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Unterwegs in den Pyrenäen: Natur pur, hübsche Dörfer und viel Idylle im Benasque-Tal

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Von: Judith Finsterbusch

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Ein Mann und ein Kind laufen auf einem Wanderweg durch eine Berglandschaft.
Idyllischer geht es kaum: Im Benasque-Tal zeigen sich die spanischen Pyrenäen von ihrer schönsten Seite. © Judith Finsterbusch

Das Benasque-Tal in den Pyrenäen hat das Zeug für einen perfekten Urlaub in Spanien: Zur Skisaison und im Sommer ein Wahnsinn, im Frühling und Herbst der Ort, um die Seele baumeln zu lassen und Ruhe zu finden.

Benasque - Hier ticken die Uhren anders. Das Jahr ist nicht eingeteilt in Frühling, Sommer, Herbst, Winter, sondern in Skisaison und Schulferien in Spanien. Beides nennen die Einheimischen „una locura“, einen Wahnsinn. Dann heißt es für die Kellner, Verkäufer, Touristenführer und all die anderen in Benasque: arbeiten bis zum Umfallen, wenig Schlaf, Touristen im Akkord abfertigen, Geld verdienen für die schwachen Monate. Dazwischen aber, im Frühling und im Herbst, ist das Dorf in den Pyrenäen von Aragón schlichtweg ein Paradies.

Ruhe in den Pyrenäen: Berge, Flüsse und Wald im Benasque-Tal

Dann konzentriert sich der Touristen-Ansturm auf das Tal in den spanischen Pyrenäen höchstens noch auf die Wochenenden und günstig liegende Feiertage, dazwischen kehrt Ruhe ein. Eine Ruhe, wie nur die Natur sie vermitteln kann: Die glasklare Luft, das Summen unzähliger Insekten, die Schmetterlinge, die sich an den violetten Fliederblüten satt saugen, das Grün der Wiesen. Dazwischen, daneben, davor und dahinter das omnipräsente Wasser, ohne das diese Landschaft nicht so lebendig wäre, mal als Rinnsal oder in kleinen Bächen, mal als tosender Wasserfall, in reißenden Flüssen oder aufgestaut zu Becken und Seen. Ein grünes, fruchtbares Tal, eingeschlossen von Bergen. Richtigen Bergen, nicht den zweifellos auch hübschen Hügeln und Sierras im Hinterland der Costa Blanca, sondern Berge, die so hoch sind, dass sie oben Glatze tragen.

Kein anderer Ort in den spanischen Pyrenäen ist von so vielen 3.000ern umschlossen wie das Tal rund um Benasque. Im Norden erhebt sich majestätisch der Aneto, mit seinen 3.404 Metern der dritthöchste Berg in Spanien und der höchste in den Pyrenäen. Alles im Benasque-Tal dreht sich um diesen Koloss, jeder zweite Laden hat irgendwas mit „Aneto“ im Namen, das WLAN-Passwort im Hotel lautet „Aneto3404“, und wahrscheinlich hören hier nicht wenige Hunde, Katzen, Schafe und Kühe auf Aneto. Man ist hier eben stolz auf das, was man hat – und zwar völlig zu Recht.

Mit Superlativen: Bei Benasque sind die Pyrenäen am höchsten

Silber und Bronze im Höhenvergleich gehen an den Posets mit immer noch 3.375 und den Perdiguero mit 3.221 Metern. Dazu gesellen sich 13 Gletscher, 95 Seen und so viele Wasserfälle, Flüsse und Wälder, dass man irgendwann aufgehört hat, sie zu zählen. Solch eine Landschaft der Superlative hat Schutz verdient, 1994 wurde ein 33 Hektar großes Gebiet rund um Benasque und vier weitere Dörfer zum Naturpark Posets Maladeta ernannt. Der Aufstieg zu den drei Giganten ist freilich nur für ambitionierte Bergsteiger geeignet, geführte Touren und entsprechendes Material gibt es in Benasque an jeder Ecke. Aber die ganz hohen Gipfel müssen es ja auch gar nicht sein, das Tal in den Pyrenäen bietet auch Normalsterblichen genug mit dem, was es am besten kann: Natur.

Unzählige Spazier-, Wander- und Radwege ziehen sich durch die Landschaft dieses Pyrenäen-Dorfs, einer schöner als der andere, mal durch dichten Wald, mal an Flüssen entlang, mal zu Wasserfällen, den Aneto und seine steinernen Kumpel stets als Hintergrundkulisse. Bevor der Proviant geschmiert und der Rucksack geschultert ist, lohnt sich aber erst noch ein Spaziergang durch den Ort Benasque selbst.

Ein Fluss mit Steinen im Wasser vor einem Wald.
Wasser, Wasser, Wasser: Dank der vielen Flüsse ist das Pyrenäen-Tal so wunderbar grün. © Judith Finsterbusch

Schmale Gassen, graue Häuser aus Stein mit dicken Mauern gegen den kalten Winter und Jahreszahlen an den Fassaden, die beim Betrachter die Frage aufwerfen, wie es möglich sein kann, dass diese Steine einst per Hand aufeinandergestapelt wurden und heute immer noch halten. Der Palast, der einst dem Grafen von Ribagorza gehörte etwa oder die Casa Juste, beide aus dem 16. Jahrhundert. Rathaus, Kirche, Friedhof, Kopfsteinpflaster, Benasque ist ein typisches Bergdorf in den Pyrenäen, hübsch, historisch, heimelig.

Benasque ist das Tal der kleinen Wunder in den Pyrenäen

Der eigentliche Dorfkern ist dabei längst zu klein geworden für all die Touristen, die im Sommer und Winter hierher kommen, Hotels mussten her, Restaurants, Eisdiele, Skiverleih, Fahrradverleih, Souvenirladen. Dabei hat Benasque aber drei kleine große Wunder vollbracht, die an den Ferienküsten in Spanien, wo man auf Masse statt Klasse setzt, einfach nicht gelingen wollen.

Erstens: Zwar wurde das Dorf Benasque erweitert, je größer der Kreis um den historischen Ortskern, desto moderner die Gebäude, angepasst an die Bedürfnisse der Touristen und Zugezogenen. Aber die Zugeständnisse an das 21. Jahrhundert haben sich optisch dem ursprünglichen Dorf angepasst, nicht andersherum. Hier gibt es ebenso wenig Hochhäuser wie seelenlose Betonquader, und wahrscheinlich würde jeder, der solch einen Vorschlag auch nur äußern würde, vom Aneto geschubst werden.

Zweitens: Die historischen Gebäude sind top in Schuss. Was die Nachfahren des einstigen Dorfadels nicht mehr haben wollen oder pflegen können, kauft die öffentliche Verwaltung und bringt sinnvolle Einrichtungen für Einwohner oder Touristen darin unter.

Eine Straße führt zwischen Steinhäusern entlang, im Hintergrund sind Berge zu sehen
Die Dörfer rund um Benasque in den Pyrenäen sind gut erhalten und laden zum Schlendern durch schmale Gassen ein. © Judith Finsterbusch

Drittens: In den Läden, die für die Touristen eröffnet wurden, gibt es Produkte aus dem Ort, dem Tal, der Umgebung, den Pyrenäen, keine Schneekugeln mit Flamenco-Tänzerinnen oder Fächer mit Stieren. Allein die Käse-Vielfalt rechtfertigt einen Großeinkauf vor der Rückkehr, von jung bis alt, mild bis kräftig, aus Schafs-, Kuh- und Ziegenmilch ist alles dabei. Auch für Schokolade ist der Kreis Ribagorza, zu dem Benasque gehört, berühmt, von Honig, Wurst und Wein ganz zu schweigen. Das Beste, was das Tal aber zu bieten hat, ist die Tomate Rosa de Barbastro. Vergessen Sie die Sorten Raff und Mutxamel, die rosafarbenen, großen, saftigen Tomaten sind die besten, die Sie je gegessen haben. Wenn Sie eine davon mitnehmen auf einen Ausflug und mittags am Ufer eines Flusses mit Brot, Olivenöl und Käse verspeisen, werden Sie nie wieder etwas anderes essen wollen – versprochen.

Anquiles und Cerler in den Pyrenäen: Idylle und Geschichte

Genug von Benasque, bevor uns das Wasser im Mund zusammen läuft, heißt es, den Radius zu erweitern. Es gilt, Anquiles zu entdecken, nicht viel mehr als eine Ansammlung von Häusern, nur einen Spaziergang von Benasque entfernt. Die Gassen scheinen hier noch ein bisschen schmaler zu sein, die Häusermauern noch ein wenig dicker, die Jahreszahlen an den Fassaden noch ein bisschen älter. Die Petruskirche aus dem 17. Jahrhundert wacht über den ehemaligen Friedhof des Weilers, auf einer Mauer steht ein winziger Freiluft-Bücherverleih mit ein paar vergriffenen Lesestücken. Eine rührende Idee, idyllischer als Anquiles geht fast nicht.

Ein Kind bückt sich auf einem Weg, der durch einen Wald führt.
Mehr als Berge: Wälder, Seen und Flüsse prägen die Landschaft der Pyrenäen. © Judith Finsterbusch

Oder doch, nämlich in Cerler. Eine Serpentinenstraße führt in das mit 1.540 Metern höchstgelegene Dorf der aragonesischen Pyrenäen, im Winter läuft etwas außerhalb der Skilift heiß, doch das historische Zentrum will von all dem Trubel nichts wissen. Irgendeine gute Seele hat das Zuhause von Ratoncito Pérez, der spanischen Zahnfee in Form eines Mäuserichs, hierher verlegt und liebevoll einen Mini-Garten mit Mini-Tür und Mini-Briefkasten für ausgefallene Milchzähne angelegt. Die Kinder danken es mit Briefen und bemalten Steinen.

Auch in Cerler sind die Häuser aus dem 16. Jahrhundert beneidenswert gut gepflegt und mit leuchtenden Blumen auf den Fensterbänken geschmückt, die Touristen danken es den Bewohnern mit ehrfürchtigem Schweigen, wenn sie in ihrer Prozession durch die Gassen schlendern und Geschichte atmen. Wer seine Erinnerung noch mit einer letzten Momentaufnahme aus diesem unfassbar schönen Tal füttern will, setzt sich neben der Kirche aus dem elften Jahrhundert auf die Terrasse, bestellt eine caña und genießt die Aussicht auf die Berge, das Grün, das Wasser, das Tal in den Pyrenäen. Besser wird ein Bier nie wieder schmecken, besser wird die Seele selten wieder baumeln - versprochen!

Ausflugstipp in den Pyrenäen ab Benasque

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