Ein Gesicht unter vielen anderen wird biometrisch vermessen und erfasst.
+
Biometrische Gesichtserkennungs-Technologie findet in Spanien vermehrt Einsatz.

Zeig‘ dein Gesicht

Spanien: Gesichtserkennung ist auf dem Vormarsch

  • Daniela Schlicht
    VonDaniela Schlicht
    schließen

Die Gesichtserkennungs-Technologie kommt in Spanien immer mehr zum Einsatz. Weltweit boomt die Verwendung digitalisierter Körpermerkmale zur Identifizierung von Personen. Trotz der Vorteile warnen Experten vor einer „Macht außer Kontrolle“.

In Spanien und weltweit boomt die Verwendung digitalisierter Körpermerkmale zur Identifizierung von Personen – verstärkt seit dem Ausbruch der Coronavirus-Pandemie. Spanische Medien verkünden derzeit vermehrt über Dienstleistungen in Verbindung mit Gesichtserkennungs-Technologie. Spanien ist übrigens auch eines von sieben Ländern, das beim Aufbau des europäischen Blockchain-Netzwerks EBSI (European Blockchain Services Infrastructure) vorn dabei ist, um öffentliche EU-Dienstleistungen mobil zur Verfügung zu stellen. Darunter: die digitale Identität. Alles soll einfacher, bequemer und schneller vonstattengehen und der Sicherheit dienen. Aber es gibt auch eine Kehrseite dieser Technologie, vor welcher – wenn auch weniger wahrnehmbar – seitens Experten gewarnt wird.

Betreffend Spanien, brachte Hosbec (Verband der Hotel- und Tourismusbranche der Region Valencia) sowie Turisme Comunitat Valenciana kürzlich eine Pressemitteilung über die Verwendung von biometrischen Gesichtsdaten in Hotels ‒ vorwiegend erst einmal in Benidorm an der Costa Blanca ‒ heraus. Auch spanische Flughäfen testen, und als erste Bank in Spanien hat die BBVA die Gesichtserkennung als digitale Signatur für Transaktionen eingeführt.

Gesichtserkennung in Spanien: Was ist das?

Die Gesichtserkennung basiert auf einer Technologie, die in der Lage ist, eine Person anhand eines Bildes oder eines Videos zu erkennen beziehungsweise deren Identität zu verifizieren. In der Regel wird diese digitale Identifizierung für den Zugriff auf spezielle Apps, Geräte – wie beispielsweise die FaceID beim iPhone – oder Dienste verwendet. Dafür bedarf es der Geometrie eines Gesichtes, die von einer Software ausgelesen wird. Schlüsselinformationen sind dabei laut dem Sicherheits-Software-Unternehmen Kapersky: der Abstand zwischen den Augen, die Tiefe der Augenhöhlen, der Abstand zwischen der Stirn und dem Kinn, die Form der Wangenknochen und die Konturen der Lippen, Ohren und des Kinns.

Hotels in Spanien testen Gesichtserkennung für den Check-in-Prozess

In der Autonomen Region Valencia verfügen aktuell insgesamt acht Hotels – sechs davon in Benidorm – über eine biometrische Gesichtserkennungstechnologie für den Check-in-Prozess, beziehungsweise für das Einchecken der Gäste. „Es war eine technologische Herausforderung und gleichzeitig ein Erfolg bei der Umsetzung“, unterstreicht der Verband und erklärt, dass die Systeme verschlüsselte Algorithmen für die Gesichtsbiometrie enthalten, die verhindern sollen, dass die Identifikationsdaten der Kunden durch Sicherheitsbedrohungen verletzt werden.

Alle Hotels, die an diesem Pilotprojekt teilnehmen, führen im Vorfeld einen Online-Check-in durch, sodass bereits vor der Ankunft eine Identifizierung und Registrierung des Kunden erfolgt ist. Dank dieser Vorstufe wird der Gast beim Betreten des Hotels erkannt und mit seinen Buchungsdaten identifiziert, indem er einfach sein Gesicht am „digitalen Schalter“ vorzeigt. Zu den Hotels, die derzeit über diese Gesichtserkennungstechnologie verfügen, gehören das Gran Hotel Bali, das Hotel Agua Azul, das Hotel Bristol, das Dynastic, das Hotel Port Benidorm und das Hotel Olympus – alle in Benidorm – sowie der Komplex des Albir Garden Resort und das Hotel Del Juguete in Ibi. Andere Hotels sind noch im Umsetzungsprozess.

Bei der Gesichtserkennung dient das Gesicht als digitalisiertes Körpermerkmal zur Identifizierung von Personen.

Gesichtserkennung am Flughafen in Spanien: Per Gesichtsscan in den Flieger

Ein Pilotprogramm von Iberia ermöglicht es Passagieren, das Flugzeug per Gesichtsscan zu betreten. Nach einer zweijährigen Testphase ist diese Option nun im Terminal 4 des Flughafens Adolfo Suárez Madrid-Barajas für drei Ziele verfügbar: Santiago de Compostela, Oviedo und San Sebastián. Laut dem spanischen Flughafenbetreiber Aena werden die gespeicherten biometrischen Daten nicht nur für diese Flüge verwendet, sondern könnten auch mit jeder anderen Iberia-Reise verknüpft werden.

Wie kann man sich den Ablauf vorstellen? Wenn Fluggäste ihre Bordkarte für einen Flug anfordern und ihr Ziel einer der oben genannten Orte ist, können sie sich für die biometrische Gesichtserkennung entscheiden und diese aktivieren. Am einfachsten ist es, die Iberia-App auf das Handy herunterzuladen. Für die Registrierung der Gesichtsdaten muss der Personalausweis (beidseitig) oder der Reisepass erfasst werden, des Weiteren wird ein Video-Selfie benötigt.

Die Gesichtserkennung kann auch am Flughafen selbst aktiviert werden. Dort angekommen, begibt man sich zu sogenannten „Gesichtserkennungs-Kiosken“ (quioscos de reconocimiento facial), die sich vor den Sicherheitskontrollpunkten befinden. Wie bei der Handy-App müssen Personalausweis oder Reisepass durch das vorhandene Lesegerät gezogen und das Gesicht gezeigt werden.

Spanien: Mit Gesichtserkennung keine Lockerungen bei Sicherheitskontrolle

Nutzer von Gesichtserkennung können befreit sein, die Bordkarte und den Ausweis vorzuzeigen – das Mitführen bleibt dennoch vorgeschrieben. Keine Ausnahmen gibt es bei der Sicherheitskontrolle, diese bleibt für alle Fluggäste gleich, wie etwa den Gürtel abschnallen, Laptops in einen Behälter legen und den Metalldetektor passieren.

Künftig, so Aena, soll die biometrische Technologie in allen möglichen Flughafenprozessen eingesetzt werden. Ein weiterer Kandidat ist der Flughafen Barcelona-El Prat. Der hat jüngst ebenfalls mit der Erprobung eines biometrischen Gesichtserkennungssystems begonnen, das die Identifizierung der Passagiere bei der Selbstabfertigung des Gepäcks und beim Boarding integriert. Dabei handelt es sich um ein gemeinsames Projekt von Aena, der Fluggesellschaft Vueling und den Technologieunternehmen Easier, IDEMIA, Indra, Materna-ips und Mobbeel. Dieses Kooperationsprojekt hat vor einigen Monaten mit Fluggästen auf der Strecke Barcelona-Málaga begonnen.

Biometrische Funktion: Banking mit dem Gesicht

Seit Juni 2021 ermöglicht die spanische Großbank BBVA ihren Kunden, Bankgeschäfte „mit dem Gesicht“ elektronisch über die App zu signieren. Dafür muss der Kunde nur in der Bank-App die biometrische Option aktivieren und sich für den Fingerabdruck oder die Gesichtserkennung entscheiden. Die Versendung einer SMS seitens der Bank mit einem Passwort oder Code wird dann nicht mehr notwendig sein. Es wird betont, dass die von den Kunden auf ihren Geräten erfassten biometrischen Daten weder gespeichert noch verarbeitet werden. Bei ihrer biometrischen Identitätsüberprüfung setzt BBVA auf die zertifizierte Software von Veridas. Das 2017 als Joint Venture zwischen BBVA und das-Nano gegründete spanische Unternehmen ist auf die Entwicklung von Technologien zur digitalen Identitätsüberprüfung durch Gesichts- und Stimmerkennung spezialisiert.

Eine Richtung: Digitalisierung der Welt

Die Welt bewegt sich Richtung Digitalisierung. Zukunftsweisende Technologie-Trends spiegelt der MWC Barcelona ‒ World Mobile Congress ‒ bestens wider. Letztes Jahr ging es überwiegend um 5G und Internet für alle. Ein Treiber der Digitalisierung ist unter anderem das Weltwirtschaftsforum WEF. 2018 erstellte es mit Accenture einen Bericht mit dem Titel „The known traveller: Unlocking the potential of digital identity for secure and seamless travel“ (Der bekannte Reisende: Entfaltung des Potenzials der digitalen Identität für sicheres und nahtloses Reisen). In diesem werden Möglichkeiten hervorgehoben, die sich durch neue Technologien wie Biometrie (darunter fällt die Gesichtserkennung), Kryptographie und Distributed Ledgers ergeben, um die Sicherheitskapazitäten von Industrie und Behörden zu verbessern und gleichzeitig den internationalen Reiseverkehr zu erleichtern. Von daher ist es nicht verwunderlich, dass Flughäfen und Hotels mit der Einführung der Gesichtserkennungs-Technologie beginnen.

Mitte November schrieb die Luzerner Zeitung: „Am Flughafen Zürich erstellen künftig Automaten biometrische Dossiers über Einreisende – weil es die EU so vorschreibt.“ Im Rahmen des Programms „Smart Borders“ müssen Länder des Schengen-Raums ein „Entry-Exit-System“ (EES) aufbauen. Reisende aus Drittstaaten müssen künftig bei der Einreise numerische und biometrischen Daten abgeben. Zu ersteren gehören die Daten der Ausweisdokumente, zu letzteren ein Gesichtsbild und die Scans von vier Fingern einer Hand. Eines von immer mehr werdenden Beispielen. Natürlich sollen alle biometrisch erfassten Daten „sicher“ sein. Das es aber immer wieder zu Datenlecks kommt, lehrt die Vergangenheit.

Experten warnen vor einer „Macht außer Kontrolle“

In die persönliche Welt der Bürger eingreifende Technologien brauchen auch Stimmen kritischer Experten. Zu ihnen gehören unter anderem der weltbekannte Autor Yuval Noah Harari und Whistleblower Edward Snowden. Harari sprach in einem Interview im Oktober sogar von „hacked humans“, also gehackten Menschen. Seiner Meinung nach könnten in Zukunft menschliche Daten, die durch die wachsende Macht und Reichweite der künstlichen Intelligenz bereitgestellt werden, in den Händen einiger weniger Mächtiger liegen – ein Rezept für eine dystopische Zukunft, die von „gehackten Menschen“ bevölkert wird.

Yuval Noah Harari warnt vor einer Zukunft mit „gehackten Menschen“.

Einen Menschen zu hacken bedeute, „ihn besser zu kennen, als er sich selbst kennt“. Auf dieser Grundlage sei er zunehmend manipulierbar. Harari zufolge werden die Länder und Unternehmen, die die meisten Daten kontrollieren, die Welt beherrschen. Um das zu verhindern, müssten Nationen zusammenarbeiten und das Sammeln von Daten regulieren. Und er weist darauf hin, dass die Pandemie die Tür zu einer noch umfassenderen Daten-Erfassung geöffnet hat. „Bisher haben Unternehmen und Regierungen Daten darüber gesammelt, wo wir hingehen, wen wir treffen und welche Filme wir uns ansehen. Die nächste Phase ist die Überwachung unter unserer Haut“, warnt er.

Edward Snowden warnt vor Ausweitung der Überwachungsmaßnahmen

Nicht viel anders klingen die Worte von Edward Snowden, dem ehemaligen CIA-Mitarbeiter, der die Überwachungsprogramme der NSA an die Öffentlichkeit gebracht hat. Neulich, in einem Gespräch mit dem Korrespondenten des Dänischen Rundfunks, Henrik Moltke, ging es um Überwachungs-Maßnahmen in Zeiten der Pandemie. „Wenn Notfallmaßnahmen verabschiedet werden, vor allem heute, neigen sie dazu, klebrig zu sein“, sagte Snowden. „Der Notfall wird tendenziell ausgeweitet. Die Behörden gewöhnen sich an die neue Macht. Sie beginnen, sie zu mögen.“

Whistleblower Edward Snowden meint, die Überwachungs-Maßnahmen in Zeiten der Pandemie könnten diese überdauern.

Snowden befürchtet, dass Maßnahmen, die derzeit getroffen werden, wahrscheinlich noch in Jahrzehnten vorhanden sein werden. Mit der Zeit könnten sie schleichend zur neuen Normalität werden. Es sei denn, es werden Auslaufklauseln durchgesetzt. „Biometrics are quickly becoming one of the greatest enablers of evils in our time. This is only the beginning“, in etwa: „Die Biometrie würde dabei schnell zu einem der größten Ermöglicher von Übel in unserer Zeit. Das ist erst der Anfang.“

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare