Eine junge Frau und ein Hund auf einem Balkon.
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Balkonien und Corona-Angst statt Urlaub - die spanische Tourismusindustrie befürchtet ein schlimmes Jahr.

Spaniens Tourismus droht schlimmstes Jahr in seiner Geschichte

Tourismus im Sturzflug: Label „Covid-19-frei“ soll Katastrophe abwenden

Spaniens Tourismus erlebt nach vielen Höhenflügen einen tiefen Fall. Die Katastrophe vor Augen hoffen Experten auf das Label „Covid-19-frei“

  • Spaniens Tourismus wird sich nur langsam von der Corona-Krise erholen.
  • Experten befürchten Milliardenverluste und schweren Imageschaden.
  • Sicherheit und „Covid-19-frei“ gelten als Rettungsanker.

Madrid – „Es stirbt das Meer vor Durst. Es windet sich – ohne eine Menschenseele – in seinem Bett aus Felsen.“ Die Zeitung „El País“bemüht den mexikanischen Schriftsteller Octavio Paz, um zu beschreiben, wie es in den spanischen „Sol y Mar“-Urlaubsgebieten zur Osterzeit ausgesehen hat. Eigentlich die erste Hochsaison des Jahres, jedenfalls zu normalen Zeiten. Doch in Zeiten von Corona ist nichts mehr normal. Und schon gar nicht im Tourismus. Kaum eine andere Branche ist von den Bewegungseinschränkungen und den geschlossenen Landesgrenzen so kalt erwischt worden.

Acht Jahre in Folge eilte Spaniens Tourismus von Rekord zu Rekord. 2019 waren es 83 Millionen Urlauber aus dem Ausland, die das Land besuchten. Nur Frankreich zählte sechs Millionen ausländische Touristen mehr. Die Welt-Organisation für Tourismus (UNWTO) kürte Spanien sogar zum Champion of the World. Bis zu 15 Prozent trägt der Tourismus bei zum spanischen Bruttoinlandsprodukt (BIP) – so viel wie kein anderer Sektor. Das ist mit einem Schlag vorbei: Kein Flieger fliegt, leere Hotelbetten, verlassene Strände. Spaniens Tourismus erlebt das schlimmste Jahr seiner Geschichte.

Tourismus-Lobby fürchtet Einnahmeverluste von 92 Milliarden Euro

Je länger der Ausnahmezustand wegen der Corona-Pandemie andauert, desto schwärzer sehen denn auch die Hauptakteure. So rechnet die Tourismus-Lobby Exceltur, ein Zusammenschluss der wichtigsten Unternehmen des Sektors, inzwischen mit direkten Einnahmeverlusten von 92 Milliarden Euro. Damit wären 61 Prozent des Vorjahresumsatzes, der rund 150 Milliarden Euro betrug, schon mal futsch. Keine vier Wochen ist des her, da hatte Exceltur noch von minus 55 Milliarden gesprochen. Es werden wohl weitere Korrekturen nach unten folgen.

Die Sommersaison jedenfalls wird abgeschrieben. Gleichwohl geht die Tourismus-Lobby immerhin noch davon aus, dass sich in den Monaten Juli und Augusten wenigsten die nationale Nachfrage auf 50 bis 60 Prozent der Vorjahresniveaus wiederbeleben lässt. Allenfalls mit ein paar Franzosen oder Portugiesen, die mit dem Auto anreisen, sei noch zu rechnen. Wieder mehr ausländische Urlauber, die per Flugzeug einfliegen, erwartet Exceltur dagegen frühestens ab Ende August. Das Auslandsgeschäft werde 2020 deshalb nur 20 Prozent des Vorjahres-Resultats erreichen.

Katalonien verliert 65 Prozent am Tourismus

Der finanzielle Aderlass wird angesichts dieser Prognosen erheblich sein. Exceltur hat die geschätzten Einnahmeverluste auch nach Regionen aufgeschlüsselt. Am stärksten fällt das Minus in Katalonien aus mit 19,8 Milliarden Euro, was einem Rückgang der Tourismus-Aktivität von fast 65 Prozent gegenüber dem Vorjahr bedeutet. Es folgt Andalusien mit minus 15,1 Milliarden und einem Umsatzeinbruch von 57 Prozent. Prozentual am stärksten betroffen sind die Balearen. Hier geht das Tourismusgeschäft, das hauptsächlich von Ausland abhängig ist, nach Einschätzung von Exceltur um über 80 Prozent zurück und bringt einen Einnahmeverlust von 11,5 Milliarden Euro mit sich. Der Fremdenverkehr im Land Valencia schrumpft um 55 Prozent und verliert 9,4 Milliarden Euro.

Andere halten die Exceltur-Prognose noch für zu optimistisch: Gabriel Escarrer, geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Hotelkonzerns Melià, geht sogar von minus 100 Milliarden Euro für das laufende Jahr aus. „Solange es keinen Impfstoff gegen Corona gibt, wird der Tourismus sehr leiden. Den Impfstoff aber wird es frühestens in einem Jahr geben, das heißt, bis November, Dezember oder Januar wird das Geschäft nicht laufen“, sagt der Manager gegenüber „El País“.

Tourismus leidet am schlimmsten unter Notstandsdekret

Wieder andere Stimmen geben das Jahr für komplett verloren: „Die Situation ist dramatisch. Wir hoffen aber, dass wir wenigstens das kommende Jahr wieder in einem gewissen Normalbereich arbeiten können. Vielleicht lässt sich noch die Wintersaison auf den Kanaren retten“, macht der Präsident der Spanischen Vereinigung der Hotels und Ferienunterkünfte, Jorge Marichal, seine Erwartungen deutlich. 2020 sei auf alle Fälle ein Desaster.

Der Tourismus war nicht nur der erste Sektor, der unter den Corona-Einschränkungen litt. Er wird auch, so die Überzeugung von Experten, der letzte sein, der sich nach Ende des Ausnahmezustands – womit man eventuell im Mai rechnen kann – erholen wird. „Der Tourismus und der Luftverkehr sind die Geschäftsbereiche, die sowohl mit dem Ausnahmezustand als auch in der Zeit danach am schlimmsten in Mitleidenschaft gezogen werden“, sagt Raymond Torre, Direktor für Konjunktur der Sparkassen-Stiftung Funcas, gegenüber „El País“. Eine Erholung in Form eines V – also schneller Absturz, aber genauso schneller Wiederaufstieg – werde man im Tourismus auf keinen Fall erleben.

Rückgang des Bruttoinlandsprodukts am 13 Prozent befürchtet

Noch lässt sich nicht genau beziffern, wie sich der Einbruch im Tourismus auf das Bruttoinlandsprodukt auswirken wird. Bislang existieren lediglich Schätzung über den Einfluss insgesamt des Stillstands der wirtschaftlichen Aktivitäten in vielen Sektoren. Er schwankt zwischen minus acht Prozent (Weltwährungsfonds) und minus 13 Prozent (Banco de España) für dieses Jahr. Dass der Tourismus indes der Wirtschaftsbereich ist, der nach Beendigung des Ausnahmezustands am längst Zeit zur Erholung braucht, davon überzeugt ist auch Rafael Doménech, verantwortlich für ökonomische Analyse bei BBVA Research.

Eher einzuschätzen sind dagegen die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt: Nach Angaben des Gewerkschaftsverbands CC.OO. wurden im Tourismussektor bislang zwischen 125.000 und 150.000 Anträge auf Kurzarbeit (ERTE) gestellt. Die meisten Anträge verzeichnete das Hotelgewerbe mit seinen rund 1,7 Millionen Beschäftigten. Insgesamt beschäftigt der Tourismus in Spanien 2,6 Millionen direkte Arbeitsplätze. „Das Hotelgewerbe ist am stärksten von Kurzarbeit betroffen, aber auch von Entlassungen“, sagt Gonzalo Fuentes, CC.OO.-Tourismussprecher gegenüber „El País“. Fuentes rechnet zudem fest damit, dass sich mit Beendigung des Ausnahmezustands die Entlassungen aus objektiven Gründen häufen werden.

Tourismusbranche fordert Sofortplan wegen Corona

Angesichts der dramatischen Lage fordert nun auch die Tourismusbranche von der Regierung einen Sofortplan „für den wichtigsten spanischen Industriezweig“, wie es Exceltur-Vizepräsident José Luis Zoreda formuliert. „Das Dringendste ist, dass wir die Unternehmen am Leben erhalten“, forderte auch Marichal. Die Tourismusbranche benötige deshalb staatliche Kreditlinien, Bürgschaften, differenziertere Steuern und Gebühren, Möglichkeiten zur Neuverhandlung von Hypotheken und Mieten sowie die Ausgabe von Gutscheinen anstelle von „Geld zurück“ bei Reiserücktritten wegen Corona.

Ähnliche Forderungen für den Tourismus werden aus der Luftfahrtbranche laut, die in der Corona-Krise am Boden gebunden ist. Von den 75.000 Flügen, die es üblicherweise zu Ostern gibt, wurden in diesem Jahr lediglich 3.500 absolviert, und das auch nur im Frachtverkehr sowie zur Rückholung von im Ausland gestrandeten Landsleuten. „Die Wirtschaftspolitik konzentriert sich bislang auf drei Säulen: Liquidität, Kurzarbeit und Hilfe für Sozialschwache. Dahinter steckt die Philosophie, dass der Pandemie-Schock von vorübergehender Natur sei. Aber im Tourismus wird diese Schockphase sehr lange dauern. Deshalb sind die bisherigen Maßnahmen unzureichend. Es bedarf daher eines längeren und auf die strukturellen Bedürfnisse des Tourismus zugeschnittenen Sofortplans, weil sich der Sektor nicht vor 2021 erholen und frühestens 2022 zur Normalität zurückkehren wird“, sagt Javier Gándara, Präsident der Verbands der Fluglinien (ALA).

Kleine Unternehmen in ihrer Existenz bedroht

Zudem werden nicht wenige im Tourismus tätige Unternehmen mit der Corona-Krise auf der Strecke bleiben. Vor allem die Kleinen mit ihrem geringen finanziellen Polster sind bedroht. 40 Prozent aller Fremdenverkehrsbetriebe machen weniger als 200.000 Euro Umsatz im Jahr, geht aus einem Bericht des Consulting-Unternehmens Bain & Company y EY hervor, den „El País“ zitiert. Und erste Pleiten gibt es ja bereits. So meldete unlängst die Reiseagentur Viajes Urbis Insolvenz an. Rafael Gallego, Vizepräsident der Spanischen Vereinigung der Reiseagenturen (CEAV) geht von einer regelrechten Pleitewelle aus, „sollte die aktuelle Lage noch länger dauern und die Regierung keine Maßnahmen ergreifen“.

Doch Umsatzeinbußen und Pleitewellen sind allerdings längst nicht alles, was befürchtet werden muss: Das Tourismus-Land Spanien könnte nach Meinung von Experten infolge von Corona einen herben Imageschaden erlitten haben. „Die Marke Spanien macht die schwerste Krise der modernen Geschichte durch“, meint José María Cubillo, Gründer und Direktor von Mesías-Inteligencia de Marca España, einem Unternehmen, das unter anderem das Bild Spaniens im Ausland fördert und die Regierung berät. Die Art und Weise, wie die Institutionen mit der Corona-Pandemie umgegangenen seien, habe dem Image Spaniens als entwickeltem Land geschadet. Heute verbinde man Spanien, so Cubillo gegenüber „El País“ weiter, eher mit der Vorstellung, sich im Sommer, aber auch im nächsten, mit dem Corona-Virus anstecken zu können. Für ausländische Urlauber dürfte das Land daher erheblich an Attraktivität verloren haben.

Oberstes Ziel: Sicherheit vor Ansteckung

Wie auch immer: Die Wiederbelebung des Tourismus in Spanien auf ein gewohntes Niveau wird eine langfristige und langsame Angelegenheit werden. Darin sind sich alle Experten einig. Dennoch gilt es, sich für die Zeit des Übergangs zu wappnen. Am wichtigsten dabei: die Sicherheit vor Ansteckung mit dem Corona-Virus. In dieser Übergangsphase konzentrieren sich die Unternehmen auf drei Bereiche: neue und intensive Hygienemaßnahmen, Nutzung technologische Möglichkeiten, um die Gesundheit von Reisenden und Personal zu kontrollieren, sowie weniger Massifizierung.

„Wir brauchen gemeinsame Kriterien für das ganze Land, die der Welt und unseren Kunden Sicherheit und Vertrauen vermitteln“, bekräftigt Exceltur-Vizepräsident Zoreda gegenüber der Zeitung „La Vanguardia“ zur Frage der Sicherheit. So koordiniere das Staatssekretariat für Tourismus in Zusammenarbeit mit den Unternehmen ein einheitliches Gesundheitsprotokoll, um nach Beendigung des Ausnahmezustand die Wiedereröffnung der Tourismus-Einrichtungen ermöglichen zu können.

Marke Covid-19-frei: Mit Schnelltests und Überwachung per App

„Um die Tourismus zu reaktivieren, ist Bedingung Nummer eins, dass unsere Unterkünfte sicher und Covid-19-frei sind“, sagt auch Melià-Manager Escarrer. Deshalb seien Vorbeuge- und Kontroll-Mechanismen nötig, etwa mit Schnelltests. Als Vorbild könnten Melià-Hotels in Asien dienen, wo bereits strenge Maßnahmen angewendet werden. Cehat-Präsident Marichal, der auch dem Unternehmerverband der Kanaren vorsteht, geht sogar noch weiter: Alle Urlauber, die auf die Kanaren reisen wollen, sollten vorher im Herkunftsland auf Corona getestet und während ihres Aufenthalts mittels App überwacht werden.

„Covid-19-frei“ scheint jedenfalls zum neuen Qualitätsmerkmal im Tourismus zu avancieren. Auch Alfonso Vargas, Experte für Tourismus-Wirtschaft der Universität Huelva, sieht das so: „Eine der Lektionen aus der Erfahrung mit Corona lautet: Wir müssen nicht nur unsere Strände, Natur, Monumente, Gastronomie und Fiestas anpreisen, sondern auch unsere Sicherheit“, sagt der Dozent gegenüber „La Vanguardia“. Zertifizierungen über Covid-19-frei, so Vargas weiter, stünden dabei ganz oben auf der Tagesordnung und seien eine Grundbedingung, um Vertrauen zurückzugewinnen. Ein neues Label also, gleich neben dem Hoteleingang und der Plakette mit den Sternen.

Von Thomas Liebelt

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