwen, patio de leones, im gleichnamigen Nasriden-Palast der Alhambra von Granada. Herkunft und Symbolik der im Islam eigentlich verbotenen Tierfiguren werden noch immer erforscht.

In den Seitensälen plötzlich Deckenfresken mit Bildern von Personen, Pferden, Schlachtenszenen. In der Mitte ein Brunnen, der auf zwölf löwenartigen Geschöpfen ruht. Sozusagen das Emblem der Alhambra. Wie kamen die hierher? Im Islam galt damals schon ein Bilderverbot, der Mensch sollte sich von Gottes Geschöpfen und dem Chef selbst kein Bildnis machen. Das ließ Gott über Moses übrigens auch den Juden und den Christen ausrichten, – kam aber bei den katholischen davon nicht wirklich an. Alles was eine Seele hat, war bildtechnisch verboten. Aber es war doch hier.

Allegorie mit Springbrunnen: Wer ließ die Löwen ins Schloss?

Der Löwenbrunnen im gleichnamigen Palast gibt der Forschung noch immer Rätsel auf. Bei der letzten Restaurierung 2007 bis 2012 hat man wieder versucht, seinen Ursprüngen auf die Schliche zu kommen. Dabei geht es gar nicht so sehr um seine Form oder Machart, sondern mehr um seinen tieferen Sinn.

Schale und Löwen stammen aus der Mitte des 14. Jahrhunderts, korrespondieren also mit der Zeit der Errichtung des Palastes unter Mohammed V. Beide Elemente sind aus dem gleichen Material, Marmor aus Macael in Almería. Baulich erinnern sie an syrische Vorlagen, es gibt Forscher, die sie sogar von Babylon inspiriert sehen, was einige Jahre früher wäre.

„Wer sich selbst und andere kennt, wird auch hier erkennen: Orient und Okzident – Sind nicht mehr zu trennen.“

Johann Wolfgang von Goethe in: „West-Östlicher Divan“

Es handelt sich um zwölf Löwen, die sich ihrer Haltung und Ausdruck nach in vier Dreiergruppen einteilen lassen. Doch schon hier zweifelt die Forschung. Sind es wirklich Löwen oder eher unbestimmbare Fabeltiere, mit denen man dem islamischen Verbot, „alles, was eine Seele hat“, abzubilden, ein Schnippchen schlagen wollte?

Legenden erzählen indes, dass der Brunnen ein Geschenk der jüdischen Gemeinde Granadas war und die zwölf Stämme Israels symbolisiert. Abraham war der Stammvater aller drei „Schriftreligionen“, der Juden, Christen wie Moslems. Die Juden genossen unter den Nasriden relativ große Freiheiten und stützten deren Macht.

Die vier Gruppen als die vier Flüsse des islamischen Paradieses zu erklären, denn sie speien ja auch zu viert, erscheint logisch und wird von der Mehrheit der Experten vertreten. Einig ist man sich immerhin darin, dass es sich um eine tiefergehende Allegorie handelt und nicht um einen zoologischen Hofschmuck.

In den Palästen der Nasriden wiederholte sich, was Jahrhunderte zuvor in Córdoba und Sevilla, Málaga, Algeciras oder Valencia üblich war. Die Herrscher versammelten an ihren Höfen Künstler aller Lande, Gelehrte aller Richtungen, schufen Schriftschulen, um das Wissen des Altertums vom Persischen Reich, über das Zweistromland bis nach Griechenland und Rom wechselseitig zu übersetzen und nutzbar zu machen.

Vom Wissenstransfer bis zum Baustil: Geburtsstunde des Mudéjar

Interdisziplinären Wissenstransfer nennt man das heute. Es ist überliefert, dass unter den Nasriden auch Moslems Weihnachten feierten, es Musik und Tanz gab, sich sogar die Schleier leicht lüfteten. Nach innen liberal, nach außen hart. Der Islam blieb Schwert und Staatsdoktrin, eine Säule der Macht ebenso unbarmherzig und bigott wie der Katholizismus. In beiden konnte sich die Oberschicht Freiräume erkaufen.

Kalligrafie-Relief in den Nasriden Palästen der Alhambra von Granada. In den Schriftschulen von Al-Ándalus trafen sich Gelehrte aus Christentum, Islam und Judentum.

Mohammeds Palast der Löwen entstand mit tatkräftiger Unterstützung von Künstlern aus Toledo und Sevilla. Diese sandte Pedro I. von Kastilien, der wiederum in Sevilla Anbauten am gotischen Palast seines Großvaters, dem berühmten Real Alcazár von Sevilla, von maurischen Architekten und Gestaltern durchführen ließ. Ein ganzer Stil wurde so geboren: Mudéjar. In Sevillas Palästen, auch den bürgerlichen erhielt er sich bis in unsere Tage.

Über die Jahrhunderte wurde auch am Löwenpalast weitergewerkelt, und mit der Reconquista verschwanden zwar die maurischen Künstler, aber die christlichen Maler übernahmen fließend, tunkten ihre Pinsel in die noch feuchten Farben ihrer granadinischen Kollegen, ihren Stil respektierend, ihn mit ihrer Formen- und Farbenwelt verschmelzend.

Zum Schluss ein Insider-Tipp für die Alhambra: Der „Prinzessinnenturm“, Torre de las Infantas, ist wegen seiner baulichen Delikatesse meist gesperrt. Ab und gibt die Verwaltung der Alhambra die seltene Gelegenheit dieses Prachtstück betreten zu dürfen. Bei der Vorbestellung der Tickets über die offizielle Webseite (Vorsicht: Im Internet gibt es viele Touristenfallen), sollten Sie sich danach erkundigen.

Der Turm ist Schauplatz einer der zentralen Erzählungen, die der romantische New Yorker Schriftsteller Washington Irving als „Erzählungen von der Alhambra“ beschrieb. Er lebte im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts Monate in den hinteren Räumen des Palacio de los Leones, die bereits von Felipe II. bewohnt wurden.

Einer der Höfe in den Palästen der Nasriden in der Alhambra von Granada, Werk der letzten Mauren-Dynastie in Spanien.

Zayda, Zorayda und Zorahayda, die drei Töchter Mohammed VII. hatten sich in die falschen, nämlich christlichen Edelmänner verknallt, die ältesten zwei konnten flüchten, die Jüngste darbte bis ans Lebensende im Turm.

Surreale Schönheit - Blutgetränkte Geschichte

Die Harmonie, die in den Nasriden-Palästen strahlt, das friedliche Zusammenwirken der Künstler, nicht einmal ihre schönsten Werke können jedoch die blutgetränkte Geschichte übertünchen, die in diesen edel geschmückten Mauern geschrieben wurde. Wie geht alles das zusammen, lagen Kastilien und Granada, Christen und Moslems nicht seit Jahrhunderten im Krieg? Diese Ambivalenz zog sich bei Pedro und Mohammed als "beste Feinde" durch ihr gemeinsames Leben.

1391 starb Mohammed V. als wieder gefestigter Herrscher in seinen nun strahlenden Palästen. Pedro wurde von der Vewandschaft gemeuchelt, Mohammed starb sozusagen in Schönheit, ein seltenes Privileg in jenen Zeiten. Und dieser Zeit können wir heute in den Nasriden-Palästen nachspüren, auch wenn der Abgleich der hiesigen Schönheiten mit dem geschichtlichen Hintergrundwissen uns ins Surreale entlässt.

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