Der spanische Fernsehkoch-Star Alberto Chicote.
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Alberto Chicote. Der einst für seine Fusion-Küche gefeierte Madrilene schwankt in seinen TV-Sendungen zwischen Krawall und Aufklärung.

Spaniens Kochsendungen

Spaniens TV-Köche und Kochshows: Küche als Zirkus

  • Marco Schicker
    VonMarco Schicker
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Von Arguiñano bis Chicote – Über Spaniens berühmteste TV-Köche, echte und gefakte Albträume in Restaurant-Küchen und das äußerst zweifelhafte Spektakel „Masterchef“.

Madrid - Die Globalisierung brachte es mit sich, dass sich auch Fernsehformate weltweit immer mehr angleichen. Eine Produktionsfirma verkauft ihre „Idee“ an möglichst viele Sender. Das gilt für das Glücksrad oder die Late Night Show ebenso wie für die unendlich vielen Koch-Shows zwischen billiger Sendeplatzbefüllung und Spektakel weit weg von jedem gastronomischen Informationswert. Doch nicht nur die Formate, sondern auch die Typen, die ihnen das Gesicht geben, scheinen sich in allen Ländern zu wiederholen, wobei jeder seine spezifische Rolle erfüllt.

Im deutschen Fernsehen zum Beispiel steht Alfons Schuhbeck für besternte Kompetenz und gleichzeitig bayerisch-onkelhafte Gemütlichkeit, „Tante“ Vincent Klink eher für Großmutters Küche mit gastrosophischen Anwandlungen. Horst Lichter, für den ein Gericht erst essbar wird, wenn es mindestens ein Kilo Butter enthält, für die krampfhafte Suche nach Originalität, Steffen Henssler für den unfehlbaren Fachmann, Frank Rosin und Christian Rach für die Anwälte der Restaurantgäste im Gestus teutonischer Inspektoren. Johann Lafer wiederum ist wie eine Lava-Lampe auf dem TV-Gerät: seit Jahrzehnten aus der Mode, aber immer noch da. Niemand fragt warum oder schaut noch groß hin. Und Tim Mälzer, ja, wofür steht eigentlich Tim Mälzer? Er, der mal meinte, die spanische Küche ist ja im Grunde nur fett, war mal als eine Art Küchenrebell gedacht, trat aber lediglich den Beweis dafür an, dass man für das Fernsehen weder kompetent, noch originell, nur penetrant genug sein muss.

Spaniens Kochsendungen im Fernsehen: Bescheidene Anfänge

Spanien hat es sich leicht gemacht, denn all die oben aufgezählten Charaktere – und noch mehr – vereint hier seit 30 Jahren ein einziger Mann. Dazu gleich mehr. Seit 1958 kocht auch das spanische Fernsehen täglich auf. Domingo Almendros gab damals in der Mittagssendung „A mesa y mantel“ (Tisch und Tischdecke) bodenständige spanische Rezepte weiter. In den 1960er Jahren folgten ähnliche Sendungen wie „Vamos a la mesa“ (Gehen wir zu Tisch) oder „Gastronomía“, die in kurzen Schwarz-Weiß-Filmchen vor den Hauptnachrichten in die Töpfe von Land und Leute schauten. Zu ausladend waren die Rezepte damals nicht bestückt, denn der größere Teil der Spanier war so verarmt, dass Franco-TV den Teufel tat, deren Frust durch opulente Zutaten auch noch anzuheizen. Es gibt sogar Theorien, die besagen, dass es nur die einfach zugängliche Küche, der natürliche Überfluss von Meer und Feldern Spaniens (und der billige Wein) waren, die Francos Macht solange unangetastet ließen.

In den 80er Jahren – nun schon demokratisiert – startete die Schauspielerin und TV-Moderatorin Elena Santonja die Sendereihe „Con las manos en la masa“. Ein Titel, der wörtlich übersetzt: Mit den Händen im Teig, sinngemäß aber auch: Auf frischer Tat ertappt, bedeutet. Über 17 Jahre wurde da vor sich hin geköchelt. Wobei Santoja die gesamte B- bis D-Prominenz des Landes ins Studio lud, um ein bisschen zu tratschen und den Voyeuren, pardon, Zuschauern, etwas Glamour ins Wohnzimmer zu bringen, wo damals meist noch die Hausfrau die Kartoffeln schälte, damit der Göttergatte rechtzeitig vor der Siesta-Zeit versorgt werden konnte.

Die Namen änderten sich, mal kochte ein behäbiges Schwergewicht auf, dann zwei überdrehte Plappertaschen wie bei „Torres en la cocina“. Auch die Vorabendsendungen "Aquí la tierra" und "España directo", bei denen TV-Teams im ganzen Land ausrücken, sind im Grunde reine Kochsendungen, denn am Ende geht es immer ums Essen.

Karlos Arguiñano: 30 Jahre in der Fernsehküche

Der Baske Karlos Arguiñano (rechts) gibt seit 30 Jahren den Ton in Spaniens TV-Kochsendungen an.

Und dann kam er. Karlos Arguiñano. Repräsentant aller oben aufgezählten und überhaupt denkbaren Charaktere eines TV-Kochs in einem einzigen Mann vereint. Der heute 72-jährige Baske Karlos Arguiñano bekocht die Spanier seit 1991, als er mit „El menú de cada día“ (Das tägliche Menü) im Staatsfernsehen begann. Seitdem – längst zu den Privaten gewechselt – ist er nicht nur vom Bildschirm nicht mehr wegzudenken: „Karlos Arguiñano en tu cocina“ (Karlos Arguiñano in Deiner Küche), ist tatsächlich in Ihrer Küche, im Wohnzimmer, überall und geht auch nicht mehr weg. Bei Google oder YouTube finden Sie kein spanisches Rezept ohne eine Arguiñano-Version. Die Kochbuch-Regale der Buchhandlungen quellen von seinen Kompendien über und selbst zu vielen Familienfeiern lädt er sich ein, denn ein Rezeptbuch von und mit Arguiñano ist das Verlegenheitsgeschenk schlechthin.

Karlos Arguiñano repräsentiert sein Genre der Fernsehköche geradezu exemplarisch, er ist auf allen Gebieten ganz alte Schule. Als 17-jähriger ging er in die Kochlehre, 1978 eröffnete er im baskischen Zarauz in alten Gemäuern ein Lokal, mit dessen Küche, die vor allem die besten Rezepte der Küchen von Navarra, dem Einfallsreichtum der Rezepte des Baskenlandes und La Rioja, Spaniens Weinkeller, vereint und modernisiert hat, er sogar einen Michelin-Stern errang, worauf er eine Kochakademie gründete – und woran er fast Pleite ging. Ohne den Geldregen vom TV, das gab er selbst zu, hätte er einige Male nicht gewusst, wie er weitermachen sollte.

Doch im Fernsehen fand er sein eigentliches Habitat und wurde zum Star seiner Zunft. Arguiñano spielt den netten Kumpel, hat aber auch was von jenem Onkel, der uns als Kind immer etwas unheimlich war. Küchentechnisch sind Arguiñanos Vorstellungen mal genial, mal brauchbar, aber auch mal simpel bis einfallslos, gehen Köche ins TV lassen sie offenbar viel Ambition fahren. Bei ihm muss es immer noch einfacher sein, ein „wir haben da schon mal was vorbereitet“ werden Sie in seinen Sendungen nicht hören. Denn Sie müssen ihm wirklich bei jedem Schritt zuschauen, der dann auch noch kommentiert wird: Wir schneiden jetzt das Gemüse – und dann wird eben ein paar Minuten geschnitten, sogar das Abspülen einer Schüssel wird mitunter erklärt.

Pepp bringt Arguiñano in seine Sendungen, indem er alte Zoten und schale Witze zum Besten gibt, die Bärte länger als der des Propheten haben. Er ist sich nicht zu schade, auch mal mit Stierhörnern, Handpuppen oder komischen Hüten aufzutreten, sich zum „Horst“ zu machen und dabei manches Mal beängstigende Einblicke in ranzige politische und moralische Ansichten freizulegen. Doch gerade diese hemdsärmelig, unintellektuelle Art macht in so populär. Er ist „einer von uns“, ein bisschen einfältig, aber doch auch „politisch unkorrekt“, ein biederer Sturm im Wasserglas. 30 Jahre auf Sendung geben ihm und seinem Konzept wohl recht. Kochen hat mit ihm kaum jemand gelernt. Aber, wie am Anfang aufgeführt, das war wohl auch nie der Plan der TV-Küche.

Alberto Chicote: Albtraum in Spaniens Restaurant-Küchen

Krawalliger geht es hingegen bei Alberto Chicote zu. Der 51-jährige gilt in der Szene als einer der Entrümpler der andalusischen Küche und Wegbereiter der spanischen Fusion-Küche, die er mit dem „Yakitoro“ und weiteren Lokalen in Nobelvierteln in Madrid, das immer eine Tapas-Tour wert ist, auf die Spitze trieb. In seiner Jugend war Chicote – Markenzeichen: knallbunt bemusterte Kochjacken – sogar einmal Teil des spanischen Rugby-Teams, übrigens zusammen mit Javier Bardem. 2014 ereilte auch ihn das TV-Virus, obwohl seine Lokale gut laufen sollen, und er erregte zunächst einiges Aufsehen mit seiner Restaurant-Rettungs-Show „Pesadilla en la cocina“ (Albtraum in der Küche) auf La Sexta. Wie ein Kugelblitz stürmte er durch die Küchen von Lokalen in ganz Spanien, die wegen Mangel an Kompetenz, Familienstreit oder einfach Pech vor der Pleite standen.

Doch auch hier war das Gastronomische nur mehr Dekoration für ein Szenario zwischen Telenovela und Sozialpornographie. Chicote würgte am Anfang jeder Folge die präsentierten Speisen wieder hoch und stellte den Küchenchef zur Rede, der dann auf den Restaurantbesitzer verwies, - meist ein armer, ahnungsloser Laie oder ein waschechter Psychopath.

Hell’s Kitchen in der spanischen Provinz

Dieser Teig begann dann zu gären, Chicote war die Hefe: Keine Folge kommt ohne Tränen, emotionale Zusammenbrüche, Gewalt und Beschimpfungen aus, „scripted reality“ nennt sich diese programmierte Skandalisierung, die echt wirken soll. Gordon Ramseys Hell’s Kitchen für Arme und in der spanischen Provinz. „Für die Zuschauer mag meine Sendung eine Show sein, für mich ist sie das nicht“, heuchelt Chicote ins Mikro. Gerichte mussten sich mit Klagen beteiligter Lokale auseinandersetzen, die Chicote, der doch nur ihr Bestes wollte, Lügen und Betrug vorwarfen. Als hätten sie nicht ahnen können, als die Filmcrew bei ihnen einfiel, dass alles inszeniert sein würde.

Wie auch immer, mit einem weiteren Format „Würden Sie das essen?“ (¿Te lo vas a comer?) schaffte Chicote, der zwischenzeitliche etliche Kilos abgespeckt hatte, doch noch etwas Investigatives zu seiner Ehrenrettung. Denn in dieser Serie deckte er kriminelle Machenschaften rund um Kantinenspeisung, das Essen in Altersheimen oder Schulen, Betrug im Lebensmittelhandel oder das ehrlose Business der Touristenfallen auf. Auch hier ging es nicht ohne lächerliche Aufbauschungen einer meist dünnen Faktenlage, die dann über Stunden mit wackeligen subjektiven Kameras in die Länge gezogen wird: Weiter nach der Werbung.

Netflix und Co. auf den Spuren der spanischen Küchenchefs

Auch die Streaming-Dienste haben das Genre der Koch-Shows mittlerweile entdeckt und bieten, wie das TV, Serien über spanische Köche an, die an den Ruhm der ganz Großen andocken wollen, begleiten sie durch ihren Tag, manchmal durch das halbe Leben. Noch immer lebt Spanien hier vom Ruhm eines Ferran Adrià, der mit seiner Molekularküche die Gastronomie des Landes einst zu Weltruhm führte. Doch die spanische Küche ist und bleibt am besten ohne viel Gekoche, verlässt sich – zu Recht – auf das Produkt und die Weisheit der Traditionen der vielen Völker und Kulturen, die das Land formten. Und so ist das Phänomen Adrià mit seinem dekonstruktivistischen Budenzauber lediglich eine Art Überkompensationshandlung für das Fehlen einer eigenen klassischen Küchenschule wie der Französischen. Ein netter Gag, der damals zur rechten Zeit kam. Adrià arbeitet heute als Motivationscoach, also ein Mann des Marketings.

Als einer der ambitionierten „jungen Wilden“ wird uns in der Serie „El Xef“ David Muñoz vorgestellt, der mit angesagten Läden in Spanien und London wie dem DiverXO oder StreetXO vor allem asiatisch angetouchte Street-Cuisine sorglos herumfusioniert und aufpoliert. In der Serie bekommt man indes eine Ahnung davon, dass Küchenchefs vor allem Unternehmer sein müssen und – bei Strafe des Ruins – immer weniger kreative Freigeister sein dürfen. „El Xef“ erklärt unfreiwillig auch, warum ein Irokesen-Schnitt noch keinen Punk macht. Ob David Muñoz auch ohne seine Partnerschaft mit dem TV-Sternchen Cristina Pedroche so bekannt geworden wäre, lassen wir einmal offen.

Route durch´s Land: Ein Argentinier verliebt sich in Spaniens Küche

Zu den mit Abstand erfreulichsten Produkten des spanischen Fernsehens in Sachen Küchen-TV zählt ausgerechnet eine Serie, die von einem Ausländer gemacht wird: „Las rutas de Ambrosio“, in der der argentinische Küchenprofi Gonzalo D’Ambrosio durch ganz Spanien reist und die spanische Küche, Region für Region vor Ort erfahrbar macht. In ihrer Landschaft, mit ihren Menschen, dort wo die Produkte gedeihen und wo das Essen Teil einer Kultur ist, dort ist eine gastronomischen TV-Sendung an der richtigen Adresse. Vielleicht braucht es die Neugier und Unverbrauchtheit eines Außenstehenden, um solche Einblicke neu zu gewinnen.

Teilen, statt streiten: „Masterchef“ - Küchenwettstreit gegen die gastronomische Tradition der Spanier.

Am anderen Ende der Skala und beabsichtigt als das Allerletzte besprochen sei das Phänomen, nein, der Großzirkus „Masterchef“, ein US-Franchise. Diese Glamour-Trash-Show mit enormen Einschaltquoten, in der unter einem Dutzend Laien-Kandidaten Spaniens nächster vermeintlicher „Meisterkoch“ ausgesiebt wird, widerspricht allem, was Spanier eigentlich unter Essen und Küche verstehen. Denn die spanische Küchen- und Gastronomiekultur lebt vom unkomplizierten Genuss mit Freunden, vom „compartir“ (teilen) statt „competir“ (in Wettbewerb stehen) oder „combatir“ (drum prügeln). Doch genau das ist Masterchef: Eine Show, die einen auf niedere Instinkte setzenden Verdrängungswettbewerb mit einer der drei schönsten Dinge des Lebens verbinden will.

Masterchef: Kinder beim Kochen zum Weinen bringen

Diese kranke Welt, die leider ein bisschen die Welt im Großen spiegelt, macht selbst vor Kindern in „Masterchef Junior“ (sowie mit C-VIPs in „Masterchef Celebrity) nicht halt, die von einem selbstgefälligen (Pepe Rodríguez) und einem machttrunkenen (Jordi Cruz) Küchenchef tränenreich durch die kulinarisch völlig sinnlosen Wettbewerbe geführt und dabei in einer Art und Weise vorgeführt werden, dass eigentlich das Jugendamt einschreiten müsste. Da fielen auch schon mal schenkelklopfend Begriffe wie „Sugar Daddy“ und mehr als eine Stimme im spanischen Blätterwald sprach von „gezieltem Stalking“ und sogar „Verherrlichung von Pädophilie“ sowie allgemeinem Sexismus in der Show.

Die Showmaster hier sind Sterneköche, von denen sich der eine, Rodríguez, durch eine industrielle 5-Minuten-Terrine namens „Paella valenciana“ disqualifiziert hat, während er Corona die Schuld an der Pleite seines Lokals gibt, das er aber eigentlich für den TV-Ruhm aufgegeben hat. Während der andere, Cruz, sich in psychologisch auffälliger Art daran weidet, Menschen, denen er fachlich natürlich überlegen ist, ihre Unzulänglichkeit vorzuwerfen.

Da hilft nur: Den Fernseher ausschalten, selber kochen oder in die Bar um die Ecke gehen und die spanische Küche so genießen, wie sie wirklich ist. Einfach, ehrlich und ohne Netz und doppelten Boden. Live ist live.

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