Eine Person hält ein Handy und nutzt eine App zum Pflanzen-Erkennen.
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PlantNet ist eine sehr nützliche App zum Wandern in Spanien.

Natur und Technik

Apps zum Wandern in Spanien: Installiertes Naturerleben

  • Stefan Wieczorek
    VonStefan Wieczorek
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Ob PlantNet oder BirdNet: Fabelhafte Smartphone-Anwendungen bringen Besuchern der Costa Blanca bis Sol die Welt der Pflanzen und Vögel nahe. Die beste App funktioniert jedoch offline - und lädt den Akku auf.

Im Frühling ergab sich in einem Park an Spaniens mediterraner Küste folgende Situation: Von einem Strauch voller duftender Blüten angelockt, diskutierte eine kleine Schar von Besuchern, worum es sich bei dem wonnevollen Pflänzlein handelte. Wildeste Theorien wurden geschmiedet, über die sich das Blümlein wohl köstlich amüsierte. Bis dann einer dazukam, mit Smartphone in der Hand, um der Diskussion den Garaus zu machen. Eindeutig hatte man es mit Chinesischem Klebsamen zu tun. Das sei zu 96 Prozent sicher, verkündete der smarte Nutzer. Verraten hatte es ihm PlantNet, die Erkennungs-App für Pflanzen, die wir – gemeinsam mit der Vogel-App BirdNet – im spanischen Herbst zur Wandersaison vorstellen.

Spanien Land
Hauptstadt:Madrid
Vorwahl: +34

Apps zum Wandern in Spanien: Installiertes Naturerleben, grünes Netzwerk

Für die oben genannte Import-Zierpflanze, spanischer Name azahar de la China, hat die App PlantNet offenbar ein besonderes Faible. Denn im Herbst, das stellten wir beim Wandern an der spanischen Küste noch diese Woche fest, erkennt die App die Pflanze ebenfalls fast hundertprozentig sicher. Und das, obwohl dem verlockenden Asiaten in Spanien derzeit sein Merkmal Nummer eins, die weißen duftenden Blüten, fehlt. Sogar ein leicht verwackeltes Foto von dem Stern aus graugrünen Blättern lieferte das richtige Ergebnis. Wie funktioniert dieses auf dem Smartphone installierte Naturerleben?

Die App funktioniert großartig. Das muss man wirklich sagen. Was man zum Benutzen braucht, ist lediglich eine heile Smartphone-Kamera und das installierte Naturerlebnis PlantNet, das es gratis für alle wichtigen Systeme gibt. Die attraktive Benutzeroberfläche hat jeder Nutzer schnell durchschaut. Sobald man beim Wandern an der Costa Blanca oder Costa del Sol mehr über ein Blatt, eine Blüte, eine Frucht, eine Rinde, sogar Wuchsform oder „Sonstiges“ einer Pflanze erfahren will, klickt man auf das Kamerasymbol und fotografiert das interessante Element.

Nach kurzer Ladezeit (wenn das Internet zur Verfügung steht) erscheint eine Ergebnisliste, die in Prozenten angibt, wie sicher sich die App in ihrem Urteil ist. Doch meist ist die Recherche des installierten Smartphone-Naturerlebens an dieser Stelle noch nicht beendet. Denn anders als bei unserem fröhlichen China-Klebsamen fällt die Suche in der Regel eben nicht mit fast hundertprozentigem Resultat aus. Meist sind es 64 Prozent, mal auch 30 oder nur 13 Prozent. Das heißt aber nicht, dass die Erkennung dann gescheitert ist. Sondern nun offenbart die App ihre wahren Wunder.

Natur-App in der Praxis: Vorsicht, Verletzungsgefahr für beide

Denn mit den Ergebnissen der Pflanzen-Suche kann man sich durch das Soziale Netzwerk, das PlantNet auch ist, durchklicken. Darin kann das eigene Foto mit der ungeheuren Menge an Bildern verglichen werden, die Millionen von Nutzern – nicht nur beim Wandern in Spanien, sondern oft an abenteuerlichsten Ecken der Welt – gemacht haben. Auch ist die digitale Natur-Anwendung direkt mit Wikipedia verbunden, wo man sich die Merkmale der vorgeschlagenen Pflanzen durchlesen und sich dem richtigen Ergebnis annähern kann.

Nein, von Dilettanten entwickelt worden ist die App PlantNet nicht. Das lässt ihre fantastische Funktionsweise erkennen. Bereits 2009 begründeten Informatiker und Botaniker mehrerer großer Forschungsinstitute aus Frankreich PlantNet, das nunmehr in 40 Sprachen, darunter Deutsch und das spanische Castellano, zehn Millionen Naturfreunde beglückt. Definitiv kann sich das Pflanzen-Netzwerk auch vor den besten Wander-Apps (siehe Video) nicht verstecken.

Sogar offizielle Institutionen der EU oder von Spanien nutzen die Anwendung PlantNet für Projekte zur Bewahrung der Flora. 2020 gewann die App den Prix Inria der französischen Wissenschaftsakademie. Wahnsinn, dass das so renommierte Programm dennoch so benutzerfreundlich selbst für Laien der Digital- und Pflanzenwelt bleibt. Was ist beim Nutzen zu beachten? Zunächst sollte nicht wild herumfotografiert, sondern erst einmal die Pflanze gut betrachtet werden. Welcher Bestandteil ist am repräsentativsten? Welchen kann ich, wegen der Licht- und Schattenverhältnisse, gut fotografieren?

Das Foto sollte möglichst eindeutig nur den ausgewählten Teil zeigen, weshalb man sich oder die Pflanze manchmal etwas verrenken muss – aber Vorsicht: Verletzungsgefahr für beide! Beim Durchklicken durch die Fotos der anderen Nutzer sollte beachtet werden, dass sie sich nicht unbedingt beim Wandern in Spanien aufhielten, sondern oftmals in völlig anderen Tageszeiten und Klimazonen oder das Foto nachbearbeiteten, sodass die Farbe etwas anders ausschaut. Daher auch hier gut hinschauen.

Naturerleben mit Fingerspitzengefühl: Von heimisch bis gefährlich und invasiv

Ferner tut sich die App, wohl wegen der wechselnden Verbreitung mancher Arten, mal leichter, mal schwerer mit der Erkennung der jeweiligen Pflanzen. An zwei typischen Produkten unserer Küste in Spanien fällt es auf. Die typische Dattelpalme des hiesigen Mittelmeerraums erkannte PlantNet an der Rinde zwar korrekt als Phoenix dactylifera, aber nur mit einer Sicherheit von 16 Prozent. Ihre Datteln, eine vergessene Delikatesse der Costa Blanca, verwechselte die App aber mit einer Mango. Vielleicht, weil wir sie in Kinderhändchen fotografierten.

Datteln aus der Palmenstadt Elche, vergessene Spezialität der Costa Blanca.

Dann legten wir noch den gerade gekürten „Idealen Granatapfel Granada Mollar 2021“ aus Elche unters Objektiv, den PlantNet zwar korrekt als Punica Granatum identifiziert, doch mit nur 21 Prozent Sicherheit und erst auf Platz drei, nach gewöhnlichen Apfelsorten.

Man muss also bei PlantNet ein gewisses Fingerspitzengefühl entwickeln. Insgesamt sollte die App dann beim Wandern in Spanien einfach nur genossen werden. Der leichte Zugang in diese sehr fehlerfrei laufende Anwendung erlaubt es, sich schnell in ihre Welt einzuarbeiten. Und so das Reich der Pflanzen zu erschließen. Zu staunen, welche Sorten, an unserer Küste so wachsen, überhaupt wirklich heimisch sind, welche importiert oder sogar gefährlich und invasiv sind wie etwa das Afrikanische Lampenputzergras.

Ähnliches gilt für unsere zweite App zum Wandern und damit für ein weiteres Umweltreich in Spanien: Die Vögel. Die Anwendung BirdNet, von der deutschen TU Chemnitz entwickelt, ist mit einer Million Nutzern zwar noch nicht so verbreitet wie ihre Pflanzen-Verwandte, liefert aber beim akustischen Naturerleben auch unserer spanischen Küste erstaunlich präzise Ergebnisse.

Mehr als tolles Rosa: BirdNet, App ins Reich der Vögel

Wie PlantNet, läuft auch diese App flott und erklärt sich nach einigem Probieren von selbst. Fällt ein besonderer Vogelklang auf, muss das Mikrofonzeichen betätigt werden. Und schon beginnt die Aufnahme, optisch dokumentiert mit der bunten Tonspur. Meist reichen wenige Sekunden. Dann ist das ideale Audio-Intervall auszuwählen – hier sind Hintergrundgeräusche zu beachten! – und ins System zu schicken.

Überaus fix (Internet wieder vorausgesetzt) erscheint hier das Ergebnis, unserer Erfahrung nach mit Top-Quote. Ob es sich um Stadtvögel handelt – wie die allseits herumgurrende Türkentaube – oder Wandervögel in Naturschutzgebieten – nennen wir einmal die Brandgans als Beispiel – identifiziert die App verschiedenste Arten und ist, wie PlantNet, so ehrlich dem User mitzuteilen, wie sicher sie sich ist. Nur führt BirdNet keine Prozentzahlen an, sondern versieht die Resultate mit Angaben wie „fast sicher“ oder „unsicher“.

Dünen der Costa Blanca, Lebensraum für zarte Bewohner wie den Seeregenpfeifer.

Eine interessante Option ist die Funktion „Erkunde deine Umgebung“, wobei die App anhand des eigenen Aufenthaltsortes eine (lange) Liste von Vogelarten aufführt, die in der aktuellen Jahreszeit in der Nähe angetroffen werden können. Dank der Nutzer-Beiträge können die Entwickler ferner studieren, wo bestimmte Vogelarten sich herumtreiben. Die Funktion eines sozialen Netzwerks hat BirdNet dagegen weniger. Dennoch sollte natürlich in Sachen Datenschutz beachtet werden, dass diese App, genauso wie PlantNet, ihrer digitalen Natur gemäß, auf wesentliche Infos aus dem Handy zugreift.

Beide smarten Umwelt-Apps sollten durchaus nicht nur beim Wandern, sondern in verschiedenen Umgebungen erprobt werden. Es überrascht, an welchen Ecken man interessante, ja erstaunliche Lebewesen antrifft. Ob es die Madagaskarpalme in der eigenen Feriensiedlung ist oder die Vielzahl an Möwenarten im Hafen. Beide Apps helfen ferner dabei, das Wahrnehmen der Flora und Fauna zu schärfen. Denn sie weisen auf Eigenschaften, die nicht immer auf den ersten Blick erkennbar sind, hin. Eingangs erwähnten wir, wie PlantNet unseren unwiderstehlichen Klebsamen ohne sein Hauptattribut erkannte.

Ähnliches tut BirdNet, wenn es etwa Flamingos nicht an ihrem tollen Rosa, sondern an ihren nicht allzu geläufigen Lauten identifiziert. Ja, auch das zunächst Unaufregende kann der Schlüssel zur Erkennung einer Lebensform sein.

Akku lädt sich auf: Beste Natur-App funktioniert offline

Zum Schluss kommen wir aber noch zu einer noch wunderbareren Anwendung, für die wir allerdings das Smartphone ausschalten oder es zumindest tief in die Wandertasche stecken müssen. Statt auf GooglePlay zu klicken, gehen wir nun in Ruhe in uns selbst. Aktivieren die eigenen Sinne und das natürliche Netzwerk, das alles Leben der Welt miteinander verbindet. Mit den Augen, von dem digitalen Bildschirm befreit, lassen wir den Blick langsam durch die Gegend streifen. Etwas fällt uns auf? Verweilen wir dabei. Auch wenn es der allernormalste Spatz ist.

Mandelblüte im Januar an Costa Blanca: Trotz aller App-Wunder auch mal über den Handyrand schauen.

Beobachten wir den kleinen Vogel, statt – vom inneren Konsumgeist getrieben – zu Krümeln zu greifen. Keine Sorge, er wird schon Futter finden. Vielleicht kann das kleine Wesen stattdessen uns etwas geben. Das Herumhüpfen, so unbeschwert und unschuldig, voller Vertrauen. Mit etwas Übung wirkt es auf den Betrachter ansteckend. Der Nutzer dieser inneren Natur-App wird etwas Eigenartiges feststellen: Nicht nur, dass sie ganz ohne Internet auskommt. Sondern auch, dass sie zur Abwechslung kein Stromfresser ist. Im Gegenteil: Der Akku lädt sich beim Gebrauch sogar auf!

Keine Sorge, falls das nicht auf Anhieb so klappt. Diese App zum Naturerleben ist in jedem Menschen installiert. Lassen wird uns ruhig etwas Zeit, bis sie auf Touren kommt. Nähern wir uns langsam einer Pflanze. Aktivieren den Tastsinn. Streichen über ein Blatt, berühren sanft eine Blüte. Nein, Blumen müssen nicht gepflückt und in Besitz genommen werden. Auch nicht in digitalen Besitz. Lassen wir das Smartphone also noch ruhig eine Weile beiseite. Man kann einen schönen Anblick auch verinnerlichen. Und zu Hause nachzeichnen. Ein Wunder der Natur, auch wenn es nicht hundertprozentig gelingt.

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