Eine Karotte, umringt von spanischem Schinken.
+
Können Sie mich erkennen? Wie diese Karotte muss sich ein Veganer in Spanien fühlen. Umzingelt von Schinken.

Veganismus in Spanien

Vegan in Spanien: Tagebuch eines Selbstversuchs

  • Marco Schicker
    vonMarco Schicker
    schließen

Vegan leben in Spanien. Geht das überhaupt? Im Land des Jamón ibérico und der Lämmer, der ewigen Verführungen aus dem Meer? Ein Reise voller Vor- und Rückschläge und Selbstironie von Spanien nach Veganien - und zurück.

Alicante - Zumindest für einen Monat werde ich als Veganer leben. Mitten in Spanien. Ein Selbstversuch, geboren aus Neugier und Übergewicht. Die Strandsaison steht vor der Tür. Das Übergewicht ist latent, die Lockdowns als Ausrede verlieren ihre Glaubwürdigkeit, zumal in Spanien nun auch der Coronavirus-Notstand zu Ende ist. Also, nur Mut.

Die Neugier auf das Konzept des Veganismus, entstammt der Überzeugung, dass wir Menschen nicht nur unseren Planeten tatsächlich zu Grunde richten, physisch und moralisch, sondern auch uns selbst. Massentierhaltung, Ressourcenverbrauch, Vergiftung mit Zusatzstoffen, Antibiotika. Der Wahnsinn muss ein Ende haben. Erstmal für mich. Dann sehen wir weiter. Auch allfällige Hamster- und emotional bedingte Fressattacken vor allem in der Frühphase der Coronavirus-Pandemie könnten den einen oder anderen anregen, um über die Rolle des Essens in seinem Leben einmal nachzudenken.

Vegan in Spanien? Geht das überhaupt im Land des Jamón ibérico, der Lammkeulen aus dem Ofen, der leckeren Meeresfrüchte allüberall? Die Voraussetzungen sind nicht so schlecht: Ich lebe in Alicante, einer Großstadt mit entsprechender Infrastruktur, ich habe immer gerne gekocht und: Ich habe eine Woche Urlaub, um in das Thema hineinzuwachsen. Der Zeitfaktor sollte sich bald als wesentlich herausstellen. Denn der Veganer geht nicht mehr einkaufen, er geht auf Nahrungssuche.

Vegan in Spanien, Tag 3: Enthusiasmus und Entwöhnung

Wenn ein Veganer an den Schinken-, Fleisch- und Fischtheken der Supermärkte vorbeigeht, empfindet er Schrecken und Ekel. Er sieht das Tierleid, der Supermarkt ist ihm ein Leichenschauhaus. Ich sehe das noch anders. Ich sehe hier Kindheitserinnerungen und ausgelassene Feiern, die Waren formen sich mir zu Düften und Rezepten. Die Nachkriegsgeneration in ganz Europa brachte Fleisch als Trophäe des Wirtschaftswunders in die Erziehung ein. Das Tier als Untertan und Rohstoff.

Alicantes Markthalle als rettender Hafen für den Veganer.

Zugegeben, das Motiv der Gewichtsabnahme bei der Konvertierung zum Veganer ist nicht ganz redlich, dient eher als Katalysator. Veganer wollen ja nicht primär abnehmen, sondern leben, ohne Tiere auszunutzen. Konsequenterweise müsste ich auch meine Lederschuhe wegwerfen, das Duschgel und die Zahncreme auf tierische Inhaltsstoffe überprüfen. Hat man Aspirin an Tieren getestet?

Bleiben wir zunächst bei der Ernährung. Die Markthallen, wie die von Alicante und Wochenmärkte und immer mehr Bauernhöfe mit Ab Hof-Service in Spanien sind ein großes Plus für die vegane Ernährung, das Klima auch, denn es haben immer mehrere Gemüsesorten gerade Saison und der Eiweißlieferant Nr. 1 für den Veganer, Hülsenfrüchte, sind ohnehin traditionell in der spanischen Küche verankert. Doch Vorsicht, auch auf dem „Bauernmarkt“ werden Linsen aus Indien und

Avocados aus Peru verkauft oder Bulgur aus dem Kaukasus. Die bleiben zwar vegan, aber sind wohl kaum im Sinne der Sache. Zum Abend zaubere ich Linseneintopf. Kräftig angebratene Pilze und karamelisiertes Weißkraut bringen die herzhafte Note hinein, geräucherter Tofu eine Illusion von Chorizo. Dass es mir schmeckte, habe ich den Hormonen der Euphorie eines Neuanfangs zu verdanken, so wie man bei einer frischen Geliebten auch keine Makel sieht. Aber mal ehrlich, ein spanischer Linseneintopf ohne Chorizo, ohne Bäckchenfleisch? Liebe macht blind und geschmacklos.

Vegan in Spanien, Tag 5: Kalorienfalle Obst

Hummus und Oliven, Mandeln, getrocknete Tomaten sind nicht nur ein gutes Frühstück, sondern werden zu ständig erreichbaren Snacks. Mal eben ein Joghurt geht ja nicht mehr. Ich musste aber zweimal einkaufen. Die Mandeln waren mit manteca eingeschmiert, also Schweineschmalz, was bei spanischen Omas aber landläufig nicht als Fleischprodukt zählt. Die Oliven waren zwar nicht mit Sardellen gefüllt, schwammen aber in Sardellenbrühe. Etiketten lesen, nachfragen, weiterziehen. Obst rundet das Angebot ab, befriedigt die Lust auf Süßes, ist aber Kalorienfalle.

Tag 8 – Hunde und Honig: Erster Rückfall und Verhör durch die Vegan-Stasi

Erster Rückfall. Gedankenlos einen café cortado bestellt und getrunken. Milch! Geht natürlich nicht. Mandelmilch wird nach dem dritten Kaffee lästig, Sojamilch ist schlicht widerlich. Café solo ist die Lösung. Zumal im Kaffeeland Spanien. Motivation und körperlicher Zustand sind nach wie vor gut. Melde mich bei mehreren veganen Facebook-Gruppen an. Eine lässt mich nicht rein, weil sie ein Foto mit Garnelen in meiner Facebook-Timeline gesehen habe. Vegan-Stasi. Die andere Gruppe heißt mich willkommen mit Aufmunterungen und Links zu Läden und Lokalen. In vielen Profilen der Gruppenmitglieder sieht man Tierschutzaktivitäten und sehr viele private Hundebilder. Habe Zweifel, ob das Halten eines Hundes, erst recht in der Stadt, mit veganer Lebensweise vereinbar ist. Hier will man den Bienen nicht den Honig wegnehmen, aber da sperrt man Tiere, die 30 Kilometer am Tag laufen müssten und im Rudel leben wollen in kleine Wohnungen. Sitz, Platz, Aus!

„Die Tiere leiden unter all Deinen Ausreden“, heißt es beim Vegan Fest in Alicante.

Tag 11 – Trennungsschmerz

Maispolenta mit Steinpilzen, Mandeln, Rosinen, getrockneten Tomaten als Auflauf im Ofen, eine Art Ersatzkäse obenauf. Sehr lecker. Der Ersatzkäse geschmacklos, aber die Textur war willkommen. Nach einer Woche läuft es ganz geschmeidig. Veganes Kochen bedeutet auch den Einsatz von mehr Kräutern, Phantasie, Küchentechniken und viel weniger Salz, denn Pflanzen absorbieren das Salz nicht so wie Fleischberge. Auch das tut dem Körper gut. Eine der ersten Lehren meines Versuches: Nicht das Fehlen des Fleisches, sondern die Abgewöhnung ist das Problem. Das ist wie am Ende einer Beziehung. Was war wirklich Liebe, was nur Gewohnheit, was vermisst man?

Vegan in Spanien, Tag 13 - Hormone auf Diät

Über zwei Kilo Gewicht verloren. Auch durch viel Power-Walk, mittlerweile grüßen mich die Möwen am Strand mit Namen. Und Zuckerverzicht. Obst tut es auch. Valencianische Orangen sind ein Universum für sich. Der Körper mag sich nicht so richtig entscheiden, ob er mich mit früher Erschöpfung oder aggressivem Jagdinstinkt ärgern möchte. Klar, das Unterbewusstsein versucht Panik auszulösen, um mich in mein altes, verderbtes Leben zurückzuführen. Am Abend komme ich an Lokalen vorbei, wo die Schinken von den Decken hängen, gereifte Chuletones, extra aus Galicien eingeführt, sitzen sozusagen im Schaufenster wie Mädchen auf der Reeperbahn. Beides sind schmutzige Geschäfte, denke ich, und das erste Mal spüre ich so etwas wie Abscheu gegen Fleisch. Oder ist es Verlustneid? Überkompensation? Ich bin mitten in der Schlacht mit mir selbst.

Vegan in Spanien, Tag 15 - Besuch kommt, sozialer Härtetest

Freunde haben sich angesagt. Mein Veganismus wird auf eine soziale Probe gestellt. Sie verlangen von mir ein legendäres Lachstatar und einen thailändischen Feuertopf, mit Garnelen und Hühnchen, spanischem Huhn vom Land. Da haben wir den Salat. Soll ich sie jetzt missionieren mit meinem veganen Getue? Oder koche ich für sie und mich getrennt? Das soziale Dilemma, das stellt sich schnell heraus, ist die gröbste Hürde für eine dauerhafte Umstellung, der Gruppendruck, die Traditionen, erst recht die Familie. Ich weigere mich, die Tupper-Dose wie den Tropf eines chronisch Kranken mit mir herumzuschleppen. Gehen so nicht Freundschaften kaputt, wenn man immer den Sonderling spielt?

Traditionelle spanische Paella in veganer Fassung. Ist nicht so schwer.

Meine spanischen Freunde lachten mich aus. „Ausgerechnet du Veganer? Und dann in Spanien?“ Wir zogen durch Lokale und immerhin, Google Maps wies uns den Weg zu einigen, die alle Seiten zufrieden stellten. Echte Freunde erkennt man in der „Not“. Am Abend trugen wir ein regelrechtes veganes Buffett zusammen. Knusprige Artischocken aus dem Ofen, Avocado-Creme, Lauchzwiebeln in Sherrysauce, Kichererbsen-Burger. Nur auf den Käse wollten sie nicht verzichten. Als Katerfrühstück für die Kumpels gab es aus den Resten am nächsten Tag eine vegane Paella. Nichts leichter als das.

Tag 18 - Vegan-Industrie: Ersatzbefriedigung und Glutamat-Bomben

Die Zeitfrage. Was hat uns die vegane Industrie zu bieten, außer Salat und Gemüse? Das Angebot ist, gelinde gesagt, erbärmlich, geschmacklos und teuer. In dicke Plastik verschweißt bieten Spezialgeschäfte oder gesonderte Regale in Supermärkten, die wie kleine toxische Isolierstationen aufgestellt sind, nicht nur Tofu-Blöcke, sondern auch allerhand Produkte, die Fleischwaren imitieren sollen. Aber kann es Ziel veganen Lebens sein, den Geschmack dessen, was wir verdammen, nachzuahmen? Vegane Bratwurst? Das ist doch erbärmlich.

Drei Produkte habe ich getestet, drei herbe Enttäuschungen erlebt: Falafel schmeckten wie eingeschlafene Füße, waren mit Kreuzkümmel überwürzt und enthielten laut Hersteller auch noch „Reste von Ei“, womit der Produzent mir sagt, dass ich ihm als Veganer völlig egal bin. Die veganen Frankfurter waren labbrig und blieben es auch nach dem Braten. Seitán ist ein Extrakt aus Weizen, eine 80-prozentige Glutamat-Bombe von unansehnlicher bräunlich-grauer Farbe. Es soll wie ein Steak gebraten oder ein Schnitzel gebacken werden. Sinn- und geschmacklos.

Vegan in Spanien, Tag 21 – Marokko und Leinöl

War beim Marokkaner, um mir meinen Glauben in die Falafel zurückzuholen. Es gelang. Überhaupt bietet die orientalische Küche viele Möglichkeiten. Gläubige Hindus haben eine gigantische vegane Rezeptvielfalt über Jahrtausende entwickelt, die japanische oder die Thai-Küche bietet viele Nuancen, exotische Gemüse, Kokosmilch.

Spaniens Felder bieten ganzjährig ein Füllhorn an tollen, reifen Produkten. Früher war mehr vegan, schon aus purer Armut.

Dieser Mix ist es übrigens auch, der Mangelerscheinungen vorbeugt. Nicht allzu verbreitet in Spanien, aber doch zu finden, ist Leinöl. Das ist zu Pellkartoffeln ein Gedicht und beinhaltet auch genau jene wenigen essentiellen Bestandteile, die Olivenöl nicht abdeckt.

Vegan in Spanien, Tag 24 – Bier und Philosophie

Der Schock. Das Experiment steht kurz vor dem Abbruch. Musste heute erfahren, dass sogar bei der Bierherstellung tierische Produkte, nämlich zur Klärung des Gebräus, verwendet werden. Im Internet gibt es Listen, welche Marken vegan sind, besser gesagt, so gebraut, wie es Gott über das Reinheitsgebot befohlen hat: Gerstenmalz, Hopfen, Wasser. Was ist daran nicht zu verstehen?

Laura Jiménez, die Aktivistin vom Vegan Fest Alicante, nimmt mir bei unserem Gespräch ein bisschen den alltäglichen Veganer-Stress, die evidenten sozialen Nachteile konnte sie mir nicht ausreden. Laura ist konsequent, aber erfrischend unmilitant: „Das geringere Übel“ leben, sei ihr Motto. Die Veganer haben in allem Recht, doch werde ich das Gefühl nicht los, dass sie nur die Symptome bekämpfen. Denn die Ursache für das Tierleid, verursacht durch die selbstzerstörerische Egomanie der Menschen, liegt vor allem in mangelnder Bildung und fehlender Grundversorgung. Wir in Europa hungern nicht, wir sind übersättigt und leisten uns den Verzicht, sozusagen als luxuriös anmutendes Hobby. Anders gesagt: Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral. Das wusste schon Bertolt Brecht.

Laura Jiménez ist Veganerin und engagiert sich auch in ihrem Beruf als TV- und Filmemacherin für soziale Themen.

Auch der Gesundheitsaspekt ist ja ein First-World-Problem. Das Übergewicht, Cholesterolwerte so hoch wie der Eiffelturm, Allergien und Unverträglichkeiten sind ein Produkt von Überversorgung und Reizüberflutung, physischer wie mentaler.

Vegan in Spanien, Tag 27 – Calabizo, die Fake-Chorizo

Zurück in den Alltag. Vegan reisen ist ein Albtraum. Am Busbahnhof bot mir der Barbetreiber tatsächlich an, den Schinken vom Bocadillo zu kratzen und mir als vegan zu verkaufen. Also wieder Tupper-Dose oder der Hummus vom Mercadona, der ohne Lacto-Produkte auskommt. Tupper-Dosen haben außerhalb von Schule und Picknick etwas rundum Würdeloses.

In den Foren rät man mir, auf Vorrat zu kochen. Linseneintopf für die ganze Woche? Naja. Am Abend habe ich mir ein Wiener Kartoffelgulasch gekocht, mit Paprika, Zwiebel und anstelle Würstel gab es „Calabizo“. Der innovative Hersteller will uns die in Spanien unvermeidliche Chorizo mit Hilfe von Kürbis und sechs weiteren rein ökologischen Zutaten vegan schmackhaft machen. Ein netter Versuch.

Mittlerweile kenne ich viele neue Arten Rüben und Kohlgemüse, die wahrlich schmecken können. Habe eine russische Borschtsch-Suppe mit roter Beete fabriziert, im Ofen getrocknete Pilze als „Einlage“ benutzt, das Ergebnis war sehr befriedigend. Das Zeitproblem bleibt.

Vegan in Spanien, Tag 28 – Kriegs-Blutwurst á la Bolognese

Ich will gerade ein Kilo Rindfleisch essen. Zielgerade. Der Körper dankt mittlerweile die vegane Kost. Man fühlt sich leichter, kann sogar recht bedenkenlos bei den Mengen sein, denn die Energiedichte ist bei Pflanzen ja deutlich geringer als bei Fleischprodukten. Dafür nimmt der Anteil an reinigenden Ballaststoffen erheblich zu. Der Darm freut sich, wenn man darauf achtet, auch mal fermentierte Produkte zu essen. Das Endprodukt, das sollte kurz erwähnt werden, ist nach wie vor kein Feenstaub. Am Abend gab es Spaghetti Bolognese. Die Sauce wird aus „Morcilla de guerra“ gemacht. Diese Kriegsblutwurst ist ein uraltes maurisches Rezept aus Aubergine, das im Spanischen Bürgerkrieg und in anderen Notzeiten Fleisch vorgaukelte. Hier das Rezept für Bolognese aus Aubergine.

Vegan in Spanien, Tag 29 – Routinen und eine glückliche Kuh auf dem Smartphone

Habe sämtliche vegane Lokale in Alicante getestet. Alle beide. Es gibt noch eine handvoll vegetarische mit veganen Optionen. Die Smartphone-App Happy Cow weist den Weg. Das gastronomische Erlebnis ist bescheiden. Viel bunte Farben, wenig geschmackliche Aha-Erlebnisse und erstaunlich viel (pflanzliches) Fett. Vielleicht schmeckt es den glücklichen Kühen. Der Einkauf und das Kochen wird routinierter, mehrere Pestos, Gemüsedips und andere Produkte in Gläsern im Kühlschrank dienen sowohl als Brotaufstrich oder Basis für Pasta-Saucen. Parmesan fehlt mir allerdings. Ersatzkäse lehne ich ab. Es ist kein Ersatz. Es ist kein Käse. Was ist das überhaupt?

Ein Monat später und zwei Gürtellöcher weniger. Geschafft. Wie nun weiter? Nach meinen geschilderten Erfahrungen wird das Fazit nicht sehr überraschen. Vegan leben ist möglich, auch in Spanien, braucht aber starken Willen und vor allem ein starkes Selbstbewusstsein, denn der soziale Faktor spielt eine deutlich größere Rolle als der ernährungsphysiologische oder der innere Drang zum Fleischlichen.

Die Beschäftigung mit dem Veganismus hat meinen Horizont erweitert und meinen Respekt gesteigert. Abseits der veganen Lebensweise selbst, entwickelt mancher dadurch vielleicht einen tieferen Blick für viele Sinnlosigkeiten des modernen Lebens. Sensibler wird man auch für das eigene Wohlbefinden. Ist es Zufall, dass deutlich mehr Frauen vegan leben als Männer? Der Körper holt sich von der Gewohnheit die Entscheidungshoheit zurück, wenn man es richtig macht.

Vegan in Spanien, Tag 30 – Fazit und Rückreise aus Veganien nach Spanien

Ich werde mich dem Motto von Aktivistin Laura Jiménez annähern, das kleinere Übel zu wählen, wie sie uns im Interview erläutert. Das Schlechte etwas weniger schlecht zu machen. Die Woche über lebe ich nicht vegan, aber weitgehend vegetarisch. Ehrlicherweise vor allem auch der eigenen Gesundheit und dem Wohlfühlen zu liebe. Am Wochenende aber werde ich mir Meeresfrüchte, auch mal Fleisch gönnen: ökologisch und lokal. Aber mein Menschsein kann und will ich nicht negieren, auch nicht mit seinen Schwächen. Eine rein vegane Lebensweise wäre für mich ein realer Kulturverlust. Nach dem Besuch der Alhambra auf einer Plaza in Granada Tofu mampfen? Das will ich nicht. Dem mag ein Veganer rechtmäßig widersprechen. Ich habe in Ansätzen erfahren, wie intolerant die Gesellschaft gegenüber dieser Lebensweise sein kann, die ja an sich keinem schadet. Die Rigorosität, mit der manche vegane Aktivisten ihre Philosophie fast schon zur Religion erheben, indes schon.

Der Fortschritt besteht in einem Kompromiss, dass jeder in seinem Wirkungskreis etwas tun kann und sollte, die Welt etwas weniger schlecht sein zu lassen. Vegan leben ist ein Weg. Es gibt aber viele andere, die ebenso nötig sind (darüber schreiben und so andere Menschen zum Denken anregen ist so einer) und am Ende zum gleichen Ziel führen. Am Mittag gönnte ich mir eine Hühnerbrühe nach Großmutters Art und bestellte am Abend in der Bar ums Eck ein paar Garnelen und einen schönen, gereiften Manchego-Käse zum Wein. Ich war aus Veganien zurück in Spanien. Ohne jedes schlechte Gewissen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare