Bananen in Kisten auf den Kanarischen Inseln.
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Idylle oder Albtraum: Die Bananen-Bauern auf den Kanaren leben zwischen allen Welten.

Bananen aus Spanien

Alles Banane? Die Plátanos der Kanarischen Inseln zwischen Blüte und Krisen

  • Marco Schicker
    VonMarco Schicker
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Krisen wie der Vulkanausbruch auf La Palma sind für die Bananenwirtschaft den Kanarischen Inseln nicht neu. Pardón: „Plátano de Canarias“ nicht „banana“, heiße sie, klärt der Berufsverband auf. Geschichte und Rezepte rund um die Banane von den Kanaren.

Teneriffa - Die kanarische Banane sei „viel saftiger als die mehlige, ja sandige Konkurrenz-Banane“ aus Afrika und der Karibik, erklärt die Vereinigung Asociación de Organizaciones de Productores de Plátanos de Canarias (Asprocan). Das stimmt insofern, dass die Früchte wegen der kurzen Transportwege und -zeiten von den Kanarischen Inseln zum spanischen Festland und überhaupt nach Europa viel länger an der Pflanze reifen können und dann, einmal geerntet, schneller beim Konsumenten landen.

500 Jahre alles Banane: Portugiesen brachten die Frucht aus Afrika auf die Kanaren

Offiziell gibt es die Banane auf den Kanaren seit 1526 – also fast genau 500 Jahre – als die spanische Krone deren Anpflanzung unter königliches Privileg stellte und die Stauden ins gerade entdeckte Amerika mitnahm, als Proviant, vor allem aber, um sie dort gewinnbringend zu verbreiten. Mitgebracht auf die Kanarischen Inseln hatten sie allerdings schon Jahrzehnte vorher portugiesische Seefahrer und Entdecker aus Äquatorial-Guinea, wohin die Bananen bereits im 5. Jahrhundert über Madagaskar aus ihrer wahren Heimat in Südostasien gekommen sein sollen.

Als die Portugiesen feststellten, dass die Pflanze in Portugal selbst nicht so recht gedieh, verpflanzten sie sie auf die damals noch umkämpften Kanarischen Inseln (erst 1479 wurden sie offiziell der Krone Kastiliens zugeschlagen), die ja geographisch in Afrika liegen. Sklaven, rekrutiert aus Afrika, den indigenen Völkern der Kanaren und den aus Spanien verkauften Morisken (zwangskonvertierte Mauren), bauten sie an und allmählich ersetzte die Banane das Zuckerrohr, das wegen neuer Kolonien nicht mehr rentabel war.

Bananen auf den Kanaren: Briten bringen den großen Boom

Einen echten Boom erlebte die kanarische Banane aber erst, als die Briten die Sache in die Hand nahmen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts kontrollierten sie den Seehandel nach Europa und Großbritannien. Durch moderne und effiziente Schiffe und mit enormen Investitionen ihrer Handels-Companies rissen sie das Geschäft an sich. Pionier war ein gewisser Peter S. Reid, seit 1867 auf Teneriffa ansässig, der 1878 die erste exklusive Bananen-Handelslinie nach London eröffnete.

Kanarische Bananen auf dem Ramschtisch eines spanischen Supermarkts. Solidartität sieht anders aus.

Das Geschäft nahm solche Ausmaße an, dass die Themse einen eigenen Canary Wharf, eine eigene Mole als Umschlagplatz für Bananen von den Kanarischen Inselns erhielt. Er ist heute Teil des vollverglasten Finanzviertels der City of London und nichts ist dort mehr von Hafen- oder Bananenromantik zu sehen. Um 1900 erreichten die Pflanzungen auf den Kanaren mit rund 9.000 Hektar ihre größte Ausdehnung, die sich bis heute fast gehalten hat und zwischendurch sogar die 10.000 Hektar überstieg. Auf sechs der sieben Inseln wird die Banane angebaut, im Schnitt 375 Millionen Kilogramm im Jahr, in guten auch mal 430.000 Tonnen.

Aufschwung durch Bananen: Bis der Erste Weltkrieg auch zu den Kanarischen Inseln kam

Im Grunde wiederholte sich auf den Kanaren, was die Briten mit dem Portwein aus Porto, den Rosinen aus Dénia, dem Sherry aus Jerez und 3.000 Jahre zuvor schon die Phönizier mit Erzen und Edelmetallen aus Andalusien machten. Sie kooperierten mit den Einheimischen, die das know how für die Produktion hatten, bestimmten durch den Handel aber das Geschäft. An britisch-spanischen Familiendynastien wie den Osborne, Lustau, Sandeman oder im Falle der Bananendynastien des Fernando del Castillo Westerling lässt sich diese Geschichte ablesen.

Die Briten gründeten auf den Inseln Golf-, Polo- und Cricketclubs, 1894 fand sogar die erste Begegnung der „Nationalmannschaften“ Englands und der Kanaren im Fußball statt, sicher mit Bananen-Flanken. Es entstanden edle Hotels, feine Herrenclubs und es wurde Sangree getrunken, die englische Version des Sangría. Die Kanaren, das war sozusagen Britanniens Kolonie vor der Haustür, auch wenn die Inseln offiziell spanisch blieben.

Der Aufschwung war gewaltig. Legten 1883 im Hafen von Las Palmas noch 235 Bananen-Dampfer und -segler an, waren es 1902 schon über 2.000 Schiffe, 1913 sogar über 5.000 allein in Las Palmas. Doch nur ein Jahr später brach über die Inseln der Erste Weltkrieg herein, wie gleich mehrere Vulkane. Von einem Tag auf den anderen und jedes Kriegsjahr noch mehr brachen die wichtigsten Märkte – vor allem Deutschland – weg, wurden aber auch die Handelsrouten in andere europäische Länder gestört oder völlig unterbrochen.

Seit rund 500 Jahren werden auf den Kanaren Bananen angebaut.

Zu allem Überfluss versenkten deutsche U-Boote ab 1917 reihenweise Bananenfrachter, aber auch viele andere Güterschiffe vor den Kanaren. Der Handel kam zum Erliegen, eine Hungersnot brach auf den Inseln aus. Die „Andoriha“ war das erste große Handelsschiff, das Ende 1918 auf den Kanaren wieder anlegen konnte, es wurde wie ein Weltwunder empfangen.

Kanarische Bananen: Fünf Sorten auf Lanzarote, Feuerteventura, La Palma

Die Hauptanbaugebiete der Plátanos finden sich heute nach wie vor auf Lanzarote und Fuerteventura, das so gute Bedingungen bietet, dass dort sogar über 70 Jahre alte Bananenpflanzen stehen, die so viele Früchte tragen wie in ihrer Jugend. Auf La Palma konzentrieren sich die Plantagen vor allem auf San Andrés und Los Llanos de Ariadne, also just den Bereich, in dem sich der Vulkan der Cumbre Vieja jetzt austobt und die kanarischen Bananen-Bauern in den Ruin treibt.

Kommerziell angebaut werden fünf Arten: Gros-Michel, Lacatán, Poyo, Gran Enana und Pequeña Enana (Großer und Kleiner Zwerg). Die meisten davon sind resistent gegen die gefürchtete Panama-Krankheit.

Abenteuerliche Rezepte für kanarische Bananen

Die Vermarktung der kanarischen Plátanos als Produkt mit Herkunftsschutz konzentriert sich auch heute fast ausschließlich auf die reine Frucht. Ein kleiner Teil wird als Trockenfrucht, Bananen-Chips verwertet, ein Teil als Bananenmus an die Lebensmittelindustrie verkauft, für Joghurts, Eiscreme, Babynahrung. Die Vereinigung Asprocan, die neben der Bürokratie auch die Werbetrommel in der Hand hält und von der auch die Behauptung stammt, dass die „vulkanische“ Kanaren-Banane den anderen um Welten überlegen sei, empfiehlt diverse abenteuerliche Rezepte, um die Plátano de Canarias noch öfter in den Speiseplan zu integrieren.

Darunter finden sich Lammfleischbällchen mit Bananensauce, Teigtaschen mit Blutwurst (morcilla) und Banane, knusprige Tortillitas mit Garnelen und Banane, Ravioli mit Gänseleber und Bananenschale in der Füllung, natürlich Bananenbrot. Kann man mal probieren. Doch die bunte kanarische Küche hat bessere Rezepte. Unser Tipp: Banane der Länge nach halbieren und in einer Pfanne mit etwas Butter und Quittengelee (membrillo) anschmelzen, sodann mit gerösteten Sesamkernen bestreuen und zusammen mit Manchego-Käse und einem Amontillado-Sherry als Dessert servieren. Der Himmel auf dem Gaumen.

Doch wird die Banane mit ihrem intensiven und unverwechselbaren Geschmack wohl immer in ihrer Urform am beliebtesten bleiben, als eine süße Zwischenmahlzeit, gekrümmter Energieriegel für Sportler sowie ihre Schale als Vorlage für Karikaturisten. Ab 2023 gibt es sie dann auch in Spanien nur noch in ihrer praktischen, natürlichen Verpackung und nicht mehr zusätzlich in Plastik eingeschweißt.

Zum Thema: Problematische Erneuerbare Energien auf den Kanarischen Inseln.

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