Die spanische, vegane Aktivistin Laura Jiménez vor einer rosa Stellwand.
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Aktivistin ohne Extremismus. „Die Welt ein bisschen weniger schlecht machen“, so das Motto von Laura Jiménez.

Interview mit Aktivistin

Vegan in Spanien: „Manchmal lebt man in zwei Welten“ - Interview

  • Marco Schicker
    vonMarco Schicker
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Vegan leben, bedeutet, die Dinge weniger schlecht machen: Im Gespräch mit Laura Jiménez, Spanierin, Veganerin, Aktivistin und Gründerin vom Vegan Fest Alicante.

Alicante – Seit sie 23 ist, lebt die jetzt 37-jährige Laura Jiménez vegetarisch, seit acht Jahren komplett vegan. Das war nicht immer leicht, erläutert die TV-Macherin im Gespräch mit den Costa Nachrichten und erklärt, dass man auch in Spanien kein Extremist sein muss, um vegan als Weg zu wählen. Das Gespräch führten wir im Rahmen unseres Selbstversuchs: Vegan leben in Spanien.

CN: Warum leben Sie vegan?

Laura Jiménez: Die Berge von Fleisch in den Supermärkten hatten mich schon immer abgeschreckt, ich hatte einfach Mitleid mit den Tieren. Mit der Zeit lernte ich mehr Veganer und deren Lebenskonzept kennen, das mir zunächst ziemlich fremd war. Aber mir wurde klar, dass das der Weg ist, wie ich leben möchte.

Vegan leben bezieht sich nicht nur auf die Ernährung.

Nein, die vegane Bewegung umfasst allen Konsum von Produkten, die auf der Ausbeutung von Tieren beruhen. Es geht also auch darum, wie man sich kleidet, welches Shampoo man benutzt.

Auch die Pharmabranche testet an Tieren, doch hier geht es mitunter um Leben und Tod.

Bis jetzt hatte ich Glück, noch nie schwer krank gewesen zu sein. Bei einer Erkältung helfen ja auch natürliche Sachen. Es gibt aber auch schulmedizinische Medikamente, die ohne Tierversuche, wie jene schrecklichen in Spanien, die gerade ans Licht kamen, entstanden sind. Im schlimmsten Falle würde ich den Kompromiss eingehen.

Und in all den Jahren gab es nie Sehnsucht oder Rückfälle - zumal bei den Verlockungen der Küche in Spanien?

Nein, im Gegenteil. Die Ablehnung tierischen Essens ist schon Teil von mir. Wenn ich zum Beispiel in einem Restaurant merke, dass man mich betrügen will, was nicht selten geschieht, steigert das meine Abwehrhaltung eher noch. Es kann schon mal passieren, dass ich etwas rieche, zum Beispiel ein Barbecue und ich mir sage: Das riecht aber gut. Aber ich will das nicht auf meinem Teller haben.

Laura Jiménez ist Veganerin und engagiert sich auch in ihrem Beruf als TV- und Filmemacherin für soziale Themen.

Auch der Anbau von Pflanzen ist ökologisch nicht immer unbedenklich.

Sagen wir es so: Veganismus versucht, die Dinge weniger schlecht zu machen. Wir sagen nicht, dass mit dem Ende der Tierausbeutung alle Ziele erreicht sind. Man kann auch als Konsument von Gemüse verantwortungsvoll kaufen. Aber es gibt natürlich Dinge, die auch wir nicht verhindern können: Mit dem Auto fahren, ohne dass Insekten an der Windschutzscheibe sterben, ist wohl kaum möglich. Doch zwischen dem und der Fleischindustrie sehen wir einen Unterschied.

Birgt Veganismus nicht die Gefahr sozialer Isolation?

Also der Anfang war hart. Vor allem im familiären Umfeld, aber auch bei Freunden. Man wird viel gefragt, es wird gestichelt und gewitzelt, Stichwort: „Grasfresser“, und es gibt auch offene Zurückweisung. Aber das geht vorüber. Im Gegenteil, deine Freunde denken irgendwann für dich mit und sagen: „Lasst uns in eine andere Bar gehen, weil in dieser kann Laura gar nichts essen.“ Bei Familienessen bekamst du am Anfang einen leeren Teller hingestellt und das war’s. Das ändert sich mit der Zeit, aber manchmal lebt man schon in zwei Welten.

Umfrage in Spanien: Veganer, Vegetarier, Flexitarier

  • Veganer, Vegetarier, Flexitarier: Ende 2018 machte das Institut Lantern eine groß angelegte Umfrage. Diese ergab, dass sich immerhin 7,7 Prozent der spanischen Bevölkerung weitgehend fleischlos ernähren, in Deutschland sollen das etwas mehr als zehn Prozent sein.
  • Allerdings nur 0,2 Prozent seien in Spanien konsequent vegan, in Deutschland zirka 1,6 Prozent. 1,3 Prozent in Spanien lebten durchgehend vegetarisch.
  • Rund 6,3 der Spanier outen sich als „Flexitarier“ outeten, sich also überwiegend pflanzlich ernähren, dabei nur gelegentlich Fisch oder Fleisch zu sich nehmen, meist in Gesellschaft.
  • 60 Prozent der „Veggies“ gaben den Tierschutz als Hauptmotivation an, jeder Fünfte Gründe der Nachhaltigkeit und der Ökologie, 17 Prozent die eigene Gesundheit.

Wie sieht es mit Kindern von Veganern aus? Tierquälerei ist eine Realität, Mobbing in der Schule aber auch.

Jedes Kind, dass nicht dem Mehrheitsbild entspricht, liefert Anlass für Mobbing. Mein Ziel wäre es, ich bin ja noch keine Mutter, mein Kind stark in diesem Thema zu machen. Man muss mit der Schule sprechen, über Ernährung, aber auch, dass mein Kind vielleicht nicht zu einer Exkursion in einen Tiermastbetrieb oder einen Zirkus mitgehen muss. Vielleicht finden sich dann sogar Alternativen, die auch das Bewusstsein der anderen Kinder beeinflussen, die veganes Leben so nicht unbedingt als negativ sehen müssen.

Viele Veganer sind im Tierschutz und halten selbst Haustiere. Widerspricht das nicht dem veganen Konzept?

Auch das sollte man aus dem Blickwinkel sehen, die Dinge weniger schlecht zu machen. Gerade in Spanien, wo so viele Tiere ausgesetzt oder misshandelt werden. Ich stelle mir dann die Frage, nehme ich so ein Tier von der Straße auf oder lasse ich es zu, dass es von einem Auto überfahren wird oder in irgendeiner Auffangstelle krank wird? Ich habe drei Katzen zu Hause, alle drei waren Straßenkatzen, und ich glaube, sie leben mit mir besser als auf den Straßen Alicantes.

Wie sieht es mit Mangelerscheinungen beim Menschen aus, Stichwort: Vitamin B12?

Der Schlüssel ist natürlich eine ausgewogene Ernährung. Eigentlich steckt alles, was wir brauchen in der Erde. Viele Veganer, ich auch, nehmen ein B12-Präparat. Man soll auf den Körper hören, etwas, was sich mit der veganen Ernährung auch bessern kann. Aber wer Zweifel hat, soll zum Experten gehen.

„Die Tiere leiden unter all Deinen Ausreden“, heißt es beim Vegan Fest in Alicante.

Müssen sich Veganer ständig rechtfertigen oder missionieren sie gern?

Am Anfang schon. Wenn du überzeugt bist, für eine gute Sache einzutreten, willst du die ganze Welt davon überzeugen. Aber privat möchte ich das heute eigentlich hinter mir lassen. Wer mich mit gutem Willen fragt, dem gebe ich gerne Auskunft, wer mich aber nur lächerlich machen will, dem gehe ich aus dem Weg. Manche Leuten fühlen sich ja regelrecht provoziert oder bedroht durch Veganer.

Was ist das Vegan Fest Alicante?

Eigentlich war die Idee unter uns Freunden, in Alicante Events mit Konzerten zu organisieren, diese mit Infos über den Tierschutz zu verbinden und auch veganes Essen zu kosten. Es war nie nur für Veganer gedacht, sondern von Anfang an als Ort der Begegnung, auch um mit den vielen Mythen aufzuräumen, die uns angedichtet werden. So entstand das Vegan Fest Alicante.

Das kam offenbar an.

Ja, im ersten Jahr hatten wir knapp 30 Stände, im zweiten schon über 80. Mittlerweile sind wir im achten Jahr, natürlich mit Corona-Pause. Jeden Herbst schauen mehr Interessierte vorbei, interessanterweise immer mehr auch die Generation der Großeltern, die sich aus gesundheitlichen Gründen interessieren, aber auch, weil ihre Enkel das Thema mit nach Hause bringen. Veganismus ist in Spanien mittlerweile eine landesweite Bewegung geworden.

Zum Thema: Vegan leben in Spanien - geht das überhaupt? Der Selbstversuch.

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