Ein kleines Gebäude steht inmitten einer verkohlten Fläche nach einem Waldbrand.
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Verheerender Waldbrand in der Sierra Bermeja im September. Spanien bekommt die Folgen des Klimawandels besonders deutlich zu spüren.

Hitze, Dürre, Überschwemmungen

Prima Wetter war einmal: Folgen des Klimawandels treffen Spanien besonders hart

  • VonClementine Kügler
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Das Mittelmeer bekommt die Folgen des Klimawandels besonders stark zu spüren. In Spanien lässt sich schon jetzt ein immer extremeres Wetter beobachten.

Verheerende Überschwemmungen in Deutschland, Waldbrände in Griechenland, anhaltende Hitzeperioden oder so heftiges Eis und Schnee in Madrid, dass die Vögel tot von den Bäumen fielen. Klingt ein bisschen nach Apokalypse. Ob Filomena (die Mutige) oder Gloria (die Ruhmreiche), die Namen für die Sturmtiefs entbehren jeglicher Logik, die Wetterkapriolen in Spanien und dem Rest der Welt indes nicht.

Klimawandel in Spanien: Extreme Wetter-Phänomene wie der „Meteotsunami“

In Santa Pola gab es Mitte August eine plötzliche Überschwemmung, einen Meteotsunami. „Es wurde ganz still. Gespenstisch. Dann folgte kräftiger Wind, das Wasser stieg in Sekundenschnelle an und überflutete Straßen, Terrassen und Keller“, schildert die Madriderin Carmen Soler die Minuten, als das Meer die Straßen im Hafen Santa Polas im Süden der Costa Blanca unter Wasser setzte. In Guardamar wurde ähnliches berichtet. Bekannt ist Menorcas Hafen Ciutadella für dieses dort „Rissaga“ genannte Phänomen, aber auch an der Costa Blanca taucht es hin und wieder auf. Der Professor für geografische Analyse und Leiter des Klimalabors der Universität Alicante, Jorge Olcina, erklärt das Phänomen: Die heiße Sahara-Luft, Grund für die anhaltende Hitzewelle in Spanien, habe für einen enormen Druckabfall über dem Meer gesorgt. Diese Luftdruckschwankung löst den kleinen Meteotsunami aus. Das Phänomen tritt plötzlich auf und lässt sich nicht vorhersagen. Schwüle und Südwind scheinen dazuzugehören.

Die Sahara-Luft trägt den braunen Staub Richtung Norden. Im Februar regnete es auf den Balearen, in Katalonien, Valencia, Murcia und Aragonien Schlamm. Der Schnee der Pyrenäen färbte sich braun – ein ungewöhnliches Bild. Die Meteorologen des Spanischen Wetterdienstes (Aemet) auf den Balearen beobachten eine Zunahme des „braunen Regens“ auf den Inseln. Mitte September trübte der Staub wieder Pools und färbte Häuser, Autos und Terrassen ein. Normalerweise kommt das neun- bis 14-mal pro Jahr vor, in den ersten achteinhalb Monaten 2021 wurden schon 25 dieser Phänomene gezählt.

Klimawandel in Spanien: Extreme Wetter-Beispiele gibt es überall

Der Starkregen mit Sturmböen, Dana (isoliertes Tiefdruckgebiet in großer Höhe) oder Gota fría (Kalter Tropfen) genannt, sauste im September 2020 zwischen den Balearen und der Levante und Katalonien hin und her und macht sich vor wenigen Wochen wieder bemerkbar. Vor drei Jahren sind auf Mallorca in Sant Llorenç 13 Menschen bei heftigen Regenfällen gestorben. Am 2. September hat die Dana im katalanischen Alcanar, an der Grenze zu Castellón, und in Toledo Schlamm und Verwüstung gebracht. Punktuell, lokal, in einem Stadtteil, im anderen nicht. Beispiele dieser Art kann inzwischen fast jeder in Spanien berichten.

Jede Widrigkeit für sich genommen kommt schon mal vor. Aber Stärke und Häufigkeit der Phänomene deuten bei aller Vorsicht angesichts der Datenlage auf den beschleunigten Klimawandel hin, sagt der Physiker José Miguel Viñas vom Wetterdienst Meteored. Was einst außergewöhnlich war, wird normal. „Wir müssen uns an 40 Grad im Sommer und langanhaltende Hitzeperioden in Spanien gewöhnen. Daran und an einiges andere, das unser Leben langfristig verändern wird“, wie der Weltklimarat (IPCC) Anfang August nahelegte und der Spanische Verband für Geografie (AGE), dessen Präsident Jorge Olcina ist, erklärt. Die Effekte des Klimawandels sind in Spanien „bereits offensichtlich“ und zeigen sich am Ansteigen der Temperaturen von Luft und Wasser über die Vorhersagen hinaus und den „sehr besorgniserregenden“ Rückgang der Schneemengen in den Gletschern der Pyrenäen.

Klimawandel: Durchschnittstemperatur in Spanien gestiegen

Die Durchschnittstemperatur ist in den vergangenen sechs Dekaden in Spanien um mehr als einen Grad Celsius gestiegen und erhöht die Dauer, Frequenz und Intensität extremer Wetter-Phänomene und Hitzewellen. In einigen Gegenden im Süden und Osten der Iberischen Halbinsel haben sich die tropischen Nächte seit 1980 verfünffacht. Der Mittelmeerraum ist ein Hotspot der Erderwärmung. Und mehr als die Erde hat sich das Meer erwärmt: um 1,4 Grad Celsius in 40 Jahren.

Das provoziert Änderungen der Thermodynamik und verstärkt die Möglichkeit extremer Regenfälle auch in Spanien. „Die Atmosphäre heizt sich über den Ozeanen auf, wo sich die Gewitter bilden, der Exzess an Energie verstärkt sie, erläutert Viñas. Anders ausgedrückt: In der wärmeren unteren Atmosphäre steht mehr Wasserdampf für Niederschläge zur Verfügung.

Wetter wird extrem: Überschwemmungen in Spanien

Besonders gefürchtet sind die Starkniederschläge, die Bäche in Sturzfluten verwandeln und in Blitzschnelle heftige Überschwemmungen und Zerstörung verursachen. In Toledo sammelten sich Anfang September in 20 Minuten 20 Liter pro Quadratmeter. Das entspricht der Menge, die normalerweise verteilt über den ganzen September anfällt. In Daroca, in Zaragoza, fielen 43 Liter in einer Stunde, 32,5 Liter pro Quadratmeter in Madrid. Angesichts dieser Episoden von Starkregen sind wir machtlos. „Es ist unmöglich, die Überschwemmungen zu vermeiden, denn das Gelände ist oftmals falsch bebaut“, sagt Olcina. Gegenden in Spanien, die als Überschwemmungsgebiet ausgewiesen waren, werden mit Straßen, Häusern, Parkhäusern, Industriehallen zugebaut. Drainage-Systeme sind unzureichend berechnet. Bei sintflutartigem Regen verwandeln sich Senken und Trockengebiete plötzlich wieder in reißende Flüsse. Das ist seit Jahrzehnten bekannt. Alcanar ist dafür ein Beispiel. 60 Prozent der Küste Kataloniens sind auf den ersten 100 Metern zum Meer bebaut, zum großen Teil für den Tourismus.

Starkregen, Gota Fría, Dana: Im September wurde Alcanar überflutet. Überschwemmungen werden in Spanien wohl immer häufiger auftreten.

Starkregen bedeutet erfahrungsgemäß nichts Gutes. Die Trockenheit lindert er nicht. Das angesehene Massachusetts Institute of Technology (MIT) hat verschiedene Klima-Modelle für das Mittelmeer analysiert und kommt immer zum selben Schluss: In den kommenden Jahrzehnten werden die Niederschläge in der Mittelmeerregion im Winter um 40 Prozent abnehmen. Dabei spielen vermutlich zwei Folgen des Klimawandels zusammen. Die eine ist eine Veränderung der Strömungsdynamik in der oberen Atmosphäre. Die andere ist die Verringerung der Differenz zwischen Wasser- und Erdtemperatur. Besonders betroffen von der Dürre werden der Nordosten Afrikas mit Marokko sein sowie die westliche Mittelmeerregion und die Türkei.

Dürre, Feuer, Veränderungen im Meer - Anfällige Ökosysteme

Die Forscher der AGE bestätigen die Entwicklung. Die enorme Unregelmäßigkeit der Regenfälle führt zu strengeren Dürreperioden. Das wirkt sich auf landwirtschaftliche Produktionen aus, auf die Verteilung der Vegetation und Fauna vor allem in den Bergen, und auf die Häufigkeit und Heftigkeit von Waldbränden in Spanien. Die Weidewirtschaft geht zurück, die Natur schießt ins Kraut, Wälder und Verbuschung nehmen zu, das ist ein brisanter Cocktail, wie man beim Großfeuer in der Sierra Bermeja bei Málaga gesehen hat, bei dem in sechs Tagen 10.000 Hektar niederbrannten.

Veränderungen zeigen sich bereits deutlich im Meer. Maritime Ökosysteme sind besonders sensibel und das Mittelmeer als fast geschlossenes Binnenmeer extrem anfällig. Es ist das Meer, das sich zwischen 1971 und 2010 am schnellsten erwärmt hat und immer salziger wird, wie eine internationale Studie in „Cambio 16“ wiedergibt. Als würden Überfischung, Umweltbelastung, Verschmutzung und Bebauung nicht reichen, vermehren sich angezogen vom wärmeren Wasser exotische Arten und vertreiben die heimischen. Manche sind vom Aussterben bedroht: etwa Korallen und Edle Steckmuscheln, die als Habitat für Fische dienen und das Wasser filtern. Quallen hingegen nehmen prächtig zu und schädigen Fischerei und Tourismus. Durch den Suez-Kanal sind fast 1.000 exotische Arten ins Mittelmeer gelangt, darunter auch Giftfische wie der Rotfeuerfisch, der sich im südöstlichen Mittelmeer angesiedelt hat.

Mittelmeer als Wabbelmeer: Immer mehr Quallen in Spanien

Diese Fische und Quallen verändern die Artenvielfalt. Ansammlungen von Medusen verstopfen die kühlende Wasserzufuhr für Elektrizitätswerke, in Japan ist ein Frachter gesunken, weil er zu viele Quallen in seinen Schleppnetzen fing. Quallen verzehren Eier und Larven und Plankton und passen sich auch von Düngemitteln verseuchten Wassern an. Aus dem Mittelmeer wird ein Wabbelmeer. Ob die Kosmetik-Industrie sie auffängt oder wir Menschen sie als Nahrungsmittel verspeisen, ist noch fraglich. Die Edlen Steckmuscheln werden im Mittelmeer von einem Parasiten vernichtet, der nur im wärmeren Wasser überlebt, ist also auch eine Folge der Erwärmung.

Neptungras-Wiesen, ein Schatz, der CO2 bindet und als Kinderstube für den Nachwuchs von Meerestieren dient, ist geschützt. Die größten Wiesen im westlichen Mittelmeer liegen bei Formentera und Ibiza. Im südöstlichen gibt es keine mehr. Seegraswiesen bedecken weltweit nur etwa 0,1 Prozent der Meeresböden, speichern aber 27 Millionen Tonnen CO2 – etwa zehn bis 18 Prozent des von den Meeren aufgenommenen Kohlendioxids. Die Posidonia sorgt für das kristallklare Wasser, den weißen Sand und die hohe Wasserqualität der Pityusen. Der Tourismus mit ankernden Jachten dicht an dicht und die Erwärmung des Wassers belasten die Wiesen stark. Der Anstieg des Meeresspiegels gefährdet nicht nur Land und Städte, sondern verschiebt den Lichteinfall, den die Posidonia für die Fotosynthese braucht.

Klimawandel: Meeresspiegel steigt an - Konsequenzen für Spanien

Der Anstieg des Meeresspiegels hat weltweit Konsequenzen und wird Völkerwanderungen und Lebensmittelkrisen verstärken. Für die spanische Küste berechnet die Nasa im Jahr 2100 und ausgehend von einer Erderwärmung von 4,5 Grad Celsius einen Anstieg von 75 Zentimetern an den Stränden von Cádiz und Barcelona, in Valencia 71, Alicante 58 und Palma de Mallorca 66 Zentimeter. Auf Ibiza wird schon Landunter im Jachthafenbereich in 30 Jahren errechnet. Gerade dort, wo internationale Architekten wie Jean Nouvel Wohnblöcke mit Luxusapartments errichtet haben – auf Gelände, das als Überschwemmungsgebiet ausgewiesen ist.

Mehr Quallen, weniger Neptungras-Wiesen in Spanien: Der Klimawandel und seine Auswirkungen auf das Mittelmeer.

Die Provinzverwaltung Málaga zitiert im November 2020 die Academia Malagueña de las Ciencias. Die Erderwärmung wird sich besonders am Mittelmeer bemerkbar machen. Die spanische Küste wird mehr Probleme haben als andere Gegenden. Zum einen, weil die Erwärmung höher ist als anderswo. In den kommenden 20 Jahren wird von zwei Grad mehr ausgegangen. Das führt zu Dürre und Hitzewellen und Wasserarmut. Und wird Krankheiten fördern, die durch Viren und durch Insekten übertragen werden, etwa die Tigermücken. Hinzu kommt die Überalterung der Bevölkerung mit einer großen Zahl chronisch Kranker.

Spanien: „Es gibt Grund zur Panik“ nach Studie zum Klimawandel

„Es gibt Grund zur Panik“, titelte die „Mallorca-Zeitung“ 2019 über ein Interview mit dem deutschen Geografen und Ökologen Wolfgang Cramer, als der in Barcelona eine umfassende Studie zum Klimawandel am Mittelmeer vorstellte. Cramer war Professor an der Universität Potsdam und leitet MedECC (Experten des Mittelmeerraums zu Klima- und Umweltwandel), eine unabhängige Plattform von mehr als 600 Wissenschaftlern aus 35 Ländern. Sie warnen in der Studie vor einem Massensterben der Meeresfauna, vor mehr und immer häufigeren Hitzewellen, zunehmenden Dürreperioden, häufigeren Stürmen, Mega-Waldbränden und anderen Faktoren. Durch den Anstieg des Meeresspiegels versalzt das Grundwasser, durch die Versauerung leidet die Landwirtschaft. Durch die wärmeren Winter werden Insekten nicht mehr dezimiert. Cramers Kollegin Semia Cherif sagte, es gäbe Millionen Konsequenzen durch den Klimawandel, „manche verstehen das nicht und sagen mir, es wird ein paar Grad wärmer, na und? Und ich antworte, was passiert, wenn deine Körpertemperatur um ein paar Grad ansteigt?“

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