Am Rande des Chaos

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Polizisten nehmen einen Demonstranten während eines Protestes fest. Foto: dpa

Barcelona – sk. Jeder rechnete mit einer Bestrafung der Separatisten, Politik und Polizei stellten sich auf Demonstrationen und Unruhen ein, nicht aber auf organisierte nächtliche Eskalationen, bei denen vermummte Jugendliche mit Steinen, Stahlkugeln und Molotowcocktails gegen Polizisten vorgingen. Die Bilanz nach einer Woche: 600 Verletzte, über 100 Verhaftete, 28 Inhaftierte und Sachschäden in Millionenhöhe. Peu a peu scheint Katalonien nun zu Ruhe zu kommen, es irrt aber, wer die Lage schon unter Kontrolle wähnt.
Die katalanische Unabhängigkeitsbewegung zeichnet sich seit jeher durch Friedfertigkeit aus. Die Separatisten mobilisierten dieser Tage wieder Abertausende, ohne dass es zu Ausschreitungen kam. Weder beim Generalstreik noch bei den täglichen Demos. Ihre Menschenketten verhindern seit Sonntag, dass Radikale und Polizisten aufeinandertreffen. Die Speerspitze der Bewegung aber bilden auf einmal Vermummte.
Die Polizei ermittelt gegen eine Plattform namens Tsunami Democràtic, die diese Aktionen organisiert und koordiniert. Die Straßenkampfszenen erinnerten an die kale borroka aus dem Baskenland, die Gelbwesten aus Frankreich oder die Studenten aus Hong Kong. Mit ihrer Schlagkraft verdeutlichen sie: Die Separatistenbewegung hat ihre Unschuld verloren. Das Geschehen bestimmen nun keine friedfertigen Katalanen, die mit viel Geschick, Taktik und Weitsicht sich ihrem Ziel einer Unabhängigkeit stetig nähern. Diese Chaoten wollen eine einseitige Unabhängigkeitserklärung – sofort und koste es, was es wolle.
Die Unabhängigkeitsbewegung hat seit zwei Jahren keine Führung mehr. Oriol Junqueras sitzt im Gefängnis, Carles Puigdemont floh nach Brüssel und setzte eine Marionette namens Quim Torra in Barcelona ein. Sie trugen die Verantwortung für ein ungültiges Referendum und eine „symbolische“ einseitige Unabhängigkeitserklärung im Herbst 2017, die zwei Jahre später glühenden Unabhängigkeitsbefürwortern wie ein Verrat an ihren Idealen verkommen muss.
Der Hintergrundjournalist Jordi Évole spricht von einem Klimawandel, der in der Bewegung einsetzte, einer stillen und kontinuierlichen Radikalisierung einer geringen, aber wachsenden Minderheit unter den jungen Separatisten. Bezeichnend, dass der Parlamentssprecher der Vereinten Linken (ERC), Gabriel Rufián, eine Demonstration in Barcelona verlassen musste, weil er – einer der führenden Vertreter der Separatisten – gnadenlos ausgepfiffen wurde.

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