Ein nachgebauter Tyrannosaurus Rex vor einer Höhle im Themenpark Dinópolis.
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Star unter den Dinosauriern: Tyrannosaurus Rex als Roboter im Dinópolis.

Hochburg der Dinosaurier

Dinosaurier in Teruel: T-Rex und Co. zwischen Tourismus und Forschung

  • vonAnne Thesing
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Weit mehr als eine Dinosaurier-Freizeitattraktion: Der Themenpark Dinópolis im spanischen Teruel ist ein Vorzeigeprojekt von Forschung und Tourismus.

  • Alles über Dinosaurier finden Besucher im Themenpark Dinópolis in Teruel, aber auch in seinen Ablegern und anderen Fundstätten in der Provinz.
  • Dinópolis vereint Freizeitvergnügen mit wissenschaftlicher Forschung über Dinosaurier und hat die Provinz Teruel als Dinosaurier-Hochburg ins Blickfeld des Tourismus gerückt.
  • Spetakuläre Dinosaurier-Funde von Paläontologen sorgen immer wieder für Aufsehen.

Teruel- In den kleinen Gassen von El Castellar in der aragonesischen Provinz Teruel im Osten von Spanien war nie besonders viel los. „Die einzigen Menschen, die zu Besuch kamen, waren Familienangehörige, die hier nicht mehr wohnen, aber das Wochenende oder kurze Ferien hier verbringen“, sagt Modesto Pérez, seit über 20 Jahren Bürgermeister der 60-Seelen-Gemeinde. Für das Nötigste gab es in El Castellar seit jeher nur einen kleinen Supermarkt, dazu eine Casa Rural für Touristen, die sich in die Gegend verirrten. Seitdem sind eine knappe Handvoll Casas Rurales dazugekommen, und vor vier Jahren öffnete ein Restaurant. Er selbst müsse sich jetzt auch ab und zu bei Präsentationen blicken lassen, sagt Pérez, „und die älteren Menschen können es kaum glauben, wenn sie aus dem Fenster schauen und Touristen durch die Straßen laufen sehen, die den Spuren der Dinosaurier folgen.“

ThemenparkDinópolis Teruel
AdressePolígono los Planos, S/N, 44002 Teruel
Telefon978 61 77 15
ProvinzTeruel

Dinosaurier als Tourismus-Magnet im Themenpark Dinópolis und in Dörfern der Provinz Teruel

Auch Modesto Pérez scheint es kaum zu glauben, dass gerade sein Dorf sich zu einem beliebten Ziel für Dinosaurier-Freunde gemausert hat. Zu verdanken hat es das zum einen den paläontologischen Funden, die hier seit 2002 gemacht wurden – darunter Fußspuren, Knochen, Zähne, Eier, fossilierte Exkremente und sogar Steine, die die Dinos zu Verdauungszwecken schluckten. Doch verantwortlich für die Erforschung und touristische Aufarbeitung dieser und unzähliger anderer Funde in der Provinz Teruel, die mittlerweile die spanische Dinosaurier-Hochburg schlechthin darstellt, ist in erster Linie die Stiftung Dinópolis.

Im Zentrum des Besucher-Interesses steht dabei der 2001 eröffnete Themenpark Dinópolis in der Provinzhauptstadt Teruel sowie seine sieben Museums-Ableger an verschiedenen Standpunkten der Provinz. Aber auch andere Fundstätten, die peu à peu hergerichtet werden, ziehen Besucher an und zeigen, dass Spanien in Sachen Tourismus manch eine Überraschung zu bieten hat. Wie in El Castellar, wo ein bedeutender Ort für Dinosaurierspuren für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht und ein „Dino-Paseo“ eingerichtet wurde, der die Besucher von Spur zu Spur quer durch den Ort führt.

Themenpark Dinópolis in Teruel vereint Freizeitvergnügen und Forschung rund um Dinosaurier

Territorio Dinópolis, so der Name des Gesamtkomplexes von Themenpark und Ablegern, registrierte zuletzt in den Jahren vor dem Coronavirus über 120.000 Besucher pro Jahr, in den Sommerferien waren es schon mal über 70.000 Gäste, der weitaus größte Teil strömte in den Hauptsitz in der 35.000 Einwohner zählenden und damit kleinsten Provinzhauptstadt Spaniens. Die Tendenz war steigend, auch wenn sie durch Corona, wie im gesamten Tourismus Spaniens, etwas gebremst wurde. Trotzdem zählte der Park mit seinen Ablegern selbst im Corona-Sommer noch 56.460 Besucher.

Die Dinos sind damit zu einem Erlebnis für Groß und Klein, für Experten und Hobby-Paläontologen geworden und haben sich längst ihren Platz gesichert neben oder sogar vor anderen touristischen Attraktionen Teruels wie etwa die zum Weltkulturerbe ernannten Mudéjar-Kultur, dem Mausoleum der Verliebten oder dem Serrano-Schinken.

Was den Park so attraktiv macht? „Dinosaurier sind einfach sehr beliebt, alle mögen sie“, nennt Luis Alcalá, Paläontologe und Direktor der Stiftung Dinópolis, die Grundvoraussetzung. In Dinópolis werde Freizeitvergnügen mit wissenschaftlichen Kenntnissen verbunden, was den Park von anderen Freizeitparks unterscheide. Neben Fahrgeschäften, die den kleineren Teil ausmachen, gibt es unter anderem 3-D-Kino, eine Show mit täuschend echtem T-Rex-Roboter, einen 4-D-Simulator, der die Besucher auf eine Dino-Safari mitnimmt, verschiedenste Spektakel, Dinosauriermodelle in Originalgröße sowie Museen mit Knochen und Skeletten, Dinosaurierspuren und historischen Informationen. Auch Originalknochen und das originalgroße Skelett des Turiasaurus riodevensis können hier bewundert werden – dem größten Dinosaurier Europas, dessen Reste 2003 in Riodeva gefunden wurden.

Dinópolis ist ein Rundgang von 4,5 Milliarden Jahren, in dem du die ersten Herzschläge der Erde hörst, entdeckst, wie das Leben entstand und mit ihm die außergewöhnlichsten Wesen, die es jemals gegeben hat: die Dinosaurier!“, verspricht die Dinópolis-Broschüre. „Werde zum Paläontologie-Experten, spaziere zwischen Dinosauriern und spüre die Geschichte des Lebens“, heißt es weiter.

Sieben Stunden würden die Besucher dafür durchschnittlich brauchen, erzählt Luis Alcalá. Wer auch noch die sogenannten Satellitenzentren besuchen will, könne mehrere Tage einplanen. „Die meisten kommen aber wegen des Themenparks“, sagt er. Was nicht nur den Orten mit Dinosaurier-Bezug zugutekomme. „Viele besuchen anschließend noch andere Dörfer oder machen Ausflüge in die Natur. Immerhin gibt es hier mit Albarracín und Rubielos de Mora Orte, die zum Netz der ,schönsten Dörfer Spaniens‘ gehören. Dank Dinópolis ist die ganze Provinz Teruel bekannt geworden“, sagt Luis Alcalá. Nach einem Bericht der Zeitung „El País“ sorgte der Themenpark allein in seinen ersten zehn Jahren in Teruel für Einnahmen von 1,564 Milliarden Euro.

Aragóns berühmter Dinosaurier: Aragosaurus wurde beim Bau einer Straße entdeckt

Die Spuren, die die Urzeit-Giganten hier hinterlassen haben, wirken also bis heute nach. Der erste Nachweis über einen Fossilienfund in Teruel stammt laut Alcalá aus dem Jahr 1736. „Allerdings gab es damals noch keine Paläontologie, es war einfach ein kurioser Fund“, sagt er. Mit wissenschaftlichen Methoden ging man erst ab dem 19. Jahrhundert an das Thema heran. Die ersten spanischen Dinosaurierreste wurden 1872 in Utrillas, im Norden der Provinz Teruel entdeckt und gehörten zum Ornithopoden Iguanodon. „In Teruel wurde Pionierarbeit geleistet“, sagt Alcalá. Pionierarbeit mit Pionierfunden.

So etwa die Entdeckung des Aragosaurus ischiaticus, auf den die Terueler Paläontologen besonders stolz sind, ist er doch der erste in Spanien wissenschaftlich beschriebene Dinosaurier. Autor der 1987 veröffentlichten Untersuchung, die als eine der wichtigste Paläontologie-Studien Spaniens der vergangenen 30 Jahre gilt, ist José Luis Sanz.

Die Knochen des nach seinem Fundort, der Region Aragón, benannten Aragosaurus wurden zwischen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und jüngsten Ausgrabungen im Jahr 2014 in Galve freigelegt. Galve liegt, wie könnte es anders sein, in der Provinz Teruel.

„Die ersten Knochen wurden im Rahmen der Arbeiten zum Bau einer neuen Zugangsstraße entdeckt“, sagt Luis Alcalá. Es waren Kuriositäten, von denen einer der Bauarbeiter, José Monzón, verschiedene Knochen viele Jahre in seinem Haus aufbewahrte. Bis 1958 ein anderer Bürger aus Galve, José María Herero, den Leiter der Abteilung für Naturwissenschaften am Institut für Teruel-Studien über die spektakulären Funde informierte. Und man der Herkunft der Knochen nachging.

Das Ergebnis ist der Aragosaurus, dem zu Ehren Galve eine eigene Dinópolis-Zweigstelle bekam. Zudem gesellte er sich, als 13 Meter langer und fünf Meter hoher Nachbau, im Sommer 2017 zu den anderen Nachbildungen von in Teruel gefundenen Dinosauriern, die in 1:1-Größe den Dinópolis-Bereich „Terra Magna“ füllen.

Dinosaurier-Funde vor den Augen der Zuschauer des Themenparks Dinópolis restaurieren und erforschen

Für Paläontologen wie Luis Alcalá sind Funde wie die des Aragosaurus das höchste aller Gefühle, der krönende Abschluss langwieriger Arbeiten. „Bei unserer Arbeit gibt es verschiedene Phasen und verschiedene Gefühlssteigerungen“, sagt er schmunzelnd. Erste Phase sei die Suche nach neuen Ausgrabungsstätten. „Wenn man eine findet, freut man sich, aber die Freude liegt noch im normalen Rahmen. Man weiß ja noch nicht, was der Ort bietet.“ Mehr Freude komme schon auf, wenn man bei der Ausgrabung auf als Ganzes erhaltene Knochen stoße. „Dann gibt es wiederum zwei Möglichkeiten. Die erste: Man weiß direkt, zu welchem Dinosaurier der Knochen gehört. Sehr gut. Aber die maximale Freude ist es, wenn man genau das nicht weiß. Dann nämlich ist es möglich, dass man Bestandteile eines neuen, zuvor noch nie gesehenen Dinosauriers entdeckt hat.“

Dinosaurier-Forschung im gläsernen Labor - mitten im Themenpark.

Sieben Paläontologen und ein Restaurator arbeiten fest für die Stiftung Dinópolis, die allein zwischen 2002 und 2018 insgesamt 200 neue Ausgrabungsstätten ausfindig machte. Die Fossilien, die die Mitarbeiter dort freischaufeln, gehen direkt weiter ins Laboratorium von Dinópolis. Wo sie vor den Augen der Zuschauer restauriert und erforscht werden. Denn auch das Labor, das hinter einer Glasscheibe mitten im Themenpark untergebracht ist, ist eine der Dinópolis-Attraktionen. Und gibt einen direkten Einblick in die detaillierte Arbeit der Wissenschaftler. Die fertig bearbeiteten Funde werden für Ausstellungen sowohl in Teruel selbst, als auch weltweit genutzt, die Forschungsergebnisse in wissenschaftlichen Fachzeitschriften veröffentlicht.

Wie Paläontologen Dinosaurier in Originalgröße nachbauen

Seit 2015 besteht eine neue Aufgabe der Experten zudem darin, Dinosaurier in Originalgröße Stück für Stück nachzubauen. Grundlage sind die Funde und Daten der Paläontologen, die entsprechend aufgearbeitet werden, um danach anhand von Polyethylen-Blöcken rekonstruieren zu können.

„Natürlich liegen in den seltensten Fällen bei einem Nachbau alle Knochen vor“, sagt Luis Alcalá. „Es wird fast immer anhand von verschiedenen Funden rekonstruiert. Zum Beispiel reicht es, einen Fußknochen zu finden, um zu wissen, wie die anderen aussehen. Oder es genügt ein Wirbel, um die Form der anderen zu definieren. Auch wird viel mit Funden von anderen Dinosauriern verglichen.“ Letzter Schritt auf dem Weg zum waschechten Dino: die passende Bemalung und die Texturen. Allein für den Aragosaurus wurden dafür per Hand 30.000 Schuppen geschnitten.

Auch mit den Ergebnissen dieser Arbeit werden die Ausstellungen von Dinópolis bestückt. Ausstellungen mit Giganten, die den Besucher zum kleinen, unbedeutenden Menschlein schrumpfen lassen. Dinópolis, und damit ein großer Teil von Teruels Tourismusarbeit, nähren sich also von der Forschung. Und umgekehrt gäbe es die Forschung nicht ohne Dinópolis und seine Besucher. „Die Forschungsarbeit finanziert sich zum großen Teil aus den Eintritten für den Themenpark“, sagt Alcalá. Zudem gebe es Unterstützung von der Landesregierung von Aragón.

Der „Dino-Paseo“ ist ein Tourismus-Highlight im Dorf El Castellar.

„Das Gebiet wurde in Spanien lange vernachlässigt, wir hatten einiges nachzuholen“, sagt er. In Großbritannien beispielsweise seien schon Anfang des 19. Jahrhunderts Dinosaurier wissenschaftlich beschrieben worden, Spanien folgte erst anderthalb Jahrhunderte später mit dem Aragosaurus.

Zum allgemeinen Dinosaurierboom habe neben den spektakulären Funden auch die Filmindustrie beigetragen. „Steven Spielberg und sein Jurassic Parc haben in den vergangenen 20 Jahren viel für die Beliebtheit der Dinosaurier und für neue Wissenschafts-Anwärter getan“, bestätigt der Paläontologe Francisco Ortega in der Zeitung „El Mundo“. Allein in den USA soll die Zahl der Paläontologie-Studenten in den Jahren nach dem Film um das Vierfache gestiegen sein.

Dinosaurier und Ökosystem

Luis Alcalá wundert das nicht. Er hat seinen Traumberuf gefunden und ist überwältigt von den Vorstößen, die die spanische Paläontologie in den vergangenen 30 Jahren gemacht hat. „Am bekanntesten gemacht hat unsere Stiftung die Veröffentlichung über den europäischen Giganten aus Riodeva in der Zeitschrift ,Sience‘ und die Identifikation seiner Verwandten in Utah (USA)“, sagt er. Dieser erhielt jetzt übrigens Gesellschaft. So meldet Dinópolis, dass ein neues Exemplar des „Turiasaurio" in der Stadt Riodeva entdeckt wurde. Die Fossilien wurden Ende vergangenen Jahres gefunden, die Analyse-Ergebnisse wurden Anfang September 2020 veröffentlicht:

„Doch unser größter Erfolg ist für mich, dass wir, ausgehend von einem auf dem Tourismus basierenden Wirtschaftsprojekt, eine Gruppe von Paläontologen auf internationalem Niveau geschaffen haben“, sagt er, und seine Begeisterung steckt auch Nicht-Paläontologen an. „Es ist unglaublich interessant, zu rekonstruieren, wie das Leben hier vor 150 bis 100 Millionen Jahren ausgesehen hat. Dabei geht es nicht nur um die Dinosaurier, sondern um das gesamte Ökosystem. Um Tiere wie Krokodile oder Schildkröten und um Pflanzen. Ich fühle mich privilegiert, in diesem Beruf arbeiten zu dürfen.“

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