Im Spiegel der Sonne

Spaniens größter See: Die Albufera-Lagune bei Valencia gilt als Wiege der Paella

  • vonAnne Götzinger
    schließen

Die Albufera-Lagune südlich von Valencia ist Spaniens größter See. In dem Naturpark wird Reis angebaut, der dann in der berühmten Paella landet. Ein Buch machte das kleine Örtchen El Palmar im Herzen der Lagune bekannt.

  • Die Albufera-Lagune bei Valencia ist mit 2.800 Hektar der größte See Spaniens.
  • Seit ihrer Entstehung hat sie rund 80 Prozent ihrer ursprünglichen Wasserfläche eingebüßt.
  • In dem Naturpark wird Reis angebaut, Hauptbestandteil der berühmten Paella valenciana.
  • Durch ein Buch wurde der kleine Fischerort El Palmar im Herzen der Lagune zu Beginn des 20. Jahrhunderts über Spaniens Grenzen hinaus bekannt.

Valencia - Behutsam sticht Bootsführer Juan die percha in das ruhige Wasser der Albufera-Lagune, der Kahn lässt den Anlegesteg hinter sich und nimmt an Fahrt auf. Auch heute noch ist die Stocherstange unentbehrliches Hilfsmittel an Bord des albuferenc, des typischen Kahns der Albufera, zehn Kilometer südlich von Valencia und etwas nördlich der Costa Blanca gelegen.

Naturpark Albufera de Valencia
LageProvinz Valencia
Fläche21,1 km²
Geographische Lage39° 20′ N, 0° 21′ W

Die Bootsführer brauchen die percha bisweilen zum Manövrieren durch die von Schilfrohr begrenzten Kanäle, die sich durch die ganze Lagune ziehen – oder wenn mal der Motor ausfällt. Der aber schreckt jetzt laut tuckernd eine Entenschar auf, die zwischen dem Schilfrohr tagte. Schnatternd und flügelschlagend flattern die Vögel über die Köpfe der Touristen hinweg, die Kameras klicken wild. Juans Kahn ist wie so oft voll mit Ausflüglern, die eine Bootsfahrt auf Spaniens größtem See unternehmen.

Verschiedene kleine Familienunternehmen bieten Bootsfahrten über die Lagune an.

Das ist die Albufera mit ihren 2.800 Hektar Wasserfläche noch immer, obwohl sie seit ihrer Entstehung vor etwa 6.000 bis 3.000 Jahren etwa 80 Prozent ihrer ursprünglichen Fläche eingebüßt hat. Einst reichte sie bis zum heutigen Sueca. Sie schrumpfte nicht nur durch die natürliche Ablagerung von Sedimenten, die mit den Flüssen Turia und Júcar in die ehemalige Salzwasserlagune gespült wurden. Auch der Mensch hatte natürlich wieder seine Finger im Spiel.

Albufera gilt als Wiege der valencianischen Paella

Bereits die Mauren brachten vor gut 800 Jahren den Reisanbau nach Spanien. Ab dem 15. Jahrhundert wurden dann auch weite Teile von Valencias Lagune mit Erde aufgeschüttet, um dem Reis ein riesiges Sumpfbett anzulegen. Etwas weiter südlich liegt übrigens Valencias zweites großes Reisanbaugebiet, der Naturpark Marjal de Pego-Oliva. Die Albufera gilt denn auch als die Wiege der berühmten valencianischen Paella. Das dort angebaute Getreide ist mit der Herkunftsbezeichnung Arroz de Valencia geschützt. „Der Reis verlangt nach Wasser, vom kleinen Pflänzlein, bis er im Magen liegt“, philosophiert Bootsführer Juan. „Aber dann darf es auch mal einen Gin Tonic sein“, fügt er augenzwinkernd hinzu.

Der im Albufera-Naturpark angebaute Reis ist mit der Herkunftsbezeichnung Arroz de Valencia geschützt.

Doch der Mensch ließ den See für den Reis nicht nur schrumpfen, er machte ihn auch süß. Ursprünglich war die Albufera durch natürliche Durchlässe mit dem Mittelmeer verbunden, den sogenannten goles (Valencianisch für Kehlen), über die – vor allem bei Stürmen und steigendem Meeresspiegel – Salzwasser in die Lagune gelangte. Mit dem Beginn der Landwirtschaft in der Albufera wurden diese Durchlässe im 15. Jahrhundert mit Schleusentoren verschlossen. Der See, der jetzt nur noch Flusswasser bekam, wurde mit der Zeit süß.

Heute gibt es noch drei goles, die allerdings im 19. und 20. Jahrhundert künstlich angelegt wurden, um die Abflussmöglichkeiten der Albufera ins Meer zu verbessern. So werden die Gola del Perelló, Gola del Perellonet und Gola del Pujol Nou je nach den Bedürfnissen der Reispflanzen geöffnet. Die nämlich wollen nur eine Handbreit im Wasser stehen. In einem anschaulichen Video hat das Rathaus von Valencia die Geschichte der Lagune zusammengefasst.

Wenn der Reis im September geerntet ist, die Stoppeln niedergebrannt und die Felder gepflügt und geebnet sind, werden sie im Januar und Februar für das Setzen der neuen Reispflänzchen mit Flusswasser geflutet. Wer dann die spiegelglatten, kilometerweiten Wasserflächen sieht, erhält einen Eindruck davon, wie riesig die Albufera einmal gewesen war, und warum der See in einigen arabischen Versen „Spiegel der Sonne“ genannt wurde.

Wobei der Spiegel derzeit etwas trüb geworden ist: Umweltschutzorganisationen wie SEO Birdlife warnen vor der zunehmenden Algenbildung in der Albufera. Schuld daran seien Nitrate und Phosphate, die mit Abwassern und der Bewässerung der Reisfelder in den See gelangten.

Valencias Albufera, ein Paradies für Ornithologen

Juans albuferenc ist inzwischen auf freies Gewässer gelangt und tuckert vorbei an Dutzenden Holzpfählen. Unter Wasser halten sie die Fischernetze fest, über Wasser dienen sie den unzähligen Vögeln der Albufera als Ruhe- und Trockenplatz. Bootsführer Juan zeigt auf einen Kormoran, der mit ausgebreiteten Flügeln auf einem Pfahl steht. „Der macht gerade den Christus“, bemerkt er. „Zum Trocknen ihres Gefieders stellen sich diese Vögel immer in die Richtung auf, aus der der Wind kommt, nicht etwa in Richtung Sonne.“

Ein Kormoran macht auf einem Holzpfahl den „Christus“, um sein Gefieder zu trocknen.

Der Naturpark ist ein Paradies für Ornithologen: 350 Vogelarten sind im besonderen Ökosystem der Albufera zu finden, rund 250 davon kommen regelmäßig das ganze Jahr über in die Lagune, um die 90 Arten nutzen sie auch zur Brut. Allein zwischen 20.000 und 40.000 Entenexemplare werden während des Winters am See gezählt.

Gezielt wird auf die Schnepfen, Möwen, Reiher und anderen Arten heute meist mit dem Fernglas. Doch seit jeher war die Albufera auch als Jagdgebiet beliebt. Vor allem Valencias Könige und später auch die Bourbonen veranstalteten regelmäßig Jagden in der Albufera, bis die Lagune 1871 Staatseigentum wurde. Heute ist die Jagd in der Lagune, die inzwischen der Stadt Valencia gehört, nur noch in bestimmten Gebieten in den Reisfeldern und im Winter erlaubt, wenn weder die Landwirte beim Reisanbau noch die Vögel bei der Brut gestört werden.

Valencias Albufera: Fischfang, Jagd und Tourismus

Das albuferenc passiert einen Fischer, der gerade eine Handvoll zappelnder Fische aus seinem monot herausholt. Diese Netzkörbe werden traditionell zum Fang der Glasaale, der angulas eingesetzt. Es ist die einzige Fischbrut, die gesetzlich zum Fang freigegeben ist. Sie werden hauptsächlich in den goles gefangen, weil die Jungaale sie durchschwimmen, um – ähnlich wie zum Beispiel auch die Lachse – vom Meer in die Süßgewässer zu gelangen.

Der Fang der Glasaale und anderer Fische ist neben dem Reisanbau und der Jagd der dritte traditionelle Nutzen, den der Mensch seit Jahrhunderten aus der Albufera zieht. Lange Zeit aber war die Fischerei das rentabelste Geschäft der Lagune. Doch wegen Überfischung hält sich das Gewerbe heute nur noch dank der llises (Äschen) und des Amerikanischen Sumpfkrebses.

Heute fangen die Fischer in der Albufera hauptsächlich Glasaale und Äschen.

Der modernste Wirtschaftszweig der Lagune ist der Tourismus. Jeden Tag ziehen Dutzende Kähne ihre Runden über den größten See Spaniens und zeigen spanischen und ausländischen Ausflüglern die beeindruckende Welt der Albufera. Nicht selten muss der See als Kulisse für Hochzeitsfotos herhalten.

Fast ein Muss ist nach der Bootsfahrt ein Reisgericht oder der typische Fischtopf All i pebre in El Palmar, jenem Örtchen im Herzen der Albufera, das durch ein Buch in ganz Spanien und darüber hinaus bekannt geworden ist. Als Vicente Blasco Ibáñez 1902 in „Cañas y barro“ („Sumpffieber“ in der deutschen Übersetzung) die tragische Geschichte von Tonet und der habgierigen Neleta niederschrieb, war El Palmar noch eine Insel inmitten des Sees und nur mit dem Boot erreichbar.

Reisfelder, soweit das Auge reicht: Für die vielen Paellas im Land Valencia braucht man viel Korn.

Die Ursprünge des Dorfes gehen auf das Jahr 1250 zurück, als sich Fischer aus Valencias heutigem Stadtviertel Ruzafa dort niederließen, um einfacher ihrer Arbeit nachzugehen. Mit der Trockenlegung der Albufera wurde auch das Inselchen El Palmar Teil des Festlands und ist heute bequem mit dem Auto erreichbar.

Doch noch immer umgibt ein schmaler gemauerter Kanal das Örtchen, der den vorhandenen Platz stark begrenzt. Und vor beinahe jedem Haus liegt darin ein albuferenc, zugegeben manche schon mehr unter als auf dem Wasser. Rund 20 Restaurants quetschen sich in das 775-Seelen-Dorf. Für die Touristenmassen, die vor allem an den Wochenenden - zumindest vor Coronavirus-Zeiten - in Bussen herangekarrt werden, wurden extra Parkplätze am Ortseingang angelegt. Durch den Naturpark ziehen sich verschiedene Wanderrouten, die zu historischen landwirtschaftlichen Anlagen und Vogelbeobachtungsposten führen. Inmitten der Reisfelder erhebt sich außerdem der Kapellenberg Muntanyeta dels Sants, von dem man aus einen weitreichenden Blick über die Reisfelder genießen kann.

Inzwischen spiegelt sich die Abendsonne auf der glatten Wasseroberfläche und taucht die Albufera in ein atemberaubendes Rot. Juan schippert die letzten, romantischer gestimmten Touristen über den See. Und während langsam der Mond über dem Schilfrohr aufgeht, und die feuchte Kühle in den Körper kriecht, wandern die Gedanken zu „Cañas y barro“ und Tonet, wie er sein neugeborenes Kind in die Schwärze des Sees hinabgleiten lässt.

  • Anne Götzinger
    schließen
  • Weitere
    schließen

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare