Erfahrungsbericht einer Betroffenen

Und dann kam Corona: Wie es sich anfühlt, an Covid-19 zu erkranken

  • vonJudith Finsterbusch
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Husten, Fieber, Kopfschmerzen sind klassische Corona-Symptome. Covid-19 hat aber noch mehr Gesichter, wie die Erfahrungen einer Betroffenen zeigen.

Plötzlich ist Corona da. Nicht mehr nur in den TV-Nachrichten in Spanien, bei der Nachbarin der Cousine, bei Fernando Simón oder Pablo Iglesias, sondern bei mir. „Positivo“ steht da auf dem Ergebnis des PCR-Tests – pfui Teufel, ist der unangenehm! –, daran ist nichts zu rütteln. Was gestern noch eine Winter-Erkältung war, hat plötzlich einen ganz anderen Namen: Covid-19, dieses winzig kleine, riesengroße Monster. Und plötzlich bin ich selbst eine Betroffene mit meiner ganz eigenen Corona-Erfahrung.

Dann kam Corona und nahm mir den Geruchssinn

Es fing mit Kratzen im Hals an, dann kamen der Husten und die Müdigkeit, ein bisschen Fieber: Symptome einer klassischen Erkältung, vielleicht die Grippe. Am zweiten Tag, einem Mittwoch, bleibe ich zu Hause auf dem Sofa, ich fühle mich wirklich nicht gut. Am Donnerstag dann brutzelt mein Mann gerade Zwiebeln und Kartoffeln für die Tortilla in einer ordentlichen Öllache auf dem Herd. Die Dunstabzugshaube läuft auf Hochtouren – aber Moment mal, ich rieche gar nichts. Absolut überhaupt gar nichts. Keine Zwiebeln, keine Kartoffeln, kein Öl. Auch die Duftlampe riecht nicht mehr, das Schnuppern an den Haaren der frisch geduschten Kinder endet ergebnislos, die Tortilla schmeckt fad, das Brot nach nichts – eine seltsame Erfahrung.

Die Alarmglocken läuten schrill. Wie war das nochmal mit dem Verlust von Geruchs- und Geschmackssinn als klassisches Corona-Symptom?! Wie praktisch, wenn der Mann Krankenpfleger ist und seit Monaten Covid-Erfahrung durch die Arbeit mit Betroffenen hat. Für ihn steht auch ohne Test schon jetzt fest: Ich habe Covid. Und diese Erkenntnis zieht einen langen Rattenschwanz an Gedanken hinter sich her. Wo habe ich mich angesteckt? Mit wem hatte ich in den letzten Tagen Kontakt? Wo war ich? Wem muss ich Bescheid sagen? Habe ich jemanden angesteckt? Ich muss mich sofort isolieren.

Dann kam Corona: Der Test macht mich zur Betroffenen

Dann: Ich muss so schnell wie möglich einen Test machen. Auf welcher Seite des Gesundheitsministeriums registriert man sich in der Region Valencia nochmal dafür? Wie lange dauert es wohl, bis ich das Ergebnis habe? Die Kinder dürfen nicht mehr in die Schule gehen. Mein Mann muss das mit der Arbeit regeln, er kann doch nicht mit einer Covid-infizierten Frau zu Hause ins Krankenhaus gehen. Er ist jetzt auch betroffen, indirekt. Und irgendwo, ganz hinten im Kopf, meldet sich diese fiese, leise Stimme: Was, wenn ich einen schweren Corona-Verlauf erwische? Wenn ich in ein Krankenhaus muss? Wenn ich dauerhaft Beeinträchtigungen davontrage? Wenn Corona auf mein Nervensystem schlägt? Moment, das ist es doch schon! Der Geruchssinn ist schließlich weg, und damit ist klar: Corona ist nicht bloß eine harmlose Erkältung, greift nicht nur die Atemwege, sondern auch das Gehirn an. Bei dieser Erkenntnis wird mir ganz anders, die Kopfschmerzen setzen ein – und sie sind gekommen, um zu bleiben.

Dann kam Corona: Erst der Test bringt die Gewissheit, ob man zu den Betroffenen gehört.

Der vierte Corona-Tag beginnt mit einem Hämmern hinter der Stirn, sobald ich die Augen öffne. Ich habe elfeinhalb Stunden am Stück geschlafen, fühle mich aber trotzdem wie gerädert. Die Schmerzen in meinem Kopf sind ungnädig, ohne Pause pocht es, ich kann die Augen kaum geöffnet halten. Über Paracetamol lacht sich Sars-CoV-2 ins Fäustchen und zielt weiter mit dem Vorschlaghammer immer genau auf meine Stirn. Stundenlang, tagelang, wie sich noch herausstellen wird. Eine Erfahrung, auf die ich gern verzichten könnte.

Dann kam Corona - und mit ihm der Telefon-Marathon

Mitten in diesem vernebelten Zustand klingelt das Telefon zum ersten Mal. Irgendjemand aus dem Gesundheitszentrum teilt mir mit, was wir längst befürchtet hatten: Der Corona-Test ist positiv, jetzt bin ich auch offiziell eine Betroffene und er geht los, der erbarmungslose Fragen-Marathon, der sich durch die Kopfschmerzen bis in mein Gehirn durcharbeitet: Wann fingen die Symptome an? Mit wem hatte ich Kontakt? Mit wem lebe ich zusammen? Haben andere Familienmitglieder auch Symptome? Einmal die SIP-Kartennummern von allen, die unter dem selben Dach leben, bitte. Seit wie vielen Jahren lebe ich schon in Spanien? (Moment, was zum Teufel tut das denn jetzt zur Sache?!) Wo arbeite ich?

Ich habe die Angewohnheit, beim Telefonieren auf und ab zu gehen. Immer. Auch jetzt. Nach vier Metern hoch, vier Metern runter muss ich das Marschieren aufgeben und mich völlig erschöpft wieder ins Bett legen, als hätte ich gerade den Valencia-Marathon absolviert. Die Quintessenz aus dem Telefonat: Mann und Kinder müssen sich auf Corona testen lassen, ich soll mich dringend vom Rest der Familie isolieren. Auweia, meine Kinder sind drei und sechs Jahre alt, das kann lustig werden. Wieder so eine Erfahrung, die ich nicht machen möchte.

Corona mit Familie: Eine grausige Erfahrung

Der Große versteht das Dilemma mehr oder weniger, die Kleine nur Bahnhof. Sie will ihre Mutter umarmen und ich sage ihr pflichtbewusst, dass sie auf Höhe meiner Füße bleiben muss. Macht sie auch tatsächlich, aber kurz darauf fängt sie an zu wimmern und schließlich herzzerreißend zu weinen. Du liebe Güte, Corona, was hast du denn da angerichtet?!

Ein klassisches Corona-Symptom ist der Verlust des Geruchssinns - eine seltsame Erfahrung.

An dem Tag klingelt mein Handy so oft wie sonst in einem Monat. Mich ruft die Kinderärztin an, eine kaum zu verstehende Virusfahnderin mit starkem andalusischen Akzent, irgendjemand aus dem Krankenhaus, ein Krankenpfleger aus dem Gesundheitszentrum, der Arzt von meinem Mann, weil er dessen Telefonnummer gerade nicht findet, und ich weiß nicht, wer noch alles. Wieder so eine Corona-Erfahrung: Bei jedem Telefonat geht mir mitten beim Sprechen die Puste aus. Ich telefoniere mit der Schule und dem Kindergarten, mit meinem Chef und mit meinen Eltern, informiere die wenigen Menschen, die mir einfallen, mit denen ich in den letzten Tagen zusammen war, versuche, die Kinder auf Abstand zu halten, schlafe zwischen einem Telefonat und dem nächsten immer wieder ein, trinke literweise Tee, der nach nichts schmeckt.

Corona-Symptom Husten: Und was für ein Husten!

Und dann ist da noch das Corona-Symptom aller Corona-Symptome: der Husten. Ein trockener Husten, der mich bellen lässt wie einen Seehund und mir solche Anfälle beschert, dass ich schweißgebadet bin und kurz davor, mich übergeben zu müssen. Ich hatte vor nicht allzu langer Zeit eine Lungenentzündung und weiß noch genau, wie sich das Stechen in der Brust und im Rücken anfühlt. Jetzt sind sie wieder da, diese spitzen Stiche bei jedem Husten – na immerhin ein alter Bekannter in dieser neuen Erfahrung.

Der Gang ins Badezimmer – verfluchter Tee! – gleicht jedes Mal einer sportlichen Höchstleistung, die anschließend absolute Bettruhe erfordert. Die Frau vom Krankenhaus hat gesagt, als Covid-Betroffene soll ich nach jedem Toilettengang alles desinfizieren, aber bei aller Liebe, dazu sehe ich mich nicht in der Lage. Mein Mann fährt zum Corona-Test, zieht aus dem Schlafzimmer aus und rüber zu den Kindern, versucht, die Mutter zu ersetzen. Ich gebe mir Mühe, alle WhatsApp-Nachrichten zu beantworten, das geht aber immer nur kurz, die Kopfschmerzen erklären das Handy-Display zum Staatsfeind Nummer 1.

Dank Corona isoliert: Familienleben durch die Tür

Auch Tag fünf, ein Samstag, beginnt nach zwölf Stunden Schlaf am Stück – wann habe ich zuletzt so viel geschlafen? – wieder mit dem hämmernden Kopf und pausenlosem Husten. Das Corona-Testergebnis von meinem Mann ist da: negativ, Gott sei Dank! Heute müssen die Kinder zum PCR-Test, die Armen, ihr Vater muss sie in den Schwitzkasten nehmen, damit sie nicht den Kopf wegreißen, als der Krankenpfleger ihnen den viel zu langen Stab in die Nase schiebt. Das Geschrei ist groß, es fließen Tränen, berichtet man mir hinterher. Gut, dass ich nicht dabei war und mir wenigstens diese Erfahrung gespart habe.

Die Schwiegermutter hat für uns gekocht und den heißen Topf vor die Haustür gestellt, mein Lieblingsgericht schmeckt dank Corona nach gar nichts. Ich esse alleine, schlafe alleine, versuche, Tee zu kochen, wenn sonst keiner in der Küche ist. Hinter der geschlossenen Tür höre ich die Geräusche eines ganz normalen Familien-Samstags – von wegen ganz normal.

Wo habe ich mich bloß mit Corona angesteckt?

Immerhin ruft heute, am Wochenende, keiner an. Zwischen einem fiebrigen Nickerchen und dem nächsten drängt aber eine Frage immer stärker ins Bewusstsein: Wo könnte ich mich mit Corona angesteckt haben? Eine Antwort finde ich nicht, ich war schlichtweg nirgendwo – außer im Supermarkt und kurz die Kinder in die Schule bringen. Keine Situationen, bei denen die Corona-Ansteckungsgefahr besonders groß ist, kein Essen mit Freunden in ungelüfteten Räumen, keine verbotene Geburtstagsfeier, kein Restaurantbesuch, nichts. Ich habe mir gefühlt 100 Mal am Tag die Hände gewaschen, Schutzmaske getragen, Abstand gehalten. Und die bisher naheliegendste Theorie, dass mein Mann das Coronavirus aus dem Krankenhaus eingeschleppt hat, ist mit seinem negativen Testergebnis hinfällig.

Tag sechs, der Sonntag, verläuft ähnlich, aber mit einer Besserung: Ich habe kein Fieber mehr und schlafe nicht mehr ständig ein. Ich höre die Kinder fragen, ob wir zum Strand fahren und meinen Mann erklären, warum das nicht geht. Der Montag startet mit einem Anruf der Kinderärztin: Beide Kinder sind positiv, auch sie sind jetzt Betroffene. Jetzt geht der Telefon-Marathon wieder los. Schule und Kindergarten informieren und der jeweiligen Sekretärin zig Fragen beantworten, je ein Virusfahnder pro Kind ruft an und hakt seinen Fragen-Katalog ab, es meldet sich jemand, der für Corona auf der Arbeit zuständig ist und fragt mich nochmal dieselben Fragen, die ich schon so vielen anderen beantwortet habe.

Dann kam Corona: Ein Fall, keine Betroffene

Ich muss im Gesundheitszentrum anrufen – 20, 30 Mal bis jemand abnimmt –, weil sich zwar alle möglichen Menschen bei mir gemeldet haben, aber nicht der Hausarzt, und ich jetzt dringend mal die Krankschreibung brauche. Der Arzt ruft zurück, fragt Dinge, die mit der Krankschreibung zu tun haben. Nur eins interessiert ihn überhaupt nicht: Wie es mir geht, ob ich was gegen den Husten oder wogegen auch immer brauche. Ich bin kein Patient, keine Betroffene, sondern ein Corona-Fall, den es abzuarbeiten gilt. Immerhin: Die Kopfschmerzen sind heute etwas gnädiger.

Aber Moment mal: Jetzt habe ich mich isoliert und die Kinder waren 24 Stunden lang eng mit ihrem Vater zusammen, die Kleinen sind beide positiv, der Vater negativ. Was jetzt? Mein Mann und ich beschließen, dass es jetzt erstens zu spät, zweitens Blödsinn und drittens nicht machbar wäre, wenn wir die Rollen tauschen und sich ab sofort er isolieren würde. Ich bin unendlich froh, mich meinen Kindern wieder nähern zu dürfen. Und das beste: Sie sind topfit, haben überhaupt keine Corona- oder sonstigen Symptome.

Wer hat wen mit Corona angesteckt?

Die Frage, ob die Kinder mich oder ich die Kinder mit Corona angesteckt habe, stellen wir uns ein paar Mal, ohne eine Antwort zu finden. Mittlerweile müssen Schule und Kindergarten die Eltern informiert haben, denn das Spektakel in den WhatsApp-Gruppen beginnt. Ich schalte das Handy aus, bis der schlimmste Sturm vorbeigezogen ist. So hatte es mir auch die Sekretärin geraten, und die spricht aus Erfahrung: In der Eltern-Gruppe den Mund halten und um keinen Preis mitteilen, dass wir diejenigen sind, wegen denen jetzt eine Woche der Unterricht ausfällt.

Plötzlich von Corona betroffen: Alle Klassenkameraden der Kinder müssen zum Test.

Alle Mitschüler und Lehrer müssen am nächsten Tag zum Corona-Test, und das tut mir Leid für die Familien. Meine Schwägerin bringt uns den Einkauf vorbei, und als sie wieder weg ist, wage ich mich zum ersten Mal nach sieben Tagen auf die Terrasse. Die frische Luft tut gut, und immerhin halte ich es ein paar Stunden im Sitzen aus. Die Kopfschmerzen sind endgültig weg und ich fühle mich schon allein deshalb ein bisschen besser. Nach dem Mittagessen weicht das Hochgefühl aber schon wieder dieser unbarmherzigen Müdigkeit.

Corona-Erfahrung für die ganze Klasse

Tag acht mit Corona, die Ergebnisse der Klassenkameraden trudeln nach und nach ein: Alle sind negativ getestet worden, Gott sei Dank! Eine Woche Quarantäne muss trotzdem sein, und ich weiß ja selbst, wie schwierig es ist, mit Kindern zu Hause zu bleiben. Hier und da ruft noch jemand an, um Fragen zu stellen, die ich schon 36 Mal beantwortet habe. Aber eins muss man diesen Anrufern lassen: Sie sind alle unglaublich freundlich, obwohl sie ja nun wirklich nicht den abwechslungsreichsten Job der Welt haben. Die Nachrichten von Freunden, Familie und Kollegen werden unregelmäßiger – ebenso wie die Hustenanfälle.

Tag neun beginnt mit dem ungewohnten Gefühl, fitter zu sein. Als meinem Mann in der Küche ein Glas hinfällt, rücke ich den Scherben voller Tatendrang mit dem Staubsauger zu Leibe. Eine Sache von zwei Minuten, die mich den Rest des Tages wieder ins Bett verdammt. Heute gibt es nur drei Anrufer: Die Kinderärztin fragt, wie es den Kindern geht. Der Hausarzt verlängert telefonisch die Corona-Krankschreibung um eine weitere Woche, eine Formsache.

Corona-Betroffene müssen ständig telefonieren und ihre Erfahrung schildern.

Aus Corona wird Magen-Darm

Dann ruft noch die Betriebskasse an und fragt, was meine Magen-Darm-Grippe denn so macht. Kurz bin ich sprachlos, und als ich das Missverständnis aufkläre, bittet mich der freundliche Herr am anderen Ende der Leitung doch tatsächlich, mit meinem Hausarzt zu reden, der solle das bitte korrigieren. Ich weigere mich, das können die mal schön unter sich regeln. Wer weiß schon, wer da letztendlich ein Feld falsch ausgefüllt hat? Zwei Wochen lang bestimmt Corona unseren Alltag, bis der Arzt mich nach drei symptomfreien Tagen gesund schreibt. Endlich darf ich das Haus verlassen, die Kinder dürfen in die Schule, die Wiedersehensfreude ist groß, aber wir spüren auch Argwohn.

Nach zweieinhalb Wochen, es ist der zweite Advent, kann ich es kaum glauben: Das Räuchermännchen pafft vor sich hin und ich nehme tatsächlich ganz schwach den Tannenduft wahr. Fast möchte ich ein vorweihnachtliches Tränchen der Rührung verdrücken, denn es war wirklich eine seltsame Erfahrung, so lange nichts zu riechen. Vor allem aber bin ich dankbar. Dafür, dass die Kinder keine Symptome hatten. Dass ich weder meinen Mann noch sonst jemanden angesteckt habe. Dafür, dass Corona mich zwar kurzzeitig außer Gefecht gesetzt hat, aber letztendlich der Punktestand 1:0 für mich lautet. Und dafür, dass es offenbar überstanden ist – ganz ohne Nachwirkungen.

Rubriklistenbild: © Hendrik Schmidt/dpa

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