Zwei Touristen breiten ihre Handtücher am Strand von Benidorm aus.
+
Urlaub im Planquadrat: Wie hier in Benidorm gelten in Spanien und in ganz Europa spezielle Sicherheitsregeln für die Touristen-Gebiete.

Urlaub in Spanien 2020

Die Angst fliegt mit: Tourismus am Mittelmeer zwischen Kommerz und Coronavirus-Risiko

  • vonMarco Schicker
    schließen

„Spain awaits you“: Die Schlacht um Touristen am Mittelmeer ist voll im Gange. Der verlorene Frühling wegen des Coronavirus hat Frankreich, Spanien, Griechenland und Italien Milliarden gekostet. Einen Coronavirus Rückfall kann sich kein Land leisten. Ein Überblick.

  • Ausländischer Tourismus am Mittelmeer wird umworben, aber nationaler Tourismus gewinnt überall an Bedeutung.
  • Frankreich zahlt Hotels und Restaurants Subventionen, Italien verteilt Ferienschecks.
  • Verstopfte Meerenge: Tunesien und Marokko könnten Verlierer der Urlaubssaison 2020 werden.
  • Spanien setzt auf alte Bekannte, Russen könnten in Russland bleiben.

Madrid - Die Vorziehung der Grenzöffnung durch Spaniens Regierungschef Pedro Sánchez vom 1. Juli auf den 21. Juni ist nicht nur Ergebnis einer positiven Entwicklung der Coronavirus-Kurve, sondern auch ein Zugeständnis an eine entscheidende Branche mit zwölf Prozent direktem Anteil an der Wirtschaftsleistung und 1,1 Millionen Arbeitsplätzen, die drei Notstands-Monate lang eingefroren waren.

Deutsche als Test-Urlauber auf "ihrer" Insel Mallorca

Spanien war am restriktivsten bei der Deeskalation, jetzt wird Sánchez waghalsig, warnen einige Kommentatoren. Doch genauso wie in Spanien, ist auch in Frankreich oder Italien, Griechenland oder Tunesien der Tourismussektor entscheidend für die Wirtschaft der Länder wie für die Existenz ihrer Bürger.

Noch sind Mallorcas Strände leer. Ab Montag sollen deutsche Touristen das ändern.

Während in Italien oder Griechenland schon Strände öffneten, mussten die Spanier sich noch mit wenigen Stunden Freigang begnügen. Doch der vorsichtigste Premier Europas macht nun Druck: Am 15. Juni landeten bereits tausende Deutsche auf "ihrer" Insel Mallorca für einen Probebetrieb. Man will sehen, ob die sanitären Sicherheitsregeln und die Logistik vorbereitet sind. Denn eines kann sich kein Land leisten: einen Rückfall bei den Coronavirus-Infektionen. Der Poker um den Tourismus würde so zum Russischen Roulette. Der Blick auf die neuen Hot-Spots in Deutschland, in Gütersloh, Göttingen oder Berlin Neukölln befeuern außerdem auch die Ängste der Gastgeber.

So gestalten auch die Fluglinien ihre Flugpläne nicht nur nach Kundenbedarf, sondern auch nach Sicherheitskriterien, eine zweite Welle Flugausfälle kann sich auch diese Branche nicht leisten.

Frankreich: Milliarden-Subventionen

Für die Reaktivierung des Tourismussektors mobilisiert die Regierung Frankreichs, des meistbesuchten Landes der Welt (2019: 90 Millionen Menschen), 18 Milliarden Euro. Das Geld fließt in Kampagnen, aber vor allem in Direkthilfen für Hotels, Pensionen, Restaurants und Gemeinden. Der Schwerpunkt soll auf der Modernisierung der Betriebe liegen, Digitalisierung und hygienische Aufrüstung eingeschlossen. Die eigenen Landsleute motiviert man für einen ländlichen Tourismus, wissend, dass man die Mehrheit der ausländischen Touristen im Sommer kaum von der Küste wegbewegen können wird, von Paris und einigen Highlights im Landesinnern abgesehen.

Der Staatssekretär im französischen Außenministerium, Jean-Baptiste Lemoyne, gibt sich vorsichtig optimistisch. In „El País“ sagt er: „In diesem Sommer geht es um Vertrauensbildung, mehr als um Eroberung. Ich wünsche mir vor allem, dass die Europäer, die Frankreich schon als Reiseziel kennen und schätzen, wissen, dass sie bei uns willkommen sind.“

Italien: Kampf gegen das Corona-Image

Italien hat mit dem Image des am härtesten vom Coronavirus getroffenen Landes in Europa zu kämpfen. Zwar wurde es bei einigen Kennziffern von Spanien und beide von Großbritannien überholt, doch die Bilder von Militärfahrzeugen, die im Konvoi Leichen aus der Lombardei schaffen, haben sich tief ins europäische Bewusstsein eingebrannt. 13 Prozent steuert der Tourismussektor jährlich zur Wirtschaftsleistung bei. Italien ist nach Frankreich und Spanien das meistbesuchte Europas und an fünfter Stelle weltweit. In diesem Jahr habe man bereits 45 Millionen Touristen und 30 Milliarden Euro verloren.

Die Grenzen zu Österreich, einem der wichtigsten Zubringerländer sind daher schon wieder offen - gegen die Warnung auch offizieller Gesundheitsexperten. Auch Italien setzt große Hoffnung auf den inländischen Tourismus. Für Familien mit weniger als 40.000 Euro Jahreshaushaltseinkommen und mindestens drei Mitgliedern gibt es einen Ferienscheck über 500 Euro von der Regierung.

Portugal: Weitsichtig und optimistisch

Portugal, das in der Coronvirus-Krise, wie zuvor schon in der Finanzkrise Weitsicht und Feingefühl bewiesen hat, geht moderat optimistisch in die Feriensaison. An der Algarve gab es am Brückenwochenende des 10. bis 14. Juni, das als eine Art Testlauf galt, eine Auslastung von 70 Prozent, allein durch Einheimische. Daher sieht man mit Gelassenheit, dass die ausländischen Reservierungen, die traditionell überwiegend aus Großbritannien kommen, für Juli bis dato erst 25 Prozent des Vorjahres-Niveaus erreicht haben. In normalen Jahren kommen 2,5 Millionen Briten nach Portugal.

Auf reiche Brasilianer, die gerne einen Abstecher nach Europa machen und dabei das Land ihrer Muttersprache bevorzugen, wird man dieses Jahr verzichten müssen, denn die Zustände in Brasilien sind unbeherrschbar. Die Vorsicht der Portugiesen erkennt man auch daran, dass Spanien die Grenzen für alle Schengenstaaten am 21. Juni öffnet, Portugal aber bis 1. Juli damit wartet.

Ryanair gab bereits Mitte Mai an, ab 1. Juli wieder 40 Prozent der 1.000 Flüge innerhalb Europas anbieten zu wollen.

Griechenland: Etikett „sichere Urlaubsregion“

Griechenland geht als „sicheres Urlaubsland“ hausieren, weil das Land mit zehn Millionen Einwohnern und offiziell nur 3.100 Infizierten und 183 Coronavirus-Toten ein Ausnahmephänomen darstellt. 18 Prozent des BIP des Landes hängen direkt vom Tourismus ab, indirekt sind es 40 Prozent, auf manchen Inseln nahezu 100 Prozent. 30 Millionen Touristen reisen jährlich nach Griechenland.

Für Einheimische öffneten die Strände schon recht früh, viel früher als zum Beispiel in Spanien, auch war die Bewegungsfreiheit im Land größer, was lange Totalschließungen vor allem kleinerer Betriebe verkürzte, die sich so über Wasser halten konnten. Ab 1. Juli aktiviert Griechenland alle Flüge, auch zu den Inselflughäfen, sowie die wichtigen Fährverbindungen. Auflagen an Strandbars und Hotels, die denen Spaniens ähnlich sind, sollen Rückfälle vermeiden helfen.

Marokko und Tunesien: Unentschlossene Politik

Mit restriktiven Ausgangssperren und Maßnahmen, die in vollständigen Demokratien undenkbar wären, haben die beiden nordafrikanischen Staaten das Coronavirus relativ gut in den Griff bekommen, Marokko hält offiziell bei 210, Tunesien gar bei nur 50 Coronavirus-Toten. Dennoch könnten beide Länder die großen Verlierer der Urlaubssaison 2020 sein.

Für die Überfahrt nach Marokko oder Algerien steuern die maghrebinischen Migranten die andalusischen Hafenstädte an.

Lockten sie sonst die Nordeuropäer mit naher Exotik und Billigangeboten in Club-Hotels, die gezielt sogar Destinationen wie Benidorm oder Mallorca unterboten, könnten die Europäer in diesem Jahr auf den sicheren Hafen EU setzen, wo Krankenversorgung, Rückholung, aber auch Amtsverkehr verlässlicher und billiger sind als auf einem anderen Kontinent.

Tunesien will seine Grenzen ab dem 27. Juni wieder öffnen, aber Marokko gibt sich bis heute bedeckt und unsicher. Die Operation „Meerenge“, bei der jedes Jahr über drei Millionen Heimaturlauber ins Land strömen, hängt in der Luft. Andalusien will nicht zum Transitland so vieler potenzieller Virenträger werden und auch Marokko selbst zögert die Einreise der ausgewanderten Landsleute bisher hinaus, obwohl die viel Geld bringen. Im Land wird viel Kritik laut: Außer um Marrakesch und die Strände von Agadir, wo einflussreiche Geschäftsleute und Politiker selbst Hotels und Ferienanlagen betreiben, würde sich niemand im Land um den Sektor kümmern.

Bettenburgen sind bereit: Der Briten-Hot-Spot Benidorm eröffnete diese Woche seine Strände. Jetzt gilt es sie verantwortungsvoll zu füllen.

Spanien: Alte Bekannte und Briten im Wartestand

Die Verluste so weit wie möglich zu reduzieren, ist das Motto für Spanien wie für alle Destinationen am Mittelmeer, rund 80 Milliarden Euro weniger als in den Vorjahren, rund die Hälfte der Gesamtwertschöpfung könnte die Branche in diesem Jahr bilanzieren, warnen die Verbände. Die von der Regierung verabschiedeten Hilfen in Höhe von 4,2 Milliarden Euro erscheinen den Betroffenen nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Doch auch Spanien weiß, dass ein größerer Rückfall bei den Coronavirus-Infektionen das sofortige Aus als Zielland bedeuten würde, daher rückt der Staat von seinen strikten Regeln nicht ab. Temperaturmessung an den Airports, Beschränkungen in Hotelbereichen und ein striktes Regiment am Strand. Wie so oft, kommt es aber darauf an, diese auch durchzusetzen und zu kontrollieren. In der Umgehung solcher Kontrollen sind die Spanier bekanntlich Meister, sei es bei der Zahl der Tische auf der Terrasse oder bei den prekären und oft illegalen Arbeitsverträgen für Kellner und Köche.

Briten kochen statt zu brutzeln

Spanien setzt auf seine „alten Bekannten“ im Tourismus: Deutsche, Skandinavier, Benelux-Staaten. Und natürlich auf die Briten. Obwohl es mit denen häufiger Missverständnisse gibt. Zunächst musste das britische Außenministerium als Brexit-Aspirant bei Sánchez nachfragen lassen, ob sie bei der Öffnung der „Schengen-Grenzen“ denn noch mitgemeint waren. Waren sie. Dann verhängte die britische Regierung eine 14-Tage-Quarantäne für Einreisende auf die Insel, was Spanien, allgemeinen diplomatischen Gepflogenheiten der Gegenseitigkeit folgend, mit einer eigenen Quarantäne für Briten beantwortete. Die britische Urlauberseele kocht, anstatt am Strand zu brutzeln. Ein Vorgeschmack auf den Brexit.

Die Russen kommen - vielleicht

Auf eine seit Jahren anwachsende Klientel wird Spanien wohl etwas warten müssen. Russland legt seinen Staatsbürgern nahe, dieses Jahr im großen russischen Reich Urlaub zu machen, Schwarzes Meer statt Mittelmeer. Außerdem hegt Spanien selbst wegen der intransparenten Zahlen zu Covid-19 aus Moskau Vorbehalte. Die oft zahlungskräftige Kundschaft, die den Urlaub an der Costa Blanca oder in Marbella gerne auch mit einem Immobilienkauf verbindet, könnte zum großen Teil ein Jahr aussetzen.

Russisches Roulette ohne Russen also? Nicht ganz. Denn die Destinationen der einfachen Menschen aus Russland und der Ex-Sowjetunion wie in Torrevieja bleiben so beliebt wie eh und je. Viele haben dort verwandtschaftliche Beziehungen, können sich nur im Sommer sehen. Die Russen werden also kommen.

  • Marco Schicker
    schließen
  • Weitere
    schließen

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare