burg biar alicante hinterland
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Die Burg von Biar auf der Route der Burgen des Vinalopó. Im historisch umkämpften Grenzgebiet zwischen Mauren und den Königreichen von Kastilien, Valencia und Aragón.

Im Hinterland von Alicante

Valencias Burgenland: Ausflug nach Biar und Sax, weiter nach Novelda und Monóvar

  • vonMarco Schicker
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Die Anfahrt ist zunächst ernüchternd, fast abschreckend. Von Alicante geht es Richtung Albacete in eine zerklüftete Hügellandschaft kurz vor der endgültigen Verwüstung. Wir suchen Burgen und Reben, alte Festungen und frische Kaninchen. Wir finden erst mal Staub.

  • Die Burgen von Biar und Sax liegen auf der Burgen-Route des Vinalopó und sind Zeugen der Geschichte von den Mauren und El Cid.
  • Novelda ist die Stadt des Modernismus, der Schuhindustrie, der ländlichen Küche.
  • In Monóvar kreuzen sich Valencia und La Mancha, auch in der Küche.

Monóvar - Die Gipfel des Natuschutzgebiets der Sierra del Maigmó im Hintergrund zeichnen etwas Verheißung in die Landschaft. Dazwischen die Weingärten des Valle Vinalopó, jene zuverlässigen Lieferanten der unverzichtbaren Silvester-Trauben. Sie trotzen ihr Grün noch in die Dürre, dieser stillen, unaufhaltbaren Erobererin Spaniens. Ein paar Kirchtürme lassen inmitten der Zersiedlung alte Ortskerne erahnen. Durchfahrtsgebiet. Das soll die Heimat des großen El Cid sein?

Wir lassen Novelda und Monóvar zunächst links liegen, wo wir am Abend die Menschen kennenlernen werden, die diese Landschaft prägen, ertragen und lieben. Zwei offizielle Touristenrouten kreuzen sich: die Festungen des Vinalopó-Tals und die Alicantiner Weinstraße.

Eine Wanderung ließe, was zu bedauern ist, zu viel Zeit im Nirgendwo zwischen Asphalt und Poligonen liegen. Ein kleiner Selbstbetrug, denn das Wesen der Burg war, schwer erreichbar auf einem Berge zu wachen, um vom Menschen Schritt um Schritt erobert werden zu müssen. Ein Wesen, das für alle Zeiten an der Leine des Tourismus liegt.

Castillo de Biar - Die Mutter aller Burgen und des Ritters Cid

Das Castillo de Biar, in dem der „Befreier Valencias“, Rodrigo Díaz de Vivar, genannt El Cid, mutmaßlich (noch mutmaßlicher in Burgos) 1045 geboren wurde, ist sozusagen die Mutter aller Burgen der Gegend. Nicht weil sie die älteste wäre, sondern weil sie alle geschichtlichen Stränge zusammenhält wie die Kinder einer Familie. Und auch, weil sie sich präsentiert, wie jedes Kind eine Burg malen würde: mit Türmen, Zinnen, Höfen, einer dicken Mauer drumherum und das alles auf einem Berg, hier 750 Meter hoch, an dessen Fuße ein müdes Dorf um Schatten fleht.

Das Burgenland des Vinalopó im Schnelldurchlauf:

Das Vinalopó, heute einer der Binnenkreise der Provinz Alicante, war über Jahrhunderte Aufmarschgebiet für Schlachten, Grenzzone zwischen dem christlichen und maurischen Herrschaftsgebiet, aber auch Zankapfel der nimmersatten spanischen Granden untereinander. Nachdem Jaime I., der Eroberer, und König von Aragón, die Gegend 1245 für das Kreuz befreit hatte, blieb wenig Zeit zum Feiern, denn der König von Kastilien, Ferdinand III., hatte auch ein Auge auf die Gegend geworfen. Ein halbes Jahrhundert später war das Königreich Valencia der lachende Dritte, dem die Gegend, sozusagen als befriedende Interimslösung zufiel, bis Spanien sich als ein Ganzes konsolidierte.

Das Tal des Vinalopó: Umkämpft und entvölkert

Das Schicksal des als sagenhaften Ritters durch die spanische Literatur vagabundierenden Cid war ähnlich chaotisch: Im Dienste der Katholischen Könige, dann aus der Reihe getanzt, von Alfons VI. zunächst verbannt, dann um Hilfe gerufen, zwischendurch Söldner für die Araber, später grausamer Diktator von Valencia und Verteidiger gegen die arabische Rückeroberung der Stadt, in der er 1099, in einen Hinterhalt gelockt und bald zur Legende geformt, umkam.

Das Vinalopó wurde 1609 praktisch entvölkert. Dank der ethnisch-religiös motivierten Säuberungen des Königs, die nicht nur die maurische Mehrheit betraf, sondern auch Konvertiten (Morisken), Juden und Gitanos mit betraf. Die dann notwendigen Ansiedlungen aus dem Norden lassen sich bis heute an kastilischen oder aragonesischen Nachnamen nachweisen.

Die Traditionen dieser Einwanderer schmeckt man bis heute in der typischen Küche der Gegend, in der das Valencianische ganz allmählich ins Kastilische wechselt, auch in der Sprache. Das Castillo de Biar, das all den geschilderten Szenen Kulisse bot, ist eine steinerne Zeitleiste: Ein kunstvolles maurisches Gewölbe belegt die Urherberschaft der massiven Feste, gut beschildert werden für Laien schwer erkennbare Nutzungsdetails der Anlage erklärt, das clevere Zisternensystem, geheime Gänge, der „Torre maestra“, der Hauptturm, sogar die Küche, aus der man den Burgherren im 14. und 15. Jahrhunderte auftischte, ist noch erkennbar, ebenso Speise- und Zeremoniensaal, wenn auch späteren Datums bestuhlt. Und das alles zum Eintrittspreis von einem Euro!

Die Burg von Sax

Die Burg-Ruine des Castillo de Sax.

Keine 20 Kilometer südwestlich kommen wir nach Sax, die dortige Burg ist nur noch Ruine. Von hier lohnen sich fußläufige Abstecher in die umliegenden Weinfelder mit Verkostungen. Auch die Burg von Sax hat, wie alle der Gegend, ihre Wurzeln in der Herrschaftszeit der Almohaden. Aus dem heutigen Marrokko stammende, muslimisierte Berber, die 150 Jahre lang auch die Region Valencia beherrschten und hier die Berber-Dynastie der Almoraviden ablösten. Von ihnen ist viel mehr geblieben als ein paar Mauern. Dazu gehören die Bewässerungssysteme der Landwirtschaft, Architektur, Medizin. Sax erwarb sich kriegerischen Ruhm im Spanischen Erbfolgekrieg, als Felipe von Anjou ein halbes Jahr der Belagerung der Truppen des Juan von Austria trotzte.

Faseguras in Novelda

Weitere 20 Autominuten nach Süden machen wir Station in Novelda, einem 25.000-Einwohner-Städtchen mit einem Rathaus aus dem frühen 17. Jahrhundert, natürlich einer blau gekachelten Kuppelkirche und einigen Jugendstil-Bürgerhäusern. Doch die zwei Sehens- besser Merkwürdigkeiten der Stadt sind andere.

Es ist nun Mittagszeit und wir landen in Etwas, dass man nur hungrig als Dorfgasthaus bezeichnen möchte. Geübte Spanier wissen um die Nichtigkeit des Ambientes, wenn nur die Küche stimmt. Im „Bon Profit“ (Guten Appetit auf Valencianisch) setzt man uns zum Tagesmenü eine Brühe mit zwei großen Fleischklößen vor die Nase.

Das Gericht heißt Faseguras und ist für die Zone um Petrer bis Monovár typisch. Es handelt sich um eine kräftige Fleischbrühe, dem nochmals zwei Fleischbälle in Kinderkopfgröße beigelegt werden. Früher nahm man, wenn noch Brühe, aber keine Einlage mehr übrig war, den Bodensatz des Eintopfes, um daraus Bällchen zu formen, das Gericht so zu verlängern. Heute, geformt aus Schweinsgehacktem, Weißbrotkrumen, Pinienkernen und Zitronenabrieb, werden die Pelotas in der bereits fertigen Brühe langsam 20 Minuten gezogen. Die Intensität mag man sich ausmalen.

Sagrada Kleinfamilie von Novelda: Modernismus auf dem Dorfe

Zurück zu den Burgen, eine dritte soll für heute genügen. Neben dem Castillo de la Mola, etwa drei Kilometer westlich der Stadt, wartet eine Überraschung. Die maurische Wehranlage ist gewaltig und relativ gut restauriert, die Restauratoren konnten hier die Technologie des Stampflehms studieren, dem Besucher wird sie an Schautafeln erläutert. Auch eine arabische Inschrift ist im Gemäuer erhalten, sie ist nicht entziffert.

Santuario de Santa María Magdalena bei Novelda:

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Buenas tardes viajer@s!!!! ⛪ 〰 📍 Novelda, España 🇪🇸 📆 Noviembre, 2019 〰 Ha sido todo un acierto ir al Santuario de Santa María de la Magdalena 😁. No sabíamos que existía, y eso que vivimos a 25km. Un error por nuestra parte 🤭. 〰 Guarda mucha similitud con la Sagrada Familia de Barcelona. ¿Le veis parecido? 〰 La mayoría nos dijisteis que fuésemos a Calpe, pero teníamos poco tiempo, lo dejamos para otro día 😉. •••••• ••••• •••• ••• •• • #alifornia #alicantecity #alicante #alacant #alicantegram #alicantemolamucho #topspainphoto #spain_vacations #spain #estaes_espania #españa🇪🇸 #wanderlust #wanderlustfamily #novelda #escapada #alicanteturismo #tourism #comunidadvalenciana #santuario #familyweekend #family #instalike #familypic #familyday #familyfun #photooftheday #igersspain #igersalicante

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Daneben steht ein Gebäude, mit dem der mutige Ingenieur José Sala Sala aus Novelda, Antonio Gaudís Sagrada Familia in Barcelona im Kleinformat nachstellen wollte. Das 1918 erbaute Santuario de Santa María Magdalena ist als Exot des katalanischen Modernismus mitten auf dem Lande sehenswert und heute ein beliebter Ort für Hochzeiten.

Von Novelda biegen wir in die Zieletappe ein, ins 20 Minuten entfernte Monovár. Den Ort als schöne Stadt zu beschreiben, wäre eine sanfte Übertreibung. Es ist eine dörfliche Kleinstadt, die sich ihr altes Straßenprofil noch weitgehend geschlossen bewahrt hat, mehr aus Not, denn aus denkmalschützendem Bewusstsein.

Monóvar ist ein valencianisch-kastilischer Hybride mit einer Einsiedelei, Stierkampfarena, Glockenturm, Mini-Burgruine und natürlich vielen Kirchen, einem Casino der Bürger, die durch die Industrialisierung im Schuhgewerbe im 19. Jahrhundert zu Geld kamen. Hier wird Valencianisch mit kastilianischem Einschlag und umgekehrt gesprochen.

Reste der Burg von Monóvar. In der Stadt im Hinterland von Alicante kreuzen sich die Traditionen von Valencia und La Mancha.

Den 12.000 Monoveros. mit auffällig wenig Vielfalt bei den Nachnamen, dazu 800 britische Nachbarn in der Umgebung, fällt das Geldverdienen heute nicht mehr leicht. Die Schuhfabriken gibt es noch, allein die Arbeitsbedingungen dort sind auch irgendwo im 19. Jahrhundert stehen geblieben. Arbeitsverträge gibt es, wenn überhaupt, nur monatsweise, und Heimarbeit wird aus Gewohnheit noch in Peseten pro Schaft abgerechnet. Wer bei der Akkordarbeit die Normen sprengt, dem wird der Stückpreis gekürzt, damit der monatliche Nettolohn ja nie vierstellig und der Untertan übermütig wird. Wer den Absprung aus diesen Verhältnissen nicht geschafft hat, für den wurde oft der Drogenkonsum zum Täglich Brot.

Vielleicht nicht die Idylle, die wir von einem Ausflugstipp erwarten, aber wie der Schrifsteller Azorín, in Monóvar 1873 geboren, sagte: „Es gibt keine größere Realität, als sich ein Bild zu machen.“

Monóvar: Das kleine Glück, abseits jeder Idylle

In der Bar Calpe, die den Mief der 50er, aber auch den Duft einer frischen Paella verströmt, treffen wir Juan Antonio, ein Glücklicher, der gerade einen Halbjahresvertrag bei einer der korrekt zahlenden Fabriken der Gegend ergatterte. Er hat am Morgen Schnecken gesammelt, die hier unbedingt in die Paella gehören. Eine Bemerkung, die unter den valencianischen Arroz-Puristen Religionskriege anstiften könnte.

Juan ist so euphorisiert, dass er uns für den Sonntag zu sich nach Hause einlädt, um das eigentliche „Nationalgericht“ Monovárs und des Nordens der Gegend, von seiner Mutter zubereitet, zu probieren: die Gazpacho Manchego. Wir sollen das Kaninchen mitbringen, das gibt’s sonntags zwischen 9 und 12 in der Eisenwarenhandlung am Sportplatz...

Es war noch warm als wir es am nächsten Morgen abholen und Mutter Toñi bringen, zusammen mit einem „Cono 4“ (ohne ñ!), einem Monastrell, der Tote aufweckt, jedoch nur, damit sie nochmal sterben.. Nächstens wird es wieder eine Flasche aus dem Hause Mañan. Toñi kocht das Kaninchen aus, der Brühe wegen, und präsentiert uns die Schwielen an ihren Fingern, die durch das Rupfen der Coca am Vorabend entstanden sind. Die Teigfetzen bilden die Bindung der breiigen Suppe, die mit Knoblauch, Wein, Zwiebeln, rotem Paprika und natürlich gutem Olivenöl langsam auf ihre passende Sämigkeit gebracht wird. In Castalla wird diese Gazpacho zum Event. In der Casa Paqui wird sie im aufgeschnittenen Teig serviert – bis man nicht mehr kann.

„Leicht ist es hier nicht“, resümiert ein weingetränkter Juan Antonio mit Blick auf seine Mutter und die Stadt, doch „wir Monoveser sind wie Rebstöcke mit hartem Stamm“, zitiert er die ersten Zeile der Ortshymne.

Die Szene, die wir mit dem Genuss dieser schmackhaften, wenn auch unweigerlich in komatöse Siesta mündenden Speise unter Absingen von Liedern und dem gegenseitigen Einschenken des Weines boten, hätte aus einem der Hauptwerke des Schriftstellers Azorín stammen können, dem Essayisten der 98er Generation.

Zum 300. Jubiläum der Erstauflage des „Don Quixote“, bekanntlich Manchego, bereiste Azorín die „Ruta de Don Quijote“ (1905). Es wurde sein Hauptwerk und ein literarisches Zeugnis der tagtäglichen Ritter von der traurigen Gestalt. Weise heißt es darin: „Das Alter ist der Verlust der Neugier.“ – Bleiben wir jung.

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