Pilgern nach Santiago

Jakobsweg in Spanien 2021: Sicherheit und Herbergen für Pilger im Heiligen Jahr

  • Stefan Wieczorek
    VonStefan Wieczorek
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Der spanische Camino de Santiago kommt im Sommer nach Corona-Leiden in Schwung. Das Heilige Jahr bietet zum Feiertag am 25. Juli offene Herbergen und Sicherheit - auch dank eines Spezialplans der Nationalpolizei. Dennoch läuft das „Xacobeo“ noch bis 2022 - für alle Fälle.

Santiago de Compostela - Eigentlich sollte das Jahr 2021 Spanien Licht am Horizont schenken. Doch es begann mit einer heftigen Corona-Welle. Auch Galicien schrieb Infektionsrekorde, die Region im Norden, die in Santiago de Compostela das „Xacobeo“ begeht. Weil der 25. Juli, Fest des heiligen Jakobus, ein Sonntag ist, feiert der Pilgerort ein Heiliges Jahr. Elf Jahre hatte es das nicht gegeben. Doch dass es zum Ansturm kommt, daran schien auch Santiago Anfang 2021 nicht zu glauben - und verlängerte das „Xacobeo“ bis 2022. An Ostern verirrten sich nur eine Handvoll Pilger auf den Jakobsweg. Damit es im Sommer besser wird, leisten die Verwaltungen Herbergen Hilfen. Auch eine neue App soll helfen - und die Nationalpolizei mit einem Spezialplan.

Santiago de CompostelaStadt in Spanien
Höhe: 260 m
Fläche: 220 km²
Bevölkerung: 96.405 (2018)

Jakobsweg in Spanien 2021: Sicherheit und Herbergen für Pilger im Heiligen Jahr

Ein kleiner festlicher Akt war es am 31. Dezember, als sich in Santiago de Compostela die Heilige Pforte öffnete, um 2021 als Heiliges Jahr zu begrüßen. Zugleich wurde - wegen des Coronavirus - die Verlängerung bis 2022 verkündet. Die Sondergenehmigung des Papstes wurde in der Geschichte des Pilgerorts nur dreimal in absoluten Notlagen erteilt - zuletzt 1938 im Bürgerkrieg. Wer also im Heiligen Jahr auf den Jakobsweg in Spanien will, muss sich nicht sputen. Und es spricht eigentlich viel dafür, dass in der Hochsaison wieder ungewöhnliche Stille herrschen wird auf dem Camino de Santiago, dem Weg mit den gelben Pfeilen und Jakobsmuscheln.

Allerdings erwartet der Verein der Gemeinden am Jakobsweg (AMCS) im Sommer 2021 einen „mehr oder weniger normalen“ Pilger-Verkehr auf dem Camino de Santiago. Aus der Zahl von gewöhnlich 350.000 Pilgern, die in Santiago de Compostela die Pilgerurkunde (Compostelana) bekommen, sei in der Corona-Pandemie „ein fast absoluter Crash“ geworden, so AMCS-Vorsitzender Pablo Hermoso de Mendoza. Ihm sei bekannt, dass in vielen Ländern Camino-Touristen aufs grüne Licht warteten. Nun verbessere AMCS die neue App „Albergues LoT“, die Pilgern in Realzeit die Auslastung von Herbergen anzeigen soll. Indessen leisten Tourismus-Ministerien der Regionen, durch die der Camino verläuft, den Gastwirten finanzielle Hilfen.

Helfen will auch die Nationalpolizei, die am 20. Juli in Navarra einen Spezialplan für das Heilige Jahr des Camino 2021 vorstellte: Gezielt soll die Sicherheit der Pilger gewährleistet werden, auch vor kriminellen Taten, und zudem der Jakobsweg gefördert werden. Unter anderem stempelt die Nationalpolizei Pilgern auf dem Jakobsweg die Pilgerpässe - und bietet die Pässe („Cartilla de Sellado del Camino de Santiago“) auf der Website der Policía Nacional sogar zum Download an (externer Link). Ferner sorgen 400 Beamte am Wochenende des Feiertags für den Heiligen Jakobus, 25. Juli, in Santiago de Compostela für Sicherheit und Ordnung.

Jakobsweg in Spanien: Sommer Corona-Erholung? Region hilft Herbergen

Trotz aller Hilfen bietet die aktuelle Corona-Lage Touristen und Pilgern in Spanien jedoch weiter viele Hindernisse. All die Regelungen rund um die Coronavirus-Tests machen bereits die Einreise zu einem Urlaub mühsam, der eigentlich zum Abschalten vom Stress einladen will. Und selbst wenn man auf dem Camino de Santiago ankommt: Macht der Weg nach Santiago de Compostela noch Freude? In Spanien etwa wird trotz Ende der Maskenpflicht im Freien weiter viel die Maske getragen. Selbst auf dem Jakobsweg herrschen noch viele Corona-Restriktionen.

Nur 54.000 Pilger, 2.300 Deutsche, erhielten 2020 in Santiago de Compostela ihre Urkunde. 2019 waren es noch knapp 350.000, davon 26.000 Deutsche. Im November 2020 trudelten nur 586 Menschen ein, kurz vor Weihnachten laut Webseite des Pilgerbüros gar „null“. Nur der Sommer hatte - am Ende der ersten Corona-Welle - für ein kleines Aufleben des Camino de Santiago gesorgt. Jetzt will sich der spanische Jakobsweg aber deutlicher erholen. Dafür greifen auch die Regionalregierungen den Herbergen am Camino finanziell unter die Arme.

Es scheint sich also der Wunsch vieler Pilger und Touristen erfüllen, dass der Camino de Santiago bereits im eigentlichen Heiligen Jahr besuchbar ist. „Wir hoffen, dass wir in der zweiten Hälfte 2021 wieder zu einem sukzessiv stattfindenden Pilgerverkehr kommen“, sagte Anfang des Jahres im Interview mit Domradio.de Klaus Herbers, Präsident der deutschen Jakobusgesellschaft. „Ob viele Ereignisse des Heiligen Jahres auf das Jahr 2022 verlegt werden, wissen wir noch nicht genau.“ Eine wichtige Tagung zum „Xacobeo“ sei jedoch schon zweimal verlegt worden, von März auf Juli, dann auf November.

Jakobsweg in Spanien: 2021 wieder Camino de Santiago? - Vor Corona viel Kommerz

Sichere Infos zum Jakobsweg in Spanien im Jahr 2021 gab Klaus Herbers daher nicht ab. Durchaus räumteder Camino-Experte ein, dass der recht menschenleere Jakobsweg im Sommer 2020 auch positive Reaktionen brachte. „Es war noch nie so schön auf dem Pilgerweg. Es ist so leer“, hätten ihm einige Pilger gesagt. Manche wollen daher trotz der vielen Corona-Restriktionen in Spanien auch 2021 wieder den Camino de Santiago gehen. „Aber richtig empfehlen kann man das natürlich nicht“, warnt Herbers.

Weil es derzeit keinen Jakobsweg gibt.

Isabel Rodríguez auf die Frage, warum ihre Gaststube am Camino erstmals seit 25 Jahren geschlossen ist.

Wohin führt der Weg des Jakobsweges also? Zunächst nicht zurück zum Massenphänomen des Santiago-Pilgerns, zu dem der Camino de Santiago in Spanien in den vergangenen Jahren wurde. Durchaus wuchs vor Corona die Kritik an der zunehmenden Kommerzialisierung des Weges. Gerade die letzten Etappen vor Santiago waren so überlaufen - ob von Aktivsportlern oder Instagramern - dass es Touristen, die einfach in Ruhe den Weg genießen wollten, manchmal unmöglich war, in den Albergues - den günstigen Herbergen mit vielen Betten in einem Raum - einen Schlafplatz zu bekommen.

Jakobsweg in Spanien: 2021 wieder Camino de Santiago? - Legendäre Herberge geschlossen

Auch in Deutschland beklagten Camino de Santiago-Vereine die Entwicklung hin zum Massenpilgern. Nicht so Ovidio Campo aus Burgos, Gastwirt am Jakobsweg und Autor des Camino-Buches „Diario de un peregrino“. Der Camino sei vor der Corona-Krise „bei bester Gesundheit“ gewesen, mit einem „wunderbaren Netz aus Privatherbergen“ und „erstaunlichen Infrastrukturen“. Nach dem „Desaster“ 2020 sei die Zeit gekommen, wieder „an den Camino zu glauben“. Denn der Jakobsweg in Spanien habe sich unter der Pandemie „regeneriert, aktualisiert“ und sei „sicherer geworden“, schwärmt er im Magazin „InfoBierzo“.

Ein düstereres Bild vom Jakobswegs in Spanien 2021 malte Isabel Rodríguez, Inhaberin der legendären Gaststätte El Pilar bei León. Dass bei ihr immer geöffnet ist, war ein Naturgesetz des Camino de Santiago. Selbst an Weihnachten lud sie seit den 90ern zum Übernachten und sogar zum traditionellen Weihnachtsessen ein. Doch monatelang war ihre Herberge geschlossen. „Weil es keinen Jakobsweg gibt“, begründete das die Gastwirtin. Nur acht Pilger hätten sich im November 2020 zu ihr verirrt. Vor Corona waren es im November 20 pro Tag. Nun öffne sie nur, wenn Pilger oder Touristen vorher reserviert haben. Vor kurzem noch undenkbar.

Jakobsweg in Spanien: 2021 zum Camino de Santiago - „Melancholie“ dominiert

Denn die stets offene Tür ist für die Gastwirtin ein Ausdruck des Geistes des Jakobsweges in Spanien. Im Sommer, hoffte Isabel Rodríguez, werde „der Camino de Santiago anfangen zu funktionieren, damit wir nicht vor Kummer sterben“. Vor Kummer und auch aus wirtschaftlicher Not. Der Camino-Ausfall vernichtete in ihrem Dorf Rabanal del Camino sämtliche damit verknüpften Jobs. Vor Corona arbeiteten 20 Menschen in zwei Hotels und mehreren Bars, die seit den 80ern entstanden. Nun sind sie alle arbeitslos. „Vielleicht ebnet die Impfung uns den Weg“, sagt sie nachdenklich. (Video unten: Isabel Rodríguez 2017 mit schönen Pilgerbildern)

Die Gastwirtin meint jedoch auch, dass der Jakobsweg in Spanien 2021 „Covid-19-sicher“ sei. Denn wegen der Corona-Restriktionen dürften Pilger und Touristen etwa nicht zusammen kochen, erklärt Isabel Rodríguez. Aber bietet der Weg da noch das typische Camino-Feeling? Was für ein gastronomisches Erlebnis der Jakobsweg in Spanien ist, machen unter anderem auf costanachrichten.com die Küchen-Infos deutlich, etwa aus der Region der genannten Gastwirtin, Kastilien-León, aber auch aus dem Weinparadies La Rioja, aus der grünen Sidra-Gegend Austurien oder aus Galicien, wo der Camino endet.

Jakobsweg in Spanien 2021: Camino „zu Hause“? - Viele Wege in Europa

All die typisch deftigen Speisen aus der Umgebung von León hatte Isabel Rodríguez 2019 aufgetischt, beim letzten Weihnachten vor Corona. Ein wunderschönes Fest sei es gewesen, unter anderem mit Pilgern aus Südkorea im Haus. Nicht schlecht staunten die, als die Mutter der Gastwirtin ihr kultiges Tamburin spielte, während es leckere warme Schokolade gab. In der Pandemie sei der Camino de Santiago eine „Wüste“, klagt Rodríguez. Und ausgerechnet 2021 feiert ihre Gaststube im Mai das 25. Jahr seit der Eröffnung. „Melancholie“ sei das dominierende Gefühl. „Aber wir werden weitergehen“, sagt die Frau, die vom Jakobsweg lebt.

Wie geht es unter Corona und danach weiter, mit dem Camino de Santiago? Dem Jakobsweg sagt man nach, zu sein wie ein Schwamm - und alles Gute und Schlechte der jeweiligen Zeit aufzusaugen. So könnte sich das Motto der Pandemie - „Bleiben Sie zu Hause“ - auch auf den Camino dauerhaft auswirken, glauben Experten. Ein dichtes Netz aus Zubringerwegen steht schließlich in ganz Europa zur Verfügung. Man kann also „zu Hause“ bleiben, gar nicht nach Spanien reisen, um zum Camino-Pilger zu werden. „Das ist sicherlich eine sehr gute Alternative, die Wege kann man gegebenenfalls sogar tageweise nutzen“, sagt Klaus Herbers.

Jakobsweg in Spanien: 2021 - das Jahr für heimische Camino-Wege?

Jakobsweg nur in Spanien? In Corona-Zeiten „zu Hause“ Spuren von Santiago finden

Die Nähe der vielen europäischen Teilwege zum eigenen Zuhause sei nicht ihr einziger Vorteil. „Man kann auch Spuren des Jakobuskultes, die es ja in ganz Europa gibt, an diesen heimischen Wegen entdecken, und vielleicht auch ein Stück weit in die besinnliche Bewegung hineinkommen“, sagt Klaus Herbes. Es sei „natürlich nicht das Gleiche, wenn man einen Tagesausflug macht und wenn man über längere Zeit immer wieder unterwegs ist“, sagt der Experte für den Camino de Santiago. Aber auch in heimischen Gegenden gebe es Möglichkeiten, aus einem Wanderer oder Touristen zum Pilger zu werden.

Diese Möglichkeit haben auch Bewohner der spanischen Küsten, an denen unsere Zeitung erscheint. Denn ob an der Costa Blanca, der Costa Cálida oder der Costa del Sol startet nicht weit von jedem Domizil einer der Jakobswege nach Santiago de Compostela. Wo genau, und auch sämtliche Infos zu „Ihrem“ Weg können Sie der Webseite des Dachverbandes der Camino-de-Santiago-Vereine aus Spanien entnehmen. Dort ist vom Jakobsweg übrigens als „Camino de las Estrellas“ die Rede - dem „Weg der Sterne“. Vielleicht eine weitere Motivation, einfach mal auf den Weg zu setzen, und nicht in erster Linie auf das Ziel im Norden Spaniens.

Camino 2021: Nur in Spanien den Sternen hinterher? Steine auf dem Herzen

Einerseits besagt zwar die Tradition des Jakobsweges, dass Apostel Jakobus höchstpersönlich in Santiago de Compostela ruhe. Beim Erreichen des Pilgerorts gelten der Besuch seines Grabes und das Berühren der Santiago-Figur in der Kathedrale als die finalen Akte des Weges. Gefunden worden sei der Leichnam von „Santiago“ (von „Santo Iago“, heiliger Jakobus) im Jahr 813, als eine Lichterscheinung - dem Stern von Bethlehem ähnlich - einen Einsiedler zum Grab führte. Daher der heutige Zusatz „Compostela“ im Stadtnamen, von Campus Stellae, was lateinisch „Sternenfeld“ bedeutet.

Das Motiv der Sterne durchzieht den Weg wie ein gelber Faden. Der Pilger, der im Leben die Orientierung verloren hat, solle auf dem Camino de Santiago Ausschau nach seinem Stern halten, der ihn führen werde, heißt es. Dass diese Erfahrung einzig und allein in Spanien, beim Erreichen von Santiago de Compostela, möglich sei, glauben Camino-Kenner keineswegs. Selbst Jakobswegen, die weit weg von Galicien verlaufen, sagt man nach, zum inneren Wegweiser werden zu können. Dinge des Lebens, die schwer auf dem Herzen liegen, könne man geradezu mitnehmen, auf den Camino. Auch wenn er weit Weg vom Ziel erscheint.

Jakobsweg in Spanien: Steine am Camino - Pilger teilen Sorgen.

Jakobsweg: 2021 tragen Pilger Muscheln und gemeinsamen Stein im Rucksack

Noch so ein Symbol des Camino ist die Jakobsmuschel. Einst war sie der Beweis, dass der Pilger, die Pilgerin in Santiago angekommen ist, waren also der Vorläufer der Pilgerurkunde Compostelana. Auch dienten sie, ganz praktisch, als Trinkgefäß auf dem Weg. Weniger sichtbar, aber doch weit verbreitet ist es, dass Pilger vor dem Antritt des Jakobsweges einen Stein mit in die Tasche packen: stellvertretend für eine Sorge, die man in sich trägt. An einer Stelle, die geeignet erscheint, lässt man den Stein am Wegesrand liegen. Als ließe man die innere Plage da, oder teile sie auf dem Weg mit anderen Pilgern.

Wer das - mit schmerzenden Beinen nach ewig langen Kilometern - einmal getan hat, wird wissen, dass dabei auch irgendwo tief in der Pilgerseele ein großer Brocken fallen kann. (Und als Träne im Auge Form annehmen kann.)

Dass Apostel Santiago selbst eher ein Patron für Leidgeplagte ist, erzählt auf wunderbare Weise die Ur-Tradition von Spaniens Nationalfest für die Virgen del Pilar. Vielleicht wird so verständlicher, warum rund um das Heilige Jahr 2021 unter Experten für den Camino de Santiago so oft die Rede davon ist, dass der Jakobsweg nicht „trotz“ der Corona-Krise gefeiert werden müsse. Sondern „gerade deswegen“. Mindestens einen großen Brocken - Tonnen schwer, auch wenn winzig klein wie ein Virus - haben schließlich im Heiligen Jahr 2021 nicht nur in Spanien alle Pilger und Touristen gemeinsam.

Camino de Santiago im Heiligen Jahr 2021/2022

Aus katholischer Sicht lädt das Heilige Jahr „Xacobeo“ Pilger dazu ein bis Santiago de Compostela zu laufen und dort die Heilige Pforte der Kathedrale zu durchschreiten, um einen vollkommenen Ablass zu erlangen. Das bedeutet, dass nach dem Tod die Zeit der Reinigung im sogenannten Fegefeuer verkürzt wird. Dafür sind auch die Beichte und der Empfang der Kommunion nötig. Seit den 90er Jahren begeht die Region Galicien das Heilige Jahr auch als Event für Touristen mit vielen Programmpunkten zur Förderung von Kultur und Gastronomie der Region im Norden Spaniens. Alle Infos zum „Xacobeo“ 2021 und 2022 sind auf der offiziellen Seite des Camino de Santiago aufgeführt. Als Schmankerl startet am 22. Januar auf dem digitalen Kanal „Prime“ die Amazon-Produktion „3 Caminos“, eine TV-Serie, die mehrere Pilger - darunter eine Deutsche - auf dem Jakobsweg in Spanien begleitet. Den Trailer in mehreren Sprachen gibt es auf Youtube.

Rubriklistenbild: © Stefan Wieczorek

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